AA-Amyloidose
Amyloidosen stellen eine heterogene Gruppe von seltenen Erkrankungen dar, bei denen es zur lokalen oder systemischen Ablagerung von fehlgefalteten Proteinen und nachfolgender teils irreversibler Organschädigung kommt [
2]. Zum heutigen Zeitpunkt sind 42 amyloidogene Proteine beschrieben [
3]. Aufseiten der systemischen Amyloidosen stellen die Leichtkettenamyloidose (AL-Amyloidose), die Serum-Amyloid-A-Amyloidose (AA-Amyloidose), die Transthyretin-Amyloidose (ATTR-Amyloidose, Wildtyp [ATTRwt] oder hereditär [ATTRv]) und die β2-Mikroglobulin(β2M)-Dialyse-assoziierte Amyloidose die relevantesten Erkrankungsbilder dar.
AA-Amyloidosen, die etwa 12 % der systemischen Amyloidosen ausmachen, entstehen überwiegend infolge chronisch-entzündlicher Erkrankungen und chronischer Infektionen, die mit einer langanhaltenden starken Erhöhung des Akute-Phase-Proteins Serum-Amyloid A (SAA) einhergehen [
2]. Zu den häufigsten assoziierten Erkrankungen zählen chronisch-entzündliche rheumatische Erkrankungen (z. B. rheumatoide Arthritis), chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sowie autoinflammatorische Syndrome wie das familiäre Mittelmeerfieber (siehe Tab.
1; [
4]). In Regionen mit hoher Infektionsprävalenz sind chronische Infektionen wie Tuberkulose, Osteomyelitis und chronische Hautinfektionen relevante Ursachen. Eine unterschiedliche Häufigkeit der jeweiligen Ursache sollte je nach geografischer Lage berücksichtigt werden.
Tab. 1
Ursachen der AA-Amyloidose.
Autoimmune, rheumatologische Systemerkrankungen | Rheumatoide Arthritis, juvenile idiopathische Arthritis, axiale Spondylarthritis, Psoriasisarthritis | 30–40 | |
Chronische Infektionen | Bronchiektase, Tuberkulose, Osteomyelitis, chronische Harnwegsinfektionen, Lepra, HIV | 5–20 | |
Intravenöser Drogenabusus | – | 10 | |
Monogenetische autoinflammatorische Erkrankungen | Familiäres Mittelmeerfieber, TNF-Rezeptor-assoziiertes periodisches Syndrom (TRAPS), cryopyrinassoziiertes periodisches Syndrom (CAPS) | 5–25 | |
Maligne Erkrankungen | Lymphom, Nierenzellkarzinom, Adenokarzinom der Lunge, Niere, Magen-Darm-Trakt | 2–7 | |
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen | Morbus Crohn, Colitis ulcerosa | 2–7 | |
Idiopathisch | Ursache nicht kausal identifiziert | 10–15 | |
Pathophysiologisch kommt es unter dem Einfluss proinflammatorischer Zytokine (insbesondere IL‑1, IL‑6, TNF-α) zu einer vermehrten Produktion von SAA in der Leber [
5]. Persistierend erhöhte SAA-Konzentrationen im Blutkreislauf führen im Tiermodell zu einer beschleunigten Entstehung einer AA-Amyloidose. Dabei korrelieren höhere SAA-Spiegel mit einer schnelleren Krankheitsprogression [
6]. Nur ein Teil der Patient:innen mit chronisch erhöhtem SAA entwickelt eine Amyloidose. Risikofaktoren hierfür sind die Dauer und Höhe der SAA-Erhöhung sowie genetische Polymorphismen im Gen
SAA1 [
7,
8]. In bis zu 20 % der Fälle bleibt die Ursache der AA-Amyloidose unklar (idiopathisch), wobei genetische Faktoren eine Rolle spielen können [
9].
Klinisch kommt es bei über 90 % der Patient:innen mit AA-Amyloidose zu einer renalen Beteiligung [
5]. In der frühen Krankheitsphase liegt häufig lediglich eine milde Proteinurie (Protein-Kreatinin-Ratio 100–300 mg/g) vor. Bei Fortschreiten der Erkrankung kann es zunächst zu einer moderaten Proteinurie (Protein-Kreatinin-Ratio 300–1000 mg/g) und schließlich zur typischen Manifestation des nephrotischen Syndroms (Protein-Kreatinin-Ratio > 3500 mg/g) sowie zu einer terminalen Niereninsuffizienz kommen. Auch die in 70 % der Fälle bestehende gastrointestinale Beteiligung zeigt sich häufig initial asymptomatisch, wobei im fortgeschrittenen Verlauf Malabsorptionssyndrome, chronische Diarrhöen und progrediente Kachexie auftreten können [
5]. Eine kardiale Beteiligung im Rahmen der AA-Amyloidose ist im Vergleich zur AL- oder ATTR-Amyloidose eher seltener und liegt in etwa 10 % der Fälle vor [
5]. Die Diagnose kann durch den histopathologischen Nachweis von Amyloid in der Kongorotfärbung und Amyloidfibrillen in der Elektronenmikroskopie gestellt werden [
5]. Besonders geeignete Lokalisationen für eine Biopsie sind hierbei Bauchfett, Niere, Duodenum und Rektum. Die empfohlene Therapie der AA-Amyloidose besteht primär in der konsequenten Kontrolle und Behandlung der zugrunde liegenden chronisch-entzündlichen Erkrankung, um die Produktion des Serum-Amyloid-A-Proteins (SAA) zu senken.
Familiäres Mittelmeerfieber
Das familiäre Mittelmeerfieber (FMF) ist eine autoinflammatorische Erkrankung, die auf pathogenen Mutationen im
Mediterranean-fever-Gen (
MEFV; kodierendes Protein „Pyrin“) beruht. Typische klinische Manifestationen sind Bauchschmerzen (Peritonitis), Brustschmerzen (Pleuritis, seltener Perikarditis), Arthritis und gelegentlich erysipelartige Hautveränderungen. Die Attacken dauern in der Regel 12–72 h und treten meist im Kindes- oder Jugendalter erstmals auf, können aber auch im Erwachsenenalter auftreten [
10]. Zwischen den Schüben sind die Betroffenen in der Regel beschwerdefrei. Im Rahmen der Schübe zeigt sich typischerweise eine Erhöhung der Inflammationsparameter (C-reaktives Protein [CRP], SAA, IL-18), wobei in Einzelfällen auch bei asymptomatischen Patient:innen eine serologische Inflammation nachweisbar sein kann (Abb.
2; [
11]). Historisch betrachtet wurde lange Zeit von einem klassischen autosomal-rezessiven Vererbungsmechanismus ausgegangen [
12]. Mittlerweile geht man jedoch davon aus, dass eine Genotyp-Phänotyp-Korrelation bzw. Gendosis-Wirkungs-Beziehung mit einem Krankheitskontinuum besteht, wobei die Erkrankung auch bei Vorliegen einer einzelnen pathogenen Variante manifest werden kann [
13‐
15]. Die vier bisher beschriebenen und validiert hochpathogenen Varianten sind M694V, M680I, M694I und V726A [
16]. Die Heterozygotenfrequenz für
MEFV-Mutationen ist in einigen Ländern des Mittelmeerraums (darunter Israel, Türkei, Armenien) am höchsten und liegt bei 1:5 bis 1:7 [
14,
17].
Auf Grundlage klinischer und genetischer Merkmale können zum aktuellen Zeitpunkt drei verschiedene FMF-Typen (Typ I, II und III) differenziert werden [
12,
18]. Das Typ-I-FMF kennzeichnet sich durch FMF-typische Beschwerden (Fieber und serositisassoziierte Beschwerden), das Typ-II-FMF verläuft primär subklinisch und manifestiert sich erstmals über das Auftreten einer systemischen, meist renalen, Typ-AA-Amyloidose [
12]. Patient:innen mit Typ-II-FMF haben in aller Regel keine typischen Beschwerden (s. oben) und sind meist beschwerdefrei. Laborchemisch fallen erhöhte Inflammationsparameter auf. Eine infektiologische Abklärung bleibt in der Regel erfolglos. Im Verlauf der Krankheitshistorie entwickeln Patient:innen nach vielen Jahren eine AA-Amyloidose, welche sich initial über eine Proteinurie oder Nierenfunktionsverschlechterung bemerkbar macht. Das typische Alter, in dem Patient:innen mit Typ-II-FMF eine terminale Niereninsuffizienz mit Dialysepflichtigkeit entwickeln, liegt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Die Progression zur Dialysepflichtigkeit hängt stark von genetischen Faktoren (insbesondere
M694V-Mutationen) sowie dem Zeitpunkt der Diagnosestellung und Therapiecompliance ab [
19]. Ein Typ-III-FMF liegt bei Erwachsenen vor, bei denen trotz Nachweis von zwei hochpathogenen Mutationen (homo- oder heterozygot) weder klinische FMF-Beschwerden noch eine Amyloidose vorliegen [
18]. Die Diagnosestellung erfolgt anhand der Eurofever-PRINTO-Kriterien (siehe Tab.
2; [
20]).
Tab. 2
Eurofever-PRINTO-Kriterien [
20].
Vorhandensein eines bestätigten MEFV-Genotyps* und mindestens einer der folgenden Punkte: |
Dauer der Episoden 1–3 Tage |
Arthritis |
Thorakale Schmerzen |
Abdominelle Schmerzen |
Vorhandensein eines nicht bestätigten MEFV-Genotyps‡ und mindestens zwei der folgenden Punkte: |
Dauer der Episoden 1–3 Tage |
Arthritis |
Thorakale Schmerzen |
Abdominelle Schmerzen |
Sensitivität: 0,94 Spezifität: 0,95 „Accuracy“: 0,98 |
Die Entstehung einer AA-Amyloidose stellt die schwerste Langzeitkomplikation des FMF dar und verdeutlicht die enge Assoziation der beiden Erkrankungen [
21,
22]. Das Risiko, eine AA-Amyloidose zu entwickeln, wird in erster Linie durch genetische Faktoren bestimmt, insbesondere durch die jeweilige Variante im MEFV-Gen [
12,
23]. Dabei ist die pathogene Variante M694V, insbesondere im homozygoten Zustand, der wichtigste genetische Risikofaktor, der im Vergleich zu anderen Genotypen ein deutlich erhöhtes Amyloidoserisiko mit sich bringt [
23]. Ein zusätzliches Risiko geht von bestimmten SAA1-Genotypen aus, insbesondere SAA1.1/1.1, was die Auftretenswahrscheinlichkeit für eine Amyloidose bei FMF-Patienten weiter erhöht [
24,
25]. In einer prospektiven Langzeitstudie von Lachmann et al., in der 374 Patient:innen mit AA-Amyloidose untersucht wurden, korrelierte die Höhe der SAA-Spiegel signifikant mit der renalen Prognose, dem „amyloid burden“ und der Mortalität [
26]. Bei 60 % der Patient:innen mit normwertigen SAA-Werten zeigte sich eine Regredienz der Amyloidablagerungen im Verlauf [
26].
In der Therapie des FMF ist Colchicin der Grundbaustein in der Anfallsprävention und der Amyloidoseprophylaxe [
27]. Eine lebenslange tägliche Colchicintherapie (in der Regel 1,0–3,0 mg/Tag bei Erwachsenen, mit Dosisanpassung bei Nieren- oder Leberfunktionsstörungen) ist meist wirksam in der Verhinderung von Amyloidablagerungen und des weiteren Fortschreitens bei Vorliegen einer chronischen Niereninsuffizienz, insbesondere bei Hochrisikogenotypen wie M694V-Homozygoten [
26]. Eine Colchicinresistenz
1 oder die Nichteinhaltung der Therapie erhöht das Risiko einer Amyloidose deutlich. In colchicinresistenten Fällen sollte eine zusätzliche Interleukin-1(IL-1)-Blockade mittels Anakinra oder Canakinumab erfolgen [
27,
28]. Im Falle von anhaltend erhöhten SAA-Werten sollte ebenso die Compliance der Medikamenteneinnahme kritisch geprüft werden.
Eine engmaschige Überwachung der Proteinurie und eine regelmäßige Beurteilung der Nierenfunktionsparameter sind bei FMF-Patient:innen unerlässlich, insbesondere bei Hochrisikogenotypen oder insuffizientem Ansprechen auf Colchicin. Eine klinische Schubfreiheit sowie vollständige Normalisierung der serologischen Inflammationsparameter (CRP, SAA) sollte angestrebt werden [
27]. Bei Auftreten einer renalen AA-Amyloidose mit terminaler Niereninsuffizienz sollte eine Nierentransplantation erwogen werden, sofern die Grunderkrankung gut eingestellt ist. Eine retrospektive Analyse von 86 Patient:innen, die aufgrund einer AA-Amyloidose nierentransplantiert wurden (hiervon 43 % mit FMF), zeigt insgesamt ein sehr gutes Gesamt- sowie Transplantatüberleben mit einer histologisch gesicherten Rekurrenz der AA-Amyloidose in 5,8 % der Gesamtkohorte [
29]. Eine weitere monozentrische retrospektive Analyse von 17 Patient:innen nach Nierentransplantation bei FMF mit AA-Amyloidose ergab ein 89 %iges Graft- und 90 %iges Patient:innenüberleben nach 5 Jahren unter Colchicintherapie [
30]. Unter konsequenter antiinflammatorischer Therapie ergibt sich bei Patient:innen somit eine geringe Rekurrenz im Nierentransplantat und ein ausgezeichnetes Langzeitüberleben.
Zusammenfassend sollte bei Patient:innen mit unklarer chronischer Nierenerkrankung und (sub-)klinischer Inflammation differenzialdiagnostisch eine AA-Amyloidose in Betracht gezogen werden. Eine entsprechende genetische Panel-Diagnostik kann bei unklarer chronischer Nierenerkrankung initiiert und über die gesetzliche Krankenkasse abgerechnet werden. Das familiäre Mittelmeerfieber ist bei entsprechendem ethnischem Hintergrund eine häufige Ursache.