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Interventionen basierend auf Achtsamkeit und progressiver Muskelentspannung für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung – eine Wirksamkeitsstudie
Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung sind vermehrten Umweltbelastungen ausgesetzt und zeigen höhere Prävalenzen für psychische Störungen als die Gesamtbevölkerung. Dennoch gibt es wenig Forschung zu Interventionen für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, obwohl diese das Potenzial für die Förderung der psychischen Gesundheit bieten. Achtsamkeitsbasierte Verfahren und progressive Muskelentspannung (PMR) stellen vielversprechende Ansätze dar, die in dieser Studie evaluiert werden sollen.
Methoden
Im Rahmen eines Kontrollgruppendesigns mit Prä-Post-Interviews wurde eine Achtsamkeitsintervention und eine PMR-Intervention im Vergleich zu einer aktiven Kontrollgruppe durchgeführt. Die aktive Kontrollgruppe umfasste eine Musikintervention. Es nahmen insgesamt 21 Personen mit leichter, mittelgradiger und schwerer intellektueller Beeinträchtigung an den 8‑wöchigen Interventionen teil. Vor Beginn und nach Ende des Trainingszeitraums wurden die allgemeine Besorgtheit, das Entspannungserleben und die Aggressivität im Selbstbericht mittels Interviews und im Fremdbericht durch die Gruppenbetreuenden erhoben. Jeweils zu Beginn und Ende der Sitzung wurde das Wohlbefinden der Teilnehmenden erfasst. Zudem wurde die physiologische Entspannung während der Sitzungen erhoben.
Ergebnisse
Es ergab sich eine signifikante Zunahme des Entspannungserlebens innerhalb der Interventionsgruppen Achtsamkeit und PMR. Deskriptiv zeigten PMR-, Achtsamkeits- und Kontrollgruppe ein gesteigertes Wohlbefinden nach den Sitzungen. Zudem ließ sich über die Sitzungen eine Zunahme der physiologischen Entspannung in der Achtsamkeitsgruppe und der PMR-Gruppe beobachten.
Schlussfolgerung
Achtsamkeits- und PMR-Interventionen können im Gruppensetting in der Praxis durchgeführt werden, um das Entspannungserleben bei Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen zu fördern. Potenziale der Musikintervention ließen sich für Menschen mit schwerer intellektueller Beeinträchtigung feststellen.
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Hintergrund und Fragestellung
Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung stellen mit etwa 1 % an der Gesamtbevölkerung eine bedeutsame Personengruppe dar, der es aufgrund ihrer spezifischen Herausforderungen besonderer Aufmerksamkeit bedarf [36]. Intellektuelle Beeinträchtigung wird als eine in der Entwicklung auftretende Beeinträchtigung von intellektuellen Funktionen und adaptiven Verhaltensweisen definiert. Zu den betroffenen Fähigkeiten gehören u. a. Schlussfolgern, Planen, Problemlösen und abstraktes Denken [1]. Diese Defizite haben oft weitreichende Auswirkungen auf die Selbstständigkeit und die Teilhabe an alltäglichen Aktivitäten [33]. Darüber hinaus sieht sich die Personengruppe häufiger mit Diskriminierung, Stigmatisierung und sozialer Benachteiligung konfrontiert [21]. Aufgrund dieser Herausforderungen werden Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung stärkeren Umweltbelastungen ausgesetzt, erleben mehr Stress und haben ein signifikant niedrigeres allgemeines Wohlbefinden als die Durchschnittsbevölkerung [32, 39]. Darüber hinaus ist die Prävalenz für psychische Störungen mit etwa 41 % bei dieser Personengruppe signifikant höher als in der Gesamtbevölkerung, wobei Verhaltensstörungen, affektive und angstbezogene Störungen häufige Begleiterkrankungen sind [10]. Dem entgegen steht ein jedoch ungedeckter Versorgungsbedarf psychischer Störungen bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung in Deutschland [44]. Ein weiteres Problem ist, dass psychopathologische Symptome fälschlicherweise der bekannten intellektuellen Beeinträchtigung zugeschrieben werden, wodurch komorbide psychische Störungen unterdiagnostiziert bleiben („diagnostic overshadowing“; [13]). Es bedarf demnach aktiven Bemühungen, diese Defizite zu beheben und adäquate psychotherapeutische Interventionen zu schaffen, um die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung sicherzustellen. Auch wenn die Forschungslandschaft insgesamt in diesem Feld beschränkt ist, zeigen einige internationale Studien Potenziale von achtsamkeits- oder entspannungsbasierten Interventionen (z. B. progressive Muskelentspannung, PMR; [23]) in der Anwendung bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung auf [6, 16].
Achtsamkeitsbasierte Ansätze, insbesondere die „mindfulness-based stress reduction“ (MBSR; [25]) zielen darauf ab, die Aufmerksamkeitslenkung systematisch auf den gegenwärtigen Moment zu fokussieren, der bewusst sowie frei von wertender Beurteilung wahrgenommen wird. Um eine achtsame Haltung zu erlangen, ist das regelmäßige Üben der Praxis der Achtsamkeit erforderlich, da laut Studienlage nur dann nachhaltig Stress reduziert werden kann [5]. Bisherige Forschungsergebnisse zu Achtsamkeit bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung zeigen Potenziale auf. So konnte nach einer Intervention, die regelmäßiges Training zwischen den Sitzungen beinhaltete, eine signifikante Erhöhung der Lebensqualität beobachtet werden [41]. Auch in einer weiteren aktuellen Studie [28] wurde nach dem Training von Achtsamkeit in einem Gruppensetting die signifikante Erhöhung des allgemeinen Wohlbefindens festgestellt. Zudem wird der Gruppenkontext als förderlich für das Lernen von MBSR-Übungen betrachtet [12]. Weiterhin berichteten die Teilnehmenden in der qualitativen Studie von Currie et al. [12] ausnahmslos von dem Gefühl vermehrter Selbstwirksamkeit und von positiven Auswirkungen der Achtsamkeitsübungen in Stresssituationen sowie der damit verbundenen Akzeptanz von Emotionen. Currie et al. [12] schildern überdies, dass Teilnehmende Atemübungen als „coping skill“ in den Alltag integrierten. Allerdings umfasste keine dieser achtsamkeitsbasierten Interventionsstudien eine Kontrollgruppe. Neben positiven Auswirkungen des Gruppenkontextes konnten Karing et al. [26] die Reduktion von Aggressivität sowie von depressiven und Angstsymptomen im Prä-Post-Vergleich feststellen. In einer Review-Studie von Hwang und Kearney [20] mit 12 Studien (10 Studien mit Programm „Soles of the Feet“ [45]) ließ sich eine Reduktion von aggressivem Verhalten und eine Steigerung der sozialen Fertigkeiten bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung feststellen. Bei fast allen diesen Studien erfolgte die Durchführung der Intervention in einem Einzelsetting [19], was die Generalisierbarkeit der Befunde und die Umsetzung in die Praxis einschränkt.
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Neben achtsamkeitsbasierten Interventionen bietet PMR als körperorientiertes Entspannungsverfahren einen vielversprechenden Ansatz, um die psychische Gesundheit von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung zu unterstützen [6]. Das Verfahren beruht auf Jacobson [23] und wurde vielfach adaptiert [4, 43]. Das zentrale Ziel ist eine willentliche Reduktion der Muskelspannung. Hierzu lernt die übende Person durch An- und Entspannungszyklen isolierter Muskelgruppen bewusst wahrzunehmen, welche Muskeln kontrahiert sind, um diese darauffolgend zu entspannen [18]. PMR gilt als das am leichtesten zu verstehende Entspannungsverfahren und könnte so besonders für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung eine hilfreiche Intervention darstellen [34, 38]. Die Wirksamkeitsforschung hierzu ist jedoch begrenzt und veraltet. Beispielsweise untersuchte eine Studienreihe von Lindsay und Baty [29‐31] die Effekte zweier adaptierter PMR-Interventionen auf Angstsymptome bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. Hierbei zeigten Fallstudien eine konsistente Reduktion der Angst [29, 30]. Durch die geringe Stichprobengröße und die fehlende Kontrollgruppe sind diese Ergebnisse nur eingeschränkt generalisierbar. Untersuchungen von McPhail und Chamove [37] zeigten eine signifikante Reduktion von disruptivem Verhalten nach einer PMR-Intervention im Vergleich zur aktiven Kontrollgruppe, wobei sich der Effekt unabhängig vom Grad der intellektuellen Beeinträchtigung ergab. Außerdem konnte deskriptiv reduziertes aggressives Verhalten bei hospitalisierten Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung beobachtet werden [46]. Eine randomisiert kontrollierte Wartelistenstudie stellte eine signifikante Verringerung von Angst sowie eine signifikante Steigerung des Selbstbildes und der Emotionsregulationsfähigkeiten fest [6]. In Folge eines PMR-Trainings in einer Studie von Marko et al. [35] reduzierte sich die allgemeine Besorgtheit und erhöhte sich die Konzentrationsleistung signifikant im Vergleich zur Kontrollgruppe. Innerhalb der Interventionsgruppe wurde außerdem eine signifikante Reduktion der Anspannung und der allgemeinen Besorgtheit im Prä-Post-Vergleich festgestellt [35]. Darüber hinaus beschrieb eine Reviewstudie von Bellemans et al. [3], die neun Studien zu PMR- oder Achtsamkeitsinterventionen (Programm „Soles of the Feet“ [45]) bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung systematisch betrachtete, beide Interventionen als vielversprechend, besonders in der Behandlung von Ärger und Aggressivität.
Ziel dieser Untersuchung ist es, einen Beitrag zur Erweiterung der bestehenden Forschungslage zu leisten. Dafür wurden die Interventionen im Gruppensetting durchgeführt und eine aktive Kontrollgruppe einbezogen. Konkret wurde eine Achtsamkeitsintervention basierend auf der MBSR [25] und eine Entspannungsintervention basierend auf PMR [23] bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung im Gruppensetting durchgeführt und mittels eines Prä-Post-Kontrollgruppendesigns evaluiert.
Davon ausgehend werden folgende Hypothesen aufgestellt:
1.
Die Teilnehmenden der achtsamkeitsbasierten Intervention und der PMR-basierten Intervention verbessern sich hinsichtlich der Aggressivität, der allgemeinen Besorgtheit und des Entspannungserlebens im Prä-Post-Vergleich, während sich in der aktiven Kontrollgruppe keine Veränderung bei diesen Variablen im Prä-Post-Vergleich zeigt.
2.
Die Teilnehmenden der achtsamkeitsbasierten Intervention und der PMR-basierten Intervention verbessern sich hinsichtlich der Aggressivität, der allgemeinen Besorgtheit und des Entspannungserleben im Vergleich zur aktiven Kontrollgruppe.
3.
Das Wohlbefinden und die physiologische Entspannung nehmen in beiden Interventionsgruppen während der Sitzungen zu.
Methodik
Untersuchungsdesign und Rekrutierung
Die Studie ist im Kontrollgruppendesign mit Prä- und Postmessung konzipiert. Es gab zwei Interventionsgruppen sowie eine aktive Kontrollgruppe. Dieses Design ermöglicht den Vergleich zwischen der Achtsamkeitsintervention, der PMR-Intervention und der aktiven Kontrollgruppe, die ein Musiktraining durchlief, sowie einen Prä-Post-Vergleich innerhalb der Gruppen. Die Rekrutierung der Teilnehmenden erfolgte in Kooperation mit der ortsansässigen Werkstatt für Menschen mit Behinderung (Lebenshilfe e. V.). Es wurden drei Gruppen zusammengestellt, wobei aufgrund organisatorischer Gründe (z. B. unterschiedliche Arbeitszeiten) die Zuteilung der Teilnehmenden zu den Gruppen nicht vollständig randomisiert erfolgen konnte. Die Studie wurde gemäß der Deklaration von Helsinki durchgeführt und von der Ethikkommission der Friedrich-Schiller-Universität Jena für ethisch unbedenklich erklärt. Vor Beginn erteilten alle Teilnehmenden bzw. die gesetzlichen Betreuenden ihr Einverständnis und es wurde eine Schweigepflichtentbindung zur Befragung der Gruppenleitenden eingeholt. Außerdem wurden die Teilnehmenden in leichter Sprache aufgeklärt.
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Stichprobe
Insgesamt nahmen 21 Personen (Achtsamkeitsintervention: n = 8, PMR-Intervention: n = 6, Kontrollgruppe: n = 7) an der Studie teil. Es waren 9 Männer und 12 Frauen, wobei das durchschnittliche Alter bei 39,05 (SD = 10,76) Jahren lag. Der Grad der intellektuellen Beeinträchtigung war bei 8 Teilnehmenden leicht, bei 9 mittelgradig und bei 4 Personen schwer. In Tab. 1 sind die demographischen Daten der Teilnehmenden nach Gruppenzugehörigkeit aufgeführt. Alle Personen waren zum Erhebungszeitpunkt in der Werkstatt angestellt und in fünf Arbeitsgruppen, wie Montage oder Druckerei, tätig. Die Mehrheit der Teilnehmenden wohnte bei Familienangehörigen (57,1 %), 23,9 % wohnten allein und 19,0 % in betreuten Wohnstätten. Der Anteil an Teilnehmenden, die bei mehr als der Hälfte der Sitzungen anwesend waren, lag bei 90,4 %. Eine Teilnehmerin der PMR-Gruppe brach die Teilnahme vorzeitig ab.
Tab. 1
Soziodemographische Daten der Teilnehmenden
Gruppe
Interventionsgruppe Achtsamkeit (n = 8)
Interventionsgruppe PMR (n = 6)
Kontrollgruppe Musik (n = 7)
Alter (Jahre, M [SD])
39,50 (10,69)
44,00 (12,20)
40,00 (8,68)
Geschlecht (n [%], weiblich)
5 (62,5)
3 (50,0)
4 (57,1)
Intellektuelle Beeinträchtigung
Leicht (n [%])
4 (50,0)
4 (66,7)
0 (0,0)
Mittelgradig (n [%])
4 (50,0)
2 (33,3)
3 (42,9)
Schwer (n [%])
0 (0,0)
0 (0,0)
4 (57,1)
PMR progressive Muskelentspannung, SD Standardabweichung, M Mittel
Beschreibung des Trainings
Alle drei Gruppen durchliefen ein 8‑wöchiges Training, wobei wöchentlich jeweils eine 45-minütige Sitzung abgehalten wurde. Die Einführungssitzung (Sitzung 1) und die Abschlusssitzung (Sitzung 8) wurden über die drei Gruppen hinweg ähnlich durchgeführt. Jeweils zwei Kursleitende führten die Trainings in den Räumlichkeiten der Arbeitswerkstatt durch. Die Sitzungsgestaltung folgte einem gleichen Rahmenablauf unabhängig von der Gruppe. Zuerst wurde ein Lied zur Begrüßung vorgespielt. Es folgte eine Umfrage zum momentanen Wohlbefinden. Im Anschluss begann der sitzungsspezifische Inhalt. Abgeschlossen wurde mit einer erneuten Umfrage zum Wohlbefinden und dem Abspielen desselben Liedes.
Das Achtsamkeitstraining basiert auf den Prinzipien der MBSR [25] und wurde anhand des Manuals von Karing et al. [26] durchgeführt. Dieses umfasste 8 Sitzungen mit verschiedenen Übungen (z. B. achtsames Gehen, achtsames Essen, achtsames Yoga). Ein wiederkehrendes Basiselement stellte eine Atemübung dar, die in jeder Trainingseinheit nach dem sitzungsspezifischen Inhalt durchgeführt wurde. Diese Atemübung wurde als auditives Übungsmaterial für außerhalb der Sitzungen mitgegeben, welches jedoch nur vereinzelt zu Hause verwendet wurde.
Im PMR-Training wurde basierend auf dem Manual von Marko et al. [35] verschiedene Muskelgruppen isoliert voneinander entspannt. Die ersten 3 Sitzungen hatten einen psychoedukativen, konzeptverstehenden Fokus und enthielten bereits eine kurze Faust-PMR-Übung. In den darauf folgenden Wochen wurde sich systematisch auf eine Körperregion pro Sitzung (Arme, Beine, Gesicht, Rumpf) fokussiert. Die PMR-Übungen wurden als auditives Übungsmaterial mitgegeben, welches jedoch nur vereinzelt zuhause verwendet wurde.
Die aktive Kontrollgruppe durchlief eine Musikintervention, die diverse aktive und passive Musikübungselemente enthielt. Dies umfasste z. B. das Kennenlernen von unterschiedlichen Musikarten (z. B. Klassik, Rock und Pop) und Musikinstrumenten, Trommeln und Tanzen zu unterschiedlicher Musik.
Untersuchungsinstrumente
Als Prämessung durchliefen alle Teilnehmenden vor Beginn der Trainings ein in Leichter Sprache durchgeführtes Interview. Hierbei wurden die Untersuchungsinstrumente abgefragt, wobei visuelle Hilfsmittel in Form von Piktogrammen zum Einsatz kamen. Dasselbe Interview wurde nach Ende der letzten Sitzung wiederholt. Darüber hinaus wurden dieselben Instrumente für den Fremdbericht verwendet. Für den Fremdbericht beantworteten die Gruppenleitenden der jeweiligen Arbeitsgruppen die Fragebögen vor dem Beginn und nach dem Ende des Trainingszeitraums.
Die Aggressivität wurde mittels des Fragebogens zur Erfassung von Aggressivitätsfaktoren (FAF) erfasst [19]. Eins der 10 Items im Selbstbericht lautete z. B. „Wenn ich wütend bin, sage ich schlimme Sachen“. Im Fremd- (αt1 = 0,82, αt2 = 0,86) sowie im Selbstbericht (αt1 = 0,74, αt2 = 0,79) wurde eine dreistufige Antwortskala (−1 = Nein, 0 = Weiß nicht, 1 = Ja) verwendet. Die Auswertung erfolgte mittels Summenscore.
Zur Erfassung der allgemeinen Besorgtheit wurden 13 Items der General Worry-Skala aus dem Lifestress Inventory [7] verwendet. Dieses standardisierte Instrument wurde speziell für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung konzipiert [7]. Das jeweilige Item wie z. B. „Unterhalten sich andere gerne mit dir?“ wurde mit Ja (0) oder Nein beantwortet, wobei bei der Angabe Nein mit einer vierstufigen Skala spezifiziert wurde, wie viel Stress ausgelöst wird (1 = kein Stress, 2 = ein bisschen Stress, 3 = eine Menge Stress, 4 = sehr viel Stress). Im Fremdbericht (αt1 = 0,72, αt2 = 0,64) wurde dieselbe Itemliste und Antwortskala verwendet wie im Selbstbericht (αt1 = 0,56, αt2 = 0,58) und mittels Summenscore ausgewertet.
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Außerdem wurde der Veränderungsfragebogen zum Entspannungserleben und Befinden für Psychotherapie (VFE-PT) verwendet, wobei die 12 Items die momentane Entspannung erfassten [27]. Ein Item war z. B. „Ich kann mich körperlich gut entspannen“. Im Fremd- (αt1 = 0,54, αt2 = 0,89) sowie im Selbstbericht (αt1 = 0,75, αt2 = 0,75) wurde eine dreistufige Antwortskala (0 = Gar nicht, 1 = Etwas, 2 = Sehr) verwendet. Die Auswertung erfolgte anhand des Mittelwerts.
Des Weiteren wurde das momentane Wohlbefinden der Teilnehmenden erfasst. Diese wurden hierbei zu Beginn und am Ende jeder Sitzung gebeten, eine Smiley-Karte von grün (hohes Wohlbefinden) über gelb (mittleres Wohlbefinden) bis rot (niedriges Wohlbefinden) zu wählen. Dies wurde als dreistufige Antwortskala kodiert (0 = niedriges Wohlbefinden; 1 = mittleres Wohlbefinden; 2 = hohes Wohlbefinden).
Während der Atemübung in der Achtsamkeitsgruppe sowie der PMR-Übung in der PMR-Gruppe wurde die physiologische Entspannung individuell dokumentiert. Hierbei wurden eine Reihe äußerlich sichtbarer Entspannungsmarker binär kodiert (z. B. „Lider sind geschlossen“ = 0, „Lider blinzeln oder flattern“ = 1).
Darüber hinaus wurde die Skala zur Erfassung von Anspannungszuständen bei Menschen mit Intelligenzminderung (SEAGB) verwendet, die jedoch aufgrund sehr niedriger Reliabilitäten im Fremd- (αt1 = 0,39, αt2 = 0,56) und Selbstbericht (αt1 = 0,49, αt2 = 0,42) nicht berichtet wird [40].
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Datenanalyse
Zum Vergleich zwischen den Gruppen wurde der Kruskal-Wallis-Test für Selbst- sowie Fremdberichtsdaten verwendet. Für den Prä-Post-Vergleich innerhalb der Gruppen wurde der Wilcoxon-Vorzeichen-Rangtest für Selbst- sowie Fremdberichtsdaten verwendet sowie eine Bonferroni-Holm-Korrektur angewendet. Die Fremd- und Selbstberichte wurden unabhängig voneinander ausgewertet. Zur Berücksichtigung der Abhängigkeit der Teststärke von der Stichprobengröße wurde mit dem Programm G‑Power 3.1 ([15]; Kompromiss-Poweranalyse für d = 0,5, Power = 0,80) die Irrtumswahrscheinlichkeit berechnet und das globale Signifikanzniveau auf α = 0,09 festgesetzt. Das Wohlbefinden und die physiologische Entspannung der Teilnehmenden wurde deskriptiv über die Sitzungen hinweg ausgewertet. Die Analysen wurden mittels SPSS Version 30.0 (SPSS Inc, Chicago, IL, USA) durchgeführt [22]. Die Berechnungen der Effektstärken erfolgte mittels RStudio Version 4.1.1 [42].
Ergebnisse
In Tab. 2 sind die Ergebnisse des Prä-Post-Vergleichs innerhalb der Gruppen aufgeführt. Der Wilcoxon-Vorzeichen-Rangtest zeigte eine signifikante Zunahme des selbstberichteten Entspannungserlebens in der PMR-Gruppe (Z = 2,23; p < compromise-α = 0,09) und der Achtsamkeitsgruppe (Z = 1,90; p < compromise-α = 0,09), während sich in der Kontrollgruppe keine signifikante Zunahme des Entspannungserlebens (Z = −0,944; p > compromise-α = 0,09) ergab. Im Fremdbericht ließen sich innerhalb der drei Gruppen keine signifikante Zunahme des Entspannungserlebens (PMR-Gruppe: Z = 1,46, Achtsamkeitsgruppe: Z = 0,70, Kontrollgruppe: Z = 0,85; p > compromise-α = 0,09) feststellen (s. Tab. 2).
Tab. 2
Mittelwerte (M) und Standardabweichungen (SD) für Interventions- und Kontrollgruppen zum Prä- und Posttest getrennt nach Selbst- und Fremdbericht sowie die Ergebnisse des Wilcoxon-Vorzeichen-Rangtests
Interventionsgruppe
Interventionsgruppe
Kontrollgruppe
Achtsamkeit
PMR
Musik
Prätest
Posttest
padj
r
Prätest
Posttest
padj
r
Prätest
Posttest
padj
r
M (SD)
M (SD)
M (SD)
M (SD)
M (SD)
M (SD)
Selbstbericht
Aggressivität
−4,38 (4,44)
−4,38 (4,75)
0,892
0,000
−3,67 (3,20)
−5,83 (3,31)
0,153
0,667
−4,71 (4,86)
−3,57 (5,13)
0,892
0,055
Allgemeine Besorgtheit
6,75 (4,95)
9,75 (7,29)
0,204
0,449
4,67 (3,93)
6,67 (3,72)
0,108
0,736
5,14 (6,74)
6,43 (7,83)
0,294
0,205
Entspannungserleben
1,06 (0,35)
1,30 (0,27)
0,058a
0,671
1,17 (0,31)
1,40 (0,35)
0,039a
0,911
1,44 (0,42)
1,62 (0,24)
0,173
0,357
Fremdbericht
Aggressivität
−7,25 (3,01)
−6,50 (3,85)
0,428
0,378
−3,67 (5,09)
−6,50 (5,43)
0,428
0,365
−8,86 (3,02)
−9,43 (1,51)
0,428
0,378
Allgemeine Besorgtheit
3,75 (5,31)
2,88 (2,53)
0,348
0,148
1,33 (2,07)
1,83 (1,83)
0,348
0,447
3,86 (1,57)
2,57 (2,57)
0,348
0,452
Entspannungserleben
1,32 (0,29)
1,41 (0,34)
0,395
0,247
1,02 (0,24)
1,12 (0,32)
0,216
0,653
1,19 (0,40)
1,20 (0,49)
0,395
0,322
Die Skala zur Erfassung von Aggressivität weist einen Wertebereich von −10 bis 10 auf, wobei −10 den geringsten Wert darstellt.
r Effektstärke, Padj adjustierte p-Werte nach Bonferroni-Holm-Korrektur, PMR progressive Muskelentspannung, SD Standardabweichung, M Mittel
a „compromise“-α < 0,09
Des Weiteren ließ sich weder für die beiden Interventionsgruppen noch für die Kontrollgruppe eine signifikante Reduktion der Aggressivität (PMR-Gruppe: ZSB = −1,63, ZFB = 0,82; Achtsamkeitsgruppe: ZSB = 0,00, ZFB = 1,07; Kontrollgruppe: ZSB = 0,14, ZFB = −1,00; p > compromise-α = 0,09) und der allgemeinen Besorgtheit (PMR-Gruppe: ZSB = 1,80, ZFB = 1,00; Achtsamkeitsgruppe: ZSB = 1,27, ZFB = −0,42; Kontrollgruppe: ZSB = 0,54, ZFB = −1,20; p > compromise-α = 0,09) im Selbstbericht und Fremdbericht feststellen.
Der Kruskal-Wallis-Test ergab für das selbstberichtete Entspannungserleben einen signifikanten Unterschied zwischen den drei Gruppen sowohl für den Prätest (H[2] = 3,63; p < compromise-α = 0,09) als auch für den Posttest (H[2] = 4,40; p < compromise-α = 0,09). Dabei wies die Kontrollgruppe sowohl im Prätest als auch im Posttest das höchste Entspannungserleben im Vergleich zu den Interventionsgruppen auf. Im Fremdbericht ließ sich für die Aggressivität im Prätest (H[2] = 3,53; p < compromise-α = 0,09) und im Posttest (H[2] = 3,55; p < compromise-α = 0,09) ein signifikanter Unterschied zwischen den drei Gruppen feststellen. Dabei ergab sich ebenfalls für die Kontrollgruppe im Prä- und Posttest die geringste Ausprägung der Aggressivität im Vergleich zu den Interventionsgruppen (s. Tab. 3).
Tab. 3
Ergebnisse des Kruskal-Wallis-Tests zum Prä- und Posttest getrennt nach Selbst- und Fremdbericht
Prätest
Posttest
p
ε2
p
ε2
Selbstbericht
Aggressivität
0,418
0,018
0,411
0,021
Allg. Besorgtheit
0,225
0,080
0,269
0,062
Entspannungserleben
0,081a
0,182
0,056a
0,220
Fremdbericht
Aggressivität
0,086a
0,047
0,085a
0,043
Allg. Besorgtheit
0,092
0,179
0,360
0,033
Entspannungserleben
0,071a
0,205
0,162
0,113
ε2 Effektstärke
a „compromise“-α < 0,09.
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In Bezug auf das Wohlbefinden wiesen die Teilnehmenden der Achtsamkeitsgruppe (M = 1,59) und der Kontrollgruppe (M = 1,73) zu Beginn der Sitzungen ein eher hohes Wohlbefinden auf (Abb. 1 und 2). Die PMR-Gruppe zeigte vor den Interventionen ein tendenziell mittleres Wohlbefinden (M = 1,34), welches im Laufe der Sitzungen anstieg (Abb. 3). Das Wohlbefinden war nach den Sitzungen in 87,5 % der Fälle gleichwertig oder höher. In der PMR-Gruppe stieg es nach den Sitzungen an (M = 1,76). Genauso kam es in der Achtsamkeitsgruppe (M = 1,68) und in der aktiven Kontrollgruppe (M = 1,93) zu einer leichten Erhöhung des Wohlbefindens nach den Trainingsstunden.
Abb. 1
Wohlbefinden der Teilnehmenden in der Interventionsgruppe Achtsamkeit (Anmerkungen: Skala [Smiley-Karten]: 0 = niedriges Wohlbefinden, 1 = mittleres Wohlbefinden, 2 = hohes Wohlbefinden)
Im Hinblick auf die physiologische Entspannung zeigt die Achtsamkeitsgruppe (MSitzung1–4 = 2,77) zu Beginn mehr Störverhalten als die PMR-Gruppe (MSitzung1–4 = 1,71). In der 5. bis 8. Sitzung lässt sich sowohl in der Achtsamkeitsgruppe (MSitzung5–8 = 2,46) als auch in der PMR-Gruppe (MSitzung5–8 = 1,2) eine Zunahme der physiologischen Entspannung beobachten (Abb. 4).
Abb. 4
Beobachtete physiologische Entspannung während der Interventionsübungen (Anmerkungen: niedrige Werte entsprechen einer hohen Entspannung)
Ziel der Studie war es, eine achtsamkeitsbasierte Intervention und eine PMR-Intervention im Gruppensetting bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung im Vergleich zu einer aktiven Kontrollgruppe zu evaluieren. Dabei wurden die Variablen Aggressivität, allgemeine Besorgtheit, Entspannungserleben, Wohlbefinden und physiologische Entspannung betrachtet.
Die Ergebnisse der Prä-Post-Vergleiche zeigten eine signifikante Zunahme des selbstberichteten Entspannungserlebens innerhalb der Interventionsgruppen Achtsamkeit und PMR. Diese Befunde replizieren einen Teil der Ergebnisse von Marko et al. [35], die ebenfalls eine Zunahme des Entspannungserlebens innerhalb der PMR-Intervention feststellten. Zudem stützt die Untersuchung die Ergebnisse von Chapman und Mitchell [8], bei denen ein Großteil der Teilnehmenden das Achtsamkeitstraining als entspannend sowie als effektive Interventionsmethode beschrieb. Im Innergruppenvergleich der Kontrollgruppe konnte keine signifikante Zunahme des Entspannungserlebens vom Prätest zum Posttest festgestellt werden. Diese Befunde zeigten sich ausschließlich im Selbstbericht, nicht aber in den Fremdberichten der Gruppenleitenden. Dies könnte nahelegen, dass Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung ein anderes Konzept von Entspannung haben als Personen ohne intellektuelle Beeinträchtigung. Diese unterschiedlichen Ergebnisse im Selbst- und Fremdbericht sollten in zukünftigen Studien als Anlass genommen werden, verschiedene Perspektiven einzubeziehen.
Bei den Konstrukten Aggressivität und allgemeine Besorgtheit ließ sich hingegen keine Reduktion vom Prätest zum Posttest innerhalb der jeweiligen Gruppe feststellen. Vorangegangene Review- und Studienergebnisse [z. B. 3, 20], welche die Reduktion von Aggressivität nach PMR- oder achtsamkeitsbasierten Interventionen bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung berichten, konnten somit nicht repliziert werden. Allerdings fanden diese Interventionen mehrheitlich im Einzelsetting statt.
Im Vergleich zwischen den Gruppen weist die aktive Kontrollgruppe im selbstberichteten Entspannungserleben sowohl im Prätest als auch im Posttest signifikant höhere Werte auf. Diese Unterschiede zu den Interventionsgruppen wurden ebenfalls beim Konstrukt Aggressivität im Fremdbericht beobachtet. Hier berichteten die Gruppenleitenden sowohl im Prätest als auch im Posttest weniger aggressives Verhalten bei den Teilnehmenden in der Kontrollgruppe. Diese Befunde zeigten bereits zu Beginn der Untersuchung systematische Unterschiede zwischen den Gruppen, was möglicherweise aus der Selektion der Gruppenzuordnung resultiert und somit die Interpretation der Interventionswirkung erschwert. Zudem ist der Ausgangswert von Aggressivität in der Kontrollgruppe so gering, dass hier keine weitere Verringerung und demnach nur eine Annäherung der Interventionsgruppen an die Kontrollgruppe möglich ist. Gegebenenfalls profitierten die Teilnehmenden der Interventionsgruppen dennoch stärker, auch wenn sie das Niveau der Kontrollgruppe nicht vollständig erreichten. Trotzdem sind zur Kontrolle solcher Differenzen in zukünftigen Studien der Einsatz von Kovariaten oder eine striktere Randomisierung empfehlenswert.
Das Wohlbefinden war in allen drei Gruppen nach der Sitzung im Mittel höher als vor der Sitzung. Eine besonders positive Entwicklung war in der PMR-Gruppe beobachtbar, wobei sich hier eine Zunahme des Wohlbefindens über den achtwöchigen Sitzungsverlauf zeigte. Dies untermauert gleichwertige Befunde nach einer PMR-Intervention von Marko et al. [35]. Ähnlich positive Befunde ließen sich in der Achtsamkeitsgruppe beobachten, was Untersuchungen von Lake und MacHale [28] stützt. Weiterhin ließ sich in beiden Interventionsgruppen eine erhöhte physiologische Entspannung über alle Trainingseinheiten hinweg beobachten. Damit ließen sich Befunde von Marko et al. [35] replizieren, die dies ebenfalls bei einer PMR-Intervention über 10 Wochen hinweg berichteten.
Ausbleibende Effekte unserer Interventionen könnten mit der Dauer, der Länge und der Intensität der Interventionen zusammenhängen. In vorangegangenen Untersuchungen wurden achtsamkeitsbasierte und PMR-Interventionen intensiver durchgeführt [9, 37, 46]. Zudem wurden eine Vielzahl dieser Interventionen im Rahmen von Einzelsettings durchgeführt (z. B. [3, 20]). Des Weiteren stellten Anderson et al. [2] einen Zusammenhang des täglichen Übens von Achtsamkeitstechniken mit dem Wohlbefinden fest, was in der vorliegenden Studie durch das auditive Übungsmaterial unterstützt werden sollte. Dies gestaltete sich in der Umsetzung insofern schwierig, als das die Zugänglichkeit und die Kompetenzen im Umgang mit technischen Geräten zur Wiedergabe des Übungsmaterials stark variierte. Dadurch wurde nur von vereinzelter Nutzung berichtet und eine Implementierung in den Alltag erschwert, obwohl dies ein Faktor für einen nachhaltigen Lerneffekt sein könnte [45]. Hier wäre bei weiterer Forschung empfehlenswert, Betreuende einzubeziehen, um dieser Problematik entgegenzuwirken. Zusätzlich zeigten Untersuchungen von Jones und Finch [24], dass die Einbindung von Betreuenden das Verständnis der Achtsamkeitsübungen und das Praktizieren außerhalb des Trainings fördert, wohingegen mangelnde Unterstützung zu weniger Erledigung der Hausaufgaben führte.
Darüber hinaus könnten die ausbleibenden Effekte unserer Interventionen ebenso in den verschiedenen Graden der intellektuellen Beeinträchtigungen der Teilnehmenden begründet liegen. In den Interventionsgruppen wiesen die Teilnehmenden leichte und mittelgradige intellektuelle Beeinträchtigungen auf, während in der Kontrollgruppe ausschließlich Personen mit mittelgradiger bis schwerer intellektueller Beeinträchtigung teilnahmen. Besonders bei den Teilnehmenden mit schwerer intellektueller Beeinträchtigung war es schwierig zu erkennen, ob diese die Anweisungen und Erklärungen der Kursleitung verstanden hatten. Auch Lindsay und Baty [31] stellten in Frage, wie gut die Teilnehmenden das Konzept der PMR verstanden hatten und anschließend umsetzen konnten. Ebenso wird in Untersuchungen im Bereich Achtsamkeit diskutiert, inwiefern das Konzept Achtsamkeit trotz der Beeinträchtigung verstanden wurde und ob positive Effekte durch das Training auch ohne das Verständnis möglich sind [11]. Viele Studien schlossen möglicherweise deshalb nur Personen mit leichter oder mittelgradiger intellektueller Beeinträchtigung in die Interventionen ein [6, 14, 28]. Dennoch darf die Personengruppe mit schwerer intellektueller Beeinträchtigung nicht unberücksichtigt bleiben und Interventionen müssen adäquat angepasst und evaluiert werden. So zeigten sich in unserer Studie für die Kontrollgruppe Potenziale von der Musikintervention für Menschen mit diesem Grad der intellektuellen Beeinträchtigung. Hierbei ist im Mittel eine Zunahme des Wohlbefindens der Teilnehmenden nach der Trainingseinheit zu beobachten, was sich ebenfalls in der Studie von Karing et al. [26] feststellen ließ. Diese fanden zusätzlich eine signifikante Reduktion der Anspannung und Aggressivität innerhalb der Musikinterventionsgruppe, was in der vorliegenden Studie nicht repliziert werden konnte. Jedoch bestand die aktive Kontrollgruppe bei Karing et al. [26] nur aus Personen mit mittelgradiger intellektueller Beeinträchtigung, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf unsere Stichprobe beschränkt. Zukünftig besteht die Möglichkeit der musikalischen Gestaltung während Interventionen besonders bei Menschen mit schwerer intellektueller Beeinträchtigung und ein Bedarf weiterer Forschung in diesem Bereich.
Limitationen
Eine Limitation der Studie liegt in ihrer geringen Stichprobengröße, welche die Aussagekraft der Effekte sowie die Teststärke einschränkt. Dies erschwert insgesamt die Generalisierbarkeit der Befunde. Zukünftige Untersuchungen sollten Ergebnisse zu achtsamkeitsbasierten und PMR-Interventionen anhand größerer Stichproben replizieren. Eine weitere Limitation ist, dass die Teilnehmenden bereits im Prätest eher klinisch unauffällige Ausprägungen hinsichtlich Aggressivität und allgemeiner Besorgtheit aufwiesen sowie hohe Werte beim Entspannungserleben zeigten. Dadurch ist fraglich, inwieweit überhaupt ein Verbesserungspotenzial in diesen Bereichen gegeben war. Andere Studien zu PMR [46] und Achtsamkeit [17] schlossen in ihren Untersuchungen ausschließlich klinisch auffällige Personen ein.
Die Forschungsergebnisse für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung sind außerdem durch den Mangel an reliablen Instrumenten für diese Personengruppe limitiert. Es existieren keine spezifischen Fragebögen zur Erfassung der Konstrukte Entspannung und Achtsamkeit. Deshalb wurden in der vorliegenden Studie z. T. an der Gesamtpopulation genormte Instrumente verwendet und gegebenenfalls angepasst. Jedoch erwies sich auch das speziell für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung entwickelte Instrument SEAGB [40] als nicht ausreichend reliabel. Es bedarf also der Entwicklung weiterer Instrumente spezifisch für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung sowie der Validierung bereits vorhandener Testverfahren.
Fazit für die Praxis
Die Interventionen waren im Gruppensetting sowie im Rahmen der Arbeitswerkstatt gut durchführbar.
Das Erlernen der progressiven Muskelentspannung und achtsamkeitsbasierter Techniken hatte positive Auswirkungen auf das Entspannungserleben und das Wohlbefinden sowie die physiologische Entspannung der Teilnehmenden.
In der aktiven Kontrollgruppe, die eine Musikintervention durchlief, war ebenfalls ein zunehmendes Wohlbefinden beobachtbar.
Die Interventionsdauer und die Integration der Übungen in den Alltag sollten für die Praxis berücksichtigt werden.
Es ist fraglich, inwieweit die Nutzung von Instrumenten, die an der Gesamtpopulation genormt sind, für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung geeignet sind. Es bedarf der Entwicklung und Validierung spezifischer Testverfahren.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
P. Wenzel, M. Hehnke und C. Karing geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Alle beschriebenen Untersuchungen am Menschen oder an menschlichem Gewebe wurden mit Zustimmung der zuständigen Ethikkommission, im Einklang mit nationalem Recht sowie gemäß der Deklaration von Helsinki von 1975 (in der aktuellen, überarbeiteten Fassung) durchgeführt. Von allen beteiligten Patient/-innen liegt eine Einverständniserklärung und Schweigepflichtentbindungen bezüglich der Datenerhebung und anonymisierten Datenverarbeitung vor.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.
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Interventionen basierend auf Achtsamkeit und progressiver Muskelentspannung für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung – eine Wirksamkeitsstudie
Verfasst von
Paula Wenzel
Mira Hehnke
Prof. Dr. Constance Karing
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