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12.04.2017 | ADHS | Nachrichten

Oft keine Diagnose

ADHS: Versorgungslücke bei Erwachsenen

Autor:
Thomas Müller

Erwachsene mit ADHS erhalten seltener Medikamente als betroffene Kinder und Jugendliche. Dabei scheinen sie ähnlich gut von Stimulanzien zu profitieren.

ADHS verschwindet zwar nicht einfach, wenn die betroffenen Kinder und Jugendlichen erwachsen werden, immerhin gehen aber bei 50–60% die Symptome so weit zurück, dass die Betroffenen durch ihre Krankheit im Alltag nicht mehr beeinträchtigt werden. Was passiert jedoch mit den übrigen? Offenbar fallen viele durch das Versorgungsnetz. So wäre nach epidemiologischen Studien eine ADHS-Prävalenz von rund 2,5% in der erwachsenen Bevölkerung zu erwarten, eine Analyse der Daten von 24 Millionen AOK-Versicherten fand jedoch nur bei 0,4% eine ADHS-Diagnose. Dagegen wird die Erkrankung derzeit bei etwa 12% der Jungen im Alter von 10–14 Jahren diagnostiziert, erläuterte Professor Alexandra Philipsen von der Universität Oldenburg.

Bei jungen Männern im Alter von 20–24 Jahren haben nach den AOK-Daten weniger als 2% eine ADHS-Diagnose – und dieser Wert halbiert sich mit zunehmendem Alter etwa alle fünf Jahre. Ähnliches gilt für junge Frauen: Die Prävalenz ist bei ihnen etwa halb so hoch wie bei Männern.

„Bei Erwachsenen liegt die Häufigkeit tatsächlich gestellter Diagnosen unter der zu erwartenden Prävalenz“, betonte Philipsen auf der Fortbildungsveranstaltung „Psychiatrie Update“ in Mainz.

Ein Grund dafür ist offenbar auch, dass es sich bei den Erwachsenen mit ADHS häufig nicht um dieselben Personen handelt, die auch schon in der Kindheit eine ADHS-Diagnose hatten. Die Psychiaterin verwies auf zwei Kohortenstudien: In der einen hatten 85% der Kinder mit ADHS als Erwachsene keine ADHS-Diagnose mehr, in der anderen war bei 87% der Erwachsenen mit ADHS die Störung in der Kindheit nicht festgestellt worden. Offenbar handelt es sich bei den meisten erkannten ADHS-Fällen im Erwachsenenalter um Neudiagnosen. 

Versorgungsdefizit bei jungen Erwachsenen

Ob jemand als Erwachsener tatsächlich erstmals an ADHS erkranken kann, wird jedoch heftig diskutiert. Möglicherweise wurde das ADHS bei diesen Patienten in der Kindheit nicht erfasst oder es gab protektive Faktoren, die später weggefallen sind, gibt Philipsen zu bedenken. Vielleicht tritt die Erkrankung bei Erwachsenen auch plötzlich in Erscheinung, wenn psychosoziale Anforderungen steigen oder Kompensationsmöglichkeiten fehlen.

Auffällig ist jedoch, so die Expertin, dass Erwachsenen mit einer ADHS-Diagnose viel seltener Stimulanzien bekommen als Minderjährige – obwohl die Mittel seit einigen Jahren auch zur Behandlung von Erwachsenen zugelassen sind. Nach AOK-Daten wurden im Jahr 2014 über 40% der Betroffenen im Alter von 15 Jahren gegen ADHS medikamentös behandelt, bei den 20- bis 25-Jährigen waren es nur 20%, bei den 30- bis 40-Jährigen 30%. Immerhin ist der Anteil mit Stimulanzientherapie bei den Erwachsenen seit 2009 etwas gestiegen, bei den Jugendlichen hingegen gesunken. Ein großes Versorgungsdefizit haben nach wie vor aber junge Erwachsene, sagte die Expertin.

Dabei wirken Medikamente bei Erwachsenen ähnlich gut wie bei Kindern und Jugendlichen. Darauf deuten die Ergebnisse der Studie COMPAS* von Philipsen und ihrem Team. An dieser hatten 433 ADHS-Kranke im Alter von über 18 Jahren teilgenommen. Die Hälfte erhielt ein gewöhnliches klinisches Management: Die Patienten wurden lediglich in einer Sitzung pro Woche über den Umgang mit ihrer Krankheit beraten. Die übrigen nahmen einmal pro Woche an einer spezifischen Gruppenpsychotherapie teil. Zusätzlich bekam eine Hälfte Methylphenidat, die andere Placebo. Daraus resultierten vier verschieden Gruppen: Psychotherapie und Placebo, Psychotherapie und Methylphenidat, klinisches Management mit Placebo oder Methylphenidat.

Der ADHS-Index sank in den Psychotherapie-Gruppen im Mittel von 20,6 auf 17,6 Punkte, mit klinischem Management ging er sogar noch etwas stärker zurück (auf 16,5 Punkte), der Unterschied von 1,1 Punkten war aber nicht statistisch signifikant. Dagegen schnitten Patienten mit Methylphenidat nach drei Monaten signifikant besser ab (um etwa 2 Punkte) als solche mit Placebo. 

Kombitherapie auch bei Erwachsenen am besten

Nach einem Jahr Therapie hatten sich die Unterschiede zwischen den Gruppen weiter verstärkt. Am schlechtesten schnitten die Patienten mit klinischem Management und Placebo ab, etwas stärker zurückgegangen waren die Symptome bei Psychotherapie und Placebo, die besten Therapieeffekte zeigten jedoch die beiden Gruppen mit Methylphenidat, wobei es praktisch keinen Unterschied machte, ob die Patienten eine Gruppenpsychotherapie oder nur klinisches Management bekommen hatten.

Beim klinischen Gesamteindruck schnitten jedoch die Patienten am besten ab, die eine Psychotherapie zusammen mit Methylphenidat erhalten hatten. Selbst die Gruppe mit Psychotherapie und Placebo machte tendenziell noch einen etwas besseren Eindruck als die Gruppe mit Methylphenidat und klinischem Management. Am geeignetsten erscheint also auch bei Erwachsenen die multimodale Therapie mit Psychotherapie und Stimulanzien.

Die Psychotherapie wird vor allem empfohlen, um die sekundären psychosozialen Folgen von ADHS abzumildern, weniger gegen die Kernsymptomatik, erläuterte Philipsen. Das spiegelt sich auch im Ergebnis der Untersuchung COMPAS wider. Eine gute Evidenz gebe es vor allem für die kognitive Verhaltenstherapie.

*COMPAS: Comparison of Methylphenidate and Psychotherapy in Adult ADHD Study

Basierend auf: Alexandra Philipsen: ADHS. Psychiatrie Update, Mainz, 24.3.2017.

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