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08.04.2019 | AIDS- und Hepatitis-Werkstatt 2019 | Nachrichten

Antiretrovirale Therapie

Ein gewichtiges Problem angehen

Autor:
Friederike Klein

Nach Beginn einer antiretroviralen Therapie (ART) scheint das Risiko einer nicht beabsichtigten Gewichtszunahme erhöht. Wie groß die Unterschiede zwischen den Substanzklassen und Substanzen ist und was den Patienten empfohlen werden kann, um der Gewichtszunahme entgegenzuwirken, wurde jetzt in München diskutiert. 

Viele Patienten mit einer Infektion mit dem Humanen Immunschwächevirus (HIV) kennen das: Nach Beginn der ART steigt das Gewicht plötzlich an. In einer retrospektiven Studie mit Daten von 14.084 US-amerikanischen Patienten waren 22% der zuvor normalgewichtigen Patienten nach drei Jahren übergewichtig und 18% der bereits zu Therapiebeginn Übergewichtigen waren adipös geworden [1]. Die Gewichtszunahme erfolgte meist schon in den ersten zwölf Monaten und ausgeprägter als in der US-amerikanischen Allgemeinbevölkerung, deren Durchschnittsgewicht ebenfalls nach oben geht. 
Dabei ist die HIV-Infektion bedingt durch die Immunstimulation eigentlich eine zehrende Erkrankung, erinnerte Infektiologe Prof. Dr. Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover. Deshalb ist eine Gewichtszunahme bei guter Lebensqualität zunächst ein zu begrüßender Nebeneffekt einer wirksamen HIV-Therapie. Allerdings betrifft die Gewichtszunahme vor allem die Fettmasse, wie schon von Proteaseinhibitoren (PI) bekannt war [2]. Das geht bei Patienten mit HIV-Infektion mit erhöhten Stoffwechsel- und kardiovaskulären Risiken einher [3].

Ein allgemeines Problem mit substanzspezifischen Unterschieden

Das Risiko für eine deutliche Gewichtszunahme scheint bei Beginn der ART mit einer Integrase-Inhibitor(INI)-Therapie besonders groß zu sein, wie Stoll berichtete. Nach einer Metaanalyse steigt das Körpergewicht bei allen Ankersubstanzen der ART nach Therapiebeginn an, am geringsten bei Regimen mit nicht-nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmern, am höchsten bei INI [4]. Unter den INI scheint die Gewichtszunahme bei Dolutegravir (DTG) und Raltegravir (RAL) ausgeprägter als bei Elvitegravir (EVG).
Auch bei dem Wechsel von einem Therapieregime kann es zu einer Gewichtszunahme kommen. Beim Wechsel von einer Efavirenz (EFV)-basierten zu einer INI-basierten Therapie hatten die Patienten in einer Kohortenstudie nach 18 Monaten im Mittel 2,9 kg zugenommen, bei Wechsel auf ein DTG-Regime sogar 5,33 kg [5]. In einer italienischen Kohorte war die Gewichtszunahme bei Wechsel auf eine INI-basierte Therapie dagegen unabhängig davon, auf welchen INI gewechselt wurde, signifikant [6]. In einer deutschen Kohorte ließ sich retrospektiv belegen, dass der Wechsel von einem Tenofovirdisoproxilfumarat (TDF) - zu einem Tenofoviralafenamidfumarat (TAF)-haltigen Regime mit einer Gewichtszunahme einhergeht [7]. 

Über Gewichtszunahme aufklären!

Stoll betonte, dass es wahrscheinlich notwendig sei, die Patienten im Vorfeld des Beginns oder eines Wechsels der ART über das Risiko einer Gewichtszunahme und die Möglichkeit von Gegenmaßnahmen aufzuklären, auch wenn die Kausalität im Detail noch unklar ist. Als Maßnahmen der Gewichtsregulation kommen Standard-Lebensstilmaßnahmen wie körperliche Aktivität, viel Obst und Gemüse und reduzierte Kalorienzufuhr infrage. Auf ärztlicher Seite sei es wichtig, die Gewichtszunahme nicht als Charakterschwäche abzutun, sondern den Patienten positiv bei der Gewichtskontrolle zu unterstützen. 

Diese Berichterstattung wurde durch finanzielle Unterstützung des Unternehmens MSD Sharp & Dohme GmbH ermöglicht. Das Unternehmen hatte keinen Einfluss auf die Inhalte der Berichterstattung.   

Literaturhinweise

1. Koethe JR et al. AIDS Res Hum Retroviruses. 2016 Jan;32(1):50-8
2. Silva M et al. AIDS 1998; 12(13): 1645-51.
3. Koethe JR et al. CROI 2019, Seattle, Abstract 158. http://www.croiconference.org/sessions/obesity-growing-problem-antiretroviral-therapy 
4. Bourgi K et al. CROI 2019, Seattle. Abstract P-670
5. Norwood J et al. J Acquir Immune Defic Syndr 2017; 76(5): 527-31.
6. Taramasso L et al. Open Forum Inf Dis 2017; 4(4): ofx239,
7. Gomez M et al. Infection 2019; 47(1): 95-102
8. Hare CB et al. CROI 2019, Seattle, Abstract 

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