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08.04.2019 | AIDS- und Hepatitis-Werkstatt 2019 | Nachrichten

WHO-Ziel: Hepatitis C eliminieren

Einheitliche Strategien fehlen

Autor:
Friederike Klein

2016 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO eine globale Strategie zu viralen Hepatitiden verabschiedet. Das Ziel: Bis 2030 soll die Hepatitis C als allgemeine Gesundheitsgefährdung eliminiert werden. Doch im Alltag werden viele Betroffene oder Risikogruppen gar nicht erreicht.  

Die WHO definiert ihr ehrgeiziges Ziel als eine Verminderung der Inzidenz der Hepatitis C um 90% und die Reduktion der Mortalität um 65%. Dazu sollten 90% aller Infizierten diagnostiziert, und 80% der Patienten mit diagnostizierter Virushepatitis behandelt werden [1].
Ärzte, die Patienten aus Risikogruppen wie Drogenkonsumenten oder Obdachlose betreuen, sind skeptisch: 76,4% der Befragten gaben anlässlich eines Symposiums zur 8. AIDS- und Hepatitis-Werkstatt in München an, nicht an das Erreichen dieses WHO-Ziels zu glauben. Olaf Ostermann vom Suchthilfeverein Condrops in München wundert das nicht: Es fehlt eine einheitliche Strategie, um wichtige Zielgruppen wie Drogengebraucher anzusprechen, sagte er. Richard Kamm, Allgemeinmediziner, Substitutionsarzt und Infektiologe aus München sieht das ähnlich: Erreicht werden müssen Patienten, die bislang keinen Kontakt zum Arzt oder Substitutionssystem haben. Er sah aber auch eine Barriere bei den Ärzten, die teilweise zwar die Hepatitis-C-Virusinfektion diagnostizierten, aber nicht behandelten. Stephan Walcher, ebenfalls Allgemeinmediziner, Substitutionsarzt und Infektiologe aus München, betonte, Deutschland habe seit 2017 das Ziel der Behandlung von 80% der diagnostizierten Patienten nicht erreicht. Dabei schaffen das Nachbarländer wie Frankreich, aber auch Länder wie Ägypten und Georgien. 

Raus aus der Bequemzone

Man muss mehr dahin gehen, wo die Menschen sind, sagte Dr. Katja Römer, Allgemeinmedizinerin, Substitutionsärztin und Infektiologin aus Köln. In den genannten Ländern fährt auch schon einmal ein Bus über das Land hin zu den Menschen und eine Pflegekraft organisiert die Diagnose und Therapie. „Wir machen es uns hier zu einfach: Wir behandeln die Menschen höchstens, wenn sie zu uns kommen.“ Aber bei Drogennutzern und Obdachlosen stehen ganz andere, lebenspraktische Dinge im Vordergrund: Keine Wohnung, kein Geld, keine Kleidung; im Alltag ist ein Platz zum Duschen und Essen das Wichtigste, das Thema Gesundheit ist weit weg. Wichtig ist für Römer daher die Zusammenarbeit aller Disziplinen im Hilfssystem. Sozialarbeiter und Sozialpädagogen müssen sensibilisiert werden für die Themen HIV und Hepatitis C, über Ansteckungswege und wo die Menschen hingeschickt werden können, um niedrigschwellig Unterstützung zu bekommen. Psychosoziale Betreuer sind Mitbehandler, betonte auch Walcher, sie sind eine wesentliche Brücke zu den Menschen, die nicht in die Praxis kommen. Kontaktläden und Konsumräume können wichtige Orte sein, um niedrigschwellig Personen aus Risikogruppen über Hepatitis C, die Diagnose und die Therapie zu informieren. 
Marco Jesse vom Drogenselbsthilfeverein VISION in Köln hat auch gute Erfahrungen gemacht mit Peers, die einen Betroffenen zum Arzt begleiten und ihn während der gesamten Behandlungsdauer unterstützen. Die Peers können auch der negativen Wahrnehmung der Therapie, die noch aus Interferonzeiten herrührt, etwas entgegen setzen, ergänzte er. 

Rein in den Knast

Eine wichtige Risikogruppe sind auch Inhaftierte. In Deutschland liegt die Prävalenz der Hepatitis C laut Walcher bei 0,2-0,4%, bei Gefängnisinsassen ist die Rate mit 22% dramatisch höher. Bislang passiert da wenig, beklagte er. Oft werde argumentiert, es gebe für eine Hepatitis-C-Behandlung kein Geld, das solle die Krankenkasse übernehmen, wenn der Insasse entlassen werde. In Großbritannien oder Spanien sei das anders, da spielten solche Grenzen keine Rolle mehr. Auch eine begonnene HCV-Behandlung wird nicht immer bei Inhaftierung im Gefängnis fortgesetzt, ergänzte Jesse.

Diese Berichterstattung wurde durch finanzielle Unterstützung des Unternehmens MSD Sharp & Dohme GmbH ermöglicht. Das Unternehmen hatte keinen Einfluss auf die Inhalte der Berichterstattung.


Literaturhinweise

1. http://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/273174/9789241550345-eng.pdf?ua=1 (zuletzt abgerufen am 1.4.2019)

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