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Über dieses Buch

Namhafte Alpinexperten aus dem deutschen Sprachraum (Schweiz, Deutschland, Österreich, Südtirol) geben mit diesem Buch einen umfassenden Überblick über die Sport- und Unfallmedizin im Gebirge sowie zur Höhenmedizin. Unter anderem beleuchten sie Themen wie Training, Ernährung, Steigtaktik, Kinder, Schwangere und chronisch Kranke am Berg. Die moderne Rettung aus Bergnot wird ebenso behandelt, wie der Aufstieg in die großen und extremen Hochgebirge bis hin zum Gipfel des Mount Everest.

Das Fachbuch wendet sich an Sportmediziner, Notfallmediziner, Ersthelfer und andere Ärzte und Interessierte - die eines gemeinsam haben: die Liebe zur Welt der Berge.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung: Geschichte der Alpinmedizin

Historisch gesehen weist die Alpinmedizin zwei markante Wurzeln auf: Zum einen war es das Bergrettungswesen, aus dem sich vor etwa 60 Jahren die Disziplin der alpinen Notfallmedizin entwickelte. Der zweite historisch bedeutsame Grundpfeiler heißt Mount Everest, dessen Erstbesteigung, ebenfalls vor 60 Jahren, durch die junge Disziplin der Höhenmedizin erst ermöglicht wurde. Die übrige Themenfülle, mit der wir uns befassen, ist eine breite Palette von alpinmedizinischen Inhalten. Diese stellen aber keine Neuerfindungen der modernen Medizin dar, sondern bestehen aus deren Adaptierung an die oft dramatisch schiefe Ebene der Berge.

Franz Berghold, Gerhard Flora

Erratum zu: Augenschäden im Hochgebirge

G. Schhmann

Alpine Sportmedizin

Frontmatter

2. Spezifische Belastungsmuster des Alpinsports

Grundlage fast aller alpinen Sportarten ist das relativ starke Gefälle, das man im alpinen Bereich vorfindet. Neben dem Bergsteigen gibt es eine Vielzahl von Sportarten, die im alpinen Bereich betrieben werden. Bergwandern und Bergsteigen, Skifahren und Snowboarden, aber auch (wenn auch in einer abgeschwächten Form) Mountainbiking weisen eine bergsportspezifische Besonderheit auf: Während bei den Gegensportarten im flachen Gelände (z. B. Wandern oder Rennradfahren) die Hauptbelastungsform der großen Muskelgruppen in den Beinen vor allem konzentrischer Natur ist, ist bei den Bergsportarten neben der konzentrischen Belastungsform auch die exzentrische Belastungsform sehr stark vorhanden. Exzentrische Belastungen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von konzentrischen Belastungen.Sportklettern zeichnet sich durch die besondere Bedeutung der Muskulatur der oberen Extremitäten, insbesondere der Fingerflexormuskulatur, aus.

M. Philippe

3. Trainingslehre und Steigtaktik beim Bergwandern und Bergsteigen

Gut ausgeprägte Ausdauer- und Kraftfähigkeiten sind Grundsteine für sicheres und erfolgreiches Bergsteigen. Nach dem Motto „ohne Fleiß keinen Preis“ sollten diese Fähigkeiten fortlaufend trainiert werden. Eine gute Steigtaktik ist Voraussetzung für eine optimale Umsetzung dieser Fähigkeiten auf Tour.

Martin Faulhaber, Hannes Gatterer

4. Ernährung beim Bergwandern und Bergsteigen

Lang- und kurzfristige Ernährung, Ernährungsquantität und -qualität sichern die Leistungsfähigkeit. Wenig Energie- und Nährstoffspeicher erfordern für längere und intensive Leistung eine optimal angepasste Ernährung. Aufenthalt in großer Höhe, auch ohne körperliche Belastung, führt zu Gewichtsverlust; Fett und Muskel werden abgebaut. Für sichere Versorgung sollte man v. a. in großer Höhe nach Plan essen und trinken. Optimaler Stoffwechsel erfordert je 1000 kcal Energieverbrauch eine definierte Wirkstoffmenge. Nährstoffbedarf ergibt sich so aus dem Energiebedarf. Negative Energiebilanz kann Unterversorgung und Mangel verursachen. Supplemente, Antioxidantien, Eiweiß sind bei erhöhter Aktivität, verminderter Frischkost, bei langer Expedition, sinnvoll. Leistungssteigerung durch Nahrungsergänzung ist wissenschaftlich nicht bestätigt. Eiweißzufuhr von 1 g/kg sollte gesichert sein. Bei Konservennahrung und ausgeglichener Energiebilanz wurden keine klinisch relevanten Wirkstoffdefizite beobachtet. Basisernährung nach der „Gesund-Leben-Pyramide“ sichert optimale Wirkstoffzufuhr.

Volker Veitl

5. Grenzen der Leistungsfähigkeit in verschiedenen Höhenlagen

Der individuelle Fitnessgrad stellt eine entscheidende Grenze der Leistungsfähigkeit im Bergsport dar. Der zunehmende Sauerstoffmangel mit ansteigender Höhe bedingt einen kontinuierlichen Leistungsabfall (~ 10 % pro 1000 Höhenmeter). Die Atmung spielt in der Höhe eine bedeutend größere leistungslimitierende Rolle als im Tal. Neben der Kälte wirkt sich besonders das Zusatzgewicht durch Rucksack, Sicherungsmaterial und Schuhe auf die Leistungsfähigkeit in der Höhe aus. Langjährige Bewegungserfahrung in den Bergen, ein guter Trainingszustand und ausreichende Akklimatisation sind Grundvoraussetzungen für entsprechende Dauerleistungsfähigkeit in der Höhe und oft auch für den Erfolg der Höhenunternehmung. Gesundheitszustand und Leistungsfähigkeit sollten anhand eines medizinischen Belastungstests mindestens 6 Monate vor der Höhenunternehmung durchgeführt werden. Eine Kontrolluntersuchung gestattet die Überprüfung des Trainingserfolgs.

Martin Burtscher

6. Bergsteigen und Bergwandern mit Vorerkrankungen

Höhenaufenthalte für Patienten mit Vorerkrankungen sind möglich und sollten nicht generell abgelehnt werden. Für eine sinnvolle Beratung muss geklärt sein, welchen Einflüssen der Patient beim Höhenaufenthalt ausgesetzt ist (Hypoxie, Kälte, Anstrengung, beschränkte medizinische Ressourcen) und welche diese auf den Verlauf der Grunderkrankung haben können. So sind z. B. Patienten mit stabiler koronarer Herzerkrankung, Asthma, Diabetes mellitus oder gut eingestellter Epilepsie durchaus in der Lage, auch höhere Gipfelziele zu erreichen. Im Gegensatz dazu sind Patienten mit chronisch-obstruktiver Atemwegserkrankung, Lungenfibrosen, pulmonaler Hypertonie oder kurz nach Myokardinfarkt in der Höhe größeren Gefahren ausgesetzt. Patienten sollten nur in einer stabilen Krankheitsphase, mit optimaler Medikation und einem detaillierten Notfallplan hochgelegene Bergziele aufsuchen. Dazu zählen auch die Information der Begleiter, sowie deren Schulung für Notfallsituationen. Bei den höhenmedizinischen Notfallpräparaten Acetazolamid, Prednisolon, Nifedipin und Phosphodiesterasehemmern müssen Nebenwirkungen und Kontraindikation je nach Vorerkrankung überprüft werden.

Rainald Fischer

7. Orthopädische Probleme beim Bergsteigen

Bei den verschiedenen Spielformen des Bergsteigens – vom leichten Bergwandern bis zum Expeditionsbergsteigen – treten orthopädische Probleme gehäuft an der unteren Extremität und am Rücken auf. Dabei sind besonders die Kniegelenke betroffen. Nicht umsonst hat sich deswegen auch der etwas unglückliche Begriff „Bergsteigerknie“ eingebürgert. Viele Bergsteiger sind auch im hohen Alter noch aktiv und oft mit Knie- oder Hüftendoprothesen versorgt. Hier stellt sich die Frage nach der Belastungs- und Sportfähigkeit, die jeweils individuell beurteilt werden sollte.

Thomas Hochholzer

8. Besonderheiten des Kinder- und Jugendbergsteigens

Kinder haben aufgrund ihrer körperlichen Besonderheiten physiologische und psychologische Unterschiede zu Erwachsenen, z. B. in der Thermoregulation, in den Auswirkungen von Höhe sowie in der Reaktion auf Medikamente. Wichtige Maßnahmen für Trekking mit Kindern bestehen darin, Tempo und Distanz des Trekkings den Fähigkeiten der Kinder anzupassen, die Körpergewichte der Kinder (für die Dosierung) zu notieren, eine geeignete Notfallapotheke mit sich zu führen (mit dem Hausarzt besprochen, inklusive Medikamente zur Therapie von Höhenerkrankungen) sowie die Erstellung eines Rettungsplans im Falle von schwereren Erkrankungen. Genauso wichtig ist aber auch der Spaßfaktor für die Jugend, um eine lebenslange emotionale Prägung zu erreichen.

Susi Kriemler

9. Schwangerschaft, Antikonzeptiva und Bergsteigen

Schwangere profitieren von regelmäßiger körperlicher Betätigung. Verminderte bis gar keine körperliche Aktivität erhöht bei Mutter und Kind das Risiko für Adipositas, Gestationsdiabetes und hypertone Schwangerschaftserkrankungen bis hin zur Präeklampsie. Die Empfehlungen für Bergsport bei Schwangeren bis zu 2500 m sind moderates Bergsteigen bei unkomplizierter Schwangerschaft; indirekte Kontrolle der maximalen Belastung durch den Talk Test; ausreichende Flüssigkeitszufuhr; Meiden von Bergsportarten mit hoher Verletzungsgefahr. Über 2500 m ist es zusätzlich empfohlen, eine langsame Akklimatisation durchzuführen; erst nach 2 bis 3 Tagen Akklimatisation ist Bewegung im sicheren aeroben Bereich möglich; große Anstrengungen sind nur nach einer Akklimatisation von 2 Wochen und nur im Bereich von 2500 bis 3000 m durchzuführen; auf Symptome der akuten Höhenkrankheit ist zu achten.

Evelyn Baumgartner

10. Akute und chronische Schäden durch Sportklettern

Das Unfallrisiko in den einzelnen Disziplinen des Alpinsports variiert sehr in Abhängigkeit von objektiven Gefahren, Sicherungsmöglichkeiten und der persönlichen Risikobereitschaft. Beim reinen Sportklettern sind die objektiven Gefahren allerdings gering. Verschiedene Untersuchungen der letzten Jahre konnten zeigen, dass die meisten Verletzungen beim Sportklettern Überlastungsschäden sind. Dennoch kommt es immer wieder auch zu schweren, teils tödlichen Unfällen. Betrachtet man die einzelnen Verletzungen, stehen Verletzungen und Überlastungserscheinungen der Hand und hier v.a. der Finger im Vordergrund. Die Ringbandverletzung ist die häufigste akute Verletzung, die Sehnenscheidenentzündung der Fingerbeugesehnen die häufigste Überlastung. Schulterverletzungen nehmen in den letzten Jahren zu. An der unteren Extremität finden sich v. a. chronische Schäden durch die sehr engen Kletterschuhe sowie Knie und Muskelverletzungen durch „kneehooks“. Bei Kindern finden sich immer wieder atraumatische Ermüdungsfrakturen der Finger.

Volker SchÖffl

11. Therapeutisches Klettern – eine Extremsportart geht neue Wege

Klettern als therapeutische Intervention gewinnt in den verschiedensten Bereichen immer mehr an Bedeutung. Durch seinen vielfältigen Anspruch an das Gesamtsystem Mensch kann es, wenn in adäquater Art und Weise angewendet und individuell betreut, durchaus als unterstützende Therapiemaßnahme empfohlen werden. Der wissenschaftlich fundierte Nachweis gestaltet sich trotz einer Vielzahl an positiven Berichten jedoch aufgrund der spärlichen Datenlage schwierig. Dieser Tatsache sollte im Sinne einer Etablierung einer effizienten und innovativen Therapieform in Zukunft vermehrt Rechnung getragen werden.

Veronika Leichtfried

12. Strahlenschäden Strahlenschäden an der Haut im Hochgebirge

Das Wissen um die physikalischen, biologischen und medizinischen Effekte der UV-Strahlung stellt die Grundlage für eine gezielte Prävention dar. In den letzten Jahren haben bahnbrechende Forschungen lange geltende Dogmen über UV-induzierte Hautschäden und ihre Prävention völlig umgestoßen. Dazu gehört auch die Erkenntnis über die zuvor als eher harmlos eingeschätzte UVA-Strahlung, die nicht nur das Hauptaktionsspektrum vieler Fotodermatosen und der lichtbedingten Alterung darstellt, sondern darüber hinaus als potentieller Melanom-Auslöser erkannt wurde. Auch im Hinblick auf die Durchführung des UV-Schutzes lassen neue Erkenntnisse die übliche Handhabung von Lichtschutzmitteln, insbesondere unter der hohen UV-Belastung im Gebirge als völlig unzureichend erscheinen.

Josef Koller

13. Augenschäden im Hochgebirge

Was für Unternehmungen im Hochgebirge gilt, ist in ähnlicher Weise auch für unwirtliche Gegenden der Erde gültig, die durch Abgeschiedenheit, Entfernung von der Zivilisation, extremes Klima, besondere Umgebung (Wüsten, Regenwald, Eis und Schnee, Höhlen) oder objektive Gefahren, aber auch fehlende Hygiene, spezielle Krankheitsspektren und ungewohnte Ernährungsbedingungen gekennzeichnet sind. Üblicherweise kommen die angeführten Einzelfaktoren in variabler Kombination vor. Die schädigenden Einflüsse können unbeschadet ihrer Herkunft (exogen, endogen) grundsätzlich alle Teile des Auges Lider, Bindehaut, Hornhaut, Lederhaut, Aderhaut, Linse, Glaskörper, Netzhaut Sehnerv) in variabler Intensität betreffen, doch werden Anomalien, die das Sehvermögen unmittelbar verändern wohl als eindrucksvoller empfunden und daher eher wahrgenommen. Dabei sind auch die für die Informationsweiterleitung und -verarbeitung wesentlichen Gehirnstrukturen mit zu betrachten.

G. Schhmann

14. Terrestrische und kosmische Strahlung Strahlung kosmische Strahlung terrestrische

Die Erde ist seit ihrem Bestehen kosmischer Strahlung ausgesetzt. Sie selbst strahlt aufgrund des in ihr gespeicherten Urans und dessen radioaktiver Spaltprodukte. Alles Leben auf diesem Planeten hat sich im Laufe der Jahrmillionen durch Evolution an diese natürliche Strahlenexposition angepasst. Für den Menschen relevant sind neben terrestrischer, kosmischer und solarer Strahlung auch die aus den verschiedenen Elementen hergestellte künstliche Strahlung in Medizin, Industrie und Forschung. Während der Großteil der kosmischen Strahlung von der Erdatmosphäre absorbiert wird, bleiben uns die terrestrische Strahlung sowie die von uns Menschen erzeugte Strahlung in ihrer vollen Intensität auf der Erde erhalten. Sowohl Kenntnisse über Herkunft und Wirkung verschiedener Strahlenarten, als auch deren Umsetzung im Strahlenschutz können die Strahlenexposition deutlich reduzieren. Leben auf diesem Planeten heißt im Grunde genommen auch: leben mit Strahlung.

Ulrike Prettenhofer

15. Risikomanagement undUnfallprävention im Alpinsport

Risikomanagement kann nicht in erster Linie bedeuten, aus „Fehlern zu lernen“, da sie unter Umständen gar nicht bemerkt werden, sondern muss vielmehr heißen, Fehler in der Planung und in Verhaltensexperimenten vorwegzunehmen. Dies ist eine Forderung an die Ausbildung. Konkret: Ein Mensch, der beim Klettern das Sichern lernt, muss erleben und erfahren wie es ist, im Moment der Umgreifens der Sicherungshand einen unerwarteten Sturz halten zu müssen. Jedes Verhaltenskonzept (wie „kein Schlappseil“, „Bremshandprinzip“ etc.) sollte in der Ausbildung durch Verhaltensexperimente „belastet“ werden, die den schlimmstmöglichen Fall – natürlich entsprechend abgesichert – simulieren. Nur so kann erfahrungsbegründetes Wissen entstehen und eine Sicherungsroutine, die ihren Namen verdient. Wissen ohne Erfahrung bleibt abstrakt, Erfahrung ohne Wissen ahnungslos.

Martin Schwiersch

Alpine Unfallmedizin

Frontmatter

16. Angstzustände im Alpinsport

Angst und die damit in Zusammenhang stehende physiologische Stressreaktion spielen im Alpinsport eine wichtige Rolle. Einerseits wird dadurch unser Verhalten bei drohender Gefahr maßgeblich beeinflusst, andererseits entsteht durch bewältigte Herausforderungen ein Gewinn an Lebensfreude und Wohlbefinden. Ein „Zuviel“ an Angst erreicht allerdings rasch Krankheitswert. Zu Epidemiologie und Bedeutung von Angsterkrankungen im Alpinsport gibt es jedoch kaum gesicherte Erkenntnisse; ebenso wurde bislang der Einsatz medikamentöser oder psychotherapeutischer Interventionen in Mittleren und Großen Höhen kaum systematisch untersucht. Die Entstehung der akuten Höhenkrankheit ist eng an Stressmechanismen gekoppelt. Sie ist in gewisser Weise als das Produkt aus dem Stressor „Sauerstoffmangel“ und einem individuellen Faktor zu betrachten, der als erhöhte Angst vor Kontrollverlust identifiziert werden kann.

Frans van der Kallen

17. Alpine Traumatologie

Der Kunstbegriff „alpine Traumatologie“ beschreibt die Lehre über die Versorgung von Verletzungen aller Art in alpiner Umgebung. „Alpine Umgebung“ ist hier nicht im wörtlichen Sinn zu verstehen, gemeint ist das Fehlen einer zivilisatorischen Infrastruktur im Allgemeinen. Deshalb muss unterschieden werden, ob die Lokalität fernab medizinischer Transport- und Behandlungsmöglichkeiten gelegen ist (Expeditionen), oder lediglich außerhalb der gesicherten Räume, aber in Reichweite professioneller Rettungsdienste (Alpen). Diese Abgrenzung ist exemplarisch, in Abhängigkeit von der konkreten Situation können daraus aber erheblich unterschiedliche Einsatz- und Therapieoptionen resultieren. In der topografischen Gliederung der Verletzungen darf keine umfassende Darstellung mit Lehrbuchcharakter erwartet werden. Es werden punktuell typische Verletzungsbilder behandelt, die einen besonderen Stellenwert im Notfallgeschehen genießen.

Christoph Kruis

18. Blitzunfälle im Gebirge

Blitze sind eine große Gefahr beim Bergsteigen. Bei Gewitter sollte man Grate und Gipfel sowie einzeln stehende Bäume meiden. Der Abstand zur Felswand sollte 1 Meter betragen (Kriechströme!). Metallische Gegenstände, z. B. Karabiner, Steigeisen, sollten in sicherer Distanz deponiert werden. Blitze folgen Wasserrinnen, nassen Seilen, Drahtseilen und Metallleitern, deshalb sollte man Distanz davon halten. Um einen Sturz zu verhindern, sollte man an einem trockenen Seil am Fels gesichert sein und einen Helm tragen. Stehen die Haare zu Berg, sollte man eine Hockposition (Füße eng nebeneinander) gehen. Knisternde Laute und Elmsfeuer weisen auf einen unmittelbar bevorstehenden Blitzeinschlag hin. Das Retten von Blitzopfern im Gewitter kann gefährlich sein. Die Erstversorgung von Blitzopfern richtet sich nach den gültigen Reanimationsrichtlinien. Davon abweichend können eine frühe Defibrillation bei Kammerflimmern oder eine prolongierte Beatmung bei isoliertem Atemstillstand lebensrettend sein.

Peter Paal

19. Hypothermie

Im Gebirge ist die Kälteeinwirkung vor allem bei Nässe und Wind allgegenwärtig. Nicht nur beim Lawinen- und Gletscherspaltenunfall, sondern bei allen verletzten und erschöpften Bergsteigern kann eine begleitende Hypothermie, d. h. eine Körperkerntemperatur (KKT) unter 35° C, vorliegen. Der Schweregrad kann im Gelände anhand des Bewusstseinszustandes, des Muskelzitterns und des Atem-Kreislaufsystems geschätzt werden. Wenn möglich sollte die KKT zusätzlich vor Ort gemessen werden, da die klinische Symptomatik sehr variabel sein kann. Die Unterkühlung reduziert den Sauerstoffverbrauch und erhöht damit die Überlebenschancen bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Daher kann selbst nach stundenlanger kardiopulmonaler Reanimation (CPR) das Outcome gut sein. Der Tod hypothermer Patienten sollte nur dann festgestellt werden, wenn eine mit dem Leben nicht vereinbare Situation vorliegt. Im Allgemeinen gilt: „Niemand ist tot, solange er nicht wiedererwärmt und tot ist.“

Bruno Durrer, Hermann Brugger

20. Erfrierungen

Erfrierungen sind Verletzungen, die in der Zivilbevölkerung v. a. in Risikogruppen vorkommen. Nicht selten begleiten sie immobisilierende Verletzungen oder eine Hypothermie, die vorrangig behandelt werden müssen. Während bei oberflächlichen Erfrierungen meist keine spezielle Therapie notwendig ist, werden heute zur Behandlung von tiefen Erfrierungen neben der raschen Wiedererwärmung im warmen Wasserbad Vasodilatantien wie Iloprost und Thrombolytika wie der rekombinante Gewebs-Plasminogen-Aktivator rtPA mit vielversprechenden Erfolgen eingesetzt. Die frühzeitige Durchführung einer Knochenszintigraphie oder einer MR- oder CT-Angiographie ermöglichen eine prognostische Abschätzung der Gewebeschädigung und einer eventuell notwendigen Amputation. Chirurgische Interventionen sind in Einzelfällen sofort notwendig, in den allermeisten Fällen aber erst nach Abschluss der Gewebsdemarkation.

Rosmarie Oberhammer, Emmanuel Cauchy

21. Lawinenmedizin

Lawineneinsätze sind durch ihre anspruchsvolle Logistik eine Herausforderung für alle Rettungskräfte, v. a. aber für das medizinische Rettungsteam. Da häufig mehrere Opfer gleichzeitig verschüttet sind, sind besondere Fachkenntnisse für die Triage und die Wahl des Zielkrankenhauses erforderlich. Verschüttete mit kurzer Verschüttungsdauer werden nach den allgemeinen Reanimationsrichtlinien behandelt. Erst ab einer Verschüttungsdauer von 35 Minuten ist, bei freien Atemwegen, eine allgemeine Unterkühlung zu erwarten und je nach dem Schweregrad zu behandeln. Liegt ein Kreislaufstillstand mit nachgewiesener Asystolie vor, sollte der Notarzt an Hand der Verschüttungsdauer, Kerntemperatur und Atemwege zwischen Asphyxie und Hypothermie unterscheiden und nach dem Algorithmus der Internationalen Kommission für Alpine Notfallmedizin IKAR MEDCOM die Reanimation einleiten und bis zur extrakorporalen Wiedererwärmung im geeigneten Zielkrankenhaus fortsetzen oder die Wiederbelebung abbrechen.

H. Brugger, Bruno Durrer

22. Internistische Notfälle im Gebirge

Entscheidend bei der Planung einer Hochgebirgstour in der Wildnis ist die Beurteilung, welche Auswirkungen extreme Belastungen, beispielsweise Hitze am Anmarsch und Höhe/Kälte am Berg, auf potentielle individuelle Risiken haben. Der Arzt muss den Ratsuchenden offen über diese individuellen Risiken, aber auch über praktikable Behandlungsstrategien schonungslos aufklären. In der Regel sollen nur gut trainierte und erfahrene Bergsteiger sich in die ohnehin risikoreiche Hochgebirgswildnis vorwagen. Wildnis bedeutet immer, dass die medizinischen Hilfsmöglichkeiten bei Notfällen extrem beschränkt bleiben. Der Schwerpunkt der Beratung und ärztlichen Begleitung wird also immer auf Risikoreduktion in größtem Umfang bestehen. Sein ganz persönliches Restrisiko muss der Bergsteiger bereit sein, selbst zu übernehmen.

W. Schaffert

23. Lebensrettende Sofortbergung

Kameradenhilfe in Bergnot kann Leben retten. Bis die Bergrettung/Bergwacht eintrifft, verstreicht kostbare Zeit. Jeder über das Anfängerstadium hinausgewachsene Bergsteiger sollte deshalb in der Lage sein, mit seiner konventionellen Ausrüstung sich selbst und seinem Kameraden zu helfen. Bergsteigen kann man nicht aus Büchern lernen und ein praktischer Ausbildungslehrgang kann durch nichts ersetzt werden. Erst das Training und die Wiederholungen von Techniken in den unterschiedlichsten Situationen versetzen uns in die Lage, lebensrettende Maßnahmen auch in Notsituationen zu treffen und erfolgreich anzuwenden.

Klaus Hoi

24. Terrestrische Bergrettung Bergrettung terrestrische : spezifische ärztliche Einsatztaktiken

Bergrettungseinsätze stellen spezielle Anforderungen an den Notarzt. Verzögerte Eintreffzeiten und Witterungseinflüsse verstärken oft die Folgen von Verletzungen. Objektive Gefahren machen ein rasches und zielgerichtetes therapeutisches Management notwendig um das Risiko für Opfer und Helfer so gering wie möglich zu halten. Spezielle Situationen erfordern spezielle medizinische Kenntnisse. Der Notarzt muss sich als Teil eines Rettungsteams verstehen und sollte die Rettungsaktion nicht durch überzogene medizinische Maßnahmen behindern. In vielen Fällen muss er ohne die gewohnte professionelle Assistenz und Überwachungssysteme arbeiten. Große Herausforderungen stellen die Behandlung von schweren traumatischen Verletzungen in unzugänglichem Gebiet dar.

Fidel Elsensohn

25. Canyoning- und Höhlenunfall

Eine Rettung aus Schluchten und Höhlen ist in der Regel nur terrestrisch möglich und deshalb aufwändig und langwierig. In diesem Kapitel werden Epidemiologie und Unfallmechanismen, besondere Gefahren, spezielle Ausrüstung, Anforderungen an Retter und Ärzte sowie Patientenversorgung und Bergung bei Canyoning- und Höhlenunfällen vorgestellt.

Inigo Soteras, Giacomo Strapazzon

26. Möglichkeiten und Grenzen terrestrischer Notfallmedizin im alpinen Gelände

Ein medizinischer Notfall im alpinen Gelände stellt für die Einsatzkräfte eine spezielle Herausforderung dar. So ist bereits im Vorfeld eine möglichst genaue Einsatzplanung in Zusammenarbeit mit allen an der Rettung beteiligten Organisationen unerlässlich. Die Einschätzung der Gefahrensituation ist dabei von hoher Wichtigkeit. Die eigentlichemedizinische Versorgung richtet sich grundsätzlich nach den international gültigen Guidelines der Notfallversorgung (ABCDE-Algorithmus). Die besonderen Umstände machen jedoch oft ein Abweichen davon notwendig. Die Indikation zu invasiven Maßnahmen ist aufgrund der erschwerten Bedingungen enger zu stellen als bei Notfalleinsätzen im „urbanen“ Umfeld. Blutstillung, Analgesie und v. a. Vermeidung der Hypothermie sollten aber auch unter widrigen Umständen angestrebt werden. Im Falle einer Reanimationssituation wurden von der IKAR MEDCOM zusätzliche Kriterien aufgestellt, die die Entscheidung über Wiederbelebungsmaßnahmen erleichtern.

Bernhard Ziegler

27. Möglichkeiten und Grenzen der alpinen Helikopterrettung

Die medizinische Dringlichkeit ist bei schwierigen und gefährlichen Rettungen immer wohlüberlegt gegenüber den subjektiven (Können und Erfahrung der Helicrew und Retter) und objektiven Rettungsrisiken (Nacht, Wetter, Lawinen, Stein-/Eisschlag) abzuwägen. Unverletzte, gut ausgerüstete Bergsteiger können problemlos eine weitere Nacht biwakieren und frühmorgens ohne Steinschlaggefahr aus einer Wand geflogen werden. Bei Schwerverletzten wird man hingegen den zu verantwortenden Risikospielraum immer voll ausnützen. Die letzte Entscheidung muss stets beim Rettungsteam liegen. Bei schlechtem Wetter ist ein primärer Transport per Bergbahn und Ambulanz ins nächste Spital besser als ein gefährlicher Irrflug mit Landung und Blockierung im unzugänglichen Gelände.

Bruno Durrer

28. Anforderungen an den Bergrettungsarzt und den alpinen Flugrettungsarzt

Notfälle in den Bergen stellen besondere Anforderungen an das Rettungspersonal und speziell an Notärzte. Objektive Gefahren und organisationsbedingte Einschränkungen setzen den notfallmedizinischen Maßnahmen oft Grenzen. Diese muss sowohl der bodengebunden operierende als auch der Flugrettungsarzt kennen und seine Handlungen danach ausrichten. Er muss in der Lage sein, die jeweilige Situation in ihrer Gesamtheit zu beurteilen. Als Mitglied eines Bergrettungsteams ist er nicht nur als Notarzt gefordert, sondern ist auch für seine eigene und die Sicherheit seiner Helfer verantwortlich. Diese darf durch überzogene medizinische Maßnahmen nicht gefährdet werden. Bergsteigerische und rettungstechnische Kompetenz sowie Kenntnisse über spezielle Unfallsituationen in den Bergen sind neben den gesetzlichen und organisationsbedingten Anforderungen (Flugrettungsbetreiber und Bergrettungsorganisationen) sowie langjähriger Erfahrung Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Tätigkeit als Bergrettungsarzt.

Fidel Elsensohn, Bruno Durrer

29. Rucksackapotheke des Bergsteigers und des bergsteigenden Arztes

Jede Aktivität im alpinen Gelände erfordert unter anderem auch ein entsprechendes Erste-Hilfe-Material. Traditionell nennt man das in den Bergen Tourenapotheke oder Rucksackapotheke. Deren Zusammensetzung unterscheidet sich natürlich grundsätzlich etwa von einer Autoapotheke oder von einer Reiseapotheke, es gibt aber ein paar wichtige Besonderheiten. In diesem Kapitel gibt es Hinweise zu den internationalen Standards sowie konkrete Vorschläge für den nichtmedizinischen Bergsteiger, den bergsteigenden Arzt und die Notfallausrüstung. Außerdem gibt das Kapitel wichtige Hinweise für das Absetzen eines Notrufs und informiert über die Ortung per Mobiltelefon.

Evelyn Baumgartner

Höhenmedizin

Frontmatter

30. Physik Höhenphysik der Mittleren, Großen und Extremen Höhen: die Erdatmosphäre

Im Rahmen eines Höhenaufenthaltes bzw. einer akuten Hypoxieexposition erfordern höhenatmosphärische Umgebungsbedingungen ein komplexes physiologisches Zusammenspiel zahlreicher Funktionskreise des Organismus. Der vertikale Atmosphärenaufbau wird durch die Zustandsgrößen Temperatur, Luftdruck und Luftdichte definiert, wobei innerhalb der Troposphäre (unterste Schicht der Erdatmosphäre) die Luftmischung besonders komplex ist; bis 15.000 m Höhe sind 90 % der gesamten Luftmasse und nahezu der gesamte Wasserdampf der Erdatmosphäre (Wolken, Niederschlag) enthalten; hier vollzieht sich das eigentliche Wettergeschehen. Diese und weitere physikalische Grundkenntnisse über Mittlere, Große und Extreme Höhen werden in diesem Kapitel vermittelt.

Wolfgang Domej, G. Schwaberger

31. Physiologie Höhenphysiologie der Mittleren, Großen und Extremen Höhen

Alpinistik und damit verbundene unterschiedliche Belastungsprofile stellen unter den atmosphärischen sowie klimatischen Umgebungsbedingungen eine besondere Herausforderung an das respiratorische System dar. Um der Gewebshypoxie unter Höhenbedingungen erfolgreich zu begegnen, bedarf es eines komplexen Zusammenspiels einer Reihe physiologischer regulativer Mechanismen. Eine ausreichende Funktion peripherer Chemorezeptoren (Hypoxiesensing/Glomus caroticum und Glomus aorticum) stellt dabei die Basis für eine adäquate ventilatorische Hypoxieantwort („hypoxic ventilatory response“, HVR) in der Höhe dar. Die Fähigkeit zu alveolärer Hyperventilation ist sehr individuell und entspricht vermutlich einer angeborenen Eigenschaft zur Hypoxieanpassung. Eine hohe HVR ist in Mittleren und Großen Höhen von Vorteil, in Extremen Höhen führt diese jedoch zu einem rasch progressiv abnehmenden Eiffzienzgrad der Atmung. Die respiratorische Funktion in Großen und Extremen Höhen stellt letztendlich den allein leistungslimitierenden Faktor gegenüber der Kreislauflimitierung auf Normalhöhe dar.

Wolfgang Domej, G. Schwaberger

32. Pulmonalvaskuläre und sonstige Veränderungen unter Hypoxie

Unter akuten Höhen-/Hypoxiebedingungen sind weder Untrainierte noch Trainierte von einer pulmonalarteriellen Drucksteigerung infolge pulmonaler Vasokontriktion („hypoxic pulmonary vascular response“, HPVR) ausgenommen. Die HPVR stellt eine autonome Leistung der pulmonalen Strombahn dar, die auch noch an autoptischen Lungenpräparaten nachweisbar ist und völlig unabhängig vom vegetativen Nervensystem abläuft. Mit großen individuellen Unterschieden verdoppeln Gesunde ihren pulmonalarteriellen Druck in etwa 4000 m Höhe, wobei es große individuelle Unterschiede gibt. Diese physiologische hypoxische pulmonalarterielle Hypertonie (HPAH) dient der Homogenisierung der Lungenperfusion (Angleichung der Perfusions- und Ventilationsverhältnisse sowie Abnahme funktioneller Shunts) und optimiert innerhalb bestimmter Druckgrenzen die Sauerstoffaufnahme. Die HPAH ist nach Rückkehr auf Normalhöhe kurzfristig reversibel, sofern noch kein Remodeling der Pulmonalgefäße stattgefunden hat.

Wolfgang Domej, G. Schwaberger

33. Respiratorische Farbstoffe unter Hypoxiebedingungen

Für die Sauerstoffversorgung des Organismus spielen auch die Quantität und Qualität des Hämoglobins eine nicht unwesentliche Rolle. Mildere Anämieformen sind mit einer Höhenexposition bis in Mittlere Höhen meistens gut vereinbar. Ein Hämoglobingehalt unter 8 g/dl ist jedoch mit einem Höhenaufenthalt nicht mehr kompatibel. In seltenen Fällen kann auch die Qualität des Hämoglobins einen Vorteil oder Nachteil für die Oxygenierung des Gewebes bedeuten.

Wolfgang Domej

34. Höhensimulation: Technik und Bedeutung für Medizin, Training und Forschung

Die Entwicklung und Verbreitung der Hypoxiekammertechnologie hat in den letzten Jahrzehnten den Zugang zur Hypoxieforschung, aber auch zu Hypoxietraining und Präakklimatisation in Vorbereitung auf Aufenthalte in Großen Höhen wesentlich vereinfacht. Heute werden bereits von vielen Institutionen Höhensimulationen in Hypoxie- bzw. Klimakammern angeboten. Die Zahl experimenteller Studien stieg in den vergangenen Jahren signifikant an und die Expertise in der Höhenmedizin konnte durch zahlreiche kontrollierte Studien wesentlich verbessert werden. Die meisten Hypoxiekammern basieren auf einer Generation normobarer Hypoxie (NHX), d. h. Sauerstoff wird prozentual durch Stickstoff ersetzt, der Gesamtluftdruck in der Hypoxiekammer bleibt jedoch gegenüber der Außenatmosphäre unverändert. Seltener und technisch sehr viel aufwändiger sind Einrichtungen auf Basis hypobarer Hypoxie (HHX, Unterdruckkammern), die eine bestimmte Höhe auch druckmäßig simulieren können.

Wolfgang Domej

35. Intermittierende Hypoxie: Höhentraining und Präakklimatisation

Intermittierende Hypoxie (IH) ist definiert als wiederholte Sauerstoffmangelexpositionen, welche durch Phasen mit normalem Sauerstoffangebot unterbrochen sind. Im Bereich des Höhentrainings kann IH über eine Erhöhung der Sauerstofftransportkapazität des Blutes oder über eine Verbesserung der Bewegungsökonomie zur Optimierung der Ausdauerleistung in Tallage führen. Eine generelle Empfehlung für die Gestaltung des Höhentrainings kann basierend auf den wissenschaftlichen Ergebnissen nicht gegeben werden. Für die Anwendung von IH zur Präakklimatisation können Nächtigungen in Höhen über 2000 m oder möglichst häufige Tagesaufenthalte bis über 3000 m empfohlen werden. Ebenso dürften Nächtigungen in normobarer Hypoxie und wiederholte 3- bis 4-stündige Expositionen über 4000 m simulierter Höhe Präakklimatisationseffekte hervorrufen. Für IH-Protokolle mit Hypoxieexpositionen von ca. 1 Stunde ist die AMS-Prophylaxe fraglich.

Martin Faulhaber, Maria Wille

36. Schlaf Schlaf und Atmung in der Höhe

Die Schlafstruktur in der Höhe ist im Wesentlichen unverändert gegenüber der im Flachland, aber der Schlaf wird häufig unterbrochen durch respiratorische Arousals (Schlafunterbrechungen). REM und Tiefschlaf nehmen zugunsten von Leichtschlaf leicht ab. Cheyne-Stokes-Atmung dominiert die Atmung im Schlaf in großen Höhen. Für die Ausprägung der Cheyne-Stokes-Atmung sind individuelle Unterschiede beim Atemantrieb bzw. dem „loop gain“ maßgeblich. Schnarchen und Schlafapnoe nehmen zunächst in Mittleren bis Großen Höhen zu. Dies muss bei Personen mit den entsprechenden schlafbezogenen Atmungsstörungen vor Beginn einer Höhentour bedacht werden. Schnarchen und Schlafapnoe nehmen zunächst in Mittleren bis Großen Höhen zu. Dies muss bei Personen mit den entsprechenden schlafbezogenen Atmungsstörungen vor Beginn einer Höhentour bedacht werden. Acetazolamid verbessert den Schlaf in der Höhe durch indirekte Reduktion der respiratorischen Arousals bei Reduktion der Cheyne-Stokes-Atmung.

Nikolaus Netzer

37. Arterieller Blutdruck Höhe Auswirkungen auf den Blutdruck und Hypoxie

Das Blutdruckverhalten unter Hypoxieeinfluss ist in Abhängigkeit von individuellen Faktoren, Höhe, Umgebungstemperatur, Aufstiegsgeschwindigkeit und Aufenthaltsdauer variabel. Da bei Herz-Kreislauf-Patienten die Belastungsreserve bereits in 2500 m Höhe eingeschränkt sein kann, sind ein langsamer Aufstieg, rechtzeitiges Zurücknehmen körperlicher Aktivität, Blutdruckselbstkontrollen sowie eine entsprechende körperliche Vorbereitung sinnvolle Maßnahmen der Risikominimierung. Für Trekkingtouren bis 5000 m ist neben klinischer Blutdruckstabilität aber auch eine Vorbereitung und solide körperliche Leistungsfähigkeit erforderlich. Medizinisch gut eingestellte Hypertoniker ohne klinisch manifeste Sekundärfolgen sind ebenso höhentauglich wie Gesunde. Unter medikamentöser Stabilisierung des Blutdrucks bestehen keine Kontraindikationen für Aufenthalte auch in Großen Höhen.

Wolfgang Domej

38. Höhentrekking und Höhenbergsteigen bei Hypertonie und koronarer Herzkrankheit

Ein Aufenthalt in mittleren Höhen und darüber bedeutet für das Herz-Kreislaufsystem des Menschen eine gravierende Umstellung im Vergleich zu den Lebensbedingungen in einer Seehöhe < 2000 m. Durch Akklimatisationsvorgänge stellt sich der Kreislauf nach einigen Tagen auf den niedrigeren Luftdruck und den damit einhergehenden niedrigeren Sauerstoffpartialdruck in größerer Höhe ein, wobei diese Anpassungsvorgänge mit einem deutlich stimulierten Sympathikotonus einhergehen. Blutdruckerhöhend wirken zusätzlich die in der Höhe zu beobachtende Verminderung des Gesamtkörperwassers sowie die Erhöhung des Hämatokrit, der initial durch die Dehydratation und in weiterer Folge durch eine Stimulation der Erythropoese zustande kommt. Patienten mit arterieller Hypertonie sollten daher vor Antritt eines Aufenthaltes in Höhen > 2500 m kardiovaskulär und pulmonologisch auf ihre Tauglichkeit dafür getestet werden. Ein ideales Untersuchungsinstrument hierfür stellt die Ergometrie dar. In diesem Kapitel werden wichtige Empfehlungen für Hypertoniker und Patienten mit koronaren Herzkrankheiten gegeben.

R. Zweiker

39. Höhentrekking und Höhenbergsteigen bei Herzinsuffizienz

Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören zu den häufigsten Todesursachen in den westlichen Ländern. In diesem Zusammenhang stellt regelmäßige körperliche Aktivität einen integrativen Bestandteil im Rahmen der Sekundärprävention von kardiovaskulären Krankheiten dar. Medizinisch kontrollierte Trainingseinheiten etwa in Form von Koronarsportgruppen sind insbesondere nach Herzinfarkten ein zentrales Element der Rehabilitation. Durch die fortschreitende touristische Erschließung der Bergwelten kann auch der alpine Breitensport mit immer geringerem Aufwand ausgeübt werden. Touristisch erschlossene alpine Räume bieten ganzjährig die Möglichkeit zu sportlicher Betätigung. Deshalb spielt die Beratung von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und geplantem Höhenaufenthalt eine zunehmende Bedeutung in der ärztlichen Betreuung.

Sascha Pätzold

40. Präventivmedizinische und gesundheitstouristische Aspekte der Mittleren Höhen

Aus physiologischer Sicht haben die sogenannten Mittleren Höhen (bis 3000 m) für Gesundheitssuchende den Vorteil, dass in moderater Hypoxie eine Höhenakklimatisation möglich und diese innerhalb weniger Tage vollständig abgeschlossen ist. Personen mit präexistenten Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten bei Antritt eines Höhenurlaubs wesentliche Aspekte beachten, um das Risiko für potentielle kardiovaskuläre Ereignisse zu reduzieren. Dazu zählen regelmäßiges Training am Heimatort, Stressminimierung bei Anreise sowie Gewöhnen an die Höhe und Umgebungstemperatur mit moderatem Beginn der Sportausübung. Ein alpiner Wanderurlaub wird von Personen mit metabolischem Syndrom bei individuell gestalteter Urlaubsplanung und adäquater Ausführung gut toleriert und führt zu mannigfaltigen gesundheitlichen Verbesserungen in allen Kernbereichen der Erkrankung. In Mittleren Höhen profitieren Asthmatiker durch eine Verbesserung ihrer Lungenfunktion.

Beatrix Schobersberger, W. Schobersberger

41. Praxis der alpinistischen Höhentaktik: Höhenakklimatisation

Höhentaktik heißt Akklimatisation zur Prophylaxe der akuten Höhenkrankheit. Es ist erstaunlich, wie wenig Fakten zu diesem Kernthema der Höhenmedizin existieren. Man ist daher überwiegend auf Erfahrungswissen angewiesen. Jedenfalls haben die gängigen Empfehlungen zur Aufstiegsgeschwindigkeit tatsächlich nur eine eher dürftige Evidenz. Bei der Frage nach der individuellen Wirksamkeit bestimmter Anpassungsstrategien spielt die Genetik eine zentrale Rolle. Praktisch bedeutsame Fragen sind noch ungelöst: was ist bedeutsamer – die Schlafhöhendistanz oder das Steigtempo, Einzelhöhen oder die Durchschnittdistanzen? Darüber hinaus werden weitere Anpassungskriterien diskutiert und abschließend auch die kontroversen Phänomene Präakklimatisation und De-Akklimatisation besprochen.

F. Berghold

42. Akute Höhenkrankheit Akute Bergkrankheit (AMS)

In diesem Kapitel über die akute Höhenkrankheit (AMS) soll versucht werden, praxisrelevante und allgemeinverständliche Handlungsempfehlungen zu vermitteln, die eine deutliche Risikoreduktion und einen beschwerdefreien Aufstieg in große und extreme Höhen erlauben. Gerade in unserer modernen Leistungsgesellschaft, in der offensichtlich der schnelle Erfolg allzu häufig unser Handeln bestimmt, und umgekehrt Freizeit zum kostbaren Gut erklärt wird, geraten wir beim Höhenbergsteigen in einen nahezu unlösbaren Interessenskonflikt. Darüber soll in den folgenden Abschnitten auch durchaus kontrovers berichtet werden.

Wolfgang Schaffert

43. Höhenlungenödem (HAPE)

Das Höhenlungenödem („high altitude pulmonary edema“, HAPE) tritt mit einer Häufigkeit von 0,5 bis 7 % ab einer Höhe von etwa 2500 bis 3000 m nach 2 bis 5 Tagen auf. Entscheidendes pathophysiologisches Merkmal des HAPE ist der überschießende pulmonal-arterielle Druck. Dieser führt zu einem Riss der alveolokapillären Membran und zu einer Exsudation von Flüssigkeit in die Alveolen. Leitsymptom des beginnenden HAPE ist eine verminderte Belastbarkeit und Husten, später kommen Husten, rötlich-schaumiger Auswurf und Ruhedyspnoe sowie Tachykardie hinzu. Unbehandelt führt das HAPE in der Regel zum Tode. Langsamer Aufstieg und geringe körperliche Belastung in den ersten 3 bis 5 Tagen auf neuer Höhe schützen vor HAPE. Die wichtigsten Therapiemaßnahmen (in dieser Reihenfolge) beim HAPE sind der Abstieg, die Gabe von Sauerstoff, die Anwendung eines Überdrucksacks sowie medikamentös die Gabe von Nifedipin 20 mg ret. (evtl. Sildenafil 50 mg). Nach erfolgreicher Behandlung eines Höhenlungenödems ist ein Wiederaufstieg in größere Höhen bei Beachtung von optimaler Akklimatisation möglich.

Rainald Fischer

44. Höhenhirnödem Höhenhirnödem (HACE)

Das Höhenhirnödem ist zwar pathophysiologisch noch durchaus nicht ausreichend geklärt, stellt aber jedenfalls die gefährlichste Form der akuten Höhenkrankheit dar. Kann kein rechtzeitiger Abtransport in tiefe Lagen erfolgen, beträgt die Letalität rund 100 %. Es handelt sich jedenfalls um generalisierte neurologische Symptomatologien mit dem klassischen Leitsymptom Ataxie. Die Prävention durch höhentaktisch angepasstes Verhalten steht im Vordergrund. Alle medikamentösen Notfalltherapien, wie v. a. Dexamethason, dienen ausschließlich zur Überbrückung, wenn ein rascher Abtransport durch äußere widrige Umstände verzögert wird. Nicht selten ist das Höhenhirnödem mit einem Höhenlungenödem kombiniert und verläuft dann besonders dramatisch.

Evelyn Baumgartner

45. Stellenwert und Anforderungsprofil des Expeditionsarztes in Extremer Höhe

In diesem Kapitel werden Stellenwert und Anforderungsprofil des Expeditionsarztes in Extremer Höhe dargestellt, mit Seitenblicken auf die Historie des Bergsteigens außerhalb der Alpen und den modernen kommerziellen Expeditionstourismus.

Wolfgang Schaffert

46. Medizinische Ausrüstung für Höhentrekking und Expeditionsbergsteigen

Die Zusammenstellung der medizinischen Ausrüstung wird immer eine Kompromisslösung sein, die sich aus dem jeweils individuellen Expeditionscharakter ergibt. Man nimmt immer zu viel und immer zu wenig mit. Im Notfall erwartet jeder Patient, dass alles Erforderliche vorhanden ist. Man kann aber weitab jeder Fremdhilfe schon alleine aus Gewichts- und Volumengründen nicht für jeden Zwischenfall gewappnet sein. Als Rahmenbedingungen für Auswahl und Umfang können die häufigsten, vor allem aber die bedrohlichsten Erkrankungs- und Verletzungsbilder Orientierung geben

Wolfgang Schaffert

47. Infektionsrisiken auf Bergreisen

Infektionskrankheiten umfassen in der Alpin- und Höhenmedizin ein breites Spektrum und können mitunter lebensbedrohliche Komplikationen nach sich ziehen. Die Inzidenz der meisten Infektionen nimmt mit zunehmender Höhe ab. Andererseits begünstigen einige Faktoren in alpiner Umgebung die Entwicklung von Infektionskrankheiten und deren Komplikationen. Das Erregerspektrum am Berg entspricht jenem der umgebenden Region. Hypoxie und Kälte begünstigen Haut-Weichteilinfektionen. Durchfall am Berg kann zu Zeitverlust, aber auch zu lebensbedrohlicher Exsikkose führen, die orale Rehydrierung ist die wichtigste Maßnahme. Kälte, Hypoxie und körperliche Anstrengung begünstigen Atemwegsinfektionen.Einige Infektionen (z. B. Malaria) können mit höhenassoziierten Erkrankungen verwechselt werden. Bei Verdacht auf Tollwut-Exposition ist der sofortige Abstieg nötig. Vorbereitende Maßnahmen zum Schutz vor Infektionen sind jedenfalls empfehlenswert.

Thomas Valentin

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