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Erschienen in: Forum der Psychoanalyse 2/2005

01.06.2005 | Originalarbeit

Anerkennung als interaktionelles Moment der Psychoanalyse*

verfasst von: Dr. phil. Eckhard Daser

Erschienen in: Forum der Psychoanalyse | Ausgabe 2/2005

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Zusammenfassung

Nachdem in einem früheren Artikel (Daser 2003) die Theorie der Anerkennung ausführlicher entwickelt wurde, soll in dieser Arbeit dem Anerkennungsphänomen an praktisch-therapeutischen Beispielen nachgegangen werden. Zunächst wird Anerkennung als eine wertzuschreibende Handlung vorgestellt, die in Abhängigkeit vom Kontext das Selbstwertgefühl des Patienten stärkt und seine Beziehungsangst mindert, sodass er seine Abwehr reduzieren und sich dem analytischen Prozess zuwenden kann. Dabei erscheint Anerkennung einerseits als Wirkung der analytischen Methode, andererseits kann sie sich aber auch mit Interventionen verbinden, die dieser Methode zu widersprechen scheinen. Diese Interventionen erhalten damit eine die Selbsterfahrung des Patienten und damit den analytischen Prozess fördernde Wirkung. Dies wird an mehreren Beispielen ausgeführt. Darüber hinaus wird die Bedeutung der Anerkennung für Empathie hervorgehoben und am Fall eines sich zwischen Analytiker und Patient entfaltenden „Spiels“ Anerkennung als ein Element herausgearbeitet, das den Übergang von einer Reinszenierung zu einer Neuinszenierung ermöglicht. Schließlich wird Anerkennung mit den Konzepten von Stern (et al. 2002) sowie von Weiss und Sampson (1986) in Beziehung gesetzt. Dabei zeigt sich Anerkennung als ein Element des „Etwas-Mehr“, das die analytische Therapie nach Stern* über die Deutung hinaus benötigt. Dabei ist Anerkennung aber nicht nur ein Adjuvans, das der emotionalen Wegbereitung der Deutung dient. Vielmehr ist existenzielle Anerkennung, um die es hier im Unterschied zum pädagogisch gemeinten Lob geht, Ergebnis einer triangulierenden Bewegung und damit der Deutung prozessual korreliert. Anerkennung und Deutung erscheinen so als sich wechselseitig ergänzende Momente eines Selbsterfahrungsprozesses, in dem Einsichts- und Beziehungsbildung nicht zu trennen sind.
Fußnoten
1
Ich greife hier auf ein schon in anderem Zusammenhang (Daser 1995) angeführtes Beispiel zurück.
 
2
Ich verwende Gegenübertragung im weiten Sinne des Begriffes als die Gesamtheit der in mir vom Patienten ausgelösten Phantasien und Gefühle.
 
3
Die Wandlung beginnt damit, dass die Patientin nicht mehr versucht, das ihr unangenehme Schweigen durch „Geschichten“ zu überspielen (faszinierende komödienhafte Schilderungen von „Unwesentlichem“; poetisch schön formulierte und dadurch echt anmutende Trauer; Fragen an den Therapeuten, die introspektiv wirken, aber der Steuerung/Kontrolle der Stunde dienen usw.). Dadurch kann folgende Assoziationskette erarbeitet werden: Unangenehmes Schweigen = ich hab nichts zu sagen = ich weiß nichts = der Andere kann nichts mir mir anfangen = ich bin ihm lästig, werde ausgeschlossen (Vater wendet sich ab, wenn ich kein „kluges Köpfchen“ bin) = ich bin dumm, hässlich, fett (Essprobleme) und schmutzig („Sauberkeitsfimmel“).
 
4
Stern et al. (2002). Die folgenden Ziffern beziehen sich auf die Seiten dieses Artikels. Eine geraffte Fassung der These findet sich in Stern et al. (2001).
 
Literatur
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Metadaten
Titel
Anerkennung als interaktionelles Moment der Psychoanalyse*
verfasst von
Dr. phil. Eckhard Daser
Publikationsdatum
01.06.2005
Verlag
Springer-Verlag
Erschienen in
Forum der Psychoanalyse / Ausgabe 2/2005
Print ISSN: 0178-7667
Elektronische ISSN: 1437-0751
DOI
https://doi.org/10.1007/s00451-005-0235-8

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