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Angewandte Ethik in der Neuromedizin

  • 2024
  • Buch

Über dieses Buch

Anhand ausgewählter klinischer Situationen in der Neuromedizin zeigt dieses Buch, wie die wissenschaftliche Reflexion auf dem Gebiet der Neuroethik praktisch angewendet werden kann. Es richtet sich primär an Ärztinnen und Ärzte sowie an alle anderen Gesundheitsberufe, die in den Bereichen der Neuromedizin mit ethischen Fragen konfrontiert sind, die sich speziell in ihrem Tätigkeitsbereich ergeben. Indem es den klinischen Kontext in den Blick rückt, schließt das Werk die Lücke zwischen Einführungsbüchern und wissenschaftlichen Handbüchern zur Neuroethik. Das breite Themenspektrum wurde für die vollständig aktualisierte 2. Auflage um ein Kapitel zum gegenwärtigen Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Neuromedizin erweitert.

Herausgegeben von einem Krankenhausneurologen und einem wissenschaftlich tätigen Neuroethiker, enthält das Buch Beiträge von Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen und Ländern.

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. Grundlagen

    1. Frontmatter

    2. 1. Was ist Neuroethik und wozu brauchen wir sie?

      Ralf J. Jox
      Zusammenfassung
      Die Neuroethik, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelt hat, kann definiert werden als ein interdisziplinäres wissenschaftliches Gebiet, das ethische Implikationen der Neurowissenschaften von der Grundlagenforschung bis zur praktischen Anwendung, sowohl auf Ebene des Individuums als auch der Gesellschaft, reflektiert und für alle Handlungs- und Entscheidungsträger normative Orientierung geben will. Die ethische Reflexion neurowissenschaftlicher Erkenntnisse und Anwendungen ist besonders dadurch gerechtfertigt, dass das Gehirn eine herausragende existenzielle und soziale Bedeutung für unser Menschsein hat, dass die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse über Moral die Ethik in speziellem Maße angehen und dass die Neurowissenschaft in unserer heutigen Gesellschaft eine Leitwissenschaft darstellt. Für die Zukunft zeichnet sich ab, dass die Neuroethik einen Prozess der Professionalisierung durchläuft, der sowohl Chancen als auch Risiken birgt.
    3. 2. Hirnforschung und der freie Wille

      Saskia K. Nagel
      Zusammenfassung
      Sind wir frei in unseren Entscheidungen? Diese Frage lässt sich auf viele Weisen verstehen und beantworten. Unsere Antwort auf die Frage zeigt uns etwas über unser Bild vom Menschen, über unsere Erwartungen und Deutungen und nicht zuletzt über unser Selbstverständnis. Wie selbstbestimmt sind wir? Wie frei können wir entscheiden? In der Klinik stellen sich diese Fragen in ganz unterschiedlichen Situationen: Es lässt sich unterscheiden zwischen der grundsätzlichen Infragestellung des freien Willens auf der Basis neurophysiologischer Untersuchungen und der klinischen Infragestellung des freien Willens einzelner Patienten auf Basis pathologischer Befunde. So ist die Diskussion des freien Willens keinesfalls nur für pathologische Fälle klinisch relevant, sondern auch generell, wenn es um Entscheidungen von Patienten, Angehörigen und Ärzten geht.
    4. 3. Klinische Ethikberatung und ethische Entscheidungsfindung in der Neuromedizin

      Georg Marckmann
      Zusammenfassung
      Die erweiterten Möglichkeiten der modernen Medizin, menschliches Leben auch unter schwierigen Bedingungen aufrecht zu erhalten, stellen das Gesundheitspersonal vor ethische Herausforderungen. Dies gilt in besonderer Weise für die Neuromedizin, da die betroffenen Patienten häufig in ihrer Einwilligungsfähigkeit eingeschränkt sind. Der vorliegende Beitrag erläutert zunächst die Ziele und Aufgaben klinischer Ethikberatung und gibt anschließend einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten der Implementierung klinischer Ethikberatung. Nach einer Einführung in die Organisation ethischer Fallbesprechungen bildet die Darstellung der prinzipienorientierten Falldiskussion als Modell zur inhaltlichen Strukturierung der Aufarbeitung schwieriger ethischer Fallkonstellationen den Schwerpunkt des Beitrags. Abschließend wird die Anwendung des Modells anhand eines Fallbeispiels aus der Neuromedizin exemplarisch verdeutlicht.
    5. 4. Einwilligungsfähigkeit

      Norbert Nedopil
      Zusammenfassung
      Ärztliches und auch psychotherapeutisches Handeln verstoßen nur dann nicht gegen rechtliche und moralische Normen, wenn die Patienten nach Aufklärung in Untersuchung und Behandlung eingewilligt haben. Voraussetzung für rechtswirksame Einwilligung ist die Einwilligungsfähigkeit. Sie erfordert im medizinischen Bereich, dass der Betreffende Wesen, Bedeutung und Tragweite einer Untersuchung und Behandlung erfassen, das Für und Wider dieser Eingriffe abwägen und seinen Willen in Bezug auf diese frei bilden und kommunizieren kann. In dem Beitrag wird ein zweistufiges Vorgehen zur Prüfung dieser Voraussetzungen vorgeschlagen. Es wird die Einwilligungsunfähigkeit angenommen, wenn Minderjährigkeit, psychische Krankheit oder geistige Behinderung dazu führen, dass der Betreffende den Sachverhalt weder verstehen, in Bezug auf seine gegenwärtige Situation verarbeiten, auf seine persönliche Werthaltung einschätzen noch aufgrund dieser Einschätzung seinen Willen bestimmen kann. Liegen diese Voraussetzungen nicht vor, ist von Einwilligungsfähigkeit auszugehen.
    6. 5. Künstliche Intelligenz in der Neuromedizin

      Frank Erbguth
      Zusammenfassung
      Gerade in der Neuromedizin finden Anwendungen der „künstlichen Intelligenz“ (KI; engl. „artificial intelligence“, AI) und ihrer unterschiedlichen Verfahren wie z. B. maschinelles Lernen und Deep Learning zunehmend Einzug, ihre Zahl steigt exponentiell und sie gelten als revolutionäre Chance für Diagnostik, Prognoseerstellung und Therapie. Durch KI-Systeme können riesige Datenmengen durch Rechenalgorithmen schnell verarbeitet werden. Dies ist in der Neuromedizin besonders attraktiv, weil das Fachwissen schnell anwächst, die Erkrankungen komplexer Natur sind und die Zahl der Betroffenen drastisch zunimmt. Die Steigerungsrate der (potenziellen) Anwendungen ist unter anderem daran abzulesen, dass in den USA bereits mehr als 500 KI-Anwendungen in der klinischen Medizin registriert bzw. zugelassen sind. Erwartungsgemäß reicht das Spektrum der Bewertungen von unkritischer Euphorie (transformativer „Quantensprung“) bis hin zu kulturpessimistischen Bedenken (disruptives Potenzial) und der Diskurs wird schlagwortartig häufig unter dem Motto „Segen oder Fluch“ geführt. Zweifellos tangieren die Prozesse und Ergebnisse des KI-Einsatzes Werte und ethische Prinzipien. Die Entwicklung und Anwendung der KI muss daher sowohl systemisch (Metaebene), als auch institutionell (Mesoebene) und in der konkreten Arzt-Patient-Beziehung (Mikroebene) kritisch und diskursiv begleitet werden. Es soll hier das Spektrum der KI-Anwendungen in der Neuromedizin und deren ethische Implikationen skizziert und diskutiert werden.
  3. Ethische Fragen in der Neurodiagnostik

    1. Frontmatter

    2. 6. Neurogenetik

      Wolfram Henn
      Zusammenfassung
      Neurogenetische Erkrankungen stellen Patienten und ihre Familien wie auch ihre Ärzte vor besondere Herausforderungen: Ihre Diagnostik ist schwierig, aufwändig und häufig nicht erfolgreich, und auch eine gesicherte Diagnose führt in der Regel nicht zu einer kausalen Therapie. Weiterhin wirkt sich eine genetische Diagnose über den betroffenen Patienten hinaus oft auch auf klinisch bislang gesunde Familienangehörige aus. Deshalb ist eine kompetente Beratung zur Entscheidungsfindung vor einer genetischen Diagnostik unter besonderer Beachtung des „Rechts auf Nichtwissen“ ebenso unabdingbar wie eine ärztliche und psychologische Begleitung nach der Diagnose. Hinsichtlich des informed consent, des Umgangs mit genetischen Daten wie auch der innerfamiliären Kommunikation, können sich erhebliche ethische Konflikte ergeben, die ein interdisziplinäres Zusammenwirken von Klinikern, Genetikern und Ethikern erfordern.
    3. 7. Prädiktive Diagnostik neurodegenerativer Erkrankungen

      Patrick Weydt, Sarah Bernsen
      Zusammenfassung
      Es ist eine weiterhin steigende Inzidenz neurodegenerativer Erkrankungen in Deutschland zu erwarten durch den demografischen Wandel unserer Gesellschaft mit Multiplikation der Inzidenzen in den kommenden Jahrzehnten (GBD 2019 Dementia Forecasting Collaborators 2022).
      Durch die beeindruckenden Fortschritte im Bereich des Krankheitsverständnisses und der Frühdiagnostik ist es zu einer Rekonzeptualisierung neurodegenerativer Erkrankungen gekommen, die zunehmend als Kontinuum verstanden werden mit teilweise langen präklinischen, asymptomatischen oder minimal symptomatischen Prodromalphasen.
      Mit diesem Konzept sind neurodegenerative Erkrankung nicht ausschließlich als Erkrankungen des hohen Lebensalters zu verstehen, sondern der Beginn ist bereits im mittleren Lebensalter zu verorten.
      Durch verbesserte Frühdiagnostik, u. a. durch Biomarker und Definition von klinischen Frühsymptomen bzw. -syndromen, können Diagnosen oftmals in einem präklinischen Stadium gestellt werden, welches sich bereits in einigen diagnostischen Leitlinien widerspiegelt.
      Trotz ermutigender Ansätze für die Behandlung einzelner neurodegenerativer Erkrankungen ist zum aktuellen Stand keine Heilung absehbar. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, sich mit den Folgen der diagnostischen und therapeutischen Diskrepanz im klinischen Alltag auseinanderzusetzen.
      Das neue Verständnis von neurodegenerativen Erkrankungen als Kontinuum führt zu ethischen Fragen bezüglich der Offenlegung des Risikostatus bzw. des Prodromalstadiums.
      Informationen über das Vorliegen einer schwerwiegenden Erkrankung bzw. eines diesbezüglichen Risikos bietet, auch ohne ein adäquates Therapieangebot, die Möglichkeit der Selbstwirksamkeit durch Primär- und Sekundärprävention und das dadurch mögliche Hinauszögern des Erkrankungsbeginns. Dies muss abgewogen werden gegen die Belastung des Einzelnen durch die Diagnose. Neben dem Recht auf Wissen besteht ein Recht auf Nichtwissen, und diese beiden Güter müssen informiert gegeneinander abgewogen werden. Eine gelungene Beratung mit prädiktiver Diagnostik kann trotz der bislang weitgehend fehlenden therapeutischen Konsequenzen auf den Patienten bzw. Ratsuchenden entlastend wirken und wichtige Lebensentscheidungen erleichtern.
    4. 8. Zufalls(be)funde in Diagnostik und Forschung

      Caroline Rödiger
      Zusammenfassung
      Beim Einsatz bildgebender Verfahren in Diagnostik und Forschung stoßen Ärzte und Forscher regelmäßig auf Anomalien, die außerhalb ihrer ursprünglichen Suchintention liegen. Solche „Zufalls(be)funde“ (engl. incidental findings) sind ein zweischneidiges Schwert: Einerseits ermöglichen sie eine frühzeitige Aufdeckung von Krankheiten, andererseits kann das Wissen um sie zusätzliche gesundheitliche Probleme auslösen und zu wesentlichen Nachteilen versicherungs- und arbeitsrechtlicher Art führen. Der Frage, ob bzw. unter welchen Bedingungen Patienten/Probanden Zufalls(be)funde mitzuteilen sind, kommt daher entscheidende Bedeutung zu. Während der Umgang mit Zufallsbefunden in der Diagnostik umfassend geregelt ist, besteht in der Forschung weiterhin Unklarheit. In diesem Beitrag werden daher insbesondere auch die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Umgang mit incidental findings in der Forschung näher beleuchtet und Empfehlungen für die Praxis abgegeben.
  4. Ethische Fragen bei Neurointerventionen

    1. Frontmatter

    2. 9. Neuroenhancement

      Andreas Fellgiebel, Annika Steinmetz, Klaus Lieb
      Zusammenfassung
      Neuroenhancement beschreibt ganz allgemein die Einnahme von psychoaktiven Substanzen oder den Einsatz anderer neurowissenschaftlicher Techniken (z. B. transkranielle Magnetstimulation) mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung. Für die Einnahme psychoaktiver Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung wird auch der Begriff pharmakologisches Neuroenhancement (PN) verwendet. Die derzeitige Situation der Anwendung von PN bei Gesunden, Prävalenz, Motivation der Einnahme und Wissensstand über PN, die tatsächliche Effektivität sowie die moralischen Implikationen der aktuellen Debatte bilden den Gegenstand dieses Kapitels.
    3. 10. Arzneimittelanwendungen außerhalb oder vor der offiziellen Zulassung: ethische Herausforderungen von Off-Label-Use, Compassionate Use und individuellen Heilversuchen

      Holger Langhof, Daniel Strech
      Zusammenfassung
      Die Arzneimittelanwendungen Off-Label-Use, Compassionate Use und individueller Heilversuch sind in Deutschland im Rahmen der Arzneimitteltherapie formal zulässig, obwohl sie grundsätzlich von der Zulassungspflicht abweichen. Daher unterliegen sie speziellen medizinischen, ethischen und rechtlichen Bedingungen und Anforderungen. Neben der Unterscheidung der drei Anwendungen ist im therapeutischen Kontext die Abgrenzung zur klinischen Forschung wichtig, denn sowohl der zulassungsüberschreitende Einsatz von Arzneimitteln als auch die Anwendung neuer Substanzen unterscheiden sich vom etablierten Standard meist durch eine nur unzureichende Evidenzlage. Die sich daraus ergebenden ethischen Konfliktpotenziale werden erörtert. Das Kapitel befasst sich maßgeblich mit der Arzneimitteltherapie und -forschung. Ähnliche Aspekte, insbesondere die dargestellten ethischen Konfliktfelder, gelten jedoch auch für Medizinprodukte, chirurgische Verfahren oder andere medizinische Interventionen.
    4. 11. Placebo- und Noceboeffekte – Grundlagen, praktische und ethische Implikationen

      Ulrike Bingel
      Zusammenfassung
      Placebo- und Noceboantworten sind positive psychologische oder physiologische Veränderungen, die durch die Erwartungshaltung und Lernprozesse der Patienten induziert werden und mit messbaren neurobiologischen und peripher-physiologischen Vorgängen einhergehen. Placebo- und Noceboantworten stehen klassischerweise in Zusammenhang mit der Einnahme von Scheinmedikamenten, treten aber auch ohne die Verabreichung von Placebos auf und beeinflussen inhärent die Wirksamkeit und Verträglichkeit jeder medizinischen Behandlung. Die Darreichung von reinen Placebos ist sowohl aus juristischen als auch aus ethischen Gründen höchst problematisch, zumindest dann, wenn der Patient irregeführt und nicht über das Wesen der Placebobehandlung informiert wird. Die Mechanismen von Placeboantworten sollten aber gezielt genutzt werden, um die Wirksamkeit, Verträglichkeit und Adhärenz bestehender pharmakologischer und anderer Therapien zum Wohl des Patienten zu optimieren.
    5. 12. Klinische und ethische Aspekte der Neuromodulation

      Christian Ineichen, Heide Vogel, Markus Christen
      Zusammenfassung
      Neuromodulation bezeichnet die gezielte, kontinuierliche und steuerbare Einflussnahme auf neuronale Prozesse mit dem Ziel, therapeutische Wirkungen zu erzeugen. Ein Paradebeispiel von Neuromodulation ist die tiefe Hirnstimulation (THS). THS wird am häufigsten für Bewegungsstörungen eingesetzt, zunehmend aber auch für weitere neurologische und psychiatrische Erkrankungen. Dieser Beitrag führt in die Grundlagen der Neuromodulation und die Kriterien für deren ethische Bewertung ein. Danach werden aktuelle klinische und ethische Gesichtpunkte der Neuromodulation am Beispiel der THS erläutert. Dabei werden die Herausforderungen des Eingriffs anhand der Beispiele der THS bei der Depression sowie deren Auswirkungen auf die Beziehungsebene illustriert. Der Beitrag schließt mit Empfehlungen für Forschung und klinische Weiterentwicklung von THS.
    6. 13. Ethische Probleme bei neurochirurgischen Gehirninterventionen

      Sabine Müller
      Zusammenfassung
      Neurochirurgische Interventionen in das Gehirn sind eine besondere Herausforderung für Ärzte und Patienten: zum einen, weil es dabei häufig um Leben und Tod geht, zum anderen, weil sie die biologische Basis der Person subtil oder massiv verändern können. Das gilt häufig sowohl für die Erkrankung als auch für die neurochirurgische Behandlung. Neben der klassischen Neurochirurgie, die insbesondere offene Operationen am Gehirn (mit Kraniotomie) sowie stereotaktische Operationen inklusive der Implantation von Elektroden für die Tiefe Hirnstimulation umfasst, spielt die ambulant durchführbare Radiochirurgie eine immer größere Rolle. Das Spektrum der Indikationen für neurochirurgische Behandlungen verändert sich in der letzten Zeit deutlich.
    7. 14. Neuroprothesen und Gehirn-Computer-Schnittstellen

      Jens Clausen
      Zusammenfassung
      Neuroprothesen und Gehirn-Computer-Schnittstellen eröffnen neue Wege zu möglichen Behandlungsoptionen für bisher nicht oder kaum behandelbare Krankheitszustände von teilweise schwer leidenden Patienten. Insbesondere Patienten mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen der Hirnfunktionen können von dieser Technologie profitieren. Im vorliegenden Beitrag werden die BCI-gestützte Kommunikation mittels Buchstabierprogramm sowie die BCI-gesteuerte motorische Prothese als Beispiele für ableitende Verfahren sowie die sensorischen Neuroprothesen Cochlea- und Retina-Implantat als stimulierende Verfahren vorgestellt. Anthropologische und ethische Implikationen der Neurotechnologie werden diskutiert.
  5. Ethische Fragen in speziellen neuroklinischen Situationen

    1. Frontmatter

    2. 15. „Hirntod“ – irreversibler Hirnfunktionsausfall

      Frank Erbguth
      Zusammenfassung
      Die Debatte um den Hirntod als eine Todesart des Menschen flammt immer wieder auf, meist im Zusammenhang mit Fragen der Organspende. 2022 wurde die 5. Fortschreibung der Verfahrensrichtlinien der Bundesärztekammer (BÄK) publiziert, die – wie schon erstmals ihre Vorgängerversion 2015 – nicht mehr vom „Hirntod“, sondern vom „irreversiblen Hirnfunktionsausfall“ (IHA) spricht. Während die prozeduralen Aspekte der Hirntodfeststellung „rein medizinisch“ beantwortet werden können, bedarf die Frage, ob der Mensch nach Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls „wirklich“ als tot zu betrachten sei, auch einer anthropologischen Antwort. Insofern ist die ethische Einordnung des Hirntodes als Konzept eine Frage der Konvention. Die Argumente in diesem Diskurs wurden in der Stellungnahme des Deutschen Ethikrats 2015 ausführlich verhandelt. Am Ende wurde das bisher gültige Hirntodkonzept mehrheitlich als akzeptabel erachtet. Neue ethische Herausforderungen ergeben sich aus der Zunahme von Therapiebegrenzungen bei schweren Gehirnschädigungen, die dazu führen, dass das Hirntodstadium oft gar nicht mehr erreicht wird. Dies wirft auch die Frage auf, inwieweit ein mehrere Minuten anhaltender Herzkreislaufstillstand z. B. nach einem Therapieabbruch mit dann angenommenem Hirntod als Todeskriterium gelten kann, wie es in der Schweiz und Österreich bei Organentnahmen der Fall ist („controlled Donation after Circulatory Determination of death“, cDCD).
    3. 16. Chronische Bewusstseinsstörungen

      Ralf J. Jox, Georg Marckmann
      Zusammenfassung
      Chronische Bewusstseinsstörungen betreffen zwar relativ wenige Menschen, bergen aber enormen ethischen Sprengstoff. Eine akribische Differenzierung zwischen dem Syndrom reaktionsloser Wachheit und dem minimalbewusstem Zustand ist genauso wichtig wie eine sorgfältige Prognosestellung nach neuestem Stand der Wissenschaft. Die Entscheidungsfindung in Bezug auf Therapiemaßnahmen, speziell lebenserhaltende Therapie, muss Patientenwohl und Patientenautonomie ins Zentrum rücken, wobei in Bezug auf das Patientenwohl weniger die bloße Existenz des Bewusstseins, sondern die Frage nach Leiden und Lebensqualität auf lange Sicht im Vordergrund steht. Aus ethischer Sicht sind auch die Angehörigen der Betroffenen besonders zu unterstützen, da ihre Belastung außerordentlich ist.
    4. 17. Ethische Fragen bei demenziellen Erkrankungen

      Hanfried Helmchen
      Zusammenfassung
      Zentrale ethische Aufgabe bei demenziellen Erkrankungen ist es, das Spannungsverhältnis zwischen Respekt für die Selbstbestimmung des Kranken und Fürsorgepflicht individuell und im Verlauf der Krankheit immer wieder optimierend zu entspannen. Leitgedanke ist, dieses oft als antagonistisch erlebte Verhältnis als komplementär zu verstehen, also bei aller notwendigen Fürsorge dem Willen des Demenzkranken Raum zu geben. Ausmaß und Spezifika von Einschränkungen der Selbstbestimmungsfähigkeit sowie deren Feststellung werden erörtert. Willensbekundungen für zukünftige Situationen, in denen die Selbstbestimmungsfähigkeit erloschen ist, können in Patientenverfügungen festgehalten werden. Schwierigkeiten in deren konkreter Umsetzung werden kasuistisch exemplifiziert. Nimmt die Selbstbestimmungsfähigkeit ab, dann nimmt für den Arzt die handlungsleitende Bedeutung der dem Menschen „inhärenten“ Würde als Würde des hilfsbedürftigen Kranken zu.
    5. 18. Ethische Fragen bei neurodegenerativen Erkrankungen

      Ralf J. Jox
      Zusammenfassung
      Die Behandlung von Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen wirft etliche ethische Fragen auf, die am Beispiel der Amyotrophen Lateralsklerose diskutiert werden. Bereits aus Verzögerungen der korrekten Diagnose und unnötigen Behandlungsversuchen im Vorfeld ergeben sich ethische Bedenken. Ein früher praktiziertes therapeutisches Privileg des Arztes, die Diagnose dem Betroffenen vorzuenthalten, lässt sich ethisch nicht rechtfertigen. Die Versorgung der Patienten sollte in multiprofessionellen Zentren nach dem neuesten Stand der Wissenschaft erfolgen, doch ergibt sich hier das Problem der Zugangsgerechtigkeit. Offen ist auch die Frage der Berücksichtigung von Angehörigeninteressen bei Therapieentscheidungen. Die Versorgung sollte eine vorausschauende Behandlungsplanung (Advance Care Planning) und Information über Therapiebegrenzung enthalten. Wünsche der Patienten nach Lebensverkürzung sind ernst zu nehmen und sollten in einen tabufreien Dialog und verantwortungsvolles Handeln münden.
    6. 19. Schlaganfall

      Claire J. Creutzfeldt
      Zusammenfassung
      Therapieentscheidungen nach schwerem Schlaganfall richten sich danach, wie die Ärztin/der Arzt die Prognose einschätzt und wie die Familie den mutmaßlichen Willen des zumeist akut einwilligungsunfähigen Patienten beschreibt. Wenn die Prognose eindeutig ist und mit der individuellen Lebensqualität des Patienten nicht übereinstimmt, kann die Entscheidung zum Entzug oder zur Enthaltung lebenserhaltender Maßnahmen zwar emotional schwierig, aber ethisch relativ unkompliziert sein. In den meisten Fällen jedoch müssen Therapieentscheidungen zu einem Zeitpunkt gefällt werden, an dem die Prognose unsicher und der mutmaßliche Wille des Patienten unklar sind. In diesem Kapitel werden die ethischen Konflikte untersucht, die sich bei den Therapieentscheidungen nach schwerem Schlaganfall auftun, sowie die kognitiven Prozesse der Entscheidungsfindung und die Probleme im Zusammenhang mit errechneten Prognosemodellen. Es folgen praktische Ratschläge für den Umgang mit diesen ethischen und emotionalen Herausforderungen.
    7. 20. Entscheidungen am Lebensende

      Alfred Simon
      Zusammenfassung
      Medizinische Entscheidungen am Lebensende geben in der klinischen Praxis immer wieder Anlass für ethische Fragen und Kontroversen. Häufig sind diese in der fehlenden Kenntnis der rechtlichen Rahmenbedingungen begründet. Ausgehend von einem konkreten Fallbeispiel werden zunächst die verschiedenen Formen der Sterbehilfe (Tötung auf Verlangen, Suizidhilfe, Symptomlinderung und Behandlungsabbruch) einschließlich ihrer rechtlichen Bewertung vorgestellt. Anschließend wird auf die ethisch-rechtlichen Kriterien der Entscheidungsfindung (Indikation und Patientenwille) sowie auf die Besonderheiten ärztlicher Entscheidungen in Notfallsituationen eingegangen. Abschließend wird der Prozess der Entscheidungsfindung entlang der vorgestellten Kriterien an dem dargestellten Fall illustriert.
    8. 21. Neuropalliative Care

      Stefan Lorenzl
      Zusammenfassung
      In der alltäglichen Praxis der Neuropalliative Care spielen ethische Entscheidungsfindungen sowie die Autonomie der Patienten, die körperlich und kognitiv eingeschränkt sind, eine zentrale Rolle. Daher werden im vorliegenden Kapitel einige der Begriffe, die in diesem Buch dargestellt werden, anhand von konkreten Beispielen näher erläutert.
  6. 22. Erratum zu: Klinische und ethische Aspekte der Neuromodulation

    Christian Ineichen, Heide Vogel, Markus Christen
  7. Backmatter

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Titel
Angewandte Ethik in der Neuromedizin
Herausgegeben von
Frank Erbguth
Ralf J. Jox
Copyright-Jahr
2024
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Electronic ISBN
978-3-662-69739-9
Print ISBN
978-3-662-69738-2
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-662-69739-9

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Bildnachweise
Erschöpfter Mann am Arbeitsplatz/© filadendron / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell), Hirnmetastase eines nichtkleinzelligen Lungenkarzinoms frontal rechts/© Diehl, C., Combs, S.E. / all rights reserved Springer Medizin Verlag GmbH, Bergwanderer im Schnee auf Gipfeltour/© borchee / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell)