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Erschienen in: Forum der Psychoanalyse 1/2022

21.12.2021 | Angst | Aktuelles Forum

Die Corona-Pandemie und der hysterische Diskurs nach Lacan

Eine Diskursbestimmung am Beispiel #allesdichtmachen

verfasst von: Dr. phil. Nils F. Töpfer

Erschienen in: Forum der Psychoanalyse | Ausgabe 1/2022

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Zusammenfassung

Im vorliegenden Beitrag werden die Ende April 2021 unter dem Hashtag #allesdichtmachen veröffentlichten Video-Clips als ironisch und satirisch zugespitzte Charakterisierung des aktuellen Corona-Diskurses analysiert. Unter Bezug auf den hysterischen Diskurs nach Jacques Lacan ergibt sich folgender Ausgangspunkt für die Analyse: Bürger*innen als gespaltene Subjekte ($) richten Appelle an den großen Anderen der Bundesregierung in der Erwartung, ihnen zu liefern (S1), was sie begehren (zum Beispiel absolute Sicherheit). Die von dem Anderen in der Folge entwickelten Corona-Maßnahmen (S2) können den fundamentalen Mangel (a) jedoch nicht aufheben und führen zu weiteren Appellen der Bürger*innen ($). Die Verdrängung des Objekts klein a im hysterischen Diskurs wird in den Videos als Illusion vollständiger Sicherheit am Beispiel der Unvermeidbarkeit des Todes thematisiert. Das für den hysterischen Diskurs charakteristische Wandern des Begehrens resultiert in kontinuierlichen Appellen nach weiteren Maßnahmen. Die in den Videos vielfach selbst entwickelten Corona-Maßnahmen werden als Vervollständigung des Anderen und Identifikation mit dem Herrn gelesen. Angst wird mit dem hysterischen Begehren nach einem unerfüllten Begehren in Verbindung gebracht. Der Beitrag schließt mit Möglichkeiten der Diskursverschiebung vom hysterischen Diskurs zum Diskurs des Analytikers und von der paranoid-schizoiden zur depressiven Position nach Melanie Klein.
Fußnoten
1
Ich danke Prof. Dr. Timo Storck für diesen passenden Einfall.
 
2
Hier geht es weder um eine Generalisierung von Geschlechterrollen noch um die Hysterie als nosologische „pathologische“ Kategorie, sondern um eine Struktur, durch die Begehren einen Platz in der Ökonomie des Diskurses erhält. Der hysterische Diskurs weist insofern die elementarste Form des Sprechens auf, als das sprechende Subjekt als solches hysterisch ist ($ → S1). Daher stellt die „Hysterisierung“ der Analysand*innen, unabhängig von deren Persönlichkeitsstruktur, in der Psychoanalyse auch ein notwendiges Übergangs- oder Zwischenstadium zum Diskurs des Analytikers dar (siehe Abschnitt „Vom hysterischen Diskurs zum Diskurs des Analytikers“).
 
Literatur
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Metadaten
Titel
Die Corona-Pandemie und der hysterische Diskurs nach Lacan
Eine Diskursbestimmung am Beispiel #allesdichtmachen
verfasst von
Dr. phil. Nils F. Töpfer
Publikationsdatum
21.12.2021
Verlag
Springer Medizin
Schlagwörter
Angst
COVID-19
Erschienen in
Forum der Psychoanalyse / Ausgabe 1/2022
Print ISSN: 0178-7667
Elektronische ISSN: 1437-0751
DOI
https://doi.org/10.1007/s00451-021-00452-7

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