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30.10.2023 | Sonderbericht | Online-Artikel

Antibiose: Immunsystem und Mikrobiom

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Antibiotika sind unverzichtbar für die Behandlung schwerer bakterieller Infektionen. Bei viralen Infektionen wirken sie nicht, selektionieren aber Antibiotikaresistenzen. Damit könnten sie als wichtige Therapieoption ihre Bedeutung verlieren – und sogar direkt eher schaden. So zeigen neue Forschungsergebnisse, dass Antibiotika nicht nur das Mikrobiom verändern, sondern auch das Immunsystem stark beeinflussen.

Die Bedrohung durch Antibiotikaresistenzen ist längst real und nimmt Schätzungen zufolge weiter zu: Weltweite Hochrechnungen prophezeien bis 2050 zehn Millionen – und damit mehr als durch Krebs und Verkehrsunfälle zusammen – verursachte Todesfälle aufgrund von Infektionen mit multiresistenten Keimen, berichtete Professor Dr. Dr. André Gessner, Institut für Mikrobiologie und Hygiene, Universität Regensburg. Die Resistenzausbreitung müsse dringend verlangsamt werden. Er warnte in diesem Zusammenhang davor, Antibiotika bei viralen Infektionen einzusetzen. „Hier können sie nicht wirken, da Viren keine Zielstruktur für Antibiotika besitzen“, sagte Gessner. Wenn sie aber indiziert sind, sollte die WHO-Antibiotika-Klassifikation von 2017, das sogenannte „Watch Access Schema“ genutzt werden, das in einer früheren Ausgabe der Ärzte Zeitung bereits vorgestellt wurde.

Antibiotika sind keine „Zuckerpillen“

Auch wenn Antibiotika als Segen in die Geschichte der Medizin eingegangen sind, mussten wir lernen, dass sie – abgesehen von der unbestrittenen Wirksamkeit bei bakteriellen Infektionen – zahlreiche unerwünschte Wirkungen haben. Dazu gehören gastrointestinale Nebenwirkungen (z. B. Postantibiotische Diarrhö), Infektion mit Clostridium difficile, akut allergische Reaktionen, Interaktion mit anderen Medikamenten z. B. bei Multimedikation älterer Menschen und potenzielle Langzeitfolgen durch Beeinflussung der Mikrobiota. Veränderungen des Mikrobioms vor allem nach Breitbandantibiosen können u. a. Übergewicht, metabolische Störungen, zudem allergische Erkrankungen wie Asthma, aber auch Autoimmunität sowie inflammatorische Darmerkrankungen nach sich ziehen. Für Gessner sind das „Gründe genug, vorsichtig mit diesen Substanzen umzugehen“.

Ein multidimensionales Netzwerk

Das Mikrobiom wird seit Jahren intensiv er- und beforscht, seine Bedeutung stehe heute angesichts von mehr als 140.000, teils medizinisch relevanten Publikationen außer Frage, so Gessner. Wir hätten es mit einem multidimensionalen Netzwerk zu tun, bei dem Bakterien (Bakteriom), Viren (Virom), Pilze (Mycobiom) und sogar Protozoen (Protozoom) miteinander und mit uns interagieren, erklärte der Experte. Antibiotika greifen in dieses komplexe Netzwerk ein. Relevant im medizinischen Kontext sei vor allem das Darm-Mikrobiom (s. Abb.).

Die bei jedem Menschen sehr individuellen Darmmikrobiota produzieren eine Vielfalt verschiedener Metabolite, die nach Resorption einen großen Anteil des menschlichen Plasmametaboloms ausmachen und über das Blut im gesamten Organismus verteilt werden. Hierdurch nehmen Darmbakterien über ihre Stoffwechselprodukte Einfluss auf jede Körperzelle und haben dabei oft einen größeren Einfluss auf Verlauf und Entstehung von Krankheiten als das menschliche Genom.

Wechselwirkungen mit Immunsystem

Laut Gessner sei in mittlerweile über 10.000 Publikationen belegt, dass das Mikrobiom des Darms, aber auch das der Haut und anderer Bereiche entscheidend an der Steuerung des Immunsystems beteiligt ist und Störungen im Mikrobiom auch Störungen in der Immunregulation mit sich bringen. 2022 konnte z. B. gezeigt werden, dass die Gabe von Antibiotika nicht nur die Darmmikrobiota stark schädigt, sondern auch die Stoffwechselleistung so verändert, dass z. B. die Interferon-Schutzantwort gegen Viren deutlich geschwächt wird [1]. Weiter führte bei gesunden Probandinnen und Probanden die Gabe von Breitbandantibiotika zu einer Reduktion in Menge und Vielfalt des Mikrobioms und verhinderte zudem die antivirale Immunantwort nach Impfung [2, 3]. Angesichts dieser Daten sei laut Gessner Vorsicht bei der Gabe von Antibiotika in zeitlichem Zusammenhang mit einer geplanten Impfung geboten.

Phytopharmaka: Evidenz überzeugt

Demgegenüber beeinflussen einige Phytopharmaka das Mikrobiom kaum [4]. Bei Infektionen, die viral bedingt – immerhin bis zu 90 Prozent der Infektionen der oberen Atemwege [5] – oder nicht lebensbedrohlich sind, sollten deshalb zunächst evidenzbasierte Phytopharmaka eingesetzt werden. Laut Studienlage lindern sie wirksam die Symptome, unterstützen die Selbstheilungskräfte und verkürzen die Krankheitsdauer. In einer retrospektiven Kohortenstudie reichte bei 97 Prozent von ca. 15.000 Erkrankten mit akuter Rhinosinusitis die Behandlung mit BNO 1016 (Sinupret® extract, zusammengesetzt aus einer Kombination aus fünf Pflanzenextrakten) aus und auch im Nachbeobachtungszeitraum von 365 Tagen wurde kein Antibiotikum nötig [6]. Auf Basis der Datenlage werden evidenzbasierte Phytotherapeutika auch in den Leitlinien von Fachgesellschaften empfohlen [7].


VERANSTALTUNG
Expertenworkshop „Antibiotika – Fluch und Segen – Phytotherapeutika als evidenzbasierte und leitliniengerechte Therapieoption“, virtuell, 4. September 2023
 

Literatur: 

[1] Erttmann SF, Immunity 2022, 55:847–861.e10
[2] De Jong SE et al., Cell Host Microbe 2020, 28:169–179
[3] Hagan T et al., Cell 2019, 178:1313–1328.e13;
[4] Nausch B et al., Antibiotics (Basel) 2022, 11:1331
[5] Salm F et al., MMW – Fortschritte der Medizin 2017, 159:64–67
[6] Bittner CB et al., Postgrad Med 2023, 135:607–614;
[7] DEGAM/HNO: S2k-Leitlinie Rhinosinusitis, AWMF-Registernummer: 017-049, Stand: Juli 2017

Impressum

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Heidelberger Platz 3
14197 Berlin

Geschäftsführung: Fabian Kaufmann, Dr. Cécile Mack, Dr. Hendrik Pugge 

Verantwortlich: Ulrike Hafner
Bericht: Ute Ayazpoor, Mainz
Redaktion: Dr. Martin Zeeb
© Springer Medizin Verlag GmbH. Die Springer Medizin Verlag GmbH ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Nature.
Druck: Presse-Druck und Verlags-GmbH, Augsburg

Mit freundlicher Unterstützung der Bionorica SE, Neumarkt

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