Tonsillopharyngitis
Tonsillopharyngitiden sind zu 70–95 % viral bedingt [
9‐
11]. Bei der bakteriell bedingten Gruppe-A-Streptokokken(GAS)-Tonsillopharyngitis liegt der Erkrankungsgipfel in der Altersgruppe der 5‑ bis 15-Jährigen. Vor dem 3. Geburtstag ist eine GAS-Tonsillopharyngitis selten. Die Zahl symptomfreier GAS-Träger ist altersabhängig und schwankt saisonal zwischen 12 und 20 % [
12,
13]. Die mittlere Inkubationszeit der GAS-Tonsillopharyngitis beträgt 2 bis 4 Tage. Klinisch lässt sich eine Tonsillopharyngitis mit Nachweis von GAS nicht sicher von einer viralen Non-GAS-Tonsillopharyngitis unterscheiden [
13,
14]. Begleitende Symptome wie Konjunktivitis, Rhinitis, Husten, Heiserkeit oder Stomatitis weisen auf eine virale Genese der Tonsillopharyngitis hin. Die Symptome bilden sich überwiegend innerhalb einer Woche zurück [
15,
16].
Aufgrund der häufigen viralen Genese und der klinisch nicht sicheren Unterscheidung zwischen bakterieller und viraler Infektion ist im ambulanten Setting ein sequenzielles Vorgehen mit Nutzung des klinischen McIsaac-Scores sowie nachfolgend eines gezielten GAS-Antigen-Schnelltests sinnvoll. Bei Kindern mit geringem klinischem Risiko (McIsaac-Score < 3 Punkte) sollte aufgrund des geringen prädiktiven Werts auf einen Schnelltest verzichtet werden; es sollte keine antibiotische Therapie erfolgen [
15]. Beträgt der McIsaac-Score ≥ 3 Punkte, ist ein GAS-Schnelltest nur dann sinnvoll, sofern daraus eine therapeutische Konsequenz gezogen wird [
17]. Die GAS-Tonsillopharyngitiden weisen innerhalb von 3 bis 5 Tagen eine hohe Spontanheilungsrate auf, auch ohne antibiotische Therapie [
16]. Der Effekt der antibiotischen Therapie einer GAS-Tonsillopharyngitis liegt in der Symptomverkürzung. Folgeerkrankungen wie rheumatisches Fieber, die Poststreptokokkenglomerulonephritis und Peritonsillarabszesse sind in Industrieländern selten. Es gibt in der Literatur keine Evidenz, dass eine frühzeitige antibiotische Therapie diese Komplikationen zuverlässig verhindern kann [
18]. Hinweise, dass eine frühzeitige antibiotische Therapie bei Halsschmerzen invasive GAS-Infektionen verhindern kann, wurden nicht gefunden.
Mittel der Wahl in der Therapie der GAS-Tonsillopharyngitis ist Penicillin [
19]. Eine Einnahmedauer von 5 bis 7 Tagen reicht für die Verkürzung der Symptomdauer aus; eine genauere Eingrenzung ist aufgrund der aktuellen Datenlage nicht möglich [
15,
20,
21].
Eine Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen kann entsprechend § 34 Infektionsschutzgesetz (IfSG) [
22] 24 h nach Beginn einer wirksamen Antibiotikatherapie und nach dem Abklingen der Symptome erfolgen, bei fortbestehenden Krankheitszeichen wie Fieber, schwerem Krankheitsgefühl und noch eiternden Hautveränderungen unter der Therapie erst nach deren Abklingen. Ohne geeignete antibiotische Therapie ist eine Wiederzulassung frühestens 24 h nach Abklingen der spezifischen Symptome angezeigt.
Die akute Otitis media (AOM) zählt zu den häufigsten Infektionserkrankungen im Säuglings- und (Klein‑)Kindesalter und ist zudem einer der häufigsten Gründe für eine Antibiotikaverordnung im Kindesalter [
26].
Meist geht einer AOM eine virale Infektion der oberen Atemwege voraus. Die häufigsten bakteriellen Erreger sind
Haemophilus influenzae und
Streptococcus pneumoniae sowie
Moraxella catarrhalis, Streptococcus pyogenes, seltener
Staphylococcus aureus und
Chlamydia pneumoniae [
27,
28]. Die klinische Diagnose einer AOM bleibt schwierig, weil sich die Symptomatik häufig mit anderen Atemwegsinfektionen überschneidet. Symptome wie Ohrenschmerzen sind unspezifisch; der Greifzwang zum Ohr ist nur in 10 % der Fälle mit einer AOM assoziiert [
29,
30]. Die otoskopische Diagnose erfordert Übung, ein gutes Otoskop, einen freien äußeren Gehörgang sowie die Kooperation von Assistenzpersonal, Eltern und Kindern [
31]. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die geringe Spezifität der Diagnostik weiterhin zu unnötigen Antibiotikaverordnungen aufgrund der Verdachtsdiagnose AOM führen wird [
32]. Die hier gegebenen Empfehlungen basieren auf der Erkenntnis, dass das Vorgehen des „watchful waiting“ auch bei einer sekundär indizierten Antibiotikatherapie das klinische Outcome nicht verschlechtert, insbesondere gibt es keine erhöhte Inzidenz einer Meningitis oder akuten Mastoiditis [
33‐
35]. Gleichzeitig werden Nebenwirkungen einer Antibiotikatherapie durch ein solches Vorgehen vermieden [
34].
Indikationen für eine antibiotische Behandlung sind aus Sicht der Autoren:
b.
schwere AOM: unter symptomatischer Therapie persistierende starke Ohrenschmerzen/Temperatur ≥ 39,0 °C/schlechter Allgemeinzustand;
c.
Vorliegen von Risikofaktoren (z. B. otogene Komplikation, Immundefizienz, schwere Grundkrankheiten, Down-Syndrom, Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, Cochleaimplantatträger).
In der Literatur wird zudem eine weitere Indikation für eine antibiotische Behandlung genannt [
36]:
d.
Alter < 2 Jahre mit bilateraler AOM, auch bei nur geringen Ohrenschmerzen und Temperatur < 39,0 °C
Aus der Erfahrung der Autoren sind dies häufig Kinder mit viralen Infektionen, die begleitend meist nur eine Rötung der Trommelfelle aufweisen. Die Trommelfellrötung allein reicht nicht zur Diagnosestellung einer akuten Otitis media; ein Mittelohrerguss ist zu fordern. Ohne Mittelohrerguss besteht keine Indikation für eine antibiotische Therapie.
Amoxicillin bleibt aufgrund seines für die häufigsten Erreger der AOM passenden (aber eigentlich zu breiten) mikrobiologischen Spektrums und der vergleichsweise geringen Nebenwirkungsrate das Antibiotikum der ersten Wahl. Die empfohlene Therapiedauer beträgt 5 Tage (für Kinder ab 2 Jahren, [
37,
38]). In den letzten 10 Jahren hat, abgesehen vom „watchful waiting“, auch bezüglich der Therapiedauer ein Paradigmenwechsel von einer 10-tägigen hin zu einer 5‑tägigen Behandlungsdauer stattgefunden [
39‐
41]. Allerdings fehlt weiterhin eine methodisch valide, randomisierte kontrollierte Studie, die Amoxicillintherapieregime von 5, 7 und 10 Tagen in der Subgruppe der unter Zweijährigen miteinander vergleicht. In dieser Subgruppe kommt es insgesamt wahrscheinlich häufiger zu einem Therapieversagen (Verschlechterung der Symptomatik oder des otoskopischen Befundes oder unzureichende Besserung unter antibiotischer Therapie), was pathogenetisch mit der Dysfunktion der Eustachi-Röhre zusammenhängt [
40,
42]. Die antibiotische Behandlung sollte erfolgen, bis die Funktion der Eustachi-Röhre wiederhergestellt ist. Dieser Prozess benötigt in jüngerem Alter mehr Zeit. Aus diesem Grund entschieden sich die AG-Mitglieder im Konsensusprozess dafür, für Kinder mit einer Otitis media, die ihr 2. Lebensjahr noch nicht abgeschlossen haben, eine 7‑tägige Therapiedauer zu empfehlen. Alternativ beurteilen die Autoren eine 5‑tägige Therapiedauer mit klinischer Verlaufskontrolle auch bei unter Zweijährigen als adäquate Strategie, da die Datenlage bezüglich der Therapiedauer derzeit unzureichend ist.
Otitis externa
Die akute Otitis externa tritt vielfach in den Sommermonaten nach häufigem Schwimmen/Tauchen auf („swimmer’s ear“). Verursacht wird die akute Otitis externa ganz überwiegend durch bakterielle Erreger, zumeist
Pseudomonas aeruginosa oder
Staphylococcus aureus [
47]. Gängige pädiatrische Praxis ist die lokale Behandlung mit antibiotischen OT. Diese sollten aufgrund des erwarteten Erregerspektrums gegen Pseudomonaden wirksam sein, sodass die Verwendung von Ciprofloxacin-OT empfohlen ist. Die lokale Therapie bewirkt üblicherweise eine rasche klinische Besserung; eine systemische antibiotische Behandlung ist nicht indiziert.
Aus der Literatur ist bekannt, dass die Behandlung mit antibiotischen OT der Behandlung mit Placebo überlegen ist. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass Ciprofloxacin-OT bereits als einmalige Gabe im Vergleich zu Placebo zu einer signifikant höheren Heilungsrate am Tag 8 nach der Behandlung führen [
48,
49].
Interessant ist die Frage, ob eine antiseptische Therapie ebenso effektiv ist wie eine antibiotische Therapie mit Ciprofloxacin-OT. Eine Metaanalyse fand keine Evidenz, die eine Überlegenheit einer antibiotischen Therapie vs. einer antiseptischen Therapie belegen konnte. Allerdings waren die in diese Metaanalyse eingeschlossenen Studien sehr heterogen bezüglich der verwendeten antibiotischen und antiseptischen Wirkstoffe [
50].
Akute Sinusitis
Die akute Sinusitis bezeichnet die Entzündung der Nasennebenhöhlen, der meist eine virale Erkrankung der oberen Atemwege zugrunde liegt. Der Verlauf ist größtenteils innerhalb von 7 bis 10 Tagen ohne Behandlung selbstlimitierend. Die Symptome der akuten, bakteriellen Sinusitis und der viralen Atemwegsinfektion sind klinisch nicht sicher zu unterscheiden, sodass die Persistenz der Symptome mit ausbleibender Besserung die Diagnose definiert [
51]. Häufigste bakterielle Erreger sind
Haemophilus influenzae, Streptococcus pneumoniae und
Moraxella catarrhalis.
Purulentes, nasales Sekret kann die definitive Ätiologie einer akuten bakteriellen Rhinosinusitis eben so wenig klären wie der kulturelle Nachweis [
51,
52]. Eine symptomatische Therapie mit Mometason (Therapiedauer 5-10 Tage) ist in der Mehrzahl der Fälle ausreichend. Für Mometason konnte im Vergleich zu Amoxicillin und zu Placebo ein besseres klinisches Outcome im Hinblick auf die Dauer der Symptomatik gezeigt werden [
53].
Die Indikation für eine antibiotischen Therapie sollte erst dann gestellt werden, wenn Krankheitssymptome über 10 Tage persistieren oder nach initialer Besserung sekundär aggravieren bzw. durch Fieber begleitet werden [
54,
55].
Bei persistierenden Symptomen über 10 Tagen bzw. schwerer Erkrankung ist Amoxicillin das Mittel der Wahl [
56,
57].
Akute bakterielle Lymphadenitis colli
Die akute bakterielle Lymphadenitis colli ist von der reaktiven, im Rahmen viraler Infektionen auftretenden Lymphknotenvergrößerung sowie von einer durch spezifische Erreger (u. a. Epstein-Barr-Virus [EBV], Zytomegalievirus [CMV],
Bartonella henselae, Toxoplasma gondii, Mycobacterium tuberculosis, nichttuberkulöse Mykobakterien,
Actinomyces, Nokardien etc.) verursachten Lymphadenitis und von malignen oder nichtinfektiösen Ursachen abzugrenzen [
58].
Zeichen einer akuten, bakteriellen Lymphadenitis colli sind die unilaterale Lymphknotenschwellung > 2–3 cm mit Druckdolenz und Rötung. Zusätzlich können Fieber und andere systemische Symptome auftreten. Die Sonographie erlaubt eine Größendokumentation und kann Hinweise auf eine Einschmelzung im Sinne einer abszedierenden Lymphadenitis geben. Diese stellt eine Operationsindikation dar. Die häufigsten bakteriellen Erreger sind
Staphylococcus aureus (54 %) und
Streptococcus pyogenes (43 %) [
59].
In der empirischen Therapie sollte ein orales, staphylokokkenwirksames Penicillin (Amoxicillin + Clavulansäure) oder ein Erstgenerationscephalosporin (z. B. Cefadroxil) verwendet werden. Bei Zeichen einer systemischen Infektion oder rapider Verschlechterung sollte zunächst i.v. antibiotisch therapiert werden [
60]. Im Fall der ausbleibenden Besserung nach 48–72 h sollten Differenzialdiagnosen (u. a. auch nichttuberkulöse Mykobakterien) in Erwägung gezogen werden. Die empfohlene Therapiedauer von 7 Tagen ist in den meisten Fällen ausreichend, beruht aber auf einer Expertenmeinung, da keine randomisierten, kontrollierten Studien zur Therapiedauer existieren. Die komplette Regression der Lymphknoten kann trotz adäquater Therapie durchaus 4 bis 6 Wochen in Anspruch nehmen.
Pseudokrupp, Laryngitis, akute (obstruktive) Bronchitis, Respiratorisches-Synzytialvirus-Bronchiolitis, Influenza
Alle in der Überschrift genannten Krankheitsbilder werden üblicherweise durch Viren verursacht. Die Studie Antibiotics for lower respiratroy tract infection in children presenting in primary care in England (ARTIC PC) konnte zeigen, dass der Einsatz von Amoxicillin bei unkomplizierten kindlichen Atemwegsinfektionen keinen klinischen Benefit im Hinblick auf die Dauer der Symptome bringt [
61]. Bakterielle Koinfektionen treten bei unkomplizierten Verläufen im ambulanten Setting nur selten auf. Für Infektionen mit dem respiratorisches-Synzytialvirus (RSV) betrug die bakterielle Koinfektionsrate 1,2 %, bei den in dieser Studie nichtantibiotisch therapierten Kindern sogar nur 0,6 % [
62]. Eine Cochrane-Analyse, die 7 Studien mit 824 Kindern im Alter unter 2 Jahren betrachtete, fand keine Evidenz für einen Antibiotikaeinsatz bei Kindern mit einer Bronchiolitis [
63]. Liegen virale Atemwegsinfektionen mit klinischen Bildern wie Pseudokrupp, Laryngitis oder akuter obstruktiver Bronchitis vor, ist bei Patienten ohne weitere Risikofaktoren keine primäre Antibiotikatherapie indiziert [
64]. Da virale Erreger in Einzelfällen zu sekundären bakteriellen Infektionen prädisponieren können, sollte bei ungewöhnlichem Verlauf die Möglichkeit einer bakteriellen Sekundärinfektion in Betracht gezogen werden. In besonders schweren und fulminanten Fällen ist an die seltenen, aber potenziell lebensbedrohlichen Krankheitsbilder Epiglottitis und Kehlkopfdiphtherie („echter Krupp“) zu denken.
Ambulant erworbene Pneumonie
Die ambulant erworbene Pneumonie („pediatric Community-Acquired Pneumonia“, pCAP) stellt einen der häufigsten Hospitalisierungsgründe bei Kindern in Industrieländern dar [
65]. Die Diagnose einer pCAP erfolgt klinisch; die Symptome sind oft unspezifisch [
66]. Eine pCAP sollte erwogen werden, wenn respiratorische Symptome, wie Husten, Atemnot, Thoraxschmerz, oder allgemeine Symptome, wie Fieber, Nahrungsverweigerung, Inaktivität, Apathie oder Vigilanzminderung, vorliegen [
67]. Der Übergang einer Bronchitis in eine pCAP ist oft fließend, die diagnostische Unsicherheit hoch.
Die pCAP ist häufig viraler Genese, v. a. bei Kindern < 5 Jahren. Weder anhand der klinischen Zeichen noch anhand der radiologischen Befunde kann ein eindeutiger Rückschluss auf den Erreger gezogen werden. Eine Unterscheidung zwischen einer viralen und einer bakteriellen pCAP ist in der Praxis und auch in vielen Studien nicht sicher möglich. Der Goldstandard für die mikrobiologische Diagnostik einer Pneumonie ist invasiv (bronchoalveoläre Lavage [BAL], Pleurapunktion). Durch einen Nasopharyngealabstrich (NPS) ist eine bakterielle Kolonisation nicht von einer Infektion zu unterscheiden. Der Virusnachweis im NPS hingegen kann als Infektion gewertet werden, da virale Erreger nicht kolonisieren. Allerdings kann eine Untersuchung mithilfe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) nicht zwischen vermehrungsfähigen (infektiösen) und avitalen Erregern unterscheiden. Manche Viren (z. B. Bocaparvoviren) können im NPS über Wochen nachgewiesen werden. Zudem sind virale Koinfektionen häufig, sodass beispielsweise bei einem Nachweis von Rhino- oder Enterovirus in den oberen Atemwegen nicht auf eine Infektion durch dieselben Erreger in den unteren Atemwegen geschlossen werden kann.
Laborparameter (Leukozytenzahl, C‑reaktives Protein (CRP), Prokalzitonin [PCT]) können ebenfalls nicht zuverlässig zwischen einer viralen und einer bakteriellen pCAP differenzieren. Routinemäßige Laborparameter und ein Röntgenbild werden daher bei der nichtschweren pCAP in aktuellen Leitlinien nicht empfohlen [
67]. Ist ein lokal abgeschwächtes Atemgeräusch zu verzeichnen, ist die Thoraxsonographie, durchgeführt durch einen erfahrenen Untersucher, eine sinnvolle Methode zur Evaluation einer Pneumonie und Pleuraergusses [
68].
Ein nicht oder nur gering erhöhter CRP-Spiegel (als Grenzwert wird häufig 40–60 mg/l angenommen) spricht für eine geringere Entzündungsaktivität und kann zusammen mit der klinischen Einschätzung die Entscheidung gegen eine Antibiotikatherapie (mit Amoxicillin) unterstützen, da eine virale Genese oder eine atypische bakterielle Infektion (v. a. Mykoplasmen oder
Bordetella pertussis) wahrscheinlich ist [
69,
70]. Laboruntersuchungen sollten aus Sicht der Autoren nur gezielt erfolgen, wenn die klinische Beurteilung zuvor eine antibiotische Behandlung nahelegt.
Bei jungen Kindern mit einer bronchialen Obstruktion ist eine virale Genese wahrscheinlich. Bei Kindern und Jugendlichen mit obstruktiver Symptomatik, anderen Zeichen einer viralen Infektion oder nichtschwerer pCAP kann auf eine antibiotische Therapie verzichtet werden. Liegt bei Kindern mit nichtschwerer pCAP keine relevante Hypoxämie oder keine Trink‑/Nahrungsverweigerung vor, können diese ambulant behandelt werden.
Mittel der ersten Wahl zur kalkulierten Behandlung bei V. a. eine bakterielle pCAP ist oral verabreichtes Amoxicillin. Cephalosporine und Makrolide sollen nicht eingesetzt werden, um der Entwicklung von Antibiotikaresistenzen entgegenzuwirken. Für die nichtschwere pCAP wird eine Therapiedauer von (3 bis) 5 Tagen empfohlen.
Zur Dauer der antibiotischen Therapie gab es in den vergangenen Jahren mehrere relevante Untersuchungen. In der SAFER (Short-Course Antimicrobial Therapy for Pediatric Respiratory Infections)-Studie war die 5‑tägige Amoxicillintherapie der 10-tägigen bei Kindern mit einer radiologisch gesicherten pCAP nicht unterlegen [
71]. In der CAP-IT-Studie war die 3‑tägige Amoxicillintherapie der 7‑tägigen bei der Behandlung einer pCAP nicht unterlegen [
72]. Zudem war die Dosis von 30–50 mg Amoxicillin/kgKG und Tag einer höheren Dosis (70–90 mg/kgKG und Tag) nicht unterlegen. Bezüglich der CAP-IT-Studie ist einschränkend zu sagen, dass viele junge Kinder in die Studie eingeschlossen wurden und häufig virale Erreger im NPS nachgewiesen wurden. In der aktuellen Empfehlung wird eine Therapiedauer von (3 bis) 5 Tagen empfohlen. Aus Sicht der Autoren sollte die antibiotische Behandlung v. a. dann rasch beendet werden, wenn die Verlaufsbeobachtung eine virale Genese nahelegt. Pragmatisch ist es, eine Wiedervorstellung nach 48–72 h unter primärem „watchful waiting“ bzw. bei ausbleibender Besserung unter antibiotischer Therapie zu empfehlen [
73].
Bei V. a. eine Mykoplasmenpneumonie (Kinder älter ≥ 5 Jahre, oft trockener Reizhusten, Dyspnoe, Obstruktion, prolongierte Symptome, Fieber) oder V. a. eine Chlamydienpneumonie (Säuglinge im Alter unter 5 Monate mit Tachypnoe und pertussiformem Husten, eitriger Konjunktivitis in der Anamnese) können Makrolide oder Doxycyclin verordnet werden. Dabei ist zu beachten, dass die pCAP durch Mycoplasma pneumoniae überwiegend mild und selbstlimitierend ist und zunächst zugewartet werden kann.
Keuchhusten
Pertussis (Keuchhusten) ist eine durch
Bordetella pertussis verursachte, hochkontagiöse Erkrankung des Respirationstrakts. Seltener können Infektionen mit
Bordetella parapertussis oder
Bordetella holmesii ebenfalls zu einem keuchhustenähnlichen Krankheitsbild führen; dieses verläuft aber meist leichter und kürzer als bei zugrunde liegenden
Bordetella pertussis [
74]. Trotz hoher Impfquoten bei jüngeren Kindern werden weiterhin zyklische Pertussisanstiege im Abstand von 4 bis 6 Jahren beobachtet [
75,
76]. Infektionsquellen, insbesondere für Säuglinge, sind häufig nicht zu ermitteln [
77‐
80]. Eltern, Geschwister oder Großeltern, bei denen die letzte Impfung lange zurückliegt, spielen als Überträger auf Säuglinge eine wichtige Rolle [
80‐
82].
Eine antibiotische Therapie kann die Dauer und Heftigkeit der Hustenattacken beeinflussen und den Krankheitsverlauf verkürzen, wenn sie möglichst früh (Stadium catarrhale oder zu Beginn des Stadium convulsivum) begonnen wird. Zusätzlich ist die antibiotische Therapie zur Unterbrechung der Infektionskette vom Ende der Inkubationszeit im Stadium catarrhale bis zu 3 Wochen (bei Säuglingen auch bis zu 6 Wochen) nach Beginn des Stadiums convulsivum indiziert. Wird ein Erreger mithilfe der Kultivierung oder einer PCR nachgewiesen, ist eine antibiotische Therapie uneingeschränkt sinnvoll. Durch die antibiotische Behandlung kann die Ansteckungsgefahr auf 5 Tage ab Behandlungsbeginn reduziert werden. Bei Säuglingen im Alter unter 6 Monaten oder Kindern mit schwerer Grunderkrankung ist eine stationäre Überwachung zum Monitoring von Apnoen zu empfehlen [
74,
83].
Die Empfehlung zur Chemoprophylaxe mit Makroliden besteht für ungeimpfte enge Kontaktpersonen von an einer
Bordetella-pertussis-Infektion Erkrankten (z. B. in der Familie, Wohngemeinschaft, Gemeinschafts‑/Gesundheitseinrichtung [
74]). Das Therapieregime der Chemoprophylaxe entspricht der Therapie bei Erkrankung (Clarithromycin 15 mg/kgKG und Tag, max. 1 g, in 2 ED). Clarithromycin ist zugelassen ab dem 2. Lebensmonat. Im ersten Lebensmonat erfolgen die Therapie und Chemoprophylaxe mit Azithromycin (10 mg/kgKG und Tag für 3 Tage in 1 ED).
Im Rahmen von Ausbrüchen kann auch bei vollständig geimpften Kindern und Jugendlichen eine Impfung erwogen werden, wenn die letzte Impfung länger als 5 Jahre zurückliegt. Schwangere im 3. Trimenon sowie Väter und Kontaktpersonen eines Neugeborenen sollten auf eine Auffrischung des Pertussisimpfschutzes (alle 10 Jahre) achten [
74].