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Gefässchirurgie

Chimney-Technik beim infrarenalen Aortenaneurysma mit koexistenter Hufeisenniere

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Auszug

Die Hufeisenniere (HEN) stellt die häufigste Malformation des Urogenitaltrakts dar. Sie entwickelt sich aus einer Verschmelzung beider Nieren innerhalb der Embryonalphase. Die Prävalenz der HEN wird mit 0,25 % angegeben. Im Geschlechtervergleich weisen Männer eine größere Häufigkeit auf [2, 3]. Bei 80 % aller HEN liegt eine aberrante arterielle Gefäßversorgung mit einer bzw. mehreren aus der abdominalen Aorta entspringenden akzessorischen Arterie vor [2]. Die erste Klassifikation dieser Variation der arteriellen Versorgung erfolgte 1925 durch Eisendrath et al. (Tab. 1; [9]). Weitere Klassifikationen folgten durch Crawford sowie Papin u. Boatman [3, 9]. Eine Koexistenz der HEN mit einem abdominellen Aortenaneurysma (AAA) zeigt sich bei etwa 0,12 % der Fälle [3]. Die hierbei ebenfalls vorherrschende Vielfalt der Gefäßversorgung wurde 1979 von Schwilden in 4 Typen unterteilt (Tab. 2; [13]). Die anatomische Konstellation eines AAA mit einer HEN stellt eine Herausforderung in der Wahl der optimalen Therapieform dar. Das therapeutische Spektrum setzt sich aus dem offen-chirurgischen Vorgehen mit transabdominalem bzw. retroperitonealem Zugang, endovaskulären Maßnahmen in Form des Endovascular Aortic Repair (EVAR) oder fenestrierter bzw. gebranchter Stentgrafts (SG) und Hybridverfahren aus EVAR und Debranching akzessorischer Arterien zusammen [25, 912]. Die offen-chirurgische Therapie ist aufwendig und mit einer erhöhten Mortalität und Morbidität verbunden [3]. Der Schwierigkeitsgrad der offenen Methode wird durch die präoperative Klärung des optimalen Zugangswegs und der Notwendigkeit einer Reinsertion bzw. Opferung der akzessorischen Renalarterien sowie die Berücksichtigung möglicher operativer Komplikationen, wie z. B. Ruptur der HEN oder Arealinfarkte, deutlich [2]. Eine endovaskuläre Ausschaltung des AAA mit Überstentung größerer akzessorischer Nierenarterien (Durchmesser > 2 mm) kann zum Teilverlust der Niere und folglich zur Verschlechterung der Nierenfunktion führen [1, 8]. Fenestrierte oder gebranchte SG können diesen Komplikationen vorbeugen, sind jedoch in Notfallsituationen nicht in notwendigen Maßen vorrätig, haben eine lange Herstellungszeit und sind kostspielig (Custom-made-Prothese) [5, 7]. Gerade in dringenden Fällen bei infrarenalen AAA mit HEN, die einer offenen Therapieform nicht zugänglich sind und eine für standardisierte Stentgraftprothesen unpassende anatomische Konstellation aufweisen, bietet die Chimney-Technik mit EVAR (ch-EVAR) eine alternative Behandlungsmethode zur Ausschaltung des infrarenalen AAA mit Erhalt der akzessorischen Renalarterien.
Tab. 1
Klassifikation der arteriellen Gefäßversorgung einer HEN nach Eisendrath et al. [9]. (Mit freundl. Genehmigung von Elsevier)
Typ I
Eine Renalarterie für jede Seite der HEN
Typ II
Eine Renalarterie für jede Seite der HEN mit einem aortalen Ast zum Isthmus
Typ III
Zwei Renalarterien für jede Seite der HEN mit einer Isthmusarterie
Typ IV
Zwei Renalarterien für jede Seite der HEN mit einem oder mehreren akzessorischen Ästen von den Iliakalarterien, einschließlich der Isthmusarterie
Typ V
Multiple Renalarterien von der Aorta, Viszeral-, und Iliakalarterien
Tab. 2
Klassifikation der arteriellen Gefäßversorgung einer HEN bei Koexistenz eines AAA nach Schwilden [13]
Typ A
Akzessorische Nierenarterie am proximalen Ende des AAA
Typ B
Akzessorische Nierenarterie am distalen Ende des AAA
Typ C
Die HEN wird von einer aus dem AAA entspringenden Nierenarterie versorgt
Typ D
Die HEN wird von mehreren aus dem AAA entspringenden Nierenarterien versorgt
Titel
Chimney-Technik beim infrarenalen Aortenaneurysma mit koexistenter Hufeisenniere
Verfasst von
S. P. Pleger
L. Fuhrmann
M. Elzien
A. Kunold
A. Böning
A. Koshty
Publikationsdatum
10.10.2017
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Gefässchirurgie / Ausgabe 1/2018
Print ISSN: 0948-7034
Elektronische ISSN: 1434-3932
DOI
https://doi.org/10.1007/s00772-017-0322-3
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