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Erschienen in: Gynäkologische Endokrinologie 2/2022

Open Access 17.03.2022 | Arterielle Hypertonie | Journal Club

Zusammenhang zwischen einer HRT und der Erstdiagnose einer arteriellen Hypertonie

verfasst von: Prof. Dr. Petra Stute

Erschienen in: Gynäkologische Endokrinologie | Ausgabe 2/2022

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Redaktion

Deutsche Menopause Gesellschaft e. V.
Petra Stute, Bern
Katrin Schaudig, Hamburg
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Abkürzungen
CMA
Chlormadinonacetat
CPA
Cyproteronacetat
E3N
Étude Épidémiologique des Femmes de la Mutuelle Générale de LʼÉducation Nationale
MPA
Medroxyprogesteronacetat
NETA
Norethisteronacetat
NOMAC
Nomegestrolacetat
Originalpublikation
Madika AL et al (2021) Menopausal hormone therapy and risk of incident hypertension: role of the route of estrogen administration and progestogens in the E3N cohort. Menopause. 2021 Sep 27;28(11):1204–1208.
Hintergrund.
Die arterielle Hypertonie ist der wichtigste Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zu den Risikofaktoren einer arteriellen Hypertonie zählen Alter, erbliche Veranlagung, metabolisches Syndrom, Schlafapnoesyndrom und Lebensstilfaktoren (Übergewicht/Adipositas, salzreiche Ernährung, hoher Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, Rauchen, Stress). Daneben spielt das reproduktive Altern bei Frauen eine wichtige Rolle. So konnte erst kürzlich in einer prospektiven Kohortenstudie gezeigt werden, dass der Blutdruck v. a. beim Übergang von der Prä‑/Peri- in die Postmenopause ansteigt [1]. Der Einfluss einer Hormonersatztherapie (HRT) auf den Blutdruck bzw. das Risiko einer arteriellen Hypertonie wird kontrovers diskutiert. Die aktuelle Auswertung der prospektiven Kohortenstudie E3N ging der Frage nach, inwiefern verschiedene HRT-Präparate das Risiko für die Erstdiagnose einer arteriellen Hypertonie bei Frauen in den Wechseljahren beeinflussen.

Zusammenfassung

Die prospektive E3N-Kohortenstudie startete 1990 mit 98.995 40- bis 65-jährigen Frauen, die alle 2–3 Jahre einen Fragebogen mit u. a. Fragen zur HRT-Anwendung und zu Komorbiditäten bzw. Medikamenteneinnahme zugeschickt bekamen. Hierbei wurde auf die Anwendungsform von Östrogenen (oral, transdermal) und den Gestagentyp (mikronisiertes Progesteron [MP], Dydrogesteron [DYD], Pregnane [Medrogeston, MPA, CPA, CMA], Norpregnane [NOMAC, Promegeston], Testosteronderivate [z. B. NETA]) eingegangen, nicht aber auf die Dosierung und das Anwendungsregime (sequenziell- oder kontinuierlich-kombinierte HRT). In die vorliegende Auswertung wurden nur Frauen eingeschlossen, die bei Baseline bereits postmenopausal waren und keine arterielle Hypertonie hatten (n = 49.905). Das Risiko für eine HRT-assoziierte inzidente arterielle Hypertonie wurde per Cox-proportional-hazard-Modell bestimmt. Wenn eine Frau verschiedene HRT-Präparate hintereinander anwandte, wurde sie jeweils den entsprechenden HRT-Kategorien zugeordnet.
Das mittlere Alter bei Studienbeginn betrug 54,2 ± 4,3 Jahre, das mittlere Follow-up 10,6 Jahre. 64,5 % der Teilnehmerinnen hatten zu irgendeinem Zeitpunkt eine HRT verwendet. Bei diesen betrug die Latenz zwischen Menopause und HRT-Start 1,9 ± 3,5 Jahre. Die mittlere HRT-Anwendungsdauer war 7,5 ± 5,2 Jahre. Östrogene wurden vorwiegend transdermal (53 %) eingesetzt, und 64 % der HRT-Anwenderinnen nutzen eine kombinierte HRT. Während des Follow-ups wurden 10.173 Fälle von inzidentem Bluthochdruck dokumentiert.
Im Allgemeinen hatten im Vergleich zu Frauen, die nie eine HRT verwendet hatten, diejenigen, die jemals eine HRT verwendet hatten, ein leicht erhöhtes Risiko für eine arterielle Hypertonie (adjustierte HR 1,07, 95 %-KI 1,02–1,12). Die Subgruppenanalyse zeichnete ein für den klinischen Alltag nützlicheres Bild: Eine Östrogenmonotherapie hatte keinen Einfluss auf das arterielle Hypertonierisiko (adjustierte HR 1,03, 95 %-KI 0,97–1,09), wohingegen eine kombinierte HRT es erhöhte (adjustierte HR 1,05, 95 %-KI 1,01–1,20). Beim Vergleich der Anwendungsformen zeigte sich nur für die orale, nicht aber für die transdermale Östrogengabe ein erhöhtes arterielles Hypertonierisiko (oral: adjustierte HR = 1,09; 95 %-KI 1,04–1,14 vs. transdermal: adjustierte HR = 1,03; 95 %-KI 0,99–1,07). Für die Beurteilung des Einflusses des Gestagentyps wurde die Anwendungsform der Östrogene nicht berücksichtigt, d. h., alle kombinierten HRT wurden miteinander verglichen. Hier zeigte sich, dass nur die kombinierten HRT-Präparate mit einem Pregnan- bzw. Norpregnanderivat signifikant mit einem Hypertonierisiko verbunden waren (HR = 1,12; 95 %-KI 1,06–1,19 bzw. HR = 1,06; 95 %-KI 1,01–1,13), nicht aber kombinierte HRT-Präparate mit MP oder DYD. Die HRT-Anwendungsdauer spielte für das arterielle Hypertonierisiko keine Rolle. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass eine HRT mit einem kleinen, aber signifikant erhöhten Risiko für das Auftreten von Bluthochdruck verbunden sei, insbesondere bei der Verwendung von oralem Östrogen in Kombination mit einem Gestagen aus der Gruppe der Pregnan- und Norpregnanderivate.

Kommentar

Auf den ersten Blick mögen die Ergebnisse besorgniserregend erscheinen. Bei genauerer Betrachtung wird aber deutlich, dass v. a. Kombinationspräparate mit (Nor‑)Pregnanen als risikobehaftet eingeschätzt werden. Diese sind auf dem Schweizer und deutschen Markt entweder auf dem Rückzug bzw. bereits außer Handel. Transdermale Östrogene in Kombination mit einem stoffwechselneutralen Gestagen (MP, DYD) erhöhen das Risiko für eine inzidente arterielle Hypertonie jedoch nicht. Zudem hat die Studie einige relevante Schwächen: 1) Es fehlen Angaben und Ergebnisse zu HRT-Präparate-Wechslerinnen, 2) HRT-Dosis und -Regime sind unbekannt, 3) viele der gewählten Adjustierungsfaktoren basieren auf Selbstangaben, 4) es wurde nicht für alle Risikofaktoren einer arteriellen Hypertonie adjustiert, 5) ein sog. „detection bias“ kann nicht ausgeschlossen werden, d. h., Frauen mit HRT suchen evtl. häufiger Ärzte auf, sodass eine arterielle Hypertonie eher erkannt wird. Wie ist die aktuelle Studie im Kontext bisheriger wissenschaftlicher Literatur zu sehen? Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 zeigte für eine orale HRT einen neutralen Effekt auf den Blutdruck von hyper- und normotensiven postmenopausalen Frauen. Eine transdermale Östrogentherapie in Kombination mit MP zeigte sogar einen günstigen Einfluss auf den Blutdruck von normotensiven und einen neutralen Effekt auf den Blutdruck von hypertensiven postmenopausalen Frauen [2]. Jüngere Studien zeigen ebenfalls einen günstigen Einfluss einer HRT auf den Blutdruck [1, 3]. Somit bleibt als praktisches Fazit, analog zur S3-Leitlinie Peri‑/Postmenopause [4], Frauen mit kardiovaskulären Risikofaktoren wie arterieller Hypertonie im Zweifelsfall transdermales Östrogen mit einem stoffwechselneutralen Gestagen zu verschreiben.

Interessenkonflikt

P. Stute gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.
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Literatur
2.
Zurück zum Zitat Issa Z et al (2015) Effects of hormone therapy on blood pressure. Menopause 22(4):456–468 CrossRef Issa Z et al (2015) Effects of hormone therapy on blood pressure. Menopause 22(4):456–468 CrossRef
3.
Zurück zum Zitat Đogo A et al (2020) Menopausal hyperinsulinism and hypertension—new approach. Gynecol Endocrinol 36(8):709–713 CrossRef Đogo A et al (2020) Menopausal hyperinsulinism and hypertension—new approach. Gynecol Endocrinol 36(8):709–713 CrossRef
4.
Zurück zum Zitat Inwald EC et al (2021) Perimenopause and Postmenopause—Diagnosis and Interventions. Guideline of the DGGG and OEGGG (S3-Level, AWMF Registry Number 015-062, September 2020). Geburtshilfe Frauenheilkd 81(6):612–636 CrossRef Inwald EC et al (2021) Perimenopause and Postmenopause—Diagnosis and Interventions. Guideline of the DGGG and OEGGG (S3-Level, AWMF Registry Number 015-062, September 2020). Geburtshilfe Frauenheilkd 81(6):612–636 CrossRef
Metadaten
Titel
Zusammenhang zwischen einer HRT und der Erstdiagnose einer arteriellen Hypertonie
verfasst von
Prof. Dr. Petra Stute
Publikationsdatum
17.03.2022
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Gynäkologische Endokrinologie / Ausgabe 2/2022
Print ISSN: 1610-2894
Elektronische ISSN: 1610-2908
DOI
https://doi.org/10.1007/s10304-022-00450-w

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