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Die Rolle der Genetik bei Ataxien im Erwachsenenalter: Neue Erkenntnisse aus der SPORTAX-Kohorte

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Redaktion

M. Zech, München;

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Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Originalpublikation
Beijer D, Mengel D, Önder D et al (2025) The genetic landscape of sporadic adult-onset degenerative ataxia: a multi-modal genetic study of 377 consecutive patients from the longitudinal multi-centre SPORTAX cohort. EBioMedicine 115:105715. https://doi.org/10.1016/j.ebiom.2025.105715 (Epub 2025 Apr 23. PMID: 40273470; PMCID: PMC12051541).
Der Begriff „Ataxie“ bezeichnet eine Störung der Bewegungskoordination und stellt das Leitsymptom einer heterogenen Gruppe neurodegenerativer Erkrankungen dar, die unter dem Sammelbegriff „Ataxien“ zusammengefasst werden. Neurodegenerative Ataxien sind in den meisten Fällen genetisch bedingt. Ihre Diagnostik gestaltet sich häufig komplex, da diesen Erkrankungen eine Vielzahl unterschiedlicher Gene und Mutationstypen zugrunde liegt. Das Alter bei Krankheitsbeginn und der in der Familie erkennbare Vererbungsmodus gehören zu den wichtigsten klinischen Parametern, die bei der Auswahl der genetischen Testung berücksichtigt werden.
Bei Patient*innen mit Krankheitsbeginn jenseits des 40. Lebensjahres ist die Familienanamnese häufig unauffällig. Trotz umfassender genetischer Untersuchungen blieb die Ursache der Ataxie in vielen dieser Fälle bis vor Kurzem ungeklärt. Für dieses klinische Szenario wurde der Begriff „sporadic adult-onset ataxia“ (SAOA) geprägt. Eine wichtige Differenzialdiagnose der SAOA stellt die Multisystematrophie vom zerebellären Typ (MSA-C) dar – eine nicht genetische, rasch progrediente und prognostisch ungünstige Erkrankung. Neben einem progredienten zerebellären Syndrom treten bei MSA‑C typischerweise auch schwere autonome Funktionsstörungen auf, insbesondere orthostatische Hypotonie und/oder Blasenentleerungsstörungen. Frühere Studien zeigten, dass bis zu 25 % der SAOA-Patient*innen im Verlauf eine autonome Dysfunktion entwickeln und damit die diagnostischen Kriterien einer MSA‑C erfüllen.
Im Originalartikel von Bejer et al. werden Ergebnisse einer groß angelegten Untersuchung von SAOA-Patient*innen aus dem prospektiven Register SPORTAX vorgestellt. Aufbauend auf aktuellen genetischen Erkenntnissen wurden in dieser Kohorte sowohl eine Ganzexomsequenzierung als auch gezielte Analysen kürzlich beschriebener Repeat-Expansionserkrankungen durchgeführt.
Bei 85 von 377 SAOA-Patient*innen (22,5 %) konnte eine ursächliche genetische Veränderung identifiziert werden. Am häufigsten wurden die FGF14-Ataxie und die RFC1-Ataxie diagnostiziert. Die FGF14-Ataxie (auch als spinozerebelläre Ataxie Typ 27B bekannt) wird durch eine heterozygote Expansion eines Guanin-Adenin-Adenin (GAA) Trinukleotids im FGF14-Gen verursacht. Die RFC1-Ataxie, auch unter dem Akronym CANVAS („cerebellar ataxia, neuropathy and vestibular areflexia syndrome“) bekannt, beruht auf homozygoten Pentanukleotidexpansionen im RFC1-Gen. Für die Diagnosestellung beider Erkrankungen ist eine gezielte molekulargenetische Testung mittels PCR-basierter Verfahren oder moderner Long-Read-Sequenzierung erforderlich.
Bemerkenswert ist, dass 18 der 85 genetisch gesicherten Fälle klinisch nach den Gilman-Kriterien als MSA‑C eingestuft worden waren. Dies entspricht einem Anteil von 12,2 % (18/148) genetisch geklärter Fälle unter den klinisch diagnostizierten MSA-C-Fällen im SPORTAX-Register. Patient*innen mit klinischer MSA-C-Diagnose und genetischem Nachweis einer FGF14- oder RFC1-Ataxie zeigten eine ähnlich rasche Krankheitsprogression wie bei der MSA‑C, jedoch niedrigere Plasmaspiegel von Neurofilament-Leichtketten – einem Surrogatmarker für Neurodegeneration. Dieser Befund spricht dafür, dass es sich bei diesen Fällen um sogenannte „MSA-C-Mimics“ handelt.

Kommentar

Die Ergebnisse der SPORTAX-Studie verdeutlichen, dass bei Ataxien mit Beginn im Erwachsenenalter eine umfassende Diagnostik zwingend auch genetische Untersuchungen einschließen soll. Eine unauffällige Familienanamnese schließt eine genetische Ursache nicht aus, zumal deren Erhebung bei älteren Patient*innen häufig nicht ausreichend aussagekräftig ist. Der Beitrag genetischer Ursachen scheint bei spät beginnenden Ataxien deutlich höher zu sein als bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen, etwa der amyotrophen Lateralsklerose oder der Parkinson-Krankheit. Dies hat erhebliche Konsequenzen für die Entwicklung zukünftiger Therapieansätze. Die Studie unterstreicht zudem die begrenzte Spezifität der klinischen Diagnose der MSA‑C intra vitam – ein Aspekt, der in der klinischen Praxis berücksichtigt werden soll.
Open Access This article is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License, which permits use, sharing, adaptation, distribution and reproduction in any medium or format, as long as you give appropriate credit to the original author(s) and the source, provide a link to the Creative Commons licence, and indicate if changes were made. The images or other third party material in this article are included in the article's Creative Commons licence, unless indicated otherwise in a credit line to the material. If material is not included in the article's Creative Commons licence and your intended use is not permitted by statutory regulation or exceeds the permitted use, you will need to obtain permission directly from the copyright holder. To view a copy of this licence, visit http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.

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Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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Titel
Die Rolle der Genetik bei Ataxien im Erwachsenenalter: Neue Erkenntnisse aus der SPORTAX-Kohorte
Verfasst von
Dr. E. Indelicato, PhD
Publikationsdatum
29.08.2025
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
DGNeurologie / Ausgabe 7/2025
Print ISSN: 2524-3446
Elektronische ISSN: 2524-3454
DOI
https://doi.org/10.1007/s42451-025-00809-w
1.
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