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Eine große Zahl von Ärzten mit Migrationshintergrund arbeitet in Deutschland. Politische Veränderungen im Ursprungsland könnten die Versorgungssituation in Deutschland beeinflusst werden. Im Fall Syriens wurden die Folgen möglicher Auswanderung syrischer Ärzte bereits öffentlich diskutiert. Ziel dieser Arbeit war es, die Selbsteinschätzung syrischer Ärzte in Deutschland zu ihrer beruflichen Orientierung zu erfragen.
Methodik
Anonyme explorative Befragung unter syrischen Ärzten und Medizinstudierenden. Die Datenerhebung erfolgte von Januar bis März 2025 über REDCap (Vanderbilt University, Nashville, TN, USA). Die Umfrage wurde über die Syrische Gesellschaft für Ärzte und Apotheker in Deutschland (SyGAAD e.V.), die Deutsch-Arabische Ophthalmologische Gesellschaft (DAOG e.V.) und alle humanmedizinischen Fachschaften in Deutschland verbreitet. Erfragt wurden der Ausbildungsstand, die aktuelle Tätigkeit und wann die Befragten sich eine berufliche Tätigkeit in Syrien vorstellen könnten, sowie welche Gründe ausschlaggebend sind. Die Verteilung auf die Bundesländer wurde deskriptiv erhoben.
Ergebnisse
191 syrische Ärzte, darunter 92 in der Augenheilkunde, und 41 Medizinstudierende nahmen teil. 91 % der Ärzte waren in Syrien geboren, 83 % hatten das Studium in Deutschland absolviert. 41 % waren jünger als 35 Jahre. Von den Fachärzten für Augenheilkunde arbeiteten 32 % in einer Klinik und 66 % in Praxen/MVZ. Unter den befragten syrischen Ärzten konnten sich 27 % eine Tätigkeit in Syrien schon innerhalb der nächsten fünf und weitere 35 % innerhalb der nächsten 10 Jahre vorstellen. Als Gründe wurden politische, religiöse oder kulturelle Faktoren (60 %) und familiäre Faktoren (52 %) weit häufiger angegeben als wirtschaftliche (29 %) oder Karrieregründe (23 %). Der höchste Anteil teilnehmender syrischer Ärzte lag im Saarland und der niedrigste in Schleswig-Holstein.
Schlussfolgerung
Die erhobenen Daten legen nahe, dass syrische Ärzte in Deutschland überwiegend jung sind und meist in Deutschland ausgebildet wurden. Fast zwei Drittel der teilnehmenden Ärzte konnten sich eine Tätigkeit in Syrien innerhalb der nächsten 10 Jahre vorstellen. Repräsentative Erhebungen der Standortverteilung könnten das Risiko potentieller Versorgungslücken genauer abschätzen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung plant Programme zu deutsch-syrischen Klinikpartnerschaften, die für beide Länder vorteilhaft sein könnten.
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Hintergrund und Fragestellung
Die Migration von Ärzten ist ein globales Phänomen, das durch politische, wirtschaftliche und persönliche Faktoren beeinflusst wird. In Deutschland hat sich seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 und der damit verbundenen Flüchtlingsbewegung eine besondere Situation entwickelt. Etwa 6000 syrische Ärztinnen und Ärzte arbeiten aktuell in Deutschland, wobei Ärzte mit syrischem Migrationshintergrund ohne syrische Staatsangehörigkeit bei dieser Zahl nicht erfasst sind [1]. Dies entspricht etwa 1,5 % aller in Deutschland tätigen Ärzte und macht die syrischen Mediziner zur größten Gruppe ausländischer Ärzte aus einem Nicht-EU-Land. Der syrische Bürgerkrieg hat zu einer der größten Fluchtbewegungen des 21. Jahrhunderts geführt. Deutschland nahm zwischen 2015 und 2020 rund 800.000 syrische Geflüchtete auf, darunter viele hoch qualifizierte Fachkräfte. Die Integration syrischer Ärzte in das deutsche Gesundheitssystem erfolgte in mehreren Phasen: Zunächst kamen vornehmlich bereits ausgebildete Ärzte, die ihre Abschlüsse in Deutschland anerkennen lassen mussten, später folgten jüngere Syrer, die ihr Medizinstudium in Deutschland begannen oder fortsetzten. Wegen der politischen Veränderung in Syrien Ende 2024 wurden in den Medien mehrfach die Folgen einer möglichen Auswanderung von Menschen – insbesondere Ärzten – mit syrischem Hintergrund thematisiert, und vor möglichen Auswirkungen auf die medizinische Versorgung in Deutschland wurde gewarnt. Vor diesem Hintergrund stellten wir uns die Frage, in welchem Ausmaß Medizinstudierende und Ärzte mit Migrationshintergrund ihre berufliche Zukunft dauerhaft in Deutschland sehen oder im Fall eines politischen Wandels eine Rückkehr in ihr Ursprungsland in Betracht ziehen, und untersuchten diese Frage am Beispiel der syrischen ophthalmologischen Versorgung in Deutschland.
Ziel der Arbeit war es, den aktuellen Stand der Studierenden in Deutschland und insbesondere der in der Augenheilkunde tätigen Ärzte mit syrischem Hintergrund durch eine explorative Datenerhebung abzubilden und deren Selbsteinschätzung zu ihrer beruflichen Zukunft zu erheben.
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Studiendesign und Untersuchungsmethoden
Es handelt sich um eine anonyme Querschnittstudie, in der Ärztinnen und Ärzte sowie Medizinstudierende mit syrischem Migrationshintergrund bezüglich ihrer Selbsteinschätzung zur beruflichen Zukunft befragt wurden. Die Datenerhebung erfolgte von Januar bis März 2025 über das Datenerhebungstool RedCap. Die Teilnehmer wurden per E‑Mail über alle humanmedizinischen Fachschaften in Deutschland sowie den Newsletter der Syrischen Gesellschaft für Ärzte und Apotheker in Deutschland (SyGAAD e. V.) eingeladen. Als unabhängige Variablen wurden das Alter, der Geburtsort und der Geburtsort der Eltern erfragt. Als abhängige Variablen wurden ermittelt, ob die Weiterbildung in Deutschland erfolgte, ob wissenschaftlich gearbeitet wird oder wurde und in welchem Bundesland aktuell gearbeitet wird. Ferner wurde erfragt, ob und in welchem Zeitraum die Teilnehmer sich eine berufliche Tätigkeit (ganz oder teilweise) in Syrien vorstellen können. Als Grund für die Entscheidung konnten die Teilnehmer politische/religiöse/kulturelle, wirtschaftliche, Karriere, humanitäre und familiäre Gründe auswählen. Mehrfachauswahl war möglich. Außerdem konnten die Teilnehmer in einem optionalen Textfeld eine Freitextbemerkung hinzufügen.
Vor Beginn der Datenerhebung wurde ein positives Ethikvotum der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf eingeholt.
Ergebnisse
Die erhobenen Daten basieren auf einer explorativen Befragung einer nichtrepräsentativen Stichprobe.
Insgesamt nahmen 232 Personen, die selbst in Syrien geboren wurden oder mindestens ein syrisches Elternteil haben, an der Umfrage teil, darunter 191 Ärzte und 41 Medizinstudierende. Die Teilnahmequote durch die Fachgesellschaften lag bei ca. 40 %.
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Syrische Ärzte
Es gaben 91 % der befragten syrischen Ärzte an, in Syrien geboren zu sein, 3 % in Deutschland; 83 % hatten auch in Deutschland studiert und 95,6 % der Fachärzte ihre Weiterbildung absolviert; 41 % waren jünger als 35 Jahre, und nur 7 % sind 45 oder älter (Abb. 1); 26 % der syrischen Ärzte strebten eine Promotion an, 15 % hatten diese bereits abgeschlossen, 6,8 % sind in Deutschland habilitiert oder beabsichtigen dies; 53 % der befragten syrischen Ärzte gaben an, nicht wissenschaftlich tätig zu sein. Unter den Fachärzten waren 48 % der Teilnehmer in der Augenheilkunde tätig (Beteiligung einer ophthalmologischen Fachgesellschaft), gefolgt von Innerer Medizin (17,6 %), Chirurgie (14,3 %) und Gynäkologie (5,5 %) (Abb. 2). Psychiatrie, Psychosomatik und Neurologie waren nicht vertreten; 1 % der Teilnehmer gaben an, aktuell ohne Tätigkeit zu sein.
Es arbeiteten 45 der syrischen Ärzte als Assistenzärzte und 44 als Fachärzte für Augenheilkunde. Von den Fachärzten für Augenheilkunde hatten 98 % ihre Weiterbildung in Deutschland abgeschlossen; 84 % sind operativ tätig und 14 % rein konservativ; 32 % arbeiteten in einer Klinik und 66 % in einer Praxis oder einem medizinischen Versorgungszentrum (MVZ); 2 % der Fachärzte für Augenheilkunde waren ohne Tätigkeit.
Von den syrischen Assistenzärzten für Augenheilkunde arbeiten 56 % in einer Klinik und 33 % in einer Praxis oder einem MVZ; 11 % der Assistenzärzte für Augenheilkunde sind aktuell nicht tätig.
Medizinstudierende
Es waren 41 % der Medizinstudierenden jünger als 25 und 58,5 % zwischen 25 und 35 Jahre alt; 90 % gaben an, in Syrien geboren worden zu sein. Bei 71 % bestand Interesse an einer Weiterbildung in der Augenheilkunde. Medizinstudierende, die keine Laufbahn in der Augenheilkunde anstrebten, interessierten sich zu 33 % für Innere Medizin, zu je 22 % für chirurgische Fächer und Neurologie und zu je 10 % für Gynäkologie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
Standortanalyse der teilnehmenden syrischen Ärzte
Die vorliegenden Daten basieren auf einer nichtrepräsentativen Umfrage, sodass die tatsächliche regionale Verteilung syrischer Ärzte hieraus nicht abgeleitet werden kann. Die Abb. 3 zeigt die Verteilung der teilnehmenden syrischen Ärzte für jedes Bundesland unter Berücksichtigung der Einwohnerzahl sowie die Dichte von Ärzten in Deutschland insgesamt. In unserer explorativen Stichprobe fanden sich anteilig die meisten syrischen Ärzte im Saarland, gefolgt von Berlin, Bremen, Sachsen und Thüringen, was wegen der Selektionsmethode jedoch nur als Hinweis und nicht als belastbare Rangfolge zu interpretieren ist. Der niedrigste Anteil lag in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg.
Abb. 3
(Links) Verteilung teilnehmende syrische Ärzte pro 1.000.000 Einwohner, (rechts) Verteilung Ärzte gesamt pro 100.000 Einwohner
Unter den befragten syrischen Ärzten in Deutschland konnten sich 26,7 % vorstellen, schon innerhalb der nächsten 5 Jahre voll oder teilweise in Syrien zu arbeiten (Abb. 4), weitere 34,6 % innerhalb der nächsten 10 Jahre und 16,8 % in 10 Jahren oder später. Nur 22 % konnten sich keine ärztliche Laufbahn in Syrien vorstellen. Hierfür wurden zu 60,2 % politische, religiöse oder kulturelle Gründe vor familiären (51,8 %), wirtschaftlichen (29,3 %), Karriere- (22,5 %) und humanitären Gründen (15,7 %) angegeben. Im Freitextfeld gaben 9 Personen zunehmenden Rassismus in Deutschland als Grund für Emigrationsüberlegungen an, während eine unzureichende Sicherheit in Syrien nur für 2 Personen gegen eine Auswanderung in ihr Ursprungsland sprach.
Abb. 4
Selbsteinschätzung und Gründe bezüglich einer Auswanderung nach Syrien
Unter den befragten Medizinstudierenden konnten sich 12 % innerhalb von 5, 20 % innerhalb von 10, aber 41 % danach eine Tätigkeit in Syrien vorstellen. Nur für 27 % war dies keine Option. Ähnlich wie bei den syrischen Ärzten wurden politische, religiöse und kulturelle Gründe am häufigsten angegeben (76 %) vor humanitären (56 %), familiären (41 %), wirtschaftlichen (37 %) und karrierebezogenen Gründen (34 %).
Diskussion
Die internationale Zu- und Abwanderung von Fachkräften ist stets durch Push- und Pull-Faktoren bedingt – dazu zählen etwa politische Instabilität, eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten im Herkunftsland sowie bessere berufliche Perspektiven und Anerkennungschancen im Aufnahmeland. Im internationalen Vergleich gelten insbesondere Deutschland und das Vereinigte Königreich als Länder, die geflüchteten syrischen Ärzten und Pflegekräften vergleichsweise günstige Rahmenbedingungen für eine berufliche Reintegration bieten, auch wenn Herausforderungen wie Sprachbarrieren und aufwendige Anerkennungsverfahren fortbestehen [2]. Die aktuelle Situation wirft komplexe Fragen zur zukünftigen Entwicklung des deutschen Gesundheitssystems, zur internationalen Ärztemigration und zu den Perspektiven syrischer Fachkräfte auf. Eine detaillierte Analyse der Situation syrischer Ärzte in Deutschland ist daher von hoher Relevanz für die gesundheitspolitische Planung. Unsere Daten deuten darauf hin, dass es sich bei der Population syrischer Ärzte in Deutschland um eine sehr junge Gruppe handelt, die zum großen Teil ihr Studium und die fachärztliche Weiterbildung in Deutschland abgeschlossen haben. Bei den meisten Befragten handelt es sich um Einwanderer der ersten Generation, während nur 3 % in Deutschland geboren wurden.
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Für junge Syrer, die im vergangenen Jahrzehnt als Kinder nach Deutschland migrierten, stehen die Hochschulreife und das Studium noch aus. Entsprechend ist mit einem weiteren Anstieg des Anteils syrischer Medizinstudierender zu rechnen. In Anbetracht der Regelstudienzeit von 6 Jahren für Humanmedizin könnte das bedeuten, dass es trotz der medialen Thematisierung einer Auswanderung zunächst zu einem deutlichen Anstieg von in Ausbildung befindlichen Ärzten mit syrischem Migrationshintergrund in Deutschland kommen könnte. Bemerkenswert ist das besonders junge Alter: Über 40 % der befragten syrischen Ärzte sind jünger als 35 und nur 7,4 % sind 45 Jahre alt oder älter. Im Verhältnis dazu liegt der Anteil der unter 35-jährigen Ärzte in Deutschland für das Jahr 2023 nur bei 18,8 % [3]. Die Anzahl ausländischer Ärzte hat sich in einem Zeitraum von 20 Jahren (2003 bis 2023) mehr als vervierfacht (14.173 vs. 63.767) [3].
Obwohl der Fokus dieser Arbeit auf dem ärztlichen Personal liegt, muss berücksichtigt werden, dass das Pflegepersonal als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen ebenfalls von Zu- und Abwanderung betroffen ist [4].
Regionale Verteilung der teilnehmenden syrischen Ärzte
Die regionale Verteilung der teilnehmenden syrischen Ärzte zeigte Unterschiede zwischen den Bundesländern. Innerhalb der Stichprobe zeigten sich vergleichsweise höhere Teilnehmeranteile in Bundesländern, die insgesamt eine eher geringe Arztdichte aufweisen, wie Sachsen oder Thüringen. Bei der Interpretation ist zu beachten, dass in den Orten der Autoren (Düsseldorf und Homburg) womöglich die Teilnahmebereitschaft höher war. Ferner ist zu beachten, dass es sich um eine explorative Schätzung auf Basis einer nichtrepräsentativen Stichprobe handelt. Bemerkenswert bleibt allerdings, dass die Bundesländer Schleswig-Holstein, Bayern und Baden-Württemberg eine insgesamt eher hohe Arztdichte aufweisen, der Anteil der teilnehmenden syrischen Ärzte jedoch deutlich geringer im Vergleich zu anderen Regionen ausfällt. In Regionen mit niedriger Arztdichte sind attraktive Arbeitsbedingungen eine Methode, um Personal anzuziehen und zu binden. Ausländische Ärzte sind ggf. bei der Auswahl des beruflichen Standorts flexibler im Vergleich zu ihren deutschen Kollegen, denen es oft durch generationale/familiäre Bindung schwerfällt, den Standort zu wechseln. Ein weiterer relevanter Aspekt könnten unterschiedliche Hürden bei der Berufszulassung für ausländische Ärzte sein, was sich von Bundesland zu Bundesland unterscheidet. Einige Bundesländer haben in den vergangenen Jahren gezielt Programme zur erleichterten Integration ausländischer Ärzte aufgelegt. Bei der Interpretation der Daten sind die genannten Einschränkungen zu berücksichtigen. Weitere Untersuchungen mit repräsentativen Stichproben sind nötig, um zu beurteilen, ob tatsächlich relevante regionale Unterschiede beim Anteil syrischer Ärzte vorliegen. Unabhängig von der vorliegenden Erhebung gilt allgemein, dass Regionen mit niedriger Arztdichte von künftigen personellen Engpässen stärker betroffen sind als Ballungsräume mit eher hoher Arztdichte. Daher ist es grundsätzlich möglich, dass manche Regionen kaum betroffen wären, während es in anderen wiederum zu großen personellen Engpässen kommen könnte. Eine temporäre Bindung von Ärzten an bestimmte Standorte wurde in Deutschland erstmals 2019/2020 im Rahmen der Landarztquotenregelung in einzelnen Bundesländern eingeführt [5]. Die Landarztquote schließt jedoch nur die Versorgungslücke im Bereich der Hausärzte und betrifft entsprechend nur die Fachbereiche Allgemeinmedizin und Innere Medizin [6]. Eine Erweiterung dieser Regelung tritt zum Wintersemester 2025/26 erstmals in Bayern mit der zusätzlichen Möglichkeit zur Weiterbildung in Kinder- und Jugendmedizin in Kraft [7]. Für andere Fachrichtungen gibt es bisher keine Maßnahmen, die zu einer temporären Ortsbindung von Medizinern führen, wäre aber bei entsprechendem Mangel ggf. zu diskutieren.
Fachrichtungswahl
Die Dominanz der Augenheilkunde in der hier vorgestellten Kohorte resultiert zum einen aus der Gruppe der Autoren – sämtlich Augenärzte – und der Tatsache, dass zur Studienteilnahme nicht nur über die Syrische Gesellschaft für Ärzte und Apotheker in Deutschland (SyGAAD e. V.), sondern insbesondere auch über die Deutsch-Arabische Ophthalmologische Gesellschaft (DAOG e. V.) eingeladen wurde. Das Fach der Augenheilkunde genießt international und insbesondere in den arabischen Ländern einen sehr guten Ruf. Während Fächer wie Psychiatrie oder Psychosomatik sowohl beim Studium der Lehrbücher als auch in der Patientenversorgung besondere, auch für Muttersprachler herausfordernde, sprachliche und kommunikative Fähigkeiten voraussetzen, ist die Augenheilkunde ein sehr visuelles Fach, sodass der internationale Transfer oft weniger Schwierigkeiten bereitet. Unter den befragten syrischen Augenärzten in Deutschland ist der Anteil operativ tätiger Fachärzte auffällig hoch. Sie arbeiten deutlich häufiger in Kliniken (32 %) als in Praxen/MVZ (66 %) verglichen mit dem Durchschnitt für Fachärzte in Augenheilkunde in Deutschland. Von den 8135 Fachärzten (2023) für Augenheilkunde waren 6790 (83 %) im ambulanten und nur 1071 (13 %) im stationären Bereich tätig [3]. Allerdings ist auch hier von einer Verzerrung zugunsten der Kliniken durch die Autoren auszugehen. In unserer Umfrage wurde das Geschlecht nicht erfragt, was bei der Interpretation der Daten ebenfalls berücksichtigt werden muss, da es in der Augenheilkunde, besonders an Kliniken, deutliche geschlechtsbezogene Unterschiede gibt [8]. Unter den Teilnehmern war der Anteil syrischer Ärzte in Deutschland ohne Tätigkeit bei 1 %. Von den in Deutschland insgesamt lebenden 568.764 Ärzten sind laut Bundesärztekammer 140.290 ohne berufliche Tätigkeit, was einem Anteil von 25 % entspricht [3]. Dabei werden auch Ärzte im Ruhestand und berufsunfähige Ärzte mitberücksichtigt.
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Perspektive – Heimat oder Ausland?
Während sich etwa jeder 4. der befragten Ärzte eine Tätigkeit in Syrien innerhalb der nächsten 5 Jahre vorstellen kann, gilt dies für den größeren Anteil erst mittel- oder langfristig (52 %). Politische, religiöse und kulturelle (60 %) sowie familiäre Gründe (52 %) überwiegen in der Motivation. Dies spricht für eine weiterhin hohe emotionale Bindung von Ärzten mit Migrationshintergrund an das Herkunftsland, trotz erfolgreicher Integration in Deutschland. Anders hingegen sieht es bei den befragten Medizinstudierenden mit Migrationshintergrund in Deutschland aus. Sie nennen humanitäre Gründe (56 %) wesentlich häufiger als Motiv für eine eventuelle zukünftige Tätigkeit in Syrien. Das deutet auf eine veränderte Perspektive hin. Neben der Schulzeit gilt die Zeit des Studiums als eine wichtige Phase für Persönlichkeitsentwicklung [9]. Eine berufliche Zukunft mit internationaler Zusammenarbeit und humanitärer Unterstützung entspricht womöglich eher den Vorstellungen dieser Personen als eine permanente Auswanderung nach Syrien. Die in Freitextantworten genannten Gründe für oder gegen eine mögliche Auswanderung (Angst vor Rassismus und unzureichender Sicherheit) verdeutlichen die komplexe Entscheidungssituation der Befragten. Es handelt sich nicht um eine einfache Wahl zwischen 2 gleichwertigen Optionen, sondern um ein Abwägen verschiedener sozialer und sicherheitsrelevanter Aspekte.
Auswirkungen auf das deutsche und syrische Gesundheitssystem
Auch deutsche Ärzte ohne Migrationshintergrund emigrieren zu einem relevanten Anteil in das Ausland. Im Jahr 2023 verließen insgesamt 2187 Ärzte das Land, der größte Teil in das europäische Ausland, aber auch in die USA, China oder Australien [2]. Unter den Auswandernden waren 1314 (60 %) deutsche und nur 873 (40 %) ausländische Ärzte [3]. Eine Rückkehr von Ärzten mit Migrationshintergrund in ihr Ursprungsland könnte signifikante Auswirkungen auf beide Gesundheitssysteme haben. In Deutschland könnten durch die Abwanderung syrischer Ärzte Versorgungsengpässe entstehen, während eine Rückkehr hoch qualifizierter Ärzte für Syrien mittelfristig positive Effekte haben könnte. Kriegsbedingt besteht nicht nur ein medizinisches Infrastrukturdefizit, sondern auch ein erheblicher Mangel an Fachärzten. Gerade für den dringlichen Bedarf einer psychiatrisch-psychologischen Versorgung fänden sich aber möglicherweise in Deutschland kaum syrische Ärzte mit einer entsprechenden Ausbildung [10].
Mögliche Maßnahmen
Unsere Ergebnisse legen nahe, dass sowohl für Deutschland als auch für Syrien ein koordinierter Ansatz zur Gestaltung der Ärztemigration vorteilhaft sein könnte. Anstatt die Migration als einseitigen Gewinn/Verlust zu betrachten, könnten Modelle gefördert werden, die beiden Gesundheitssystemen zugutekommen, beispielsweise über Partnerschaften zwischen deutschen und syrischen Kliniken, zur Etablierung von Austauschprogrammen, gemeinsamen Forschungs- und Ausbildungsprojekten oder Unterstützung bei Telemedizinangeboten. Entsprechende Klinikpartnerschaften sind über das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung geplant [11].
Grenzen der Studie
Die erhobenen Daten basieren auf einer explorativen Befragung einer nichtrepräsentativen Stichprobe, was bei der Interpretation berücksichtigt werden muss. Ein weiterer Aspekt ist die fehlende Erfassung des Geschlechts, sodass entsprechende Analysen nicht möglich sind. Wesentliche Limitationen unserer Studie sind die bereits angesprochene Rekrutierung über Fachgesellschaften und Fachschaften, die zu einer Selektion besonders engagierter oder akademisch orientierter Ärzte geführt haben könnte. Außerdem besteht beim vorliegenden Datensatz ein deutlicher Fokus auf die Ophthalmologie. Ziel der Studie war es allerdings, im Sinne einer explorativen Ersteinschätzung so viele syrische Ärztinnen und Ärzte wie möglich zu befragen, ohne den Anspruch einer repräsentativen Stichprobe zu erfüllen. Die Datenerhebung erfolgte zwischen Januar und März 2025, jedoch ist die politische Situation in Syrien weiterhin im Wandel.
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Schlussfolgerung
Die befragten syrischen Ärzte in Deutschland sind überwiegend jung und meist in Deutschland ausgebildet. Fast zwei Drittel der befragten syrischen Ärzte könnten sich eine Tätigkeit in Syrien innerhalb der nächsten 10 Jahre vorstellen, überwiegend aus politischen, religiösen und kulturellen Gründen, während für die befragten syrischen Medizinstudierenden in Deutschland humanitäre Unterstützung ein wichtiges Motiv ist. Regionen mit niedriger Ärztedichte sind allgemein stärker von Versorgungslücken betroffen, und repräsentative Erhebungen der Standortverteilung könnten dieses Risiko genauer abschätzen. Partnerschaften und Austausch zwischen deutschen und syrischen Kliniken könnten für beide Seiten in dieser Situation zukünftig von Nutzen sein und werden aktuell vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert.
Förderung
Diese Studie erhielt keine spezifische Förderung.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
R.J. Kourukmas, M. Roth, A.D. Abdin, Y. Abu Dail, B. Seitz und G. Geerling geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Abbara A, Alkhalil M, Wihba K, Abdrabbuh O, Rayes D, Ghobrial A et al (2025) Syrian refugee and diaspora healthcare professionals: Case studies from the eastern mediterranean and European regions. J Migr Health100087. https://doi.org/10.1016/j.jmh.2024.100087
Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Landarztquote – Informationen für Bewerberinnen und Bewerber. 2025 [Internet]. Verfügbar unter: https://www.landarztquote.bayern.de/
8.
Brücher VC, Messmer E, Liekfeld A (2025) Frauen in der Augenheilkunde. Ophthalmologe 122:83–84
Bis 2050 wird etwa jedes dritte Kind in Europa kurzsichtig sein [1]. Zur Vermeidung sehkraftgefährdender Folgekomplikationen ist die Progressionsverlangsamung der pädiatrischen Myopie* – z. B. mit niedrig dosiertem Atropin – von zentraler Bedeutung [2,3].
Myopie beginnt häufig bereits im Kindesalter [5-7] und kann unbehandelt zu sehkraftgefährdenden Komplikationen führen [3].Eine frühzeitige Diagnose und rechtzeitige Intervention sind entscheidend, um die Progression zu verlangsamen – dies kann helfen, das Sehvermögen langfristig zu schützen [3,11,12].
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