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29.09.2022 | Benigne Prostatahyperplasie | Nachrichten

21-Jahres-Daten aus Dänemark

Akute Harnretention: Häufiger Medikamente, seltener Op.

verfasst von: Thomas Müller

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Müssen Männer aufgrund einer akuten Harnretention in eine Klinik, folgt daraufhin seltener eine BPH-Operation als noch vor zwei Jahrzehnten, dafür häufiger eine medikamentöse Therapie. Das Sterberisiko solcher Männer ist jedoch noch immer deutlich erhöht.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Bei Männern mit akute Harnverhalt ist meist eine BPH die Ursache. Vor der Einführung wirksamer BPH-Medikamente folgte auf den Notfall in der Regel eine Prostata-Operation, seither wird in der Regel nach der Katheterisierung eine Therapie mit Alphablockern versucht und erst bei einem Misserfolg operiert.

Ein Team um Dr. Maria Bisgaard Bengtsen von der Universitätsklinik in Aarhus in Dänemark schaute nun anhand von Registerdaten, wie sich das Management von Männern mit Harnverhalt innerhalb von 21 Jahren verändert hat und welche Konsequenzen daraus folgten. Wie sich zeigte, ist die Op.-Rate bis 2010 kontinuierlich gesunken und die Medikationsrate entsprechend gestiegen. Anschließend blieben beide Raten weitgehend konstant. Die Inzidenz von Harnverhalten und die Einjahresmortalität der Betroffenen hat sich jedoch nur wenig verändert.

Für ihre Analyse haben die Forschenden um Bengtsen aus diversen dänischen Datenbanken Angaben zu sämtlichen Männern ab 45 Jahren ausgewertet, die zwischen den Jahren 1997 und 2017 erstmals aufgrund einer akuten Harnretention stationär behandelt werden mussten. Ausgeschlossen wurden Männer mit zuvor diagnostiziertem Prostata-Ca., mit Op.-bedingtem Harnverhalt sowie solche mit MS und Morbus Parkinson. Von den knapp 71.000 berücksichtigten Männern hatten 78% einen BPH-bedingten Harnverhalt, bei den übrigen bestanden andere Ursachen. Knapp die Hälfte der Männer mit BPH-bedingtem Harnverhalt hatte eine zuvor diagnostizierte BPH, das traf aber auch auf 40% der übrigen Männer zu. Etwa 18% aller Männer bekamen Opioide, 17% Benzodiazepine und 12% adrenerge oder anticholinerge Therapeutika, bei solchen Medikamenten mit erhöhtem Risiko für eine Harnretention gab es jedoch keine größeren Unterschiede zwischen Männern mit und ohne BPH-bedingten Harnverhalt.

Inzidenz nur leicht gestiegen

Das Team um Bengtsen schaute sich zunächst die altersstandardisierten Inzidenzen für einen akuten Harnverhalt an. Diese nahmen von 2,3 pro 1000 Personenjahre auf 3,4 im Jahr 2004 zu und gingen seither wieder leicht auf 3,0 zurück. Vor allem bei älteren Männer ab 75 Jahren mit BPH-bedingter Harnretention nahm die Inzidenz zuletzt deutlich ab, bei den übrigen älteren Männern hingegen weiter zu. In beiden Gruppen wurde jedoch immer seltener operiert, dafür mehr medikamentös behandelt: Eine BPH-Operation erfolgte im Jahr nach dem urologischen Notfall 1997 noch bei 31% mit und bei 20% ohne BPH-bedingten Vorfall, im Jahr 2017 wurden jeweils noch 21% und 8% operiert. Zugleich stieg der Anteil mit BPH-Medikation in diesem Zeitraum von jeweils 17% auf 52% sowie von 12% auf 40%. Seit dem Jahr 2010 ergaben sich jedoch weder bei den Operations- noch den Medikationsraten größere Veränderungen.

Relativ konstant geblieben ist trotz aller medizinischer Fortschritte die Einjahresmortalität nach einem akuten Harnverhalt: Sie sank über 21 Jahre hinweg nur leicht von 22% auf 18%. Bei Männern mit BPH-bedingter Retention war sie jedoch durchweg niedriger als bei solchen ohne und erreichte zuletzt 14%, lagen andere Ursachen als eine BPH vor waren es 26%. Seit 2015 hat sich die standardisierte Einjahresmortalität insgesamt wenig verändert, steigt aber weiter bei Männern ohne BPH-bedingten Harnverhalt. Verglichen mit Männern aus der Allgemeinbevölkerung war die Mortalität in beiden Gruppen nach drei Monaten um den Faktor 3,6 und 5,4 erhöht, nach einem Jahr noch um den Faktor 2,2 und 2,8.

Krebs als Haupttodesursache

Haupttodesursachen waren Krebserkrankungen, sie hatten einen Anteil von 28% bei allen Todesfällen im ersten Jahr nach dem Harnverhalt, die Krebsmortalität lag damit rund vierfach höher als in der übrigen männlichen Bevölkerung, auf Platz zwei folgten Urogenitalerkrankungen wie Harnwegsinfekte und Nierenversagen mit einem etwa sechsfach erhöhten Sterberisiko, aber auch die diabetes- und sepsisbedingte Sterberate war für Männer mit akutem Harnverhalt rund fünffach höher als bei gleich alten Männern in der Allgemeinbevölkerung.

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Was lässt sich nun aus den Daten schließen? Zum einen scheint sich die steigende Präferenz für eine medikamentöse BPH-Therapie nicht auf die Inzidenz für einen akuten Harnverhalt ausgewirkt zu haben, diese ist mit der Zeit nicht sonderlich gestiegen und gerade bei Männern mit BPH-bedingten Harnverhalt weitgehend konstant geblieben. Das Team um Bengtsen verweist zudem auf die fast konstant hohe Mortalität, vor allem bei Männern mit nicht BPH-bedingtem Harnverhalt. Solche Männer seien in der Regel sehr alt und hätten viele Begleiterkrankungen, welche die hohe Mortalität zum Teil erklärten. Sie seien daher sehr vulnerabel und benötigten besondere Aufmerksamkeit, nicht zuletzt was die Medikation von Harnverhalt-fördernden Therapeutika und die Katheterisierung in Kliniken betreffe – diese könne zu nosokomialen Infekten mit Harnverhalt führen. Schließlich dürften sich gelegentlich auch okkulte Krebserkrankungen über einen Harnverhalt manifestieren.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie haben sich Inzidenz und Mortalität bei akutem Harnverhalt von Männern seit 1997 entwickelt?

Antwort: Die Inzidenz ist trotz rückläufiger Rate von BPH-Operationen nicht gestiegen, die Mortalität liegt mit rund 18% im ersten Jahr nach dem Harnverhalt auf hohem Niveau.

Bedeutung: Die steigende Präferenz für eine medikamentöse BPH-Therapie seit den 1990er-Jahren hat nicht zu einer deutlichen Zunahme der Inzidenz von akuten Harnverhalten geführt.

Einschränkung: Angaben beziehen sich nur auf Dänemark.
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Literatur

Bengtsen MB et al. Acute urinary retention in men: 21‐year trends in incidence, subsequent benign prostatic hyperplasia‐related treatment and mortality: A Danish population‐based cohort study. Prostate 2022; https://doi.org/10.1002/pros.24440

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