Diagnostik und Therapie bei Schwindel
Interdisziplinärer Leitfaden für die klinische Praxis
- Open Access
- 16.04.2025
- Benigner Lagerungsschwindel
- Übersichten
Zusammenfassung
Vorbemerkung
Häufigkeit
Diagnostik
Anamnese
„Red flag“ – Schwindel/Gangunsicherheit plus | Differenzialdiagnose | Empfohlene Maßnahme(n) |
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Anamnese | ||
Akute Hörminderung ohne Hinweise für eine Ohrerkrankung inkl. M. Menière (siehe auch Haupttext) | Zentrale Ursache (meist Hirnstamminfarkt im AICA-Stromgebiet) | Zuweisung auf die Stroke Unit zur weiteren Diagnostik/Therapie einschließlich MRT des Neurokraniums |
Multiple vaskuläre Risikofaktoren (ABCD2-Score \(\geq 4\)) | Zentrale, meist ischämische Ursache | Zuweisung auf die Stroke Unit zur weiteren Diagnostik/Therapie einschließlich MRT des Neurokraniums |
Perakuter Beginn ohne Trigger | Zentrale, meist ischämische Ursache | Zuweisung auf die Stroke Unit zur weiteren Diagnostik/Therapie einschließlich MRT des Neurokraniums |
Neuartiger Kopf- oder Nackenschmerz ± neuartige einseitige Hörminderung | Erhöhter intrakranieller Druck (z. B. durch eine Raumforderung in der hinteren Schädelgrube oder eine Sinusvenenthrombose), Dissektion A. vertebralis | Zuweisung in die Notfallabteilung zur zerebralen Bildgebung (CT inkl. i.v. Kontrastmittel und Darstellung der Sinusvenen sowie der arteriellen hirnversorgenden Gefäße) |
Bewusstseinsverlust | Epileptischer Anfall, erhöhter intrakranieller Druck mit drohender Herniation, Subarachnoidalblutung, Medikamentenintoxikation (z. B. Neuroleptika, Antiepileptika), kardiale Arrhythmie, Basilaristhrombose | Zuweisung in die Notfallabteilung zur zerebralen Bildgebung (CT inkl. CT-Angiographie ausreichend in den meisten Fällen), EEG, EKG, Medikamentenspiegelbestimmung |
Anhaltendes Erbrechen, verminderte Nahrungsaufnahme oder Malabsorption | Akuter Thiaminmangel | Thiaminspiegelbestimmung im Blut, umgehende hochdosierte Thiaminsupplementation (3 × 200–500 mg pro Tag als Kurzinfusion über 5 Tage) |
Fieber | Meningitis, Meningoenzephalitis | Zuweisung in die Notfallabteilung zur zerebralen Bildgebung (CT i. d. R. ausreichend) sowie zur Lumbalpunktion |
Diplopie, Dysphagie, Dysarthrie, Dysästhesie, Dysmetrie („deadly Ds“) | Zentrale Ursache im Hirnstamm/Kleinhirn (Schlaganfall, Blutung, Tumor, demyelinisierende Läsion), Medikamentenintoxikation | Zuweisung auf die Stroke Unit zur weiteren Diagnostik/Therapie einschließlich MRT des Neurokraniums |
Klinische Befunde am Patientenbett | ||
Normaler Kopfimpulstest (trotz Vorliegen eines Spontannystagmus oder Blickrichtungsnystagmus) | Zentrale Ursache im Hirnstamm/Kleinhirn (Schlaganfall, Blutung, demyelinisierende Läsion), Medikamentenintoxikation, Erstmanifestation einer vestibulären Migräne | Zuweisung auf die Stroke Unit zur weiteren Diagnostik/Therapie einschließlich MRT des Neurokraniums |
Rein vertikaler, rein torsioneller oder torsionell-vertikaler Spontannystagmus | Zentrale Ursache im Hirnstamm/Kleinhirn (Schlaganfall, Blutung, demyelinisierende Läsion), Medikamentenintoxikation, akuter Thiaminmangel, Erstmanifestation einer vestibulären Migräne | Siehe oben |
Horizontaler, nicht erschöpflicher Blickrichtungsnystagmus bei exzentrischer Blickwendung | Zentrale Ursache im Hirnstamm oder Kleinhirn (Schlaganfall, Blutung, demyelinisierende Läsion, Tumor), Erstmanifestation einer vestibulären Migräne, Medikamentenintoxikation, Thiaminmangel | Siehe oben |
Klinisch manifeste vertikale Divergenz („skew deviation“) im alternierenden Abdecktest | Zentrale Ursache im Hirnstamm oder Kleinhirn (Schlaganfall, Blutung, demyelinisierende Läsion) | Siehe oben |
(Neuartige) Okulomotorikstörung (sakkadierte Blickfolge, dysmetrische Sakkaden, Reboundnystagmus, vertikaler Nystagmus nach Kopfschütteln in der horizontalen Ebene) | Zentrale Ursache im Hirnstamm oder Kleinhirn (Schlaganfall, Blutung, demyelinisierende Läsion, neurodegenerativ, Tumor) | Bei akuter Symptomatik Vorstellung in der Notfallabteilung (inkl. zerebraler Bildgebung), bei subakuter/chronischer Symptomatik Zuweisung zur fachärztlich neurologischen Abklärung |
Akuter einseitiger Hörverlust ohne Hinweise für eine Ohrerkrankung inkl. M. Menière | Zentrale Ursache (meist Hirnstamminfarkt im AICA-Stromgebiet) | Zuweisung auf die Stroke Unit zur weiteren Diagnostik/Therapie einschließlich MRT des Neurokraniums |
Schwere Rumpfataxie (Unfähigkeit, ohne Hilfe/ohne Abstützen zu sitzen/stehen) | Vertebrobasiläre Ischämie, Hirnstamm‑/Kleinhirnblutung, demyelinisierende Läsion | Siehe oben |
Positionsabhängiger Nystagmus ohne Besserung nach wiederholten Repositionsmanövern und/oder atypischer Präsentation (Schlagrichtung nicht passend zu einem Bogengang) | Zentrale Ursache im Hirnstamm oder Kleinhirn (Schlaganfall, Blutung, demyelinisierende Läsion, Tumor), Erstmanifestation einer vestibulären Migräne | Siehe oben |
Auffällige Vitalzeichen (Hypotonie, Tachykardie, Arrhythmie) | Internistisch-kardiologische Ursachen | Dringliche kardiologische/internistische Abklärung |
Klinische Untersuchung bei akutem Schwindel
Untersuchung | Wann indiziert? | Interpretation eines pathologischen Befundes |
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Suche nach fokal-neurologischen Defiziten | Bei allen Patient:innen | Vorliegen fokal-neurologischer Defizite → starker Hinweis für eine zentrale Ursache |
Suche nach einem Spontannystagmus mit/ohne Fixation (Frenzel-Brille) | Bei allen Patient:innen | Sofern horizontal, mit Torsion und/oder Abnahme bei Fixation → eher peripher |
Sofern rein vertikal, rein torsionell oder vertikal-torsionell und ohne Abnahme bei Fixation → eher zentral | ||
Suche nach subtilen okulomotorischen (und audiologischen) Zeichen (HINTS plus) | Bei akutem prolongiertem Schwindel (AVS) | Kopfimpulstest → Einstellsakkade meist hinweisend auf periphere Ursache (Cave: „falsch“ abnorm bei 20 % der Patient:innen mit zentralem AVS), intakter Kopfimpulstest im Kontext eines AVS → suggestiv für zentrale Ursache |
Exzentrische Blickhaltefunktion → Blickrichtungsnystagmus (d. h. Drift der Augen in die Primärposition und Korrektursakkade nach außen) suggestiv für zentrale Ursache | ||
Alternierender Abdecktest → klare vertikale Einstellbewegung („skew deviation“) suggestiv für zentrale Ursache | ||
Neuartiger einseitiger Hörverlust (Prüfung mittels Flüsterzahlen oder Fingerreiben) ohne Hinweis für Ohrerkrankung → suggestiv für zentrale Ursache („Plus-Kriterium“) | ||
Suche nach einer Rumpfataxie | Bei allen Patient:innen | Freies Sitzen oder Stehen ohne Abstützen nicht möglich → zentral |
Freies Stehen (im Tandemstand) und freies Gehen möglich → peripher oder zentral-vestibulär | ||
Provokationsmanöver für die posterioren und lateralen Bogengänge | Bei typischen Provokationsfaktoren | Hallpike-Dix-Manöver: torsionell-geotroper Nystagmus → BPLS des posterioren Bogengangs |
Supine-Roll-Manöver: geotroper oder apogeotroper rein horizontaler Nystagmus → BPLS des lateralen Bogengangs |
Prüfung von HINTS sowie der Stand- und Gangfunktion
Klinische Untersuchung bei spontanem episodischem oder chronischem Schwindel
Lagerungsmanöver
Ohruntersuchung
Therapieprinzipien
Medikamentöse Therapien | Nichtmedikamentöse Therapien | |||||
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Diagnose | Akutphase/symptomatisch | Prophylaxe | Akutphase/symptomatisch | Prophylaxe/weitere therapeutische Maßnahmen | Follow-up | Empfehlung für weitere Diagnostik/Therapie |
Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS) | Ggf. Antiemetika oder Anxiolytika als Prämedikation vor Repositionsmanövern | Vitamin-D3-Supplementation empfohlen (bei Rezidiv) [26] | Repositionsmanöver (Praxis/Notfall, zuhause, Abb. 3, S1–2), Physiotherapie (inkl. Heimübungen) | Anleitung zur selbstständigen Durchführung von Repositionsmanövern mit Hand-outs, Videos (z. B. https://novel.utah.edu), Smartphone-Apps | Nach 3–7 Tagen (telefonisch, remote per Video, in der Praxis) | Fachärztlich-neurologische und HNO-ärztliche spezialisierte vestibuläre Diagnostik/cMRT bei therapierefraktärer Symptomatik |
Akute unilaterale Vestibulopathie (AUVP) | Steroide unter Berücksichtigung von Begleiterkrankungen erwägen gemäß S2k-Leitlinie „Vestibuläre Funktionsstörungen“ (DGHNO-KHC/DGN) [27] | Keine | Physiotherapie (vestibuläre Rehabilitationstherapie, VRT) [30] | Anleitung zur selbständigen Durchführung von VRT mit Hand-outs, Videos, Smartphone Apps [31] | Verlaufskontrolle nach 2–4 Wochen empfohlen | Dringliche Zuweisung in die Notfallabteilung, zum HNO-Arzt oder zum Neurologen bei ausgeprägter Klinik oder Verdacht auf zentrale Ursache sowie zur erweiterten qualitativen/quantitativen Vestibularisdiagnostik (siehe Tab. 1 „red flags“) |
Ischämischer/hämorrhagischer Schlaganfall („Stroke“) | Ggf. Antiemetika (Domperidon, Metoclopramid, Ondansetron) zum Transfer | Neurorehabilitation (ambulant, stationär) | Lifestyle-Modifikationen (gemäß Leitlinien zur Sekundärprophylaxe [33]) | Regelmäßige Nachkontrollen gemäß Spezialist:in | Umgehende Zuweisung zur nächstgelegenen Stroke Unit mittels Notarzt | |
Weitere Maßnahmen siehe S2k-Leitlinie (DGN), Leitlinie AHA/ASA [33] | ||||||
Vestibuläre Migräne (VM) | Akutmedikation gemäß Guidelines (siehe Migräneattackenbehandlung, Schweizerische Kopfwehgesellschaft, www.headache.ch, und DGN [34]) | Entscheid zur Prophylaxe in RS mit Spezialist:in empfohlen | Keine | Lifestyle-Modifikationen | Sofern Beginn einer Langzeitprophylaxe erfolgt: Nachkontrolle nach 10–12 Wochen empfohlen | Zuweisung zum Neurootologen/in ein Schwindelzentrum empfohlen, ggf. parallel cMRT zum Ausschluss sekundärer Schwindel‑/Kopfschmerzursachen |
(siehe Migräne-Langzeitprophylaxe www.headache.ch und DGN [34]) | Weitere Maßnahmen siehe Leitlinien DGN und Schweizerische Kopfwehgesellschaft | |||||
M. Menière | Antiemetika (Domperidon, Metoclopramid, Ondansetron) | Keine | Individuelles multimodales Therapiekonzept, „shared decision making“ mit u. a. folgenden Elementen: Lifestyle-Modifikationen, Hörrehabilitation, Physio‑/Psychotherapie, Selbsthilfegruppen | I. d. R. spezialärztlich | Zuweisung zum Neurootologen/in ein Schwindelzentrum empfohlen, Ausschluss struktureller Ursachen (cMRT), ggf. Hydrops-MRT | |
Vestibuläre Paroxysmie | Keine (Attacken i. d. R. zu kurz für symptomatische Therapie) | Entscheidung zur Prophylaxe in RS mit Spezialist:in empfohlen (Carbamazepin, Oxcarbazepin, Lacosamid als Off-Label-Verwendung) [27] | Keine | Keine | I. d. R. spezialärztlich | Zuweisung zum Neurootologen/in ein Schwindelzentrum empfohlen, Ausschluss struktureller Ursachen (cMRT) |
„Persistent postural perceptual dizziness“ (PPPD)/funktioneller Schwindel | Verwendung von Antiemetika oder Antivertiginosa nicht empfohlen | Entscheidung zur Prophylaxe in RS mit Spezialist:in empfohlen (i. d. R. Antidepressiva) | Keine | Meist multimodaler Therapieansatz inkl. Patientenedukation (www.vestibular.org), Verhaltenstherapie, Physiotherapie (inkl. Heimübungen) [25] | I. d. R. spezialärztlich | Zuweisung zum Neurootologen/in ein Schwindelzentrum empfohlen, Behandlung der auslösenden Erkrankung (z. B. BPLS, VM) |
Bilaterale Vestibulopathie (BVP) | Keine | Keine | Keine | Physiotherapie (inkl. Heimübungen mit Hand-outs, Smartphone Apps) Vermeiden ototoxischer Medikamente | Spezialärztliche Verlaufskontrolle nach 6 Monaten empfohlen | Zuweisung zum Neurootologen/in ein Schwindelzentrum empfohlen, Ausschluss zusätzlicher Pathologien (z. B. CANVAS) |
Therapie anderer Sinneseinschränkungen (z. B. Sehen, Hören) | ||||||
Wichtigste Schwindelsyndrome
Akutes vestibuläres/akutes Imbalance-Syndrom
Episodisches vestibuläres Syndrom
Chronisches vestibuläres Syndrom
Ausblick
Fazit für die Praxis
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Bei Schwindel ist eine strukturierte Vorgehensweise inkl. gezieltem Erfragen der Dauer und Häufigkeit der Episoden und Provokationsfaktoren sowie eine fokussierte neurootologische Untersuchung einschließlich der Suche nach subtilen okulomotorischen Zeichen essenziell („TiTrATE“-Herangehensweise).
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Die Identifikation gefährlicher Ursachen ist prioritär, beim akuten vestibulären Syndrom und akuten Imbalance-Syndrom sind dies v. a. vertebrobasiläre Ischämien und beim episodischen vestibulären Syndrom kardiale Arrhythmien und eine TIA.
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Primärversorger:innen sollten in der praktischen Anwendung der HINTS sowie der Lagerungs- und Repositionsmanöver (insbesondere für den lateralen BG) geschult werden.
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Medikamentöse Therapien bei Schwindel sollten möglichst evidenzbasiert durchgeführt werden und periodisch bezüglich Wirksamkeit und Verträglichkeit reevaluiert werden.