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Bluttransfusion, Jehovas Zeugen

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Ziel

Medikolegale Sicherheit im Umgang mit Bluttransfusionen bei Jehovas Zeugen

Problem

Über die Risiken und Nebenwirkungen einer Bluttransfusion muss in jedem Falle aufgeklärt werden, wenn die Transfusionswahrscheinlichkeit über 10 % liegt. Diese Aufklärung sollte in schriftlicher Form und der Einfachheit und Vollständigkeit halber unter Verwendung entsprechender kommerzieller Aufklärungsbögen erfolgen. Getreu ihren Glaubensgrundsätzen lehnen Jehovas Zeugen jegliche Bluttransfusion ab. In letzter Konsequenz wählen sie lieber den Tod als die Lebenserhaltung durch Fremdblut. Diese Selbstbestimmung von erwachsenen Zeugen Jehovas und ihr verfassungsmäßiges Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit haben wir Ärzte selbst in Notfallsituationen zu respektieren, auch wenn wir damit unser eigenes Gewissen beschädigen. Die Durchführung elektiver Eingriffe kann der Arzt ablehnen. Anders und differenzierter ist die Situation bei minderjährigen Kindern von Eltern aus der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas zu betrachten.

Lösung und Alternativen

Unter dem Leitmotiv „Extreme Anämie bei Verweigerung der Transfusion“ haben Zander und von Bormann mehrere, ganz objektive Berichte mit Fallbeispielen aus verschiedenen Kliniken, Unfallkrankenhäusern und Intensivstationen gesammelt. Die jeweiligen Autoren beschreiben denkbar präzise und kritisch den glücklichen oder auch letalen Ausgang bei ihren Patienten aus der Glaubensgemeinschaft der „Zeugen Jehovas“. Dabei werden immer wieder mit dem Leben kaum vereinbare Laborwerte mitgeteilt (z. B. Hb 1,4 g/dl bei Hkt 3,7 %), so im Falle eines extremen intraoperativen Blutverlustes bei einer Zeugin Jehovas, die ohne Fremdbluttransfusion dank Ausschöpfung aller nur denkbaren intensivmedizinischen Möglichkeiten am Leben erhalten werden konnte.

Ein abschließender juristischer Kommentar bringt namentlich unser ärztliches Dilemma bei hochgradig ausgebluteten, minderjährigen Kindern von Eltern aus der Glaubensgemeinschaft auf den Punkt. An dieser Stelle muss wörtlich zitiert werden:

„Besonderer Betrachtung bedarf im vorliegenden Zusammenhang die Ablehnung einer Bluttransfusion durch Eltern als Sorgeberechtigte für ihre minderjährigen Kinder, soweit diese (noch) nicht einwilligungsfähig sind. In solchem Fall ist grundsätzlich die Entscheidung des Vormundschaftsgerichts über die Vornahme einer Bluttransfusion – gegen den Willen der Eltern – einzuholen (§1666 BGB). Ist Eile geboten und kann eine Entscheidung des Vormundschaftsgerichts nicht abgewartet werden, darf und muss der Arzt die Bluttransfusion in Ansehung seiner Hilfeleistungspflicht auch gegen den Willen der Eltern vornehmen. Andernfalls würde er sich dem strafrechtlichen Vorwurf einer „unterlassenen Hilfeleistung“ aussetzen. Bedenklich erscheint, bei dieser Fallkonstellation die ablehnende Haltung der Eltern durchweg und per se als „missbräuchlich“ zu charakterisieren. Art. 2 und 4 GG beanspruchen auch in diesem Zusammenhang grundsätzlich Geltung. Jedoch bedarf die Haltung der Eltern durch eine Entscheidung des Vormundschaftsgerichts bzw. aufgrund eigenen Entschlusses des Arztes (siehe oben) der „Objektivierung“. Denn es ist nicht zweifelhaft, dass der Pflicht, „das Leben und die Gesundheit des Kindes zu retten“, der Vorrang gegenüber der „das Leben des Kindes aufs Spiel setzenden Gewissensentscheidung“ der Eltern gebührt.“

Quelle

Bluttransfusion bei Jehovas Zeugen. In: Schmäl F, Nieschalk M, Nessel E, Stoll W (Hrsg.): Tipps & Tricks für den Hals-, Nasen- und Ohrenarzt: 8–9 (2001)

Literatur

  • Bock RW: Juristischer Kommentar zur Ablehnung von Bluttransfusionen. Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie (AINS) 31: 506–507 (1996)
  • Busse J, Wessling C: Tolerierung eines extremen intraoperativen Blutverlustes bei einer Zeugin Jehovas. Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie (AINS) 31: 498–501 (1996)
  • Zander R, von Bormann B (Hrsg.): Extreme Anämie bei Verweigerung der Transfusion. Editorial – Leben ohne Hämoglobin? Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie (AINS) 31: 488–489 (1996)