Skip to main content
main-content

Über dieses Buch

Ein Leben ohne Schmerzen – der Wunschtraum vieler leidgeplagter Schmerzpatienten, für die Schmerz zum Alltag gehört und sich in den Mittelpunkt des Lebens drängt.

Der erste Abschnitt des Buches vermittelt theoretisches Wissen zum Thema Schmerz und Somatoforme Störungen inkl. DSM-V Klassifikation und beschreibt die wichtigsten Krankheitsbilder.

Im zweiten Abschnitt des Buches schildern die Autorinnen sowohl die schul-als auch komplementärmedizinische Schmerztherapie und psychotherapeutische Möglichkeiten in ihrer Vielfältigkeit, aber auch Gemeinsamkeit. Interdisziplinär und multimodal sollen nicht Schlagwörter bleiben, sondern ein Konzept darstellen, das mit Menschlichkeit, Fachkompetenz und bewertungsfreier Zusammenarbeit aller Beteiligten, Patienten individuell hilft, ein erfülltes Leben zu führen.

Patienten, für die es keine Möglichkeit der Besserung oder Heilung gibt, haben in diesem Konzept ein Recht auf Würde, menschliche Begleitung und ausreichende Schmerzbehandlung mit Hilfe aller zur Verfügung stehenden Methoden.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Grundlagen und Gedanken zur Entstehung und Diagnostik

Frontmatter

1. Einleitung

Ein Leben ohne Schmerzen – der Wunschtraum vieler leidgeplagter Schmerzpatienten, für die Schmerz zum Alltag gehört und nicht mehr weg zu denken bzw. zu fühlen ist. Schmerz wird zum Feind, den wir mit allen erdenklichen Mitteln bekämpfen wollen. Ungeheure Mengen verschiedenster Schmerzmittel werden konsumiert und gegen den Feind eingesetzt – im Augenblick meist erfolgreich, längerfristig oft ohne Erfolg. Schmerzen haben eine wichtige Schutzfunktion für den Körper, weil sie auf eine Störung der Gesundheit aufmerksam machen. Andererseits können sie unangenehm bis quälend sein und führen, vor allem wenn es sich um chronische Schmerzen handelt, zu einer deutlichen Minderung der Lebensqualität.

Martina Sendera, Alice Sendera

2. Mechanismus der Chronifizierung

Von chronischem Schmerz spricht man, wenn der Schmerz mehr als sechs Monate anhält, seine biologisch sinnvolle Warnfunktion verloren hat und zur Krankheit selbst geworden ist. Schmerzen werden als dann als chronisch bezeichnet, wenn sie im Mittelpunkt des Interesses stehen, mehrfache Therapieversuche ohne Erfolg blieben und zu Enttäuschungen und Einschränkung der Lebensqualität geführt haben. Der Zeitfaktor alleine ist jedoch zu wenig für die Beurteilung. Chronischer Schmerz hat nichts mit Verlängerung des akuten Schmerzes zu tun. Eine wesentliche Rolle spielen hier die Bewertung, psychische Belastung, soziale Faktoren und Lebensqualität. Beim chronischen Schmerz findet man keinen eindeutigen Zusammenhang zu den schädigenden somatischen Faktoren mehr, Lokalisation und Intensität haben ihren Charakter verändert.

Martina Sendera, Alice Sendera

3. Diagnostik

In vielen standardisierten Verfahren wird die Schmerzzeichnung zur Lokalisation der Beschwerden eingesetzt. Dies erleichtert die Kommunikation, vor allem auch bei Patienten mit Sprachproblemen. Auch der Leidensdruck kann hier Ausdruck finden. Zur Messung der Intensität werden Schmerzskalen eingesetzt. Das Ausfüllen sollte möglichst nicht zu lange zurückliegen, da die Intensität im Nachhinein oft anders eingeschätzt wird. Der Verlauf ist für die Beurteilung sehr wichtig. Einerseits ist die Differentialdiagnostik dadurch häufig möglich, andererseits kann der Grad der Chronifizierung erkannt werden. Beide Kriterien können im Schmerztagebuch festgehalten werden.

Martina Sendera, Alice Sendera

4. Epidemiologie

Die epidemiologischen Umfragen in Österreich zeigen, dass 1,5 Million Österreicher an chronischen Schmerzen leiden. Davon bezeichnen mehr als die Hälfte ihre Therapie als nicht ausreichend. Das zeigt, dass die Versorgung von Schmerzpatienten verbessert werden muss. Multimodale Konzepte, interdisziplinäre Zusammenarbeit und veränderter Zugang zu opioiden Schmerzmitteln sind erforderlich. Nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte haben oft noch Vorurteile gegen Opiate. Die Prophylaxe der Chronifizierung ist oft nicht ausreichend, Akutschmerz wird nicht effektiv unterbunden. Chronische Schmerzpatienten geraten häufig in die Schiene Doktor-Hopping – Aktivitätsverlust – Frühpensionierung. Die resultierenden Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit, das Gefühl zu nichts nütz’ zu sein, führen oft in die Depression und damit auch zur Schmerzverstärkung.

Martina Sendera, Alice Sendera

5. Kulturspezifische Aspekte des Schmerzerlebens

SchmerzerlebenSchmerzerleben und Schmerzverarbeitung+(Schmerzverarbeitung sind nicht nur von individuellen, sondern auch von soziokulturellen, ethnischen sowie religiösen Faktoren abhängig. Der Schmerz selbst in seiner biologischen Bedeutung als Warnsignal wird meist als kulturfrei betrachtet. Bei Schmerzempfindungsschwellenmessungen (Reizstärke, die nötig ist, um eine Schmerzempfindung auszulösen) mit Frauen verschiedener ethnischer Gruppen konnte nachgewiesen werden, dass die Empfindungsschwelle keine Unterschiede aufzeigt. Die kulturelle und ethnische Zugehörigkeit hat jedoch großen Einfluss auf die Art und Weise, wie Schmerz erlebt, ausgedrückt und wie damit umgegangen wird. Die jeweiligen psychosoziokulturellen Faktoren beeinflussen die Interpretation, wie Schmerz empfunden wird, sowie die Art und Weise, wie Schmerz nach außen hin kommuniziert und für andere nachvollziehbar gemacht wird.

Martina Sendera, Alice Sendera

6. Konzepte – Chronifizierung von Schmerzen

Bis heute ist unklar, warum manche Menschen zur Chronifizierung von Schmerzen neigen, andere dagegen nicht – selbst dann, wenn beide Gruppen ein vergleichbares Krankheitsbild aufweisen. Unterschiedliche Konzepte bieten Erklärungsmodelle, um chronische Schmerzen wirksam behandeln zu können. Da in vielen Fällen die medikamentösen, komplementären oder alternativen Behandlungsformen nicht wirken, wechseln die Patienten häufig den Arzt, auf der Suche nach Hilfe und Linderung, aber auch nach Verständnis und Zuwendung. Zum besseren Verständnis der therapeutischen Interventionen werden im Folgenden drei Erklärungsmodelle (Konzepte) kurz beschrieben.

Martina Sendera, Alice Sendera

Krankheitsbilder

Frontmatter

7. Kopfschmerz

Man unterscheidet aktuell 228 Formen von Kopfschmerz, unterteilt in 14 Unterkapitel. Ein sehr großer Anteil an Kopfschmerzen kann alleine durch ein ausführliches Anamnese-Gespräch diagnostiziert oder in Richtung einer bestimmten Kopfschmerzform eingeengt werden. Bei neuen Symptomen oder Veränderung bestehender Symptome muss auch bei jahrelanger Kopfschmerzanamnese eine neuerliche Diagnostik durchgeführt werden! Von größter Bedeutung ist die Differenzierung zwischen primären und sekundären Kopfschmerzen.

Martina Sendera, Alice Sendera

8. Rückenschmerz

Rückenschmerzen sind ein häufiges Symptom sowohl in der allgemeinärztlichen als auch in der neurologischen und orthopädischen Praxis und neben Kopfschmerzen das häufigste chronische Schmerzsyndrom. In Europa geht man von einer Lebenszeitprävalenz von über 80% aus. Die Häufigkeit nimmt mit zunehmendem Alter zu, da degenerative Veränderungen und Inaktivität eine immer größere Rolle spielen. Circa 85% der Patienten haben sogenannte nicht spezifische Rückenschmerzen, das heißt, dass kein pathologisches beschwerdespezifisches Substrat im Körper vorhanden ist. Ebenso findet man Patienten mit Bandscheibenvorfällen, Stenosen etc., die keine Beschwerden haben. Akute Rückenschmerzen haben eine gute Prognose. Meist tritt rasch Besserung ein und die Patienten können innerhalb eines Monats ihren Alltag wieder aufnehmen. Die Behandlung des Akutschmerzes ist von großer Bedeutung, da eine ausreichende, rasch einsetzende Therapie oft einer Chronifizierung vorbeugen kann.

Martina Sendera, Alice Sendera

9. Fibromyalgie

Das Hauptsymptom der FibromyalgieFibromyalgie (Fibromyalgie-Syndrom – FMSFibromyalgie-Syndrom (FMS)) sind chronische muskuloskelettale Schmerzen in mehreren Körperregionen (chronic widespread Pain – CWPchronic widespread Pain (CWP)) mit typischen druckschmerzhaften Punkten. Es finden sich begleitende Symptome in unterschiedlicher Häufigkeit und Ausprägung. Typisch sind Schlafstörungen, Tagesmüdigkeit, Erschöpfung; Gedächtnis- und Konzentrationsbeeinträchtigungen; affektive Störungen; Morgensteifigkeit; Schwellungsgefühl im Gesicht und an den Händen; Verdauungsbeschwerden; Miktionsbeschwerden; viscerale Störungen.

Martina Sendera, Alice Sendera

10. Visceralschmerz

Akuter bzw. chronisch rezidivierender Visceralschmerz, wie z. B. ein akutes Abdomen, ist u. U. lebensbedrohlich und erfordert sofortiges Eingreifen. Unter chronischen Eingeweide- (Visceral-) Schmerzen versteht man eine Zusammenfassung von Thorakal-, Abdominal- und Beckenschmerzen. Hierbei handelt es sich um unterschiedliche Schmerzkomponenten, sowohl nozirezeptive als auch neuropathische, einerseits von den visceral innervierten Organen, andererseits von Muskulatur, Haut und Unterhaut im Sinne von übertragenen Schmerzen. Auch zentralnervöse Faktoren spielen eine Rolle. Neuropathische Komponenten findet man nach Operationen, aber auch bei einigen Formen von Beckenschmerzen. Circa 50% dieser Syndrome werden den funktionellen somatischen Schmerzsyndromen zugeordnet und somit zu den psychosomatischen Erkrankungen gerechnet.

Martina Sendera, Alice Sendera

11. Ischämischer Schmerz

Dieses Kapitel umfasst arterielle Verschlusskrankheiten, venöse Störungen und entzündliche Gefäßveränderungen. Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK, „Schaufensterkrankheit“) ist eine der häufigsten Erkrankungen älterer Menschen und Ursache für chronische Schmerzen. Daher haben wir diese als Beispiel heraus gegriffen. Die Prävalenzdaten liegen bei Frauen über 65 Jahren bei 17%, bei Männern bei ca. 20%. Bei den ischämischen Schmerzen bei pAVK unterscheidet man zwischen muskulärem Tiefenschmerz und oberflächlichem Gewebeschmerz. Pathogenetisch kommt es zur Kumulation von schmerzauslösenden Stoffwechselsubstanzen, die durch die fehlende oder verminderte Durchblutung nicht abtransportiert werden. Auch Entzündungsparameter wie Prostaglandine spielen bei fortgeschrittener Krankheit eine Rolle, ebenso wie die Dysregulation des Sympathikus, der durch Vasokonstriktion die Schmerzen noch verstärkt. Neuropathische Anteile und Zeichen einer zentralen Sensibilisierung konnten ebenfalls nachgewiesen werden.

Martina Sendera, Alice Sendera

12. Schmerz bei neurologischen Erkrankungen

M. ParkinsonM. Parkinson beginnt mit unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Leistungsabfall, Verstopfung, depressiven Verstimmungen, eingeschränktem Geruchssinn, Schlafstörungen oder schmerzhaften Muskelverspannungen, die meist einseitig an den oberen Extremitäten auftreten. Auch Schmerzen im Nacken-Schultergürtelbereich, vor allem morgens, sind auffällig. Multiple Sklerose geht häufig mit Schmerzen einher. Bei 20% der Patienten treten die Schmerzen schon beim ersten Schub auf. Eine häufige Komorbidität besteht mit Angst, Depressionen und Erschöpfung; oft sind mehrere Schmerzsyndrome vorhanden. Zentraler Schmerz nach Insult – „thalamischer SchmerzSchmerzthalamischer“ kann nach einem Schlaganfall oder nach einer Hirnblutung auftreten. Post-Zoster-Neuralgie : Herpes ZosterHerpes Zoster entsteht durch Reaktivierung der Varicella-Zoster-Viren nach Varicellen (Feuchtblattern, Windpocken) in der Vorgeschichte.

Martina Sendera, Alice Sendera

13. Neuropathische Schmerzsyndrome

Polyneuropathien, bei Erkrankungen des peripheren Nervensystems vorkommend, zeigen oft uncharakteristische Beschwerdebilder. Als Beispiel sei hier die Polyneuropathie bei Diabetes mellitus, bei Erythromelalgie, bei Alkoholabusus, im Rahmen von Autoimmunerkrankungen, bei Nervenkompressionssyndromen (z. B. CTS – Druckschädigung des N. Medianus im Karpaltunnel), als Begleiterscheinung bei Chemotherapie und nach traumatischen Nervenschädigungen genannt. Wesentlich rascher, nämlich innerhalb von Tagen, entwickelt sich das Guillain-Barre-Syndrom; die Lähmung kann den ganzen Körper befallen. Hauptgefahren stellen die Lähmung der Atemmuskulatur sowie Herzrhythmusstörungen dar. Es kann wochenlange Betreuung auf der Intensivstation erforderlich sein. Beim komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) handelt es sich um eine schmerzhafte Erkrankung, bestehend aus sensiblen, autonomen, motorischen und trophischen Störungen. Die Pathogenese ist noch nicht exakt geklärt.Schmerzsyndromneuropathisches

Martina Sendera, Alice Sendera

14. Osteoporose

Die Osteoporose ist die häufigste Knochenkrankheit im Alter. Sie ist gekennzeichnet durch eine Abnahme der Knochendichte durch einen übermäßig raschen Abbau der Knochensubstanz und -struktur oder durch einen gestörten Knochenaufbau. Eine erhöhte Anfälligkeit für Knochenbrüche geht damit einher. Es sind überwiegend Frauen betroffen; ca. ein Drittel aller Frauen hat in der Postmenopause Probleme mit Osteoporose. Dabei handelt es sich hauptsächlich um ein Stoffwechselproblem, begleitet von Bewegungsmangel, ungesunder Ernährung und Östrogenmangel. Ein frühzeitiges Screening und rechtzeitige Therapie können viel Leid verhindern. Eine sog. sekundäre Osteoporose kann auch durch Kortisonmedikation, Fehlernährung, Schilddrüsenerkrankungen, entzündlichen Darmerkrankungen oder Immobilisierung hervorgerufen werden.

Martina Sendera, Alice Sendera

15. Phantomschmerz

Beim Phantomschmerz Phantomschmerznimmt der Patient einen amputierten Körperteil propriozeptiv wahr, spürt Bewegung und teilweise auch starke Schmerzen. Die Extremität wird beispielsweise nach der Amputation noch in gleicher Größe, Lage und gleichem Gewicht verspürt, später verkürzt sich diese Wahrnehmung häufig oder es wird nur mehr die Amputationsstelle wahrgenommen. Die SchmerzwahrnehmungSchmerzwahrnehmung kann chronisch werden und lebenslang anhalten. Differentialdiagnostisch müssen Phantomschmerzen von Stumpfschmerzen am Stumpf oder an der Narbe unterschieden werden.

Martina Sendera, Alice Sendera

16. Zentrale Schmerzen

Zentrale Schmerzen gehen mit einer Schädigung des zentralen Nervensystems einher. Sie werden als extrem quälend empfunden und sind schwer therapierbar. Auslöser können Schädigungen des Thalamus, aber auch des Hirnstammes oder Rückenmarkes sein. Zentrale SchmerzenSchmerzzentraler treten sekundär nach einer Erkrankung des ZNS auf, wie z. B. nach Schlaganfall, nach Traumata, nach entzündlichen Erkrankungen, nach Hirnblutungen, bei Tumoren, M. ParkinsonM. Parkinson, MSMS, Epilepsie, Autoimmunerkrankungen und Syringomyelie. Zentrale Schmerzen können in ihrem klinischen Bild stark variieren. Typisch ist das Auftreten nach einer Latenzzeit, bei Insult circa 3–6 Monate danach, bei traumatischem Querschnitt kann es bis zu zwei Jahren dauern. Die Lokalisation des Schmerzes ist in dem der Läsion im ZNS zugeordneten sensiblen Areal. Etwa 70% der Insultpatienten berichten über evozierte Schmerzen, bei 23% findet sich eine Kältehyperalgesie, ebenso bei 14% der MS-Patienten.

Martina Sendera, Alice Sendera

Zur Zeit gratis

17. Tumorschmerz

Etwa 60% der Menschen, die an einem bösartigen Tumor leiden, haben auch Tumorschmerzen. Dabei kann es sich um akute Schmerzattacken, aber auch um chronische Schmerzen handeln. Abgesehen davon, kann auch die Therapie, wie z. B. Operation, Chemotherapie, Bestrahlung, zu starken Schmerzen führen. Oft sind unklare Schmerzen der erste Grund, warum Patienten den Arzt aufsuchen. Die Prävalenz ist abhängig von der Art und Lokalisation des Tumors. Ein Tumorschmerz im eigentlichen Sinne wird durch den Tumor direkt ausgelöst. Je nach Lokalisation gibt es eine mehr oder weniger große Dichte an Nozirezeptoren. Davon abhängig erzeugt das Tumorwachstum eine lokale Schmerzreaktion. Im Bereich der inneren Organe und des Gehirns gibt es keine Schmerzrezeptoren, sodass Tumoren an diesen Stellen oft erst sehr spät entdeckt werden.

Martina Sendera, Alice Sendera

18. Schmerztherapie im Alter

Die Lebenserwartung der Menschen wird zunehmend höher und damit steigt auch der Bedarf an altersspezifisch angepasster Therapie. Die Einteilung von Altersstufen nach Jahren scheint uns wenig sinnvoll, vielmehr sollte der physische und geistige Zustand entscheidend sein. Alte Menschen haben häufig chronische Schmerzen, die Prävalenz steigt bis zum 70. Lebensjahr und liegt bei 50% (Jones et al. 2005). Die häufigste Schmerzursache sind degenerative Wirbelsäulen- und Gelenkserkrankungen, gefolgt von Tumorschmerzen, Schmerzen bei Osteoporose, Herpes Zoster, rheumatische Schmerzen, Polyneuropathien, Schmerzen nach Knochenbrüchen und Arteriitis temporalis. Bei älteren Menschen führen Schmerzerkrankungen noch schneller zu Immobilität und sozialer Isolation als bei jungen Menschen. Lange Zeit wurde diskutiert, ob das Schmerzempfinden im Alter abnimmt; nach letzten Studien ist eher das Gegenteil anzunehmen, nämlich eine geringere Schmerztoleranz im Alter.

Martina Sendera, Alice Sendera

19. Palliativmedizin

Unter PalliativmedizinPalliativmedizin versteht man die umfassende Betreuung von Patienten, die nicht mehr geheilt werden können, unter Erhaltung der bestmöglichen Lebensqualität bis zum Tod. Die Schmerztherapie in der Palliativmedizin entspricht der Tumor-Schmerztherapie. Wenn terminal die Schmerzmedikation nicht mehr ausreicht, wechselt man auf alternative Opioide, die dann wieder effektiver wirken können (Opioidrotation). Umstellung auf Gabe über einen Portzugang kann helfen, ultima ratio können Opioide und Lokalanästhetika intrathekal gegeben werden, evtl. in Kombination mit Clonidin, Ziconotid, Ketamin und Neostigmin. Wenn die Schmerztherapie versagt, muss der Patient sediert werden, um das Leiden zu mildern. Sollte der Patient nicht mehr in der Lage sein, mit dem Arzt zu kommunizieren, werden die nächsten Angehörigen mit einbezogen. Verwendete Medikamente sind Benzodiazepine und Propofol in Kombination mit Opioiden, intravenös mit Titriermöglichkeit.

Martina Sendera, Alice Sendera

20. Somatic Symptom and Related Disorders

Die Somatisierungsstörung und die undifferenzierte somatoforme Störung werden nach dem DSM-5 gemeinsam als Somatic Symptom Disorder zusammengefasst. Die Hypochondrie wird im DSM-5 nicht mehr als Diagnose aufgeführt. Stattdessen wird bei erhöhten Krankheitsängsten die Diagnose einer Illness Anxiety Disorder gestellt. Psychosoziale Belastungen in Kindheit und Jugend begünstigen die spätere Entwicklung einer Somatic Symptom Disorder. Aufgrund noch fehlender deutscher Übersetzung verwenden wir hier den englischen Ausdruck. Ca. 60% der Patienten haben eine Traumatisierung in der Anamnese und ein hoher Prozentsatz leidet zusätzlich an einer Depression und/oder Angststörung.Somatic Symptom and Related Disorders

Martina Sendera, Alice Sendera

21. Krankheitsangst bei bestehenden schweren Erkrankungen

Auch bei Menschen mit diagnostizierten ernsthaften Erkrankungen oder stattgehabten malignen Erkrankungen mit der Gefahr eines Rezidivs kann es zu intensiven belastenden Angstreaktionen kommen. Durch Grübeln, ständige Beschäftigung mit der Krankheit und übermäßiges Rückversicherungsverhalten kann der Alltag stark belastet sein. Ein therapeutisches Eingreifen und die Behandlung der Krankheitsangst sind dann sinnvoll, wenn die Lebensqualität des Patienten durch die Angst zusätzlich zu seiner Erkrankung massiv beeinträchtigt ist.

Martina Sendera, Alice Sendera

Interdisziplinäre und multimodale Behandlungsmethoden

Frontmatter

22. Psychotherapie

Psychotherapeutische Behandlungsmethoden sind ein wesentlicher Bestandteil bei der Behandlung chronischer und akuter Schmerzen. Schmerzen werden in der ganzheitlichen Schmerztherapie aus zwei Perspektiven betrachtet: Sie sind sowohl Erfahrung als auch Symptom einer Störung. Chronischer Schmerz wird demnach als ein multidimensionales psychisches und somatisches Geschehen verstanden, das durch biologisch-sensorische, affektiv-emotionale, motivationale, kognitive, interaktionelle, soziale und kulturelle Faktoren beeinflusst und aufrechterhalten wird.Die ganzheitliche Betrachtungsweise schlägt sich in der Therapie nieder. Hier spielen Maßnahmen wie Psychoedukation, Wahrnehmungsschulung, Selbstmanagement-Techniken zur Schmerzkontrolle und Schmerzreduktion, kognitive und emotionale Interventionsprogramme, Coping-Strategien, Ressourcenaktivierung, Förderung von Lebensqualität durch Neuorientierung des Lebenskonzeptes und der individuellen Beziehungsmuster (Lebensfallen), Entspannungstechniken, präventive Maßnahmen u. a. m. eine wichtige Rolle.Praktische Beispiele, Anleitungen und Beschreibung der einzelnen Therapiemethoden und -elemente stellen einen Großteil des Buches dar.

Martina Sendera, Alice Sendera

23. Neuromodulation

Zu den Möglichkeiten der Neurostimulation zählen die periphere Nervenstimulation, Rückenmarksstimulation/Hinterstrangstimulation/epidurale Rückenmarksstimulation, Thalamusstimulation, Motor-Kortex-Stimulation, Hypothalamus-Stimulation/Tiefenhirnstimulation sowie die transkranielle Magnetstimulation. Neue Möglichkeiten und Ideen bietet die Neuromodulation in der Schmerztherapie, vor allem bei neuropathischen Schmerzen und zentralen Schmerzen. Neuromodulation ist ein seit den 80er Jahren etabliertes therapeutisches Verfahren zur Behandlung schwerer chronischer Schmerzen und Durchblutungsstörungen. Mit dieser Methode kann die Weitergabe von Nervenimpulsen beeinflusst werden. Im Gegensatz zu Nervendurchtrennungen ist die Methode reversibel.

Martina Sendera, Alice Sendera

24. Elektrotherapie

Basis für die Elektrotherapie stellt die Gate-Control-Theorie dar: Diese erklärt, unter welchen Voraussetzungen Schmerzen empfunden werden und dass unter bestimmten Umständen SchmerzsignaleSchmerzsignale nicht zum Gehirn weitergeleitet werden, unter der Annahme, dass im Hinterhorn des Rückenmarks und im ThalamusThalamus ein besonderer, die SchmerzleitungSchmerzleitung blockierender Mechanismus vorhanden ist, der das „Tor zum Schmerz“ darstellt. Wir sprechen von inhibitorischen Neuronen. Wenn das Schmerzsignal das Gehirn nicht erreicht, entsteht der Sinneseindruck „Schmerz“ nicht und kann als solcher nicht wahrgenommen werden. Folgende elektrotherapeutische Verfahren werden vorgestellt: TENS, elektrische MuskelstimulationMuskelstimulationelektrische (EMS), Galvanisation, Ultraschall, Lasertherapie.

Martina Sendera, Alice Sendera

25. Ergotherapie

Ergotherapie wird bei der Rehabilitation nach Schlaganfällen, Unfällen, Amputationen, orthopädischen Operationen, nach Nervenläsionen, Querschnittlähmungen, Dysmelien, rheumatischen Erkrankungen, aber auch bei psychiatrischen Indikationen und in geriatrischen Einrichtungen angewandt. Ziel ist die Wiederherstellung verloren gegangener körperlicher, geistiger oder seelischer Funktionen. Der Patient sollte anschließend sein Leben möglichst selbständig und unabhängig meistern können und die Wiedereingliederung in Gesellschaft und ins Arbeitsleben anstreben. In der Ergotherapie werden handwerkliche und künstlerische Fertigkeiten im Hinblick auf lebenspraktische Erfordernisse geübt. Dabei werden nicht nur motorische, sondern auch kognitive Fähigkeiten, Sinnesfunktionen und auch höhere Hirnleistungen wie Sinnesverarbeitung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis sowie die Emotionalität und Motivation gefördert.

Martina Sendera, Alice Sendera

26. Balneotherapie

Die Balneotherapie im ursprünglichen Sinn umfasst die Nutzung von Bädern und den enthaltenen Wirkstoffen zu therapeutischen Zwecken. Reaktive Elemente wie Jod, Schwefel, Kohlendioxid, radioaktive Stoffe und im Moor enthaltene Salhumine können sich schmerzlindernd, entspannend, kreislaufanregend oder hautberuhigend auswirken. Auch Trinkkuren, Inhalationen, Klimatherapie, Entschlackung und Kneipp-Kuren gehören im weiteren Sinn dazu. Bei der richtigen Auswahl einer Kur haben die Anwendungen nicht nur einen heilenden Effekt, sondern Körper und Seele werden gleichermaßen aufgebaut. Mit Hydrotherapie im engeren Sinn ist Bewegungstherapie im Heilwasser gemeint, die der Schmerzreduzierung und Verbesserung der Beweglichkeit dienen soll.

Martina Sendera, Alice Sendera

27. Physiotherapie

In der Behandlung chronischer Schmerzen erweist sich individuell angepasstes Ausdauer- und Krafttraining als besonders wirksam und kann Medikamente einsparen helfen. Auch bei Migräne ist die Wirksamkeit von Ausdauertraining erwiesen. Bei Fibromyalgie-Patienten ist Bewegungstraining in jedem Therapieprogramm enthalten und unentbehrlich. Auch die meist herabgesetzte allgemeine Leistungsfähigkeit kann über ein Ausdauertraining gesteigert werden, da mit einer steigenden generellen Fitness auch die Schmerzreizschwelle angehoben wird und Schmerzimpulse anders wahrgenommen werden. Ein Muskelkräftigungsprogramm kann muskuläre Dysbalancen oder Muskelschwächen verbessern. Kombinationen mit Entspannungsverfahren und Verhaltenstherapie zeigen die besten Erfolge.

Martina Sendera, Alice Sendera

28. Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)

Erste Funde der sogenannten Ahnenheilkunde in China sind für das 11. Jahrhundert v. Chr. belegt. 600 Jahre v. Chr. gibt es Nachweise der Dämonenheilkunde, ca. 500 v. Chr. erste Belege der Arzneiheilkunde. Heute kennt man folgende Zubereitungsformen chinesischer Kräuter: Dekokt, Pulver, Extrakt, Pillen, Tee, Sirup, alkoholische Lösungen u. v. m. Diese sind ein wichtiger Bestandteil des komplexen Konzeptes der TCM. Die TCM ist rein symptomorientiert; Diagnostik und Behandlung werden von den durch die fünf Sinne wahrnehmbaren Symptomen geleitet. Das subjektive Befinden des Patienten spielt dabei eine wichtige Rolle. Schmerz wird in der chinesischen Medizin als Signal, das diagnostische Hinweise auf Störungen im Körper liefert, gesehen. Behandlungsziel ist daher nicht, lediglich den Schmerz auszuschalten, sondern die dahinterliegenden Störungen zu beheben. Methodik und ein Fallbeispiel werden genauer besprochen.

Martina Sendera, Alice Sendera

29. Komplementäre Methoden

Aromatherapie: Bereits in alten Hochkulturen, wie z. B. in Mesopotamien und Ägypten, wurden Duftstoffe, Öle und Pflanzen, meist in Form von Räucherwerk, für therapeutische und rituelle Zwecke genutzt. In Europa bekam die Aromatherapie ihren Namen durch Rene Maurice Gattefosse, Chemiker aus Lyon, der 1937 das Wissen und die Erfahrungen unter dem Begriff Aromatherapie zusammenfasste und die Heilwirkung der Aromaöle beschrieb. Tiergestützte Therapie: Es gibt sowohl wissenschaftliche Studien als auch positive Erfahrungsberichte jener, die bereits erfolgreich tiergestützte Therapie betreiben. In der Osteopathie wird die wechselseitige Beziehung zwischen Struktur und Funktion in den Vordergrund gestellt. Der Organismus soll unterstützt werden, Ressourcen zur Wiederherstellung und Erhaltung der Gesundheit einzusetzen.

Martina Sendera, Alice Sendera

Backmatter

In b.Flat SpringerMedizin.de Gesamt enthaltene Bücher

In b.Flat Schmerzpsychotherapie enthaltene Bücher

Weitere Informationen

Neu im Fachgebiet AINS

 

 

 
 

Meistgelesene Bücher aus dem Fachgebiet AINS

  • 2014 | Buch

    Komplikationen in der Anästhesie

    Fallbeispiele Analyse Prävention

    Aus Fehlern lernen und dadurch Zwischenfälle vermeiden! Komplikationen oder Zwischenfälle in der Anästhesie können für Patienten schwerwiegende Folgen haben. Häufig sind sie eine Kombination menschlicher, organisatorischer und technischer Fehler.

    Herausgeber:
    Matthias Hübler, Thea Koch
  • 2013 | Buch

    Anästhesie Fragen und Antworten

    1655 Fakten für die Facharztprüfung und das Europäische Diplom für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DESA)

    Mit Sicherheit erfolgreich in Prüfung und Praxis! Effektiv wiederholen und im entscheidenden Moment die richtigen Antworten parat haben - dafür ist dieses beliebte Prüfungsbuch garantiert hilfreich. Anhand der Multiple-Choice-Fragen ist die optimale Vorbereitung auf das Prüfungsprinzip der D.E.A.A. gewährleistet.

    Autoren:
    Prof. Dr. Franz Kehl, Dr. Hans-Joachim Wilke
  • 2011 | Buch

    Pharmakotherapie in der Anästhesie und Intensivmedizin

    Wie und wieso wirken vasoaktive Substanzen und wie werden sie wirksam eingesetzt Welche Substanzen eignen sich zur perioperativen Myokardprojektion? 
    Kenntnisse zur Pharmakologie und deren Anwendung sind das notwendige Rüstzeug für den Anästhesisten und Intensivmediziner. Lernen Sie von erfahrenen Anästhesisten und Pharmakologen.

    Herausgeber:
    Prof. Dr. Peter H. Tonner, Prof. Dr. Lutz Hein
  • 2013 | Buch

    Anästhesie und Intensivmedizin – Prüfungswissen

    für die Fachpflege

    Fit in Theorie, Praxis und Prüfung! In diesem Arbeitsbuch werden alle Fakten der Fachweiterbildung abgebildet. So können Fachweiterbildungsteilnehmer wie auch langjährige Mitarbeiter in der Anästhesie und Intensivmedizin ihr Wissen gezielt überprüfen, vertiefen und festigen.

    Autor:
    Prof. Dr. Reinhard Larsen

Mail Icon II Newsletter

Bestellen Sie unseren kostenlosen Newsletter Update AINS und bleiben Sie gut informiert – ganz bequem per eMail.

Bildnachweise