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22.09.2022 | COVID-19 | Nachrichten

Zahlen aus deutschen Intensivstationen

Keine Zunahme Geräte-assoziierter Infekte in der Pandemie

verfasst von: Thomas Müller

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In Deutschland hat die Häufigkeit von Infektionen durch Katheter, Beatmungsgeräte und Lebenserhaltungssysteme im ersten Pandemiejahr auf Intensivstationen nicht zu, sondern teilweise noch abgenommen. Das mag auch an der geringen Zahl von COVID-Kranken gelegen haben.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Einigen Untersuchungen zufolge hat die Häufigkeit von Geräte-assoziierten Infektionen in US-Kliniken im ersten Pandemiejahr teilweise um mehr als die Hälfte zugenommen. So konnte eine Untersuchung an rund 150 Krankenhäusern zeigen, dass die Inzidenzen von Zentralvenenkatheter-bedingten Infekten (CLABSI, central-line-associated bloodstream infections) zwischen März und September 2020 um 60% und die von Katheter-assoziierten Harnwegsinfekten (CAUTI, catheter-associated urinary tract infections) um 43% höher lagen als im Vorjahreszeitraum. Andere Studien in den USA gelangten zu ähnlichen Inzidenzsteigerungen. 

Für Deutschland lässt sich eine solche Entwicklung jedoch nicht belegen, teilweise sind die Inzidenzen für Geräte-assoziierte Infekte im ersten Pandemiejahr auf Intensivstationen sogar noch gesunken, berichtet ein Team um Professorin Christine Geffers vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité Berlin. Das könnte auch daran liegen, dass die Intensivstationen in Deutschland zunächst noch relativ wenig durch COVID-Kranke belastet waren.

Die Forscherinnen und Forscher haben für ihre Analyse Angaben des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems (KISS) aus den Jahren 2019 und 2020 ausgewertet. An KISS beteiligten sich 2019 insgesamt 982, ein Jahr später noch 921 Intensivstationen. Die Zahl der Intensivpatienten ist im Pandemiejahr in den beteiligten Kliniken um knapp 14% gesunken, der Gebrauch von Zentralvenenkathetern nahm jedoch bezogen auf 100 Patiententage leicht zu (von 64 auf 66), die CLABSI-Inzidenz bezogen auf 1000 Kathetertage ebenfalls etwas, aber nicht signifikant (von 1,12 auf 1,16).

Anders sah die Entwicklung bei Beatmungsgeräten und Harnwegskathetern aus. Auch deren Gebrauch nahm im ersten Pandemiejahr leicht zu, die entsprechenden Infektionsraten hingegen gingen signifikant zurück: Die für CAUTI sank von 1,23 auf 1,16 pro 1000 Anwendungstage (minus 6%), die für Beatmungs-assoziierte untere Atemwegsinfekte von 4,09 auf 3,63 (minus 11%).

Auch nach Infekten durch den Gebrauch von extrakorporalen Lebenserhaltungssystemen hat das Team um Geffers geschaut, diese waren jedoch so selten (17 in 2019 und 16 in 2020), dass sich hier kein signifikanter Unterschied ergab.

Nur 7% der Intensivbetten mit COVID-Kranken belegt

Schauten sich die Forschenden der Charité die einzelnen Quartale an, vor allem das vierte aus 2020, fanden sie ebenfalls keine größeren Abweichungen. Lediglich für extrakorporale Lebenserhaltungssysteme deutete sich im vierten Quartal eine Zunahme von Infekten um 60% im Vergleich zum Vorjahresquartal an, doch auch dieser Unterschied war statistisch nicht signifikant.

Unterm Strich sehen die Ärztinnen und Ärzte um Geffers keine Hinweise auf eine erhöhte Infektionsrate durch den Gebrauch von Geräten auf Intensivstationen während des ersten Pandemiejahrs. Einer der Hauptgründe ist nach ihrer Ansicht, dass die Pandemie zunächst wenig Auswirkungen auf die Arbeit der Intensivstationen hatte. Ein erhöhtes Infektionsrisiko bestehe vor allem, wenn Kliniken den Ansturm von COVID-Kranken kaum noch bewältigen können, was in den USA der Fall war. In Deutschland sei man im ersten Pandemiejahr jedoch recht glimpflich davongekommen, zum einen, weil es bezogen auf die Bevölkerung deutlich mehr Intensivplätze gebe als in den USA und vielen anderen Ländern, zum anderen, weil die COVID-Inzidenz deutlich niedriger lag. So waren über das gesamte erste Pandemiejahr nur 7% der Intensivbetten mit COVID-Kranken belegt, dieser Anteil stieg jedoch zum Jahresende deutlich auf 26%.

Interessant wäre eine Auswertung auch für 2021, immerhin war hier die Belastung der Kliniken in Deutschland durch COVID-Kranke deutlich höher.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Ist die Inzidenz Geräte-assoziierte Infektionen auf Intensivstationen in Deutschland im ersten Pandemiejahr gestiegen?

Antwort: Dies war offensichtlich nicht der Fall, die Inzidenz von Harnwegskatheter- und Beatmungs-assoziierten Infekten war sogar leicht rückläufig.

Bedeutung: Die Pandemie hatte im Jahr 2020 keinen erkennbaren Einfluss auf das Risiko Geräte-assoziierter nosokomialer Infekte. Dies könnte daran liegen, dass insgesamt nur 7% der Intensivplätze durch COVID-Kranke belegt wurden.

Einschränkung: Nur Intensivstationen berücksichtigt.

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Literatur

Geffers C et al. No increase of device associated infections in German intensive care units during the start of the COVID‑19 pandemic in 2020. Antimicrob Resist Infect Control 2022;11:67; https://doi.org/10.1186/s13756-022-01108-9

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