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23.06.2020 | COVID-19 | Nachrichten

Infektiosität

Wie gefährlich sind mutierte SARS-CoV-2-Viren?

Autor:
Philipp Grätzel von Grätz

Wird das SARS-CoV-2-Virus immer schwächer? Oder drohen neue Ausbrüche mit viel gefährlicheren Virusvarianten? Bisher gibt es wenig Hinweise, dass die zahlreichen Mutationen des COVID-19-Erregers relevante Folgen für die Pandemie haben. Interessant sind sie trotzdem.

Die Geschwindigkeit der Forscher ist enorm, die Sequenzierungsroboter laufen heiß: Binnen wenigen Tagen haben die Chinesen die Sequenz des SARS-CoV-2-Virus publiziert, das für den aktuellen Ausbruch in Peking ursächlich ist.

„Wir haben mittlerweile mehr als 50.000 komplett sequenzierte Virusgenome aus allen Teilen der Welt“, berichtete der Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien an der Universität Basel, Professor Richard Neher.

SARS-CoV-2 mutiert gerne

Diese Virusgenome sind in vielen Einzelheiten unterschiedlich, denn wie andere RNA-Viren mutiert SARS-CoV-2 recht gerne: „Entlang einer Transmissionskette mutiert das Virus im Mittel alle zwei Wochen“, so Neher bei einer Online-Veranstaltung des Science Media Center am Dienstag. Die häufigen Mutationen erlauben es, virale Stammbäume zu konstruieren und die Ausbreitung des Virus über die Welt in immer besserer Auflösung darzustellen.

So zeige sich zum Beispiel bei dem aktuellen Ausbruch in Peking, dass die Sequenz des Virus jenen ähnelt, die die europäische Epidemie vorangetragen haben und die mittlerweile auch in vielen anderen Ländern weltweit zu finden sind. Das deute tendenziell darauf hin, dass das Virus des aktuellen Ausbruchs in Peking tatsächlich von außen nach China hineingetragen wurde, so Neher.

Auch über die Verbreitung des Virus in Österreich lassen die Mutationen Rückschlüsse zu. Österreich ist deswegen besonders interessant, weil die westösterreichischen Skigebiete im Februar und März die vielleicht wichtigste innereuropäische SARS-CoV-2-Schleuder waren. „Man sieht sehr deutlich, dass es mehr als ein Virus war, das zirkulierte“, sagte Dr. Andreas Bergthaler vom Forschungsinstitut Molekulare Medizin in Wien.

Ähnlich wie in Deutschland oder den USA sei das Virus auf unterschiedlichen Wegen in Österreich gelandet. Den einen „Patienten Null“, der von Ischgl aus den halben Kontinent mit Viren versorgte, es gab ihn wohl nicht.

Wie verschwand das erste Virus?

Eine andere Frage ist, wie sich die Mutationen des Virus klinisch auswirken. So wird immer wieder behauptet, das erste SARS-Virus im Jahr 2003 habe sich im Laufe der damaligen Epidemie verändert und sei mehr oder weniger von selbst verschwunden.

Das sei so nicht richtig, betonte Professor Friedemann Weber vom Institut für Virologie an der Universität Gießen. Eher sei der derzeitige Ausbruch so etwas wie ein „Wiederholungsfilm“, nur in größerem Maßstab.

Mund-Nasen-Schutz, intensives Testen und Isolieren – und nicht irgendwelche Mutationen – seien auch 2003 die wichtigsten Gründe dafür gewesen, warum das SARS-Virus letztlich verschwand: „In Taiwan zum Beispiel war damals die Hälfte der Bevölkerung zu irgendeinem Zeitpunkt in Isolation.“

Denkbar sei aber, dass sich das Virus im Gefolge systematischer Eindämmungsmaßnahmen verändere, so Weber. Wenn die Übertragung von Mensch zu Mensch durch Distanzmaßnahmen oder Mund-Nasen-Schutz für das Virus schwieriger werde, begünstige das unter Umständen Varianten, die sich länger im oberen Atemwegstrakt halten können und dann möglicherweise – wie klassische Erkältungsviren oder andere Corona-Viren – für den Wirt weniger aggressiv sind.

Dass das schon auf breiter Front passiert, dafür gibt es bisher zumindest keine harten Beweise.

Quelle: Ärzte Zeitung

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