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25.03.2020 | COVID-19 | Nachrichten

Leitartikel

Corona-Krise macht deutlich: Daseinsvorsorge muss der Staat neu denken

Autor:
Helmut Laschet

Die Republik war einst für Katastrophen gut gerüstet. Doch das ist Geschichte, wie die Corona-Krise zeigt. Deutschland folgt nunmehr der Just-in-Time-Economy. Mit drastischen Folgen für das Gesundheitswesen.

Ganze 40 Jahre lang lebte die Bundesrepublik in Furcht – dass aus dem Kalten Krieg ein heißer werden könnte. Im Verbund der NATO war Westdeutschland vorbereitet auf den Katastrophenfall, auch für die Zivilbevölkerung: mit 200 in Reserve gehaltenen Notfallhospitälern, mit etlichen hundert Notfalldepots für Medikamente und medizinisches Material bis hin zum Arztkittel. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage im Jahr 1987 geht hervor, dass das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen über eine medizinisch geschulte Personalreserve von rund 250.000 Pflegehelfern verfügte.

Der Kalte Krieg war 1989 zu Ende. Das politische Paradigma lautete fortan: Wir fahren die Friedensdividende ein. Die Folgen: Die Bundeswehr ist heute ein Schatten ihrer selbst. Die Vorratshaltungen für Katastrophenfälle wurden aufgelöst.

Der Bund verabschiedete sich weitgehend aus dem Zivil- und Katastrophenschutz und überließ dies den Ländern, wohl in der Erwartung, Katastrophen seien im Regelfall regionaler Natur, daher in der Region am besten zu organisieren, notfalls mit Mobilisierung der Nachbarschaften.

„Modi-SARS“-Szenario aus 2012 nicht ernst genommen

Doch vor dem Hintergrund von SARS und MERS im ersten Jahrzehnt der 2000er Jahre ließ die Bundesregierung unter Federführung des Robert Koch-Instituts das WorstCase-Szenario für eine Pandemie in Deutschland simulieren: „Modi-SARS“. In dieser Simulation verbreitet sich ein aus Asien eingeschlepptes Virus unkontrolliert in Deutschland und führt in der Spitze zu bis zu vier Millionen gleichzeitig Erkrankten.

Die Gesundheitsversorgung bricht zusammen, in drei sich über drei Jahren erstreckenden Erkrankungswellen sterben 7,5 Millionen Menschen. Der Bericht (Bundestagsdrucksache 17/12051) stuft die Eintrittswahrscheinlichkeit als „bedingt wahrscheinlich“ ein – und das heißt: einmal in 100 bis 1000 Jahren. Die politische Konsequenz: lesen, lachen, lochen.

Tatsache ist jetzt: SARS-CoV-2 ist da, und es hat frappierende Ähnlichkeit mit dem „Modi-SARS“-Szenario von 2012 – kein kausal wirkendes Medikament, keine Impfung, exponentielle Ausbreitung und eine potenziell hohe Letalitätsrate mit einem erschreckenden Ausmaß. In Italien sind es derzeit rund neun Prozent. Wir haben Vabanque gespielt im Risiko-Lotto – und verloren.

Ein ausgezehrter ÖGD

Trotz aller Warnungen und Mahnungen ist der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) seit Jahren defizitär ausgestattet und leidet unter Auszehrung. Nach Daten der Bundesärztekammer sind gegenwärtig nur noch 2500 Amtsärzte tätig. Wie viele nur in Teilzeit arbeiten, ist unbekannt.

Eine amtliche Statistik, die bundesweit die Daten zur Personalbesetzung in den Gesundheitsämtern zusammenführt, wurde Ende der 1990er Jahre abgeschafft. Strukturaussagen zur Leistungsfähigkeit des ÖGD sind daher bundesweit nicht möglich. Man weiß aber, dass die Zahl der Amtsärzte seit 20 Jahren um ein Drittel gesunken ist.

Hinzu kommt: Seit die Krankenhausärzte und der Marburger Bund aus der Tarifgemeinschaft mit Verdi ausgestiegen sind und sich eigene Gehaltstarife erkämpft haben, spreizt sich die Schere zwischen den Einkommen der Klinikärzte und ihrer Kollegen im ÖGD, die weiterhin nach den Staatsdienst-Tarifen bezahlt werden. Aktuell liegt die tarifliche Einkommensdifferenz bei bis zu 1500 Euro.

Für den Nachwuchs ein rotes Signal: Nach Schätzungen der Vorsitzenden des Bundesverbandes der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst, Dr. Ute Teichert, werden jährlich etwa 30 Nachwuchskollegen weitergebildet, obgleich die Hälfte der jetzt arbeitenden Amtsärzte altersbedingt in den nächsten zehn bis 15 Jahren ausscheiden werden.

In der Not hat etwa Bayern damit reagiert, kurzfristig 300 Mitarbeiter aus anderen Bereichen der Verwaltung in die Gesundheitsämter zu delegieren, um diese zu entlasten. Delegation ist für Teichert eine diskutable Option – aber sie kann nicht ärztliche Entscheidungen ersetzen, die die Qualifikation des approbierten Heilberufs erfordern.

Ämter in der Corona-Pandemie frühzeitig erschöpft

Erschwert wird die Arbeit der Gesundheitsämter aufgrund einer heterogenen Ausstattung, etwa mit Tablets zur digitalen Datenerfassung. Die Folge ist zeitraubende Papierarbeit.

Die Folge war, dass die Gesundheitsämter schon in einer relativ frühen Phase der Pandemie bei bestätigten Infektionen erschöpft waren, mögliche Kontaktpersonen zu ermitteln und auf diese Weise Infektionsketten zu unterbrechen. Ab 300 Krankheitsfällen, schätzt der Virologe Professor Alexander Kekulé von der Uni Halle-Wittenberg, ist der ÖGD nicht mehr in der Lage, alle Kontaktpersonen zu ermitteln und damit „die glimmende Zigarette auszutreten“.

Das Tückische an SARS-CoV-2: Das Virus hat etwa zehn Tage Zeit, sich unentdeckt zu verbreiten – und dieser Effekt lässt sich an der exponentiellen Entwicklung der Neuerkrankungen mit einer täglichen Wachstumsrate von zuletzt 27 Prozent ablesen.

Diese Latenzzeit ist auch der Grund dafür, warum die beschlossenen und zum Wochenbeginn noch einmal verschärften Isolationsmaßnahmen für große Teile der Bevölkerung noch nicht wirksam und nicht sichtbar sind. Frühestens in den nächsten Tagen wird erkennbar sein können, ob die täglichen prozentualen Wachstumsraten rückläufig sind. Das bedeutet: Auf die Krankenhäuser kommt eine Krankheitswelle zu, auf die sie nur bedingt vorbereitet sind.

Das Krisenmanagement ist angelaufen. Nur eines ist nicht knapp: Geld. Es mangelt an Zeit, Sachressourcen und vor allem Personal.

Just-in-Time-Economy

Sachressourcen: Deutschland und sein Gesundheitswesen hat sich wie nahezu alle anderen Volkswirtschaften der Ratio einer hoch effizienten Just-in-Time-Economy unterworfen, deren Funktionstüchtigkeit unabdingbar von einer funktionierenden internationalen Arbeitsteilung und einem freien grenzüberschreitenden Warenverkehr abhängig ist – Tag für Tag. Schon in Normalzeiten verursachen Produktionsausfälle, etwa bei Arzneimitteln, Versorgungsengpässe.

Jetzt, wo Schutzmasken, Spezialkleidung, bestimmte Laborreagenzien, Beatmungsgeräte und Intensivbetten weit über Normalbedarf in nahezu allen Ländern der Welt benötigt werden, rächt sich diese Ratio.

Erste staatliche Reaktionen – Exportverbote etwa für Schutzkleidung und Masken – waren ähnlich irrational wie das Horten von Klopapier. Es wird Wochen, wenn nicht gar Monate dauern, bis der Bedarf an Sachausstattung befriedigt werden kann – und es ist zu befürchten, das die Cleveren und die mit den dicksten Geldbeuteln gewinnen werden. Und beispielsweise Kliniken in Italien, die die größte Not leiden, das Nachsehen haben.

Welle an COVID-19-Patienten erwartet

Personalressourcen: Die Arbeitsbedingungen, speziell in Kranken- und Altenpflege, sind seit Jahren Dauerthema und spätestens seit dieser Legislaturperiode Nummer 1 auf der Agenda des Bundesgesundheitsministers. Nun stehen Ärzte und Pflegekräfte vor der Erwartung der Gesellschaft, dass sie die zu erwartende große Zahl an COVID-19-Patienten behandeln und versorgen werden – begleitet mit dem Risiko, sich selbst zu infizieren. Tatsache ist: Mit gegebenen Strukturen und Ressourcen wird das nicht zu leisten sein.

Jede Krise ist aber auch Herausforderung und Chance. Viele Ärzte scheinen diese Herausforderung angenommen zu haben: Bereits vor Wochen haben Medizinstudenten ihre Bereitschaft signalisiert, sich in der Krankenversorgung zu engagieren. Ärztekammern haben Aufrufe an pensionierte oder außerhalb der Krankenversorgung arbeitende Mediziner gestartet – mit beachtlicher Resonanz.

Der Verzicht der Krankenhäuser auf planbare Eingriffe macht mehr ärztliche Arbeitskapazität verfügbar. Und rund ein Viertel der Klinikärzte arbeitet Teilzeit. Das sind starke Potenziale, die Hoffnung geben können, dass auch weitaus mehr Patienten behandelt werden können als vor der Krise. Wobei die hohe intrinsische Motivation von Ärzten gerade in Krisenzeiten starke Kräfte mobilisiert.

Engpass Pflegekräfte

Das sieht in der Pflege völlig anders aus: In nackten Zahlen gibt es rein theoretisch ein hohes Mobilisierungspotenzial. Rund die Hälfte der 440.000 Pflegekräfte in Krankenhäusern arbeitet Teilzeit, in der Altenpflege sind es sogar 66 Prozent.

Als nicht sichtbare Reserve treten diejenigen hinzu, die in den letzten Jahren aus dem Pflegeberuf ausgeschieden sind, aber gleichwohl die Qualifikation hätten, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Tatsächlich und anders als bei den Ärzten sind die Signale aus den Organisationen der Pflegeberufe wenig ermutigend: Es gibt nur wenige, etwa die Pflegekammer Niedersachsen, die eine Meldestelle für Berufsrückkehrer eingerichtet hat. Bundesweit wird deren Zahl auf bis zu 200.000 geschätzt.

Das Fazit ist: Die Bundesrepublik Deutschland ist im Krisenmodus. Jeder, der helfen kann, sollte dies auch tun. Der Rest lebt und arbeitet (wenn möglich) unter Quarantäne. Aber diese Krise wird politische Konsequenzen haben: Bei einer Neudefinition dessen, was staatliche Daseinsvorsorge sein muss. Wir brauchen neue politische Prioritäten.

Quelle: Ärzte Zeitung

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