Wahrgenommene soziale Teilhabe bei klarer Zielvorgabe
Ein wichtiger Aspekt in allen Einrichtungen war funktionierende Zusammenarbeit innerhalb der Führungsebenen und erfolgreiche Krisenplanung. Das zeigte sich z. B. darin, dass bereits vor der behördlichen Anordnung des Lockdowns Krisenpläne für Infektionskrankheiten bestanden. Klare Zielvorgaben waren in allen Einrichtungen bis auf eine vorhanden. In der wahrgenommenen sozialen Teilhabe zeigte sich eine größere Variation innerhalb der 13 untersuchten Einrichtungen.
In vier Einrichtungen hatten die Mitarbeitenden breite Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe während der Pandemie. Dort kam es regelmäßig zum Austausch und Dialog aller Beteiligten im Pflegewohnheim. Der Fokus lag auf wertschätzender Kommunikation, Lebensqualität, Gemeinschaft, Entscheidungskompetenzen und Teilhabe von Mitarbeitenden, Bewohnenden und Angehörigen. Es fand eine Orientierung an humanitären Werten statt. Führungskräfte förderten ein respektvolles Miteinander, Unterstützung und Wertschätzung, um Zusammenarbeit sicherzustellen. Beispielsweise wurde einer Spaltung beim Thema Impfung proaktiv entgegengewirkt: „Und es ist auch von der Hausleitung so kommuniziert worden, dass sie es auch nicht wünscht [dass] es da Ausgeschlossenheiten im Team gibt, nur weil sich Menschen nicht impfen lassen“ (Mitarbeitende 01). Eigeninitiative und Austausch auf allen Ebenen bei der Umsetzung von Schutzmaßnahmen wurde gefördert. Entscheidungen wurden „im Team besprochen und dann gemeinsam entschieden“ (Mitarbeitende 31). Gleichwohl bestand das Ziel, möglichst keine COVID-19-Erkrankung in den Pflegewohnheimen zuzulassen und die Bewohnenden, sowie Mitarbeitenden bei größtmöglicher Freiheit bestmöglich zu schützen.
In 8 weiteren Einrichtungen zeigte sich zwar klare Zielvorgabe durch Führungskräfte, Teilhabemöglichkeiten fehlten jedoch. Vorgaben von Führungskräften wurden an Mitarbeitende weitergegeben, ohne diese einzubeziehen „Also die Entscheidungen haben wir mal definitiv nicht beeinflussen können“ (Fokusgruppe Mitarbeitende). Dialog wurde abgelehnt und Entscheidungen durch die Führung getroffen „Unser Heimleiter ist da sehr rigoros, der duldet keine Widerworte“ (Mitarbeitende 17). Kontrolle und Sanktionen schränkten die Mitarbeitenden ein, z. B. Test- und Maskenpflicht oder Kündigung von Ungeimpften. Sanktionen erfolgten auch durch eine Spaltung innerhalb der Belegschaft „… [hat] er angeordnet, dass alle während der gesamten Schulungszeit von neun Uhr früh bis um fünf Uhr abends die Maske durchweg zu tragen haben, weil sich im Raum drei ungeimpfte Personen befinden und die besonders gefährlich sind“ (Mitarbeitende 17). Die Führungskräfte nutzten eine utilitaristische Werteorientierung mit dem Ziel, Infektionen zu vermeiden und die Impfquote zu steigern. Eine Führungskraft drückt das so aus „Wie soll ich sagen, das war so eine Ambition von mir: ‚Wir schaffen das, dass dann herinnen niemand infiziert wird.‘ […] Ich könnte mir vorstellen, dass ich, dass ich das […] als persönliche Niederlage empfunden hätte“ (Leitung 19).
In einer Einrichtung fehlten klare Zielvorgaben, was zu eigenmächtigen Entscheidungen des Personals führte. Ein kollektiver Prozess des Abwägens zwischen Sicherheit und Lebensqualität der Bewohnenden konnte nicht stattfinden. Die Pandemiebewältigung bestand in der ad hoc Orientierung von Tag zu Tag. „Wirklich, es war jeden Tag, wir haben jeden Tag alles geplant für heute, nicht für Morgen. Morgen ist Morgen. Heute ist heute. Schauen wir wie wir weitergehen können“ (Leitung 46).
Wahrgenommene Flexibilität und Bedürfnisorientierung
Die Bewohnenden waren angewiesen auf die bedürfnisorientierte Maßnahmenumsetzung durch die Pflegekräfte. Entsprechend war die Stimmung innerhalb der Pflegeheime stark abhängig von der jeweiligen Maßnahmenumsetzung und unterschied sich auch innerhalb von Heimen zwischen einzelnen Stationen „Wohl das ist hier gut, gell, im ersten Stock haben wir viel Unterhaltung.“ „Wir da unten weniger“ (Fokusgruppe Bewohnende). Entsprechend zeigte sich eine große Variabilität der Maßnahmenumsetzung in den untersuchten Heimen. Besonders teilhabeorientierte Einschränkungen waren gekennzeichnet durch Flexibilität, Kreativität und Bedürfnisorientierung in der Umsetzung von Infektionsschutzmaßnahmen.