Skip to main content
main-content

21.03.2021 | COVID-19 | Leitthema | Ausgabe 4/2021 Open Access

Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 4/2021

COVID-19 in Schleswig-Holstein: Infektionsepidemiologische Auswertungen von März bis September 2020

Zeitschrift:
Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz > Ausgabe 4/2021
Autoren:
Ruben Rose, Damian Scherer, Gregor Maschkowitz, Christoph Läubrich, Prof. Dr. Helmut Fickenscher

Einleitung

Die COVID-19-Pandemie mit dem Erreger SARS-CoV‑2 (schweres akutes Atemwegssyndrom-Coronavirus-Typ 2) erfasste gegen Ende Februar 2020 Deutschland und damit auch das Bundesland Schleswig-Holstein. Die Meldedaten gemäß Infektionsschutzgesetz (IfSG) werden von den Gesundheitsämtern erfasst. In Schleswig-Holstein unterstützt die Landesmeldestelle die Gesundheitsämter durch tägliche und wöchentliche Auswertungen und hilft bei der Übermittlung der Meldedaten gemäß Infektionsschutzgesetz an das Robert Koch-Institut. Der weit überwiegende Teil der Meldungen wird täglich bis 20 Uhr übermittelt.
Die rechtliche Grundlage für die Erfassung der Meldedaten wurde am 30.01.2020 durch die „Verordnung über die Ausdehnung der Meldepflicht nach §6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und §7 Abs. 1 Satz 1 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) auf Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus“ gelegt. Aufgrund der Falldefinitionen für die Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19) des RKI vom 29.05.2020 wurden Erregernachweise, Erkrankungs- oder Todesfälle übermittelt [ 1]. Der labordiagnostische Nachweis der Ribonukleinsäure (RNA) von SARS-CoV‑2 ist Grundlage der Meldung und erfüllt die Referenzdefinition. Für die Meldung der Erkrankung sind als Kriterien definiert: das klinische Bild der Pneumonie, ein unspezifisches Bild mit akuter respiratorischer Symptomatik jeder Schwere oder der krankheitsbedingte Tod. In dieser Arbeit werden nur Fälle mit Erregernachweis und somit Erfüllung der Referenzdefinition nach dem Stand des 29.05.2020 untersucht.
Die namentliche Meldepflicht basiert auf §6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. t IfSG und schließt den Krankheitsverdacht, die Erkrankung sowie den Tod ein. Nach §7 Abs. 1 Nr. 44a IfSG umfasst die namentliche Meldepflicht den direkten Nachweis von SARS-CoV‑2, soweit er auf eine akute Infektion hinweist. Zu Beginn der Pandemie wurden Nachweise von SARS-CoV‑2 der allgemeinen Meldekategorie „Weitere bedrohliche Krankheiten“ (WBK) zugeordnet. Ab dem 17.04.2020 wurden sie im zentralen Meldeprogramm SurvNet der neuen Kategorie CVD (für COVID-19) zugewiesen. Eine kurze Übersicht folgt über die wichtigsten Ereignisse im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie mit Fokus auf Schleswig-Holstein. Bereits am 01.12.2019 wurden erste COVID-19-Fälle in Wuhan in China beobachtet. Am 01.01.2020 wurde ein Markt für Fisch und Schlachttiere in Wuhan geschlossen. Am 13.01.2020 wurde der erste Erkrankungsfall außerhalb Chinas in Thailand berichtet. Die Abriegelung der Stadt Wuhan erfolgte am 23.01.2020. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte am 30.01.2020 die „gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite“ und am 11.03.2020 den Pandemiefall. Nachdem am 27.02.2020 der erste Erkrankungsfall in Deutschland in der Region München gemeldet wurde, fand am 28.02.2020 die Meldung des ersten Erkrankungsfalls für Schleswig-Holstein statt. Der erste Todesfall eines Schleswig-Holsteiners in Ägypten wurde am 08.03.2020 berichtet und der erste Todesfall in Schleswig-Holstein am 17.03.2020. Am 18.03.2020 trat ein einschränkendes Maßnahmenpaket in Schleswig-Holstein in Kraft, das unter anderem die Schließung der Schulen und Kindergärten sowie der Restaurants, Besuchsverbote in Kliniken und die Untersagung öffentlicher Veranstaltungen einschloss. Über weitere Landesverordnungen folgten das Tourismusverbot in Schleswig-Holstein und wesentliche Kontaktbeschränkungen. Am 25.03.2020 erklärte der Bundestag die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ und verabschiedete am 27.03.2020 das erste „Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei epidemischer Lage von nationaler Tragweite“ sowie am 19.05.2020 das zweite Gesetz mit gleicher Bezeichnung. Seit dem 05.05.2020 wurden schrittweise Lockerungen der einschränkenden Maßnahmen wirksam. Die Landesverordnungen Schleswig-Holstein wurden mehrfach aktualisiert.
In diesem Bericht mit Datenstand zum 09.10.2020 wird die Epidemiologie der SARS-CoV-2-Pandemie in Schleswig-Holstein im Zeitraum März bis September 2020 beschrieben. Bereits vorliegende Auswertungen der Landesmeldestelle Schleswig-Holsteins zu der ersten Pandemiewelle werden damit fortgeschrieben [ 2].

Auswertung der Meldedaten von März bis September 2020

Im Beobachtungszeitraum März bis September 2020 wurden in Schleswig-Holstein insgesamt 11.564 Fälle jeglicher meldepflichtiger Infektionskrankheiten gemeldet, von denen 9204 die jeweilige Referenzdefinition erfüllten. Unter allen Meldungen wurde bei 4898 Personen die RNA des SARS-CoV‑2 nachgewiesen. Davon wurden 611 Personen stationär behandelt (12,7 %) und 162 Todesfälle (3,4 %) wurden berichtet.
Anhand der Entwicklung des Infektionsgeschehens wurde der untersuchte Zeitraum in zwei epidemische Phasen eingeteilt: 1) März bis Mai und 2) Juni bis September 2020. Die Pandemie begann in deutlichem Umfang in Schleswig-Holstein Anfang März und erreichte ihr Maximum in der letzten Märzwoche. Nach der Einführung einschränkender Maßnahmen wurde die Ausbreitung zeitnah verlangsamt und schon Anfang Juni (Beginn der zweiten Phase) lag nur noch eine minimale Fallzahl vor. Im Monat Juli wurde ein deutlicher Anstieg der täglichen Fallzahlen und der 7‑Tage-Inzidenzen (pro 100.000 Einwohner) beobachtet, auf den dann in der zweiten Hälfte des Septembers ein weiterer Anstieg auf ca. die Hälfte der täglichen Fallzahlen und der 7‑Tage-Inzidenzen der ersten Phase folgte (Abb.  1a, b). Die zweite Phase setzte sich weit über den Jahreswechsel im Jahr 2021 fort, allerdings mit veränderten Schwerpunkten.
In der ersten Phase lag der Schwerpunkt der geografischen Verteilung in den Hamburg-nahen Kreisen Pinneberg und Stormarn; in der zweiten Phase wirkten sich unübersichtliche Ausbruchssituationen im Kreis Dithmarschen und in Neumünster zusätzlich stark aus (Abb.  2a, b). Die Altersgruppenverteilung der ersten Phase war durch niedrige Fallzahlen bei Kindern und Jugendlichen sowie durch deutlich erhöhte Fallzahlen bei älteren Personen geprägt. Im Gegensatz dazu betraf die zweite Phase hauptsächlich junge Erwachsene und vergleichsweise in geringem Maß ältere Personen (Abb.  2c, d).
Der jüngste Patient war ein Säugling, der älteste Patient war 119 Jahre alt. Ab dem 45. Lebensjahr stieg die Hospitalisierungsrate kontinuierlich an und ab dem 60. Lebensjahr steigerte sich die Letalität. Von den 163 verstorbenen infizierten Patienten wurde die Todesursache bei 146 Fällen der SARS-CoV-2-Infektion zugeschrieben, bei 17 Fällen wurde eine andere Todesursache festgestellt und in einem Fall fehlte diese Angabe. Insgesamt 120 der Verstorbenen waren im Rahmen der Erkrankung hospitalisiert.
Die Kernparameter wurden bei asymptomatischen, symptomatischen und hospitalisierten SARS-CoV-2-infizierten Personen und Verstorbenen vergleichend betrachtet (Tab.  1 und  2). Hierfür wurden alle 4827 Personen mit PCR-Nachweis des SARS-CoV‑2 und entsprechenden Angaben in vier Gruppen eingeteilt: 1. infizierte Personen ohne Symptomatik oder mit einer für COVID-19 nicht relevanten Symptomatik; 2. symptomatische Personen mit relevanter Symptomatik, aber ohne hospitalisierte oder verstorbene Personen; 3. hospitalisierte Personen, aber ohne Verstorbene; 4. verstorbene Personen ungeachtet einer vorherigen Hospitalisierung.
Tab. 1
Inzidenz, Fallzahl, Hospitalisierung und Sterbefälle vergleichend für beide epidemischen Phasen, bezogen auf die einzelnen Landkreise und kreisfreien Städte in Schleswig-Holstein. Die Reihung erfolgte nach Gesamtinzidenz. (Datenquelle SurvNet). Phase 1: März bis Mai 2020; Phase 2: Juni bis September 2020
Kreis
Einwohnerzahl a
Inzidenz b
Fallzahl
Hospitalisiert
Hospitalisierungsrate %
Verstorben
Letalität %
Phase
 
1
2
1+2
1
2
1+2
1
2
1+2
1
2
1+2
1
2
1+2
1
2
1+2
Pinneberg (PI)
316.103
190
86
276
601
273
874
129
13
142
21,5
4,8
16,2
46
1
47
7,65
0,37
5,38
Stormarn (OD)
244.156
171
96
267
418
234
652
51
8
59
12,2
3,4
9,0
33
2
35
7,89
0,85
5,37
Neumünster (NMS)
80.196
97
113
211
78
91
169
9
4
13
11,5
4,4
7,7
2
1
3
2,56
1,10
1,78
Kiel (KI)
246.794
113
76
189
279
187
466
64
16
80
22,9
8,6
17,2
10
2
12
3,58
1,07
2,58
Herzogtum Lauenburg (RZ)
198.019
133
49
182
264
97
361
47
4
51
17,8
4,1
14,1
17
1
18
6,44
1,03
4,99
Steinburg (IZ)
131.013
136
37
173
178
48
226
22
3
25
12,4
6,3
11,1
3
0
3
1,69
0,00
1,33
Segeberg (SE)
277.175
118
51
169
326
142
468
43
4
47
13,2
2,8
10,0
7
0
7
2,15
0,00
1,50
Dithmarschen (HEI)
133.193
44
114
158
59
152
211
13
18
31
22,0
11,8
14,7
3
2
5
5,08
1,32
2,37
Lübeck (HL)
216.530
77
57
133
166
123
289
8
5
13
4,8
4,1
4,5
1
0
1
0,60
0,00
0,35
Rendsburg-Eckernförde (RD)
274.098
93
38
131
255
105
360
47
4
51
18,4
3,8
14,2
14
0
14
5,49
0,00
3,89
Plön (PLÖ)
128.686
93
37
130
120
47
167
27
9
36
22,5
19,1
21,6
8
0
8
6,67
0,00
4,79
Flensburg (FL)
90.164
47
82
129
42
74
116
6
2
8
14,3
2,7
6,9
3
0
3
7,14
0,00
2,59
Schleswig-Flensburg (SL)
201.156
79
15
94
158
31
189
18
3
21
11,4
9,7
11,1
4
0
4
2,53
0,00
2,12
Nordfriesland (NF)
165.951
53
30
83
88
50
138
13
4
17
14,8
8,0
12,3
1
1
2
1,14
2,00
1,45
Ostholstein (OH)
200.539
34
36
70
68
73
141
7
10
17
10,3
13,7
12,1
0
0
0
0,00
0,00
0,00
Schleswig-Holstein
2.903.773
107
59
166
3100
1727
4827
504
107
611
16,3
6,2
12,7
152
10
162
4,90
0,58
3,36
aEinwohnerzahl nach Destatis zum 31.12.2019
b pro 100.000 Einwohner
Tab. 2
Geschlecht, Alter, Klinik, Symptomatik, Risikokonstellation, Betreuung bzw. Tätigkeit nach §§23, 33, 36, 42 IfSG b und Expositionsland vergleichend für die beiden epidemischen Phasen, bezogen auf die Patientengruppen (insgesamt, asymptomatisch, symptomatisch, hospitalisiert, verstorben). Die hospitalisierten und verstorbenen Patienten sind bei der Gruppe der Hospitalisierten ausgenommen, ebenso die Verstorbenen bei den Hospitalisierten. Phase 1: März bis Mai 2020; Phase 2: Juni bis September 2020. (Datenquelle SurvNet), MW: Mittelwert
 
Insgesamt
Asymptomatisch
Symptomatisch
Hospitalisiert
Verstorben
Phase
1
2
1+2
1
2
1+2
1
2
1+2
1
2
1+2
1
2
1+2
Geschlecht und Alter
Männlich, Anzahl
1462
874
2336
248
333
581
956
479
1435
206
50
256
93
4
97
Männlich, MW Alter
49,6
34,4
43,9
49,8
32,9
40,1
44,9
34,1
41,3
63,7
56,1
62,2
76,9
69,3
76,6
Weiblich, Anzahl
1638
853
2491
286
321
607
1147
476
1623
186
49
235
59
6
65
Weiblich, MW Alter
51,7
34,2
45,7
60,9
32,6
46,0
46,0
34,4
42,6
68,2
51,8
64,7
82,8
87,2
83,2
Gesamt, Anzahl
3100
1727
4827
534
654
1188
2103
955
3058
392
99
491
152
10
162
Gesamt, MW Alter
50,7
34,3
44,8
55,8
32,8
43,1
45,5
34,2
42,0
65,8
54,0
63,4
79,2
80,0
79,2
Altersgruppen
0–9
50
150
200
7
91
98
40
49
89
3
5
8
0
0
0
10–19
124
264
388
20
125
145
98
124
222
6
3
9
0
0
0
20–29
438
408
846
67
124
191
355
266
621
17
9
26
0
0
0
30–39
402
276
678
55
90
145
332
173
505
14
13
27
0
0
0
40–49
402
242
644
74
78
152
301
144
445
23
16
39
3
0
3
50–59
689
195
884
76
62
138
555
122
677
61
10
71
6
0
6
60–69
343
84
427
50
33
83
218
46
264
73
8
81
16
2
18
70–79
293
51
344
67
21
88
114
18
132
93
14
107
42
3
45
80–89
279
39
318
82
21
103
75
9
84
89
17
106
60
3
63
90–99
72
13
85
31
9
40
14
1
15
12
4
16
23
1
24
100–119
8
2
10
5
0
5
1
1
2
1
0
1
2
1
3
Klinik
Klinik vorhanden
1959
480
2439
0
0
0
1604
444
2048
245
29
274
109
3
112
Ja, relevant für COVID‑19
604
554
1158
0
0
0
499
511
1010
79
28
107
23
3
26
Ja, aber nicht relevant
142
219
361
142
219
361
0
0
0
29
20
49
5
3
8
Klinik nicht vorhanden
392
435
827
392
435
827
0
0
0
38
20
58
15
1
16
Nicht erhoben
3
39
42
0
0
0
0
0
0
1
2
3
0
0
0
Symptomatik
Fieber
1149
386
1535
0
0
0
888
348
1236
197
31
228
62
2
64
Husten
1477
464
1941
1
1
2
1248
425
1673
185
27
212
40
3
43
Allgemeinsymptome
1272
584
1857
2
1
3
1040
532
1572
165
39
204
65
3
68
Schnupfen
693
361
1054
0
1
1
647
346
993
39
8
47
6
0
6
Halsschmerzen
549
390
939
0
1
1
506
365
871
36
18
54
6
1
7
Dyspnoe
266
36
302
0
0
0
137
20
157
83
11
94
46
3
49
Durchfall
200
65
265
1
1
2
162
56
218
32
8
40
6
0
6
Geschmacksveränderung a
123
223
346
0
0
0
115
207
322
8
13
21
0
0
0
Geruchssinnveränderung a
105
181
286
0
0
0
97
170
267
8
9
17
0
0
0
Pneumonie
64
9
73
0
0
0
1
1
2
30
5
35
33
3
36
Beatmung
31
4
35
0
0
0
2
2
4
10
0
10
19
2
21
Akutes Lungenversagen (ARDS)
29
9
38
0
0
0
1
6
7
12
2
14
16
1
17
Tachykardie
9
6
15
0
0
0
4
4
8
3
2
5
2
0
2
Tachypnoe
7
3
10
0
0
0
2
1
3
2
2
4
3
0
3
Risikokonstellation
Herz-Kreislauf-Erkrankung
442
123
565
19
11
30
204
58
262
132
21
153
57
5
62
Nervensystemerkrankung
186
19
205
35
15
50
73
4
77
61
5
66
33
2
35
Lungenerkrankungen
149
56
205
18
18
36
81
32
113
44
6
50
14
2
16
Diabetes
120
48
168
23
19
42
46
23
69
44
7
51
17
2
19
Krebserkrankungen
106
24
130
23
11
34
44
10
54
37
7
44
17
0
17
Nierenerkrankungen
84
18
102
32
11
34
11
5
16
43
7
50
18
1
19
Immunschwäche
69
13
82
7
5
12
35
5
40
20
4
24
12
0
12
Lebererkrankungen
23
8
31
2
4
6
11
4
15
6
2
8
5
0
5
Schwangerschaft
10
11
21
1
2
3
8
8
16
1
1
2
0
0
0
Postpartalphase
3
2
5
0
1
1
2
1
3
1
0
1
0
0
0
Status nach §§ 23, 33, 36, 42 b
Betreut nach § 23
77
30
107
23
22
45
13
1
14
51
12
0
11
3
14
Betreut nach § 33
54
196
250
15
108
123
36
83
119
4
4
8
0
0
0
Betreut nach § 36
303
37
340
127
28
155
76
7
83
51
2
53
68
2
70
Tätig nach § 23
346
78
424
43
25
68
279
53
332
21
0
21
3
0
3
Tätig nach § 33
54
47
101
3
7
10
48
38
86
3
1
4
0
0
0
Tätig nach § 36
171
36
207
25
13
38
139
22
161
6
1
7
1
0
1
Tätig nach § 42
183
32
215
108
15
123
71
15
86
5
2
7
0
0
0
Expositionsländer
Schleswig-Holstein (SH)
2027
909
1468
348
270
618
1305
555
1860
254
60
314
118
7
125
Hamburg (HH)
155
55
210
8
10
18
114
44
158
27
0
27
6
0
6
Deutschland, ohne SH und HH
111
52
163
5
10
15
85
36
121
18
5
23
3
0
3
Österreich
243
12
255
15
3
18
215
9
224
12
0
12
1
0
1
Mitteleuropa, weitere
9
14
23
1
2
3
6
12
18
1
0
1
1
0
1
Nordeuropa
10
14
24
2
0
2
7
14
21
0
0
0
1
0
1
Westeuropa
29
17
46
3
8
11
23
9
32
3
0
3
0
0
0
Südeuropa
62
70
132
5
34
39
52
35
87
3
1
4
2
0
2
Osteuropa
4
40
44
0
11
11
3
28
31
1
1
2
0
0
0
Südosteuropa
1
244
245
1
155
156
0
77
77
0
1
1
0
0
0
Europa, weitere
3
0
3
0
0
0
3
0
3
0
0
0
0
0
0
Türkei
4
93
97
0
50
50
3
38
41
1
0
1
0
1
1
Asien, weitere
13
16
29
3
10
13
8
3
11
2
3
5
0
0
0
Amerika
30
2
32
0
1
1
27
1
28
3
0
3
0
0
0
Afrika
21
8
29
1
6
7
17
1
18
1
1
2
2
0
2
Australien
4
0
4
0
0
0
2
0
2
2
0
2
0
0
0
Ausland, undifferenziert
4
0
4
0
0
0
4
0
4
0
0
0
0
0
0
Keine Angabe
370
181
551
55
27
82
229
93
322
64
21
85
18
2
20
a Geschmacks- und Geruchssinnveränderungen wurden in Phase 1 noch nicht systematisch erfasst und sind deshalb unterschätzt
b Status nach Infektionsschutzgesetz (IfSG): Betreuung oder Tätigkeit nach §23 v. a. in Krankenhäusern und anderen medizinischen Funktionen, nach §33 v. a. in Kitas, Kinderhorten, Schulen, Heimen und Ferienlagern; nach §36 v. a. in Pflegeeinrichtungen, Obdachlosenunterkünften, Einrichtungen für Asylsuchende, sonstigen Massenunterkünften, Justizvollzugsanstalten; nach §42: Tätigkeit v. a. in Fleischindustrie, Küchen von Gaststätten und Gemeinschaftsverpflegung
Die Inzidenzen (jeweils bezogen auf 100.000 Einwohner) variierten in der ersten Phase von 34 (Ostholstein) bis 190 (Pinneberg) und in der zweiten Phase von 15 (Schleswig-Flensburg) bis 114 (Dithmarschen). Die Hospitalisierungsraten rangierten in der ersten Phase zwischen 4,8 % (Lübeck) und 22,9 % (Kiel) und in der zweiten Phase zwischen 2,7 % (Flensburg) und 19,1 % (Plön). Bezüglich der Letalität lag in der ersten Phase das Maximum bei 7,9 % (Stormarn) und in der zweiten Phase bei 2,0 % in Nordfriesland, während aus Ostholstein in diesem Zeitraum kein Todesfall berichtet wurde (Tab.  1).
Während die Geschlechterverteilung insgesamt ausgeglichen war ( n = 2336 männlich, n = 2491 weiblich), überwogen bei den Verstorbenen die Männer ( n = 97; Letalität 4,2 %) im Vergleich zu den Frauen ( n = 65; Letalität 2,6 %; Tab.  2). Das durchschnittliche Alter aller infizierten Personen betrug in der ersten Phase 50,7 Jahre und in der zweiten Phase 34,3 Jahre ( p = 0,0047 im ungepaarten t‑Test). Ebenfalls waren die Altersunterschiede hospitalisierter Personen im Vergleich der beiden Phasen hoch signifikant ( p = 0,0014 im ungepaarten t‑Test bei einem Mittelwert von 68,4 Jahren in der 1. Phase und 55,9 Jahren in der 2. Phase). Das durchschnittliche Alter der Verstorbenen war 79,2 Jahre und lag bei Frauen mit 83,2 höher als bei Männern mit 76,6 Jahren.
Die häufigsten Symptome waren in beiden Phasen Fieber (37,1 % vs. 22,9 %), Husten (47,7 % vs. 27,5 %) und Allgemeinsymptome (41,1 % vs. 34,6 %). Veränderungen der Geruchs- und Geschmackssinne wurden in der ersten Phase noch nicht systematisch erfasst und sind daher unterschätzt, während sie in der zweiten Phase bei 13,2 % der infizierten Personen auftraten. Die häufigsten Risikokonstellationen für schwere Verläufe von SARS-CoV-2-Infektionen betrafen das Herz-Kreislauf-System ( n = 565), das Nervensystem ( n = 205) und die Lungen ( n = 205). Während der ersten Phase waren 17,2 % aller infizierten Personen asymptomatisch, während der zweiten Phase 38,7 %.
In den Meldedaten werden Fälle auch nach der Zugehörigkeit in Betreuung oder Tätigkeit unterschieden nach §23 IfSG vor allem in Krankenhäusern und anderen medizinischen Funktionen, nach §33 vor allem in Kitas, Kinderhorten, Schulen, Heimen und Ferienlagern, nach §36 vor allem in Pflegeeinrichtungen, Obdachlosenunterkünften, Einrichtungen für Asylsuchende, sonstigen Massenunterkünften, Justizvollzugsanstalten und nach §42 vor allem in der Fleischindustrie und Küchen von Gaststätten und Gemeinschaftsverpflegung. Nach den §§23, 33 bzw. 36 des IfSG betreute Personen waren in insgesamt 107, 250 bzw. 340 Fällen infiziert, von denen 14, 0 bzw. 70 Personen verstarben (Tab.  2). In den Bereichen nach §§23, 33, 36 und 42 tätige Personen waren in 424, 101, 207 bzw. 215 Fällen infiziert. Bezüglich der ausländischen Expositionsorte dominierten in der ersten Phase Österreich und Südeuropa und in der zweiten Phase Südosteuropa und die Türkei. Nur wenige Personen mit ausländischem Expositionsort verstarben an den Folgen der Infektion ( n = 8).
Im Beobachtungszeitraum wurden 412 Infektionsherde festgestellt, von denen 204 mindestens drei Personen umfassten. In der ersten Phase wurden 250 Herde mit insgesamt 1004 Personen dokumentiert, in der zweiten Phase 162 Herde mit 579 Beteiligten (Tab.  3A). Bei den entsprechenden Infektionsumfeldern dominierten insgesamt 278 Ausbrüche mit 843 Fällen aus dem Setting des privaten Haushalts, der aber viele andere, nicht konkret definierbare Infektionsmöglichkeiten mit umfasst (Tab.  3B). Alten- und Pflegeheime waren mit 24 Ausbrüchen und 243 Fällen bei 34 Verstorbenen hinsichtlich der Ausbruchs- und Fallzahl das zweitwichtigste Setting. 17 übergeordnete Ausbrüche betrafen mehrere Kreise und kreisfreie Städte. Der größte, kreisübergreifende Ausbruch in einem Schlachthof umfasste insgesamt 139 Personen. Außerdem sind unter diesen übergeordneten Ausbrüchen auch ein besonders großer Herd in einem Alten- und Pflegeheim mit 81 infizierten Personen und ein Ausbruch nach einem Spiel der Handballbundesliga enthalten.
Tab. 3
Ausbrüche. A) Vergleichende Darstellung der Ausbruchsgrößen, Anzahlen von Infektionsherden und Fällen nach epidemischer Phase. B) Zuordnung der Ausbrüche, Fälle, Hospitalisierungen und Todesfälle zu den Angaben über das Infektionsumfeld. (Datenquelle SurvNet). Phase 1: März bis Mai 2020; Phase 2: Juni bis September 2020
A
B
Ausbruchsgröße a
Phase 1
Phase 2
Insgesamt
Infektionsumfeld
Ausbrüche
Fälle
Hospitalisiert
Verstorben
Fälle
Herde
Fälle
Herde
Fälle
1‑2
139
255
69
117
208
372
Privater Haushalt
278
843
71
6
3‑4
69
227
56
190
125
417
Alten‑/Pflegeheim
24
243
26
34
5‑6
19
101
22
118
41
219
Arbeitsplatz
24
75
6
1
7‑8
7
52
5
38
12
90
Hotel, Pension, Herberge
19
68
2
0
9‑10
2
19
6
57
8
76
Krankenhaus
17
77
31
3
11-12
2
23
1
11
3
34
Freizeit, Verein, Picknick, Ähnliches
13
44
7
1
13-14
2
27
1
13
3
40
Ambulante Behandlungseinrichtung, Praxis
8
26
3
0
16-17
1
16
1
17
2
33
Schule
6
29
3
0
18-19
3
55
1
18
4
73
Wohnheim (Kinder/Jugend/Studierende)
5
49
13
3
22-25
2
47
0
0
2
47
Flugzeug, Bus
4
30
5
2
27-29
2
56
0
0
2
56
Restaurant, Gaststätte
4
12
0
0
46-80
2
126
0
0
2
126
Seniorentagesstätte
3
51
10
13
Summe
250
1004
162
579
412
1583
Rehaeinrichtung
2
16
5
1
Summe > 2
111
749
93
462
204
1211
Flüchtlings‑, Asylbewerberheim
2
15
0
0
Verstreut
1
3
0
0
Andere/sonstige
1
1
0
0
Nicht erhoben
1
1
0
0
Insgesamt
412
1583
182
64
a Anzahl beteiligter Infizierter
Die Auswirkung der COVID-19-Pandemie auf die Gesamtmortalität wurde außerdem vergleichend für Schleswig-Holstein und das gesamte Deutschland auf der Basis der veröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamts (Destatis) untersucht. Die verfügbaren Daten des Jahres 2020 wurden ausgewertet und dem Mittelwert der Jahre 2016 bis 2019 gegenübergestellt (nicht dargestellt). Für Deutschland lag ein deutlicher Effekt der Pandemie auf die Gesamtmortalität für die 14.–17. Kalenderwoche vor (30.03.–26.04.2020). Dagegen war für Schleswig-Holstein ein sehr schwacher Effekt nur für die 16. Kalenderwoche nachzuweisen (13.04.–19.04.2020). Im Rahmen der einschränkenden Maßnahmen lösten sich diese Auffälligkeiten jedoch rasch auf. Auch wenn in Schleswig-Holstein eine beträchtliche Letalität der SARS-CoV-2-Infektion beobachtet wurde, wirkte sich diese noch nicht wesentlich auf die Gesamtmortalität aus. Damit kann weitestgehend ausgeschlossen werden, dass im Untersuchungszeitraum ein breiter, unerkannter Eintrag in die Allgemeinbevölkerung vorlag.

Fazit

Die Coronaviruspandemie verlief in Schleswig-Holstein im ersten Halbjahreszeitraum (März bis September 2020) im Vergleich zum Bundesgebiet relativ günstig mit einer der niedrigsten Landesinzidenzen. Für die Auswertung wurden die Meldedaten der ersten Phase von März bis Mai mit der zweiten Phase von Juni bis September verglichen. Die wesentlichen Unterschiede zwischen den epidemischen Phasen bestanden hinsichtlich der Hospitalisierung und Letalität, der Altersverteilung und der Expositionsländer. In der ersten Phase von März bis Mai 2020 dominierten schwere Erkrankungen älterer Personen mit hohen Raten der Hospitalisierung und Sterblichkeit. In der zweiten Phase von Juni bis September 2020 dominierten jüngere Personen mit niedrigeren Hospitalisierungs- und Sterberaten und mit deutlicher Reiseaktivität. Die meisten Ausbrüche wurden für private Haushalte dokumentiert. Die Pandemie hatte im Beobachtungszeitraum kaum Auswirkungen auf die Gesamtmortalität in Schleswig-Holstein.

Danksagung

Großer Dank gilt allen meldenden Ärztinnen und Ärzten des Landes, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Infektionsschutz des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in den kommunalen Gesundheitsämtern und im Landes-Gesundheitsministerium (ganz besonders Frau Dr. Anne Marcic), den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des RKI und den Landesmeldestellen anderer Bundesländer für ihre Unterstützung.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

R. Rose, D. Scherer, G. Maschkowitz, C. Läubrich und H. Fickenscher geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für dieses Manuskript wurden nur pseudonymisierte Meldedaten ausgewertet, die nach den Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes durch die Gesundheitsämter erhoben wurden und im elektronischen Meldesystem SurvNet zur Verfügung standen. Da die Meldedaten nur durch das jeweils zuständige Gesundheitsamt und nicht durch die Landesmeldestelle decodiert werden können, haben die verwendeten Daten anonymisierten Charakter. Diese Software wird in einem geschützten Bereich eines Großrechners des Rechenzentrums der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel betrieben.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.
Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen.
Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://​creativecommons.​org/​licenses/​by/​4.​0/​deed.​de.

Unsere Produktempfehlungen

Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz

Print-Titel

  • Öffentliches Gesundheitswesen und staatliche Gesundheitspolitik
  • Erkenntnisse der biologisch-medizinischen Grundlagenforschung
  • Konkrete Maßnahmen zu Risikoabwehr und Gesundheitsschutz

e.Med Interdisziplinär

Kombi-Abonnement

Für Ihren Erfolg in Klinik und Praxis - Die beste Hilfe in Ihrem Arbeitsalltag als Mediziner*in

Mit e.Med Interdisziplinär erhalten Sie Zugang zu allen CME-Fortbildungen und Fachzeitschriften auf SpringerMedizin.de.

Jetzt e.Med zum Sonderpreis bestellen!
Das Angebot gilt nur bis 24.10.2021

Literatur
Über diesen Artikel

Weitere Artikel der Ausgabe 4/2021

Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 4/2021 Zur Ausgabe

Coronavirus Corona-Update

Die aktuelle Entwicklung im Überblick: Nachrichten, Webinare, Übersichtsarbeiten.

Bildnachweise