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11.05.2020 | COVID-19 | Nachrichten

Hamburger Autopsien

Jeder zweite COVID-19-Tote hatte Gerinnungsstörungen

Autor:
Dr. Thomas Meißner

Schwer erkrankte COVID-19-Patienten neigen erheblich zu Thrombosen und Lungenembolien. Das bestätigen jetzt Autopsie-Daten aus Hamburg.

Es mehren sich Hinweise darauf, dass COVID-19-Patienten häufig und bislang teils okkulte venöse Thrombosen erleiden, die unter Umständen in tödlichen Lungenembolien enden. Pathologen, Internisten und Intensivmediziner vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf und weiteren Hamburger Kliniken haben Ergebnisse einer Serie von zwölf vollständig obduzierten an COVID-19 Gestorbenen vorgelegt, die zum Teil zusätzlich post mortem computertomografiert und weiteren Untersuchungen unterzogen worden waren.

Es handelt sich dabei um erste Erkenntnisse aus inzwischen etwa 150 derartigen Obduktionen, sagte Rechtsmediziner Professor Jan-Peter Sperhake bei einer Pressekonferenz. Die Konsequenz aus den Erkenntnissen wie aus weiteren internationalen Daten müsse eine medikamentöse Thromboseprophylaxe mit niedermolekularem Heparin auch von ambulant versorgten COVID-19-Patienten sein, erklärte Professor Stefan Kluge vom UKE Hamburg, Seniorautor der Studie.

Hämatogene Virusausbreitung

Bei sieben der zwölf Gestorbenen waren zuvor nicht erkannte tiefe Beinvenenthrombosen festgestellt worden; bei vier Patienten waren massive Lungenembolien die unmittelbare Todesursache, berichten Privatdozent Dominic Wichmann und seine Kollegen (Ann Internal Med 2020; online 6. Mai). Die virtuelle Autopsie per Computertomografie ergab retikuläre Infiltrationen der Lunge mit dichten Konsolidierungen des Gewebes.

Bei acht Patienten waren histomorpholgisch schwere Alveolarschäden festgestellt worden. Angesichts der makroskopisch sehr festen und schweren Lungen könne man sich gut vorstellen, welche Schwierigkeiten die Intensivmediziner hatten, diese Lungen zu belüften, sagte Sperhake bei der Pressekonferenz.

In allen Lungen, aber auch in Leber, Nieren und im Herzen fanden sich hohe virale RNA-Titer – das Virus verbreitet sich offensichtlich hämatogen im Körper. Bei sechs von neun obduzierten Männern fanden sich auch im venösen Geflecht der Prostata frische Thrombosen.

Die Ergebnisse reihten sich gut ein in klinische und autoptische Beobachtungen in Italien, den Niederlanden und der Schweiz, so ein Kommentar von Professor Alexandar Tzankov vom Universitätsspital Basel. International berichten Ärzte über unerwartete Häufungen thrombotischer und embolischer Komplikationen bei kritisch kranken COVID-19-Patienten. Die Daten könnten zur besseren Diagnostik und somit gezielten Therapie beitragen, erklärte Professor Petzer Boor vom Uniklinikum Aachen und Initiator des Deutschen Registers COVID-19 Obduktionen (DeRegCOVID).

„Man muss davon ausgehen, dass die Gerinnungsstörungen etwa die Hälfte aller COVID-19-Patienten betreffen kann“, so der Kommentar des Infektiologen Professor Clemens Wendtner aus München. Ursachen seien wahrscheinlich sowohl die infektionsbedingte Endothelschädigungen von Organen und Gefäßen, wodurch Gerinnungsfaktoren aktiviert werden, aber auch überschießende Entzündungsreaktionen des Körpers könnten die Koagulopathie antreiben.

Hämostaseologische Kontrollen!

International haben inzwischen mehrere Fachgesellschaften ihre Empfehlungen zur Antikoagulation bei COVID-19-Patienten aktualisiert. So empfiehlt die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) die großzügige Thromboseprophylaxe mit niedermolekularem Heparin (NMH) unabhängig von der Notwendigkeit einer Hospitalisierung. Die Dosierung sollte in einer für den Hochrisikobereich zugelassenen Dosierung erfolgen.

Bei Kontraindikationen für eine Antikoagulation sind physikalische Maßnahmen wie Kompressionsstrümpfe empfehlenswert. Hospitalisierte Patienten sollen fortlaufend hämostaseologisch überwacht werden.

Quelle: Ärzte Zeitung

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