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19.08.2020 | COVID-19 | Nachrichten

Australische Kohortenstudie

Schulen und Kitas scheinen keine Corona-Hotspots zu sein

Autor:
Dr. Christine Starostzik

Während der ersten Welle der COVID-19-Pandemie waren einer australischen Studie zufolge die Erstinfektions- und Übertragungsraten von SARS-CoV-2 unter Kindern und Lehrpersonal trotz überwiegend geöffneter Einrichtungen gering.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Frühere Untersuchungen legen nahe, dass Infektionscluster mit SARS-CoV-2 innerhalb eines Haushalts primär weitaus häufiger von Erwachsenen als von Kindern ausgehen. Angesichts der in deutschen Bundesländern endenden Ferien stellt sich die brisante Frage, wie Schulen und Kitas verantwortlich mit der Gefährdung durch die Pandemie umgehen können. Um zu einer orientierenden Diskussion beizutragen, haben Kristine Macartney vom Children’s Hospital in Westmead und Kollegen in einer prospektiven Kohortenstudie die Infektionszahlen der ersten Infektionswelle im australischen Staat New South Wales (NSW) untersucht.

Grundlage der Analyse waren die Daten zu SARS-CoV-2-Übertragungen unter Kindern und Erwachsenen in 25 Bildungseinrichtungen (Schulen: 5–18 Jahre; Krippen und Kitas: 6 Wochen bis 5 Jahre) in NSW mit 8,1 Mio. Einwohnern, darunter 1,8 Mio. Kinder bis 18 Jahre. Studienteilnehmer waren per PCR bestätigte COVID-19-Fälle von Kindern und Lehrpersonal, die noch 24 Stunden vor Symptombeginn zwischen dem 25. Januar und dem 9. April 2020 Schule oder Kita besucht hatten. Ab dem 22. März konnten die Kinder wahlweise zuhause oder in der Schule lernen. Kontaktpersonen wurden bis zum 1. Mai 2020 und für mindestens 30 Tage beobachtet. Als enge Kontakte galten direkte Face-to-Face-Kontakte für mindestens 15 Minuten oder der gemeinsame Aufenthalt in einem geschlossenen Innenraum für mindestens 40 Minuten. Für alle engen Kontakte wurde eine 14-tägige häusliche Quarantäne angeordnet, beim Auftreten von Symptomen wurde ein Test angeordnet. Nach Bekanntwerden eines Infektionsfalls schlossen die jeweiligen Einrichtungen vorübergehend für 24–48 Stunden. In dieser Zeit wurde desinfiziert und es wurden Maßnahmen getroffen, um die Gesundheit der Kinder und Lehrer zu schützen.

Ansteckungsfälle in vier von 25 Schulen und Kitas

Bis zum 1. Mai 2020 wurden in NSW 3033 COVID-19-Fälle bestätigt (37,5 Fälle/100.000 Einwohner). 3,2% der Infizierten waren Kinder bis 18 Jahren. Neun der 97 Kinder wurden in einer Klinik behandelt, meist allerdings nur zum Zweck der Isolation, ein Kind musste intensivmedizinisch betreut werden.

In den 15 Schulen und zehn Kindertagesstätten wurden insgesamt 27 Primärinfektionen festgestellt, 15 davon bei Lehrern und Erziehern und zwölf bei Kindern. Acht dieser Kinder waren zwischen 14 und 16 Jahre alt, eines war zehn und drei Kita-Kinder zwischen zwei und drei Jahre. In vier von zwölf weiterführenden Schulen wurden Lehrer und Erzieher als Erstinfektionsquelle identifiziert, ebenso in vier von fünf Grundschulen und in sieben von zehn Kitas.

In vier der 25 Einrichtungen (3 Schulen, 1 Kita) fand eine Übertragung von SARS-CoV-2 auf weitere Personen statt. Insgesamt wurden 663 von 1448 engen Kontaktpersonen auf das Virus oder auf Antikörper oder beides getestet. Dabei wurden 18 neue Infektionen entdeckt, was eine Ansteckungsrate bei engen Kontaktpersonen von 1,2% bedeutet.

Im Einzelnen wurden in drei weiterführenden Schulen drei Kinder und zwei Erwachsene infiziert (Infektionsrate 0,5%). Bei neun von zehn Kitas blieb die Erstinfektion ohne Folgen, in einer dieser Einrichtungen wurden sechs Erwachsene und sieben Kinder angesteckt (Infektionsrate dieser Kita 35,1%). Insgesamt zeigten fünf der 18 Personen, die sich im weiteren Verlauf infiziert hatten, keinerlei Symptome.

Fazit der Studienautoren

Macartney und Kollegen ziehen aus den Ergebnissen ihrer Analyse folgende Schlüsse:

  • Die Inzidenz infizierter Kinder, Lehrer und Erzieher war niedrig. 
  • Nur 25 von 7700 Einrichtungen in NSW waren betroffen. 
  • Obwohl das Lehrpersonal nur 10% aller Schul- und Kitabesucher ausmachte, entfielen 56% der Primärinfektionen auf diese Gruppe.
  • Nur in drei von 15 Schulen und in einer von zehn Kitas kam es nach Identifizierung des ersten Falls zu weiteren Infektionen. 
  • Die während der ersten Welle unter Berücksichtigung der üblichen Vorsichtsmaßnahmen geöffneten Schulen haben keine signifikante Verbreitung von SARSCoV-2 bewirkt.

Die niedrige Infektions- und Übertragungsrate führen die Studienautoren u. a. auf schnelle und effektive Maßnahmen des Staates und die gute Compliance der Bevölkerung zurück.

Zu ähnlichen Ergebnissen wie Macartney und Kollegen kommt auch eine kleinere Studie aus Irland, bei der sechs Infektionsfälle bei Schulkindern im weiteren Verlauf zu keinen Ansteckungen führten.

In einem Kommentar betont John Edmunds, London, dass sich die unterschiedlichen Infektionsraten bei Grund- und weiterführenden Schulen als wichtig erweisen könnten. Wie auch eine südkoreanische Studie belege, waren die Infektionsraten innerhalb der Haushalte am niedrigsten, wenn das Ereignis von einem Kind unter zehn Jahren, und am höchsten, wenn es von einem 10- bis19-Jährigen ausging.

Der mögliche Nutzen von Schulschließungen zur Eindämmung einer Übertragung von SARS-CoV-2 müsse gut gegen negative Effekte auf das Wohlbefinden der Kinder und eine weitere Verstärkung sozialer Ungleichheit abgewogen werden, warnen Macartney und Kollegen. Könnten Ausbrüche mit strengen Maßnahmen effektiv eingedämmt werden, dann sei es möglich, Schulen sicher zu öffnen. Edmunds zufolge sollte dieses Vorgehen aber unbedingt durch ein großangelegtes Monitoring begleitet werden.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie hoch waren die Übertragungsraten von SARS-CoV-2 in australischen Schulen und Kitas während der ersten Welle?

Antwort: In 15 Schulen und zehn Kitas waren insgesamt 37 Infektionen aufgetreten. Die Übertragungsrate bei den engen Kontaktpersonen lag laut Testung bei 1,2%.

Bedeutung: Mit effektiven Tests von Kontaktpersonen und der Einhaltung strenger Hygienevorschriften ist nach Ansicht der Autoren nicht zu erwarten, dass Schüler und Lehrer zu einer signifikanten Verbreitung des Virus beitragen.

Einschränkung: Die Interpretation der Daten gilt für die Umstände im australischen NSW und kann nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden.


Literatur

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