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05.06.2020 | COVID-19 | Nachrichten

Hydroxychloroquin und Antihypertensiva

Zwei große COVID-19-Studien zurückgezogen

Autor:
Wolfgang Geissel

Bei der COVID-19-Therapie mit Hydroxychloroquin ist die Sterberate höher als unter Placebo. Dieses Resümee haben jüngst Forscher gezogen. Jetzt haben sie ihre Studie zurückgezogen. Denn es gibt Zweifel an der Qualität der Daten. Sogar eine zweite Studie ist davon betroffen.

Die vergangene Woche im Fachblatt „Lancet“ publizierte Studie zur Therapie von Hydroxychloroquin bei Patienten mit COVID-19 mit Daten von weltweit 96 000 Patienten ist von den Autoren zurückgezogen worden. Das Gleiche gilt für eine am 1. Mai im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte Studie zu herzkranken COVID-19-Patienten unter Therapie mit ACE-Hemmern oder AT1-Rezeptorblockern (Sartanen).

An beiden Fachbeiträgen war Dr. Sapan Desai von der Surgisphere Corporation in Chicago beteiligt. Er hat sich nicht davon distanziert, denn offenbar liegt das Problem in den Daten des von ihm gegründeten Unternehmens. Das Geschäftsmodell von Surgisphere ist die Analyse großer Mengen medizinischer Daten, um Hinweise etwa für eine Optimierung von Therapien zu bekommen.

Für die Herzstudie stellte das Unternehmen Daten von etwa 8900 Patienten aus 169 Kliniken in Asien, Europa und Nordamerika zur Verfügung. Für die Hydroxychloroquin-Studie waren es Daten von 671 Kliniken auf „sechs Kontinenten“.

Mehr Tote, als es Tote gab?

Leser der Beiträge hatten nach Publikation große Zweifeln an der Seriosität der Daten geäußert. Zum Beispiel soll sich die Hydroxychloroquin-Studie auf eine höhere Anzahl von im Krankenhaus verstorbenen COVID-19-Patienten in Australien bezogen haben, als in Australien tatsächlich insgesamt gemeldet wurden, berichtet Ende Mai die britische Zeitung „Guardian“ unter Berufung auf australische Gesundheitsexperten.

Später stellte sich heraus, dass womöglich Daten eines Krankenhauses in einem asiatischen Land fälschlicherweise „Australasia“ zugeordnet wurden. Der Fehler wurde noch am 30. Mai von den Autoren korrigiert. Auf die Aussagen ihrer Arbeit habe dies aber keinen Einfluss, so die Autoren (Lancet 2020; online 30. Mai).

Ein anderes Beispiel bezieht sich laut „Guardian“ auf die Behauptung der Autoren, 4402 Patienten in Afrika eingeschlossen zu haben, von denen 561 starben. Dies hält der britische Tropenmediziner Sir Nicholas John allerdings für unwahrscheinlich. Im „Guardian“ bezweifelte er, dass überhaupt so viele afrikanische Krankenhäuser detaillierte elektronische Gesundheitsakten für so viele Patienten zur Verfügung stellen können.

Gutachter kommen nicht an Rohdaten

Die beiden Fachjournale hatten wegen der wachsenden Kritik am vergangenen Dienstag unabhängig voneinander jeweils einen sogenannten „Expression of Concern“ veröffentlicht. Die Publikation müsse erneut geprüft werden, und die Studienergebnisse sollten nur unter Vorbehalt betrachtet werden, hieß es darin.

Weil eine solche unabhängige Prüfung offenbar nicht möglich war, haben die Autoren die Publikationen nun zurückgezogen. „Surgisphere stelle die vollständigen Daten den Gutachtern nicht zur Verfügung, weil sie damit die ihren Kunden zugesicherte Vertraulichkeit verletzen würden“, heißt es dazu.

„Es ist in der Tat sehr ernüchternd, dass diese Unstimmigkeiten weder im Peer Review, noch im editoriellen Prozess der Journale aufgefallen sind. Gerade bei so hochrangigen Zeitschriften wie ‚The Lancet‘ und dem ‚NEJM‘ sollte so etwas nicht vorkommen“, kommentiert Professor Jörg Meerpohl, der Direktor des Instituts für Evidenz in der Medizin an der Universität Freiburg den Sachverhalt.

Studien wegen medialen Drucks gestoppt

In einer Mitteilung des Science Media Centers (SMC) betont er weiter: „Besonders dramatisch finde ich, dass dies bei Studien passiert ist, von denen klar war, dass sie eine so große Bedeutung für das Management der Pandemie weltweit haben. Hier hätte ich 200-prozentige Sorgfalt erwartet.“

Der Schaden ist groß: Aufgrund der zurückgezogenen Studien „wurde in laufenden Studien die Behandlung mit Cloroquin/Hydroxychloroquin pausiert beziehungsweise Studien abgebrochen“, erinnert Mehrpool.

Das gilt unter anderen für Teile der WHO-Studie SOLIDARITY sowie zwei deutsche Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit der Malariamittel bei COVID-19. Diese Studien werden allerdings bereits wieder weitergeführt, weil sich dort bisher – anders als in der zurückgezogenen Studie – keine Sicherheitsbedenken ergeben hätten.

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Was passiert mit den Metaanalysen?

Die womöglich unseriösen Daten haben zudem bereits Eingang in weitere Analysen zur COVID-19-Therapie gefunden. So werden die Ergebnisse der am 22. Mai publizierten und jetzt zurückgezogenen Hydroxychloroquin-Studie bereits in 20 weiteren Studien zum Thema zitiert, wie eine eigene Internet-Recherche ergeben hat.

Die Arbeit zu ACE-Hemmern und Sartanen bei COVID-19 aus dem „New England Journal of Medicine“ wurde bis dato gar von 111 Arbeiten zitiert. Unter den Fundstellen sind allerdings viele noch nicht begutachtete Arbeiten, die auf Preprintservern veröffentlicht wurden.

Welche Auswirkungen das hat, zeigen zwei Beispiele: Die Autoren einer Metaanalyse berichten zum Beispiel, dass sich eine erhöhte Sterberate bei COVID-19 unter Hydroxychloroquin-Therapie nur finden ließ, wenn die Lancet-Studie in die Auswertung einbezogen wurde (medRxiv 2020.04.14.20065276).

Und in einem Review-Artikel wird die Lancet-Studie als Beleg der „aufkeimenden (emerging) Evidenz für ein deutlich erhöhtes Arrhythmie-Risiko bei COVID-19 angeführt (Trends Cardiovasc Med 2020; online 28. Mai).

Es wird lange dauern, bis solche offensichtlich falschen Schlüsse aus der Welt geschafft sind.

Kommentar: Super-GAU der Wissenschaftskommunikation

Die Umstände um die jetzt zurückgezogenen Fachartikel zur Therapie bei COVID-19 mit Hydroxychloroquin/Chloroquin oder mit RAAS-Hemmern sind ein Super-GAU in der Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse. Mit dem „New England Journal of Medicine“ und „The Lancet“ sind daran zudem zwei Flaggschiffe der Medizinjournale beteiligt sowie Wissenschaftler und Ärzte aus der Ersten Liga medizinischer Hochschulen wie der Harvard Medical School oder dem Universitätsspital in Zürich.

Schon am Anfang der Publikationen waren grundlegende Regeln missachtet worden. So hatten bei dem Hydroxychloroquin-Artikel offenbar drei der vier Autoren keinen Zugriff auf die analysierten Primärdaten, konnten also die Basis der Erkenntnisse nicht beurteilen. Das zumindest legt die Mitteilung der Wissenschaftler zur Zurücknahme ihres Artikels nahe.

Und bei beiden Beiträgen hätten, nachdem sie zur Publikation eingereicht worden waren, offensichtliche Unstimmigkeiten der Daten im Peer Review und im editoriellen Prozess auffallen müssen, sagt Professor Jörg Meerpohl aus Freiburg dazu. Der Direktor des Instituts für Evidenz in der Medizin sieht hier eine Pflicht zu „200-prozentiger Sorgfalt“: Von vorneherein sei klar gewesen, dass die Studien eine große Bedeutung für das Management der Pandemie weltweit haben.

In Folge waren dann auch andere Studien zu Hydroxychloroquin gestoppt oder unterbrochen worden. Glücklicherweise haben die Fachblätter jetzt schnell reagiert und die umstrittenen Beiträge wurden zurückgezogen.

Forscher und Medizinredakteure müssen sich künftig wieder mehr auf wissenschaftliche und medizinische Werte besinnen und dürfen nicht weiter halb gare oder auch ungeprüfte Daten zu COVID-19 veröffentlichen. Nur so lässt sich Schaden von Patienten abwenden und Evidenz für den bestmöglichen Umgang mit der Pandemie sowie der Versorgung Betroffener generieren.

Quelle: Ärzte Zeitung

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