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08.06.2022 | Coxarthrose | Nachrichten

Studie aus Großbritannien

Kortikosteroide ins Hüftgelenk: Wie wirksam, wie riskant?

verfasst von: Dr. Elke Oberhofer

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Kontrollierte Steroidinjektionen ins Hüftgelenk können bei Patienten mit mittelstarken bis starken Arthroseschmerzen, bei denen konservative Maßnahmen schlecht anschlagen, sinnvoll sein, so die Autoren einer randomisierten Studie aus Großbritannien. Wie die Studie zeigt, ist jedoch eine sorgfältige Aufklärung über die möglichen Risiken unverzichtbar.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Derzeit gibt es nur wenige Studien, die die Wirksamkeit und Sicherheit intraartikulärer Kortikosteroidinjektionen bei Patienten mit Hüftarthrose untersucht haben. Vor allem die längerfristige Wirksamkeit gegen Arthrosebeschwerden gilt als fraglich, außerdem werden wiederholte Steroidspritzen ins Hüftgelenk mit Knorpelschwund und einem erhöhten Infektionsrisiko in Verbindung gebracht. 

Vor diesem Hintergrund ist die aktuell von einem britischen Team vorgelegte HIT*-Studie zumindest eine interessante Ergänzung. An der bislang größten Untersuchung zum Thema haben 199 Männer und Frauen mit mittelschweren bis schweren Arthroseschmerzen im Hüftgelenk (Mindestalter: 40 Jahre) teilgenommen. Die Kortikoidinjektion (Triamcinolon) als einmalige Spritze ins Hüftgelenk wurde einem Drittel der Teilnehmenden verabreicht, und zwar kombiniert mit einem Lokalanästhetikum (Lidocain) und unter Ultraschallkontrolle. Den Vergleichsgruppen mit jeweils 66 Patienten hatte man entweder das Lokalanästhetikum allein (ebenfalls nur eine Dosis) oder gar nichts injiziert. In allen drei Gruppen hatte zu Studienbeginn eine Beratung zu konservativen Maßnahmen, die bei Hüftarthrose zum Therapiestandard gehören (Gewichtsreduktion, Übungen, geeignetes Schuhwerk, Gehhilfen, Schmerzmanagement), stattgefunden.

Langfristige Vorteile bei der Funktion

Beim primären Endpunkt, der Reduktion von Hüftschmerzen, war die Kombi-Injektion mit Triamcinolon und Lidocain der rein nichtmedikamentösen Behandlung überlegen, mit einer Reduktion um median 1,43 Punkte auf der numerischen Rating-Skala innerhalb von sechs Monaten. Am größten war der Unterschied nach zwei Wochen, mit einer Differenz von median 3,17 Punkten. Auch nach zwei Monaten war der Unterschied noch signifikant, nicht mehr dagegen nach vier bzw. sechs Monaten. Einen Absolutwert < 5 auf der 10-Punkte-Skala (auf der 0 für keine und 10 für maximale Schmerzen steht) hatten in der Kortikosteroidgruppe deutlich mehr Patienten erzielt als in der Gruppe ohne Injektion, und zwar sowohl nach zwei Wochen als auch nach zwei bzw. vier Monaten. Die Injektionsgruppe hatte außerdem signifikant bessere Werte im WOMAC-Score und in einem Fragebogen zur Lebensqualität, war häufiger zur Arbeit erschienen und hatte im Mittel auch besser geschlafen. Hinsichtlich der Kriterien Gelenkfunktion und Selbstwirksamkeit war auch nach vier Monaten ein deutlicher Unterschied zugunsten der Injektionsgruppe zu sehen.

Allerdings: Mit zunehmendem Zeitabstand von der Spritzenbehandlung war der Anteil von Patienten, die sich danach subjektiv deutlich besser fühlten, stark zurückgegangen (von 56% nach zwei Wochen auf 45% nach acht Wochen und 27% nach vier Monaten). Im selben Zeitraum waren die entsprechenden Anteile bei denjenigen, die gar keine Injektion erhalten hatten, gestiegen: von 0% auf 7% und schließlich 17%.

Der Vergleich mit der Gruppe, die nur Lidocain erhalten hatte, fiel für den primären Endpunkt, die Schmerzen, an allen untersuchten Zeitpunkten, außer nach zwei Wochen, unentschieden aus. Bemerkenswert ist, dass in beiden Injektionsgruppen die Patienten deutlich zufriedener mit der Behandlung zu sein schienen als in der Gruppe, die gar keine Spritze erhalten hatte.

Effekte gehen über die Wirkdauer von Triamcinolon hinaus

Da die meisten Studienteilnehmenden zu Beginn angegeben hatten, sie hätten lieber irgendeine als gar keine Injektion gegen ihre Arthroseschmerzen, muss man davon ausgehen, dass zumindest ein Drittel zunächst enttäuscht war, nicht die gewünschte Therapie zu bekommen. Dies könnte sich auf die Ergebnisse niedergeschlagen haben, schränkt das Autorenteam um Zoe Paskins von der Universität Keele ein. Man habe aber zeigen können, dass zumindest einige der positiven Effekte nach einer Kortikosteroidinjektion über mindestens vier Monate angehalten hätten. Dies sei länger als die Wirkdauer, die für Triamcinolon selbst veranschlagt werde. Den Benefit der Injektionstherapie sehen die Forscherinnen und Forscher darin, dass es den Patienten danach leichter falle, ihren Übungen und Aktivitäten nachzugehen. Ob dies wirklich zutrifft, konnte in der Studie allerdings nicht nachgewiesen werden.

Neben einigen harmloseren Nebenwirkungen wie Dünnerwerden der Haut an der Injektionsstelle oder Hitzegefühl (jeweils 6%) war es in der Kortikosteroidgruppe zu einem schweren Zwischenfall gekommen: Ein Patient mit einer Bio-Aortenklappe war vier Monate nach der Kombi-Injektion an einer Endokarditis verstorben. „Die Möglichkeit eines kausalen Zusammenhangs kann nicht ausgeschlossen werden“, schreiben die Autoren. Vor allem „bei Patienten mit Risikofaktoren oder Anzeichen einer Infektion“ rät das Team daher zur Vorsicht, auch wenn im beschriebenen Todesfall kein ursächlicher Zusammenhang belegt werden konnte. 

Unter dieser Prämisse seien Kortikosteroidinjektionen ins Hüftgelenk „eine wichtige Option“, vor allem dann, wenn der Patient ansonsten nur begrenzte Therapiemöglichkeiten vor Augen habe.

*Hip Injection Trial

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Klinische Wirksamkeit intraartikulärer Injektionen von Kortikosteroiden und/oder Lokalanästhetika ins Hüftgelenk.

Antwort: Die Injektion von Triamcinolon ins Hüftgelenk unter Ultraschallkontrolle kann den Studienautoren zufolge als ergänzende Therapieoption zur Behandlung von Arthroseschmerzen sinnvoll sein.

Bedeutung: In den Leitlinien wird diese Therapie nicht empfohlen. Besonders bei Patienten mit erhöhtem Infektionsrisiko ist größte Vorsicht geboten.

Einschränkung: Selbstberichtete Ergebnisse; für den Vergleich zwischen den beiden Injektionsgruppen war die Studie nicht ausreichend gepowert; keine Placebogruppe eingeschlossen; keine radiologische Beurteilung der Arthrose im Verlauf.

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Literatur

Paskins Z et al. Clinical effectiveness of one ultrasound guided intra-articular corticosteroid and local anaesthetic injection in addition to advice and education for hip osteoarthritis (HIT trial): single blind, parallel group, three arm, randomised controlled trial. BMJ 2022;377:e068446; https://www.bmj.com/content/377/bmj-2021-068446

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