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19.04.2021 | DGIM 2021 | Nachrichten

DGIM-Kongress 2021

Phytos helfen bei endokrinen Funktionsstörungen

Autor:
Dr. Thomas Meißner

Benignes Prostatasyndrom (BPS), prämenstruelles Syndrom oder klimakterische Beschwerden – sowohl für Männer als auch für Frauen mit endokrinen Funktionsstörungen gibt es wirksame pflanzliche Arzneimittel.

Bei verschiedenen endokrinologischen Funktionsstörungen von Männern und Frauen können evidenzbasiert pflanzliche Arzneimittel angewendet werden. Zum Teil liegen dazu aktuelle Daten vor.

Beispiele für sinnvolle Phytotherapien bei endokrinologischen Funktionsstörungen sind das benigne Prostatasyndrom (BPS) mit Symptomen des unteren Harntrakts (LUTS – lower urinary tract symptoms), das prämenstruelle Syndrom und klimakterische Beschwerden. Darauf hat Professor Karin Kraft von der Universitätsmedizin Rostock beim virtuellen DGIM-Kongress 2021 aufmerksam gemacht.

Extrakte gegen LUTS wirken antiandrogen

So kommen bei LUTS Kürbissamen-, Sägepalmenfrüchte (Sabal)- und Brennesselwurzelextrakte in Betracht. „Alle drei Extrakte sind antiandrogen wirksam, da in allen Arzneidrogen Delta-7-Sterole enthalten sind“, erklärte Kraft. Gleichwohl sind die einzelnen Wirkmechanismen unterschiedlich, weshalb es sinnvoll sein kann, diese Extrakte miteinander zu kombinieren. Hinzu kommen antiinflammatorische und antiproliferative Effekte am Ventrallappen der Prostata sowie spasmolytische Wirkungen von Sägepalmenfrüchten.

Der klinische Nutzen dieser Extrakte gilt als belegt. Abgesehen von teils gastrointestinalen Nebenwirkungen sind sie im Allgemeinen gut verträglich. Allergien gegen Kürbiskerne oder gegen Brennnessel sind Kontraindikationen. Wichtig ist, nur auf entsprechenden Extrakten basierte Phytotherapeutika zu verordnen und keine Nahrungsergänzungsmittel, da deren Qualität nicht belegt ist.

Randomisierte, kontrollierte Studien zu Mönchspfeffer

Mönchspfeffer (Vitex agnus castus) ist bei Frauen mit prämenstruellem Syndrom (PMS) und Mastodynie empfehlenswert. Dessen Inhaltsstoffe binden an den Dopamin-Rezeptor Typ 2 und hemmen im Hypophysenvorderlappen die Prolaktinproduktion. Die enthaltenen Flavonoide wirken modulierend an Estrogen-Rezeptoren.

Ein systematischer Review zu Mönchspfeffer bei Erkrankungen des weiblichen Reproduktionstraktes ergab für acht randomisierte, kontrollierte Studien (RCT) bei PMS eine Überlegenheit im Vergleich zu Placebo, in zwei RCT zu prämenstrueller Verstimmung eine vergleichbare Wirkung wie Fluoxetin und in zwei RCT zu latenter Hyperprolaktinämie eine vergleichbare Wirkung wie Bromocriptin. Daraus ergibt sich eine Empfehlung für Mönchspfeffer mit Evidenzgrad 1b.

„Die European Medicines Agency (EMA) hat sich positiv zu Extrakten aus Mönchspfefferfrüchten zur Behandlung beim prämenstruellen Syndrom geäußert“, sagte Kraft. Behandelt werden soll über mindestens drei Monate. Zu beachten sind Kontraindikationen und Anwendungsbeschränkungen bei Estrogen-sensitiven Tumoren, bei bekannter Erkrankung des Hypophysenvorderlappens sowie bei Einnahme von Dopaminagonisten und -antagonisten.

In der Schwangerschaft und Stillzeit werden diese Extrakte nicht empfohlen. Unerwünschte Wirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, gastrointestinale Beschwerden oder Exantheme sind selten.

Zugelassene Cimicifuga-Arzneimittel effektiv

Das Menopausensyndrom geht mit neurovegetativen Beschwerden, psychischen Symptomen, Störungen des Menstruationszyklus und urogenitalen Symptomen einher. Vasomotorische Beschwerden treten bei zwei Drittel aller postmenopausalen Frauen auf und werden von zehn bis zwanzig Prozent als kaum tolerierbar beschrieben.

Die Gesellschaft für Phytotherapie (GPT) hat in der gerade aktualisierten S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) zur Peri- und Postmenopause ein Sondervotum auf zugelassene Cimicifuga-Arzneimittel (Traubensilberkerze) geltend gemacht, das in manchen Punkten der Mehrheitsauffassung der Autoren widerspricht.

Kraft verwies auf ein kürzlich publiziertes systematisches Review und Metaanalyse von sechs kontrollierten RCT, wonach bei klimakterischen Beschwerden eine signifikante Effektivität im Vergleich zu Placebo besteht.

Die Effektstärke isopropanolischer Cimicifuga-Extrakte war im Vergleich höher, wenn hohe Monotherapiedosen oder Kombinationen mit Johanniskraut (Hypericum perforatum) verwendet wurden. Auch bei therapieinduzierten klimakterischen Symptomen seien die Extrakte effektiv, erklärte Kraft. Es sollten allerdings nur zugelassene Cimicifuga-Arzneimittel angewendet werden, insbesondere isopropanolische und ethanolische Zubereitungen.

Sowohl in der Metaanalyse als auch in einer Monografie der Europäischen Union wird auf das gute Nutzen-Risiko-Verhältnis wegen der sehr selten auftretenden unerwünschten Wirkungen hingewiesen. Die lange diskutierte Hepatotoxizität scheint vom Tisch zu sein, diese gibt es offenbar nur bei Nahrungsergänzungsmitteln mit unzureichender Qualität. Hormonkonzentrationen und östrogensensitive Gewebe werden von Cimicifuga nicht beeinflusst, Interaktionen mit anderen Arzneimitteln werden nicht beschrieben.

Quelle: Ärzte Zeitung

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