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30.11.2022 | Kardiopulmonale Reanimation | Nachrichten

Registerdaten aus Deutschland

Warum die Erfolgsraten bei der Reanimation stagnieren

verfasst von: Dr. Elke Oberhofer

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Die Rate der erfolgreichen Wiederbelebungen nach Herz-Kreislauf-Stillstand hat sich nach Daten der EpiCPR-Studie in den letzten 15 Jahren kaum verändert. Ein Grund ist der steigende Anteil Hochbetagter unter den Betroffenen. Auf der anderen Seite hat die Bereitschaft in der Bevölkerung, Reanimationsmaßnahmen zu ergreifen, deutlich zugenommen.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

In den letzten 15 Jahren wurden im German Resuscitation Registry (GRR), der größten überregionalen Datenbank für die Erhebung, Auswertung und Beurteilung von Reanimationen in Rettungsdienst und Klinik in Deutschland, insgesamt 42.997 Patientinnen und Patienten mit vollständigen Datensätzen erfasst, die nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand wiederbelebt wurden. Die Erfolgsrate, sprich, die Häufigkeit von Reanimationen mit gutem neurologischem Ergebnis, hat sich dabei auf den ersten Blick kaum verändert: Wie das Team um Dr. Iryna Hubar von der Universitätsklinik Düsseldorf im Rahmen der EpiCPR-Studie berichtet, ist der Anteil von Patienten, die mit einem CPC-(Cerebral Performance Category)-Wert von 1 oder 2 entlassen werden konnten, zwischen 2006 und 2020 lediglich von 9% auf 10% gestiegen. Stabil geblieben sei auch die Rate derjenigen, die – unabhängig vom CPC – 24 Stunden überlebt hatten (25% bzw. 24%), sowie die 30-Tages-Überlebensrate (14% bzw. 13%). Allerdings habe sich die Rate derjenigen, die mit einem CPC-Wert von 3 oder 4 entlassen wurden, im Erfassungszeitraum halbiert (von 4% auf 2%).

Rate der Wiederbelebungen durch Umstehende gestiegen

In dem Zeitraum, den die Studie umfasst, hat der ERC (European Resuscitation Council) seine Reanimationsleitlinien mehrfach überarbeitet. Inwieweit die erneuerten Empfehlungen in die tägliche Praxis eingeflossen sind, lässt sich anhand der Daten jedoch schwer beurteilen. Hubar und Kollegen hatten einen Interpretationsversuch unternommen, indem sie den Beobachtungszeitraum in drei Fünf-Jahres-Abschnitte teilten, gemäß den aufeinanderfolgenden Leitlinien-Episoden. Was sich dabei klar erkennen ließ, war zum einen eine deutliche Zunahme der Wiederbelebungen durch umstehende Personen (2006 bis 2010: 13%; 2011 bis 2015: 28%; 2016 bis 2020: 40%). Gleichzeitig hatte aber auch der Anteil betagter Patienten (über 80) unter den Wiederbelebten einen erheblichen Zuwachs erfahren. Man könne davon ausgehen, dass diese im Schnitt mehr Begleiterkrankungen aufwiesen, was die Überlebensrate nach Reanimation beeinflusst haben könnte, so Hubar et al.

Die Wissenschaftlerin und ihr Team haben daher aufeinander abgestimmte Patientenpaare gebildet, d. h., jeweils einem Teilnehmer aus dem ersten Zeitraum (2006 bis 2010) wurde einer aus dem letzten Zeitraum (2016 bis 2020) gegenübergestellt, der ihm bzgl. Alter, Geschlecht und Gesundheitskriterien entsprach. Hier ergab sich nun ein immerhin knapp signifikanter Unterschied: Der Anteil der Patienten, die in gutem neurologischem Status entlassen werden konnten, hatte sich laut dieser Analyse in den 15 Jahren von 8,8% auf 10,2% erhöht, während ROSC-Rate (diejenigen mit spontanem Kreislauf) und 24-Stunden- bzw. 30-Tages-Überleben gleichgeblieben waren.

Davon hängt die Prognose ab

Welche konkreten Faktoren den Verlauf beeinflusst hatten, zeigt eine Regressionsanalyse. Mit einer günstigen neurologischen Prognose (CPC 1 oder 2) assoziiert waren demnach

  • die Wiederbelebung durch umstehende Personen, 
  • ein initial bestehender Herzrhythmus, 
  • kardiale Ursachen oder Sauerstoffmangel als Grund für den Herz-Kreislauf-Stillstand, 
  • Einsatz von Amiodaron und 
  • ein intravenöser Zugang für Medikamente.

Höheres Alter dagegen war eindeutig mit einem schlechteren Überleben verknüpft, ebenso Asystolie, ein Trauma als Ursache, das Legen eines intraossären Zugangs (IO) sowie der Einsatz einer supraglottischen Atemwegshilfe (SAD).

Im Beobachtungszeitraum sei die Rate der Patienten mit initialer Asystolie erheblich gestiegen, der Anteil derjenigen mit schockbarem Rhythmus (Kammerflimmern oder pulslose ventrikuläre Tachykardie) jedoch gesunken, berichten Hubar und ihr Team. Dies sei wahrscheinlich die Erklärung, warum man bei der Überlebensrate in all den Jahren keinen Fortschritt gesehen habe.

Bei den ERC-Empfehlungen muss man differenzieren: 2005 wurde der Einsatz von SAD in der professionellen Reanimation empfohlen, allerdings nur als Alternative zur endotrachealen Intubation (ETI). Die ETI gilt auch heute noch als der verlässlichste Zugang, jedoch nur unter der Voraussetzung, dass er von sehr erfahrenem Personal durchgeführt wird. Der intraossäre Zugang, für den die GRR-Daten einen deutlichen Anstieg belegen, ist vom ERC zwar als Alternative für einen peripheren venösen Zugang anerkannt. Allerdings war das Ergebnis in der Regressionsanalyse besser, wenn es gelungen war, einen I.v.-Zugang zu legen.

Als „wichtige Neuerung“ in den ERC-Leitlinien ab 2010 bezeichnen Hubar und ihr Team die Empfehlungen zur Postreanimationsbehandlung (post-resuscitation care). Dazu gehören

  • die umgehende Katheterisierung, 
  • eine PCI im Fall einer kardialen Ursache sowie 
  • das gezielte Temperaturmanagement (TTM).

„In unserer Studie haben wir eine steigende Tendenz hin zur PCI und zur leichten therapeutischen Hypothermie beobachtet, was nach erfolgreicher Wiederbelebung offenbar zum verbesserten Outcome beigetragen hat“, spekulieren Hubar und Kollegen.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Epidemiologische Veränderungen und Entwicklung therapeutischer Maßnahmen bei Herz-Kreislauf-Stillstand nach den Daten des Deutschen Reanimationsregisters GRR (German Resuscitation Registry).

Antwort: In den letzten 15 Jahren hat der Anteil Hochbetagter (über 80) unter den reanimierten Patienten zugenommen. Gleichzeitig ist offenbar die Bereitschaft in der Bevölkerung gestiegen, Wiederbelebungsmaßnahmen zu ergreifen. Dies hat letztlich wohl dazu geführt, dass die Rate der erfolgreichen Reanimationen im Beobachtungszeitraum nahezu gleichgeblieben ist.

Bedeutung: Bei der Umsetzung der ERC-Leitlinien gibt es im professionellen Bereich möglicherweise noch Luft nach oben.

Einschränkung: Reanimationen nicht vollständig erfasst (Beteiligung am GRR auf freiwilliger Basis); Qualität der Wiederbelebung nicht einheitlich; inwieweit die Empfehlungen des ERC umgesetzt wurden, lässt sich nicht belegen.


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Literatur

Hibar I et al. Development of the epidemiology and outcomes of out-of-hospital cardiac arrest using data from the German Resuscitation Register over a 15-year period (EpiCPR study). Resuscitation 2022; https://doi.org/10.1016/j.resuscitation.2022.11.014

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