Ergebnisse der Codeanalyse der qualitativen Interviews
Insgesamt wurden 7 inhaltliche Kernkategorien herausgearbeitet: (1) Erwartungen, (2) Kontaktaufnahme, (3) Beratungsangebot, (4) soziales Umfeld des Angehörigen, (5) Lebensende und Palliativversorgung, (6) Weiterentwicklung des Demenzstützpunktes, (7) weitere Angebote des Demenzstützpunktes (s. Zusatzmaterial online: Anhang 3). Eine Tabelle mit Kodierbeispielen befindet sich im Zusatzmaterial online: Anhang 3.
Erwartungen
Die Befragten äußerten diverse Erwartungen an den Demenzstützpunkt vor ihrem ersten Beratungsgespräch. Sie erhofften sich Informationen zum Erkrankungsbild, eine Orientierung für die neue Lebenslage und eine Übersicht der Unterstützungsmöglichkeiten. Auch wünschten sie sich Unterstützung bei bürokratischen Aufgaben (z. B. zur Einstufung des Pflegegrades), Hinweise für den Umgang mit ihren an Demenz erkrankten Angehörigen und Informationen zum Austausch in einer Selbsthilfegruppe. Alle Angehörigen berichteten, dass ihre Erwartungen im Laufe der Beratungen erfüllt oder sogar übertroffen wurden.
Kontaktaufnahme
Die Angehörigen wurden durch eigenständige Internetrecherche, über Empfehlungen aus ihrem sozialen Umfeld, ein Pflegeservicebüro und Hausärzt*innen auf den Demenzstützpunkt aufmerksam.
Die Kontaktaufnahme zum Demenzstützpunkt erfolgte anlässlich der erstmaligen Diagnose der Erkrankung Demenz und der erlebten Überforderung in der häuslichen Betreuung und Pflege. Häufig lag bei der ersten Kontaktaufnahme zum Demenzstützpunkt bereits eine Demenzdiagnose vor. In anderen Fällen befanden sich die Betroffenen noch im Diagnostikprozess, oder die Diagnostik wurde erst durch die Unterstützung der Versorgungskoordinatorin eingeleitet.
Einige Angehörige hätten sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt Kontakt zum Demenzstützpunkt gewünscht, allerdings war ihnen das Beratungsangebot nicht bekannt. Andere schätzten den Zeitpunkt der ersten Kontaktaufnahme als passend ein.
Beratungsangebot
Alle Studienteilnehmenden berichteten, dass die Beratungen durch die Versorgungskoordinatorinnen des Demenzstützpunktes ihren individuellen Bedürfnissen entsprochen haben. Die Versorgungkoordinatorinnen nahmen sich Zeit, um auf individuelle Probleme einzugehen, und konnten situationsabhängig vielseitige Unterstützungsangebote vermitteln: Tagespflege, Ergo- und Physiotherapie, Facharzttermine, ehrenamtliche Begleitpersonen und Haushaltshilfen. Die Angehörigen erhielten eine Übersicht über die passenden lokalen Unterstützungsangebote und teilweise Empfehlungen für einen passenden Dienstleister. Andere Angehörige berichteten, dass die Versorgungskoordinatorinnen Termine bei Dienstleistern für die Angehörigen vereinbarten.
Die Angehörigen nahmen die Beratungsgespräche als Entlastung war. Sie würden emotionale Bestärkung für die Betreuungsarbeit erfahren und Tipps für den sozialen Umgang mit der Person mit Demenz erhalten. Die Angehörigen erlebten sich dadurch als weniger ängstlich und alleingelassen und machten Selbstwirksamkeitserfahrungen: „Die Summe, dass da jemand ist, der kommt, der einem hilft in einer Notlage, aus der man selber nicht rauskommt. […] Die Angst lähmt einen auch, sie können gar nicht mehr klar denken. […] Dass da jemand ist, der einem da raushilft aus dieser Zwangslage, das ist das Entscheidende“ (A0040). Als wertvoll erlebten sie zudem die Unterstützung bei der Diagnosestellung, Informationen über die Demenzerkrankung und Unterstützung bei der Organisation der häuslichen Pflege. Sie profitierten von der gewonnenen Zeit und dem emotionalen Abstand durch die externe Betreuung sowie die Vermittlung der ehrenamtlichen Begleitpersonen und die vermittelte Haushaltshilfe. Unterstützung erfolgte zudem durch die Informationen zu finanziellen Entlastungsmöglichkeiten.
Die Erreichbarkeit der Versorgungskoordinatorinnen wurde positiv wahrgenommen. Einige Angehörige erhielten eine stets erreichbare Mobilfunknummer, was den Angehörigen Sicherheit vermittelte. Andere Angehörige erklärten, dass sie keine Notfallnummer erhielten und sich diese gewünscht hätten.
Nach den ersten Beratungsgesprächen unterschied sich das weitere Prozedere: In einigen Fällen wurde direkt ein Folgetermin mit der Versorgungskoordinatorin vereinbart, in anderen nicht. Nach der Erstberatung wollten einige selbst Kontakt aufnehmen, andere bevorzugten eine Kontaktaufnahme durch den Demenzstützpunkt nach 3 bis 6 Monaten.
Alle Befragten empfanden den Kontakt mit den Versorgungskoordinatorinnen positiv. Dabei wurde der freundliche, höfliche, entgegenkommende und empathische Umgang geschätzt: „Also nur positiv. Die waren alle sehr freundlich, sehr kompetent und ja höchst flexibel. Also wir haben nur positive Erfahrungen gemacht“ (A0047). Die Angehörigen empfanden die Versorgungskoordinatorinnen als kompetent und engagiert. Ihre Rolle wurde mitunter auch empfunden als die einer Mediatorin, die familiäre Konflikte entschärfen konnte. Der positive Eindruck verstärkte sich im Verlauf der Beratungsgespräche.
Soziales Umfeld der Angehörigen
Die Angehörigen gaben an, dass die Organisation der Betreuung ihres Angehörigen mit Demenz in der Tagespflege bewirkte, dass sie mehr Freizeit hatten, die sie z. B. für die Pflege eigener sozialer Kontakte nutzten. Manche benötigten keine Unterstützung bei der Organisation der eigenen Teilhabe am sozialen Leben.
Beratungsgespräche fanden in unterschiedlichen Konstellationen statt: allein mit der Versorgungskoordinatorin, mit dem Angehörigen mit Demenz und mit weiteren nahen Angehörigen. Die Gesprächskonstellationen wurden in allen Fällen als passend empfunden.
Lebensende und Palliativversorgung
Das Lebensende der Person mit Demenz und eine mögliche palliative Versorgung wurden in den Beratungsgesprächen nicht angesprochen. Dies empfanden alle Befragten als passend, da in ihrer Wahrnehmung das Thema Lebensende noch weit entfernt war und sie sich noch nicht damit beschäftigen wollten. Die Angehörigen gaben an, dass sie sich bei Bedarf bei den Versorgungskoordinatorinnen melden würden.
Weiterentwicklung
Die Angehörigen würden den Demenzstützpunkt grundsätzlich weiterempfehlen: „Wenn ich in einem Gespräch wäre mit Freunden, Bekannten […] ich habe den Demenzstützpunkt schon weiterempfohlen, fällt mir gerade ein. Also ich würde ihn auf jeden Fall weiterempfehlen. Mit ganz vielen Ausrufezeichen“ (A0054). Zugleich kommunizieren die Angehörigen diverse Ideen zur Weiterentwicklung. Der Demenzstützpunkt solle deutlich präsenter werden, damit Betroffene die Möglichkeit hätten, frühzeitig den Kontakt zu suchen. Manchmal kämen Empfehlungen von Ärzt*innen zu spät; dann solle es die Möglichkeit geben, unabhängig von dem/der Ärzt*in mit dem Demenzstützpunkt in Kontakt zu treten. Wünschenswert wäre, wenn direkt bei einer Demenzdiagnose auf den Demenzstützpunkt hingewiesen würde. Zum Teil nahmen Angehörige eine Überlastung des Personals des Demenzstützpunktes wahr und wünschten sich eine personelle Aufstockung des Stützpunktes.
Einige Angehörige befürworteten das Angebot von Sprechstunden in öffentlichen Räumen, da sie die Umgebung abseits der eigene Häuslichkeit schätzten. Andere bevorzugten die Beratung zu Hause, da sie ihre Angehörigen mit Demenz nicht allein lassen könnten.
Weitere Angebote des Demenzstützpunktes
Einige Angehörige berichteten, dass sie „Vergissmeinnicht“-Boxen von Hausärzt*innen bei Feststellung der Demenzerkrankung erhielten. Die Boxen enthalten erste Informationen und die Kontaktdaten des Demenzstützpunktes und wurden als sehr hilfreich beschrieben.
Einige Angehörige schätzten, dass sie die gesetzlich vorgeschriebenen Pflegeberatungen zum Erhalt des Pflegegrades ihrer Angehörigen mit einer Demenz mit den Versorgungskoordinatorinnen des Demenzstützpunktes durchführen könnten: „Für den Pflegegrad muss ja halbjährlich jemand zur Beratung kommen und gucken, wie es läuft. Da hat sie gesagt, das könnten die auch übernehmen. Also da musste ich mir nicht […] irgendjemand Fremdes […suchen]. Ich bin auch ein bisschen froh, dass das alles so ein bisschen zentral dort geregelt wird“ (A0042).
Der Demenzstützpunkt hat in der Vergangenheit Angehörigentreffen und Workshops zu verschiedenen die Demenz betreffenden Themen organisiert; diese waren einigen Angehörigen jedoch nicht bekannt. Hier wünschten die Angehörigen sich eine stärkere Bewerbung. Andere äußerten aktuell keinen Bedarf an entsprechenden Veranstaltungen, da sie mit der Betreuung für die Person mit einer Demenz beschäftigt seien. Einige Angehörige berichteten, dass sie an einmaligen Angehörigentreffen oder Workshops teilgenommen haben und sich regelmäßigere Veranstaltungen wünschen würden, wie Angehörigentreffen und Workshops, um sich zum Thema Demenz fortzubilden. Voraussetzung für die Teilnahme an solchen Angeboten sei aber die Betreuung ihres Angehörigen mit Demenz während der Veranstaltungszeit.