Skip to main content
main-content

08.09.2018 | Demenz | Nachrichten

Analyse von Kohortenstudien

Die geistige Leistung schwankt mit den Jahreszeiten

Autor:
Robert Bublak

Sommer und Herbst sind die besten Jahreszeiten für das menschliche Gehirn. Im Winter und Frühling hingegen häufen sich die Diagnosen von leichten kognitiven Beeinträchtigungen und Demenzen.

Der Geist weht, wo er will – so heißt es in Anlehnung an einen Satz aus dem Johannesevangelium. Das mag so sein. Sofern damit die kognitiven Kräfte gemeint sind, weht der Geist aber jedenfalls nicht, wann er will. So sind die geistigen Fähigkeiten im Sommer und Herbst am stärksten ausgeprägt. Im Winter und Frühling hingegen geht kognitiv gesehen ein deutlich laueres Lüftchen.

Gesammelt hat diese Erkenntnis eine Gruppe von Hirnspezialisten um Andrew Lim von der Abteilung für Neurologie der Universität Toronto. Die Forscher hatten dafür die Daten von drei Kohortenstudien mit mehr als 3000 Teilnehmern in einem Durchschnittsalter von über 70 Jahren analysiert. Es zeigte sich ein deutlicher Einfluss der Jahreszeiten auf die Kognition und ihre neurobiologischen Korrelate, und zwar sowohl bei gesunden Probanden als auch bei solchen mit einer Alzheimerpathologie.

Die Unterschiede in der geistigen Leistungsfähigkeit zwischen Sommer/Herbst und Winter/Frühling waren einer Altersdifferenz von knapp fünf Jahren äquivalent. Im Winter und Frühling stieg die Wahrscheinlichkeit, die Kriterien einer leichten kognitiven Beeinträchtigung oder Demenz zu erfüllen, um rund 30%.

Die Ergebnisse erwiesen sich als stabil gegenüber den Einflüssen von depressiven Symptomen, Schlafdauer, körperlicher Aktivität und Schilddrüsenstatus. Sie persistierten auch in Fällen mit Alzheimerpathologie.

Auch auf der Ebene der harten Neurobiologie waren jahreszeitliche Schwankungen zu beobachten. Beispielsweise wurden im Sommer Spitzenkonzentrationen von Beta-Amyloid 42 im Liquor cerebrospinalis gemessen. Das bestätigt frühere Ergebnisse, wonach hohe Spiegel dieses Amyloids mit besseren kognitiven Leistungen korrelieren. Die Aktivität einiger mit den geistigen Fähigkeiten assoziierten Gene ergab ebenfalls ein Muster, das zu den neuropsychologischen Resultaten passte.

„Womöglich trüge es Früchte, wenn die diagnostischen, aber auch die Versorgungsbemühungen mit Blick auf Demenz im Winter und Frühjahr verstärkt würden, dann also, wenn Denken und Konzentration der Betroffenen am Tiefpunkt angelangt sind“, fassen Lim und Kollegen die Bedeutung ihrer Befunde zusammen. Und Forschungen zu den Mechanismen der sommerlichen Verbesserung der Kognition könnten helfen, neue Wege in der Alzheimertherapie zu erschließen.

Literatur

Weiterführende Themen

Neu in den Fachgebieten Neurologie und Psychiatrie

Meistgelesene Bücher in der Neurologie & Psychiatrie

  • 2016 | Buch

    Neurologie

    Das Lehrbuch vermittelt Ihnen das gesamte Neurologie-Prüfungswissen für Ihr Medizinstudium und bereitet auch junge Assistenzärzte durch detailliertes Fachwissen optimal auf die Praxis vor. Die komplett überarbeitete Auflage enthält sechs neue, interdisziplinäre Kapitel.

    Herausgeber:
    Werner Hacke
  • 2016 | Buch

    Komplikationen in der Neurologie

    Das Buch schildert Ereignisse im Rahmen der Neuromedizin, die während der Diagnostik und Therapie neurologischer Erkrankungen und Symptome auftreten können. Die Fallbeispiele sensibilisieren Sie für mögliche Risikofaktoren, um das Auftreten solcher Komplikationen zu vermeiden.

    Herausgeber:
    Frank Block
  • 2017 | Buch

    Facharztwissen Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

    Leitsymptome, Untersuchungsmethoden, Krankheitsbilder, Notfälle & Co. – mit der Neuauflage des "Facharztwissens" sind Sie auf die Facharztprüfung in Psychiatrie und Psychotherapie optimal vorbereitet. In dieser 2. Auflage sind die Kapitel zu psychosomatischen Störungen deutlich ausgebaut.

    Herausgeber:
    Prof. Dr. Dr. Frank Schneider
  • 2012 | Buch

    Kompendium der Psychotherapie

    Für Ärzte und Psychologen

    Wer in den vorhandenen Lehrbüchern der Psychotherapie den Brückenschlag zur täglichen praktischen Arbeit vermissen – ist mit diesem Werk gut bedient. In knapper, manualisierter Form werden verständlich und übersichtlich die Schritte, Techniken und konkreten, evidenzbasierten Vorgehensweisen beschrieben.

    Herausgeber:
    Prof. Dr. med. Tilo Kircher
Bildnachweise