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Carnivore Demenzprävention Steaks gegen Alzheimer

  • 02.04.2026
  • Demenz
  • Nachrichten

Da schmeckt das Rinderfilet gleich doppelt so gut: Fleisch beugt einer aktuellen Studie zufolge einer Demenz vor. Allerdings gilt das nur für ApoE4-Träger. Diese haben sich im Laufe der Evolution offenbar an einen hohen Fleischkonsum angepasst – und brauchen ihre Steak-Rationen.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Noch ein Cordon Bleu? Oder doch lieber Lammlachse? Glaubt man den Ergebnissen einer schwedischen Bevölkerungsstudie, muss gesunde Ernährung neu definiert werden: Wurde uns durch Ernährungsstudien jahrelang eingetrichtert, wie schädlich ein hoher Fleischkonsum für Herz, Gefäße und damit auch fürs Gehirn ist, schlägt eine aktuelle Studie eine andere Richtung ein: Viel Fleisch scheint die Kognition im Alter zu erhalten – zumindest für das Viertel der Bevölkerung, das ein ApoE4-Allel und damit ein erhöhtes Demenzrisiko trägt. Die ist umso erstaunlicher, als Demenzrisikofaktoren wie eben eine ungesunde Ernährung bei ApoE4-Trägern normalerweise besonders heftig durchschlagen. Bei den Befunden, die ein Team um Dr. Jakob Norgren von der Abteilung für Klinische Genetik des Karolinska-Instituts in Schweden nun vorlegt, handelt es sich vielleicht aber nicht bloß um weitere statistische Trugbilder, wie sie für Ernährungsstudien typisch sind, sie lassen sich sogar halbwegs plausibel erklären. ApoE4 ist offenbar eine evolutionäre Anpassung an einen hypercarnivoren Lebensstil: Das Gen schreit nach Fleisch, zu wenig davon verursacht Probleme.

ApoE4 als Anpassung an hohen Fleischkonsum?

Die Hypothese von Norgren und Mitarbeitenden basiert auf der Beobachtung, dass ApoE4 in der Evolution des Menschen vor über einer Million Jahren auftauchte, als unsere Vorfahren eine Periode mit hohem Fleischkonsum durchliefen. Während der Entwicklung des Homo sapiens vor etwa 300.000 Jahren ging der Fleischkonsum jedoch wieder zurück – der moderne Mensch entwickelte sich zum Ernährungsgeneralisten. Gleichzeitig kam mit ApoE3 ein weiteres ApoE-Allel hinzu. Noch jünger ist das Alzheimer-protektive ApoE2-Allel, das vor etwa 80.000 Jahren erschien, als sich Homo sapiens aus Afrika über den Rest der Welt ausbreitete. Norgren und Mitarbeitende gehen davon aus, dass ApoE3 als Wiederanpassung an eine stärker pflanzenbasierte Ernährung selektiert wurde und ApoE4 zunehmend verdrängte, vor allem in landwirtschaftlich geprägten Regionen. Sie verweisen auf einen Nord-Süd-Gradienten in Europa: Im Norden sind ApoE4-Träger wesentlich häufiger zu finden als im länger landwirtschaftlich geprägten Mittelmeerraum, Ähnliches lässt sich für Asien beobachten.

Basierend auf solchen Erkenntnissen schauten die Forschenden um Norgren in der „Swedish National Study on Aging and Care – Kungsholmen“ (SNAC-K), ob ApoE4-Träger bezogen auf das Demenzrisiko mehr Fleisch vertragen als Menschen mit anderen ApoE-Varianten. Die noch laufende Bevölkerungsstudie richtet sich an Menschen im Alter von über 60 Jahren in der Region Stockholm. Für die aktuelle Analyse berücksichtigt wurden knapp 2200 Personen mit bekanntem ApoE-Status, die man in den Jahren 2001 bis 2004 in die Studie aufgenommen und bis zu 15 Jahre lang regelmäßig nachuntersucht hat. Bei jeder Visite wurden auch die Kognition vermessen und die Ernährungsgewohnheiten abgefragt. Aus sämtlichen Befragungen berechneten die Forschenden einen mittleren Fleischkonsum.

Im Schnitt waren die Teilnehmenden zu Beginn 71 Jahre alt, 26% trugen ein oder zwei ApoE4-Allele, der Frauenanteil lag bei 62%. Im Quintil mit dem höchsten Fleischkonsum wurden rund 930 Gramm auf 14.000 kcal verzehrt, im Quintil mit dem niedrigsten Konsum nur etwa 220 Gramm. Etwa die Hälfte davon fiel auf unverarbeitetes rotes Fleisch, 30% auf verarbeitetes Fleisch und der Rest auf Geflügel. Beim Alternative Healthy Eating Index (AHEI) gab es jedoch nur geringe Unterschiede zwischen den Quintilen. Danach ernährten sich Fleischliebhaber bezogen auf ihr Risiko für chronische Erkrankungen auch nicht wesentlich ungesünder als Personen mit niedrigem Fleischkonsum. In der Nachbeobachtungszeit starben 924 Personen, 296 erkrankten an einer Demenz.

Demenzrate bei hohem Fleischkonsum mehr als halbiert

In einer linearen Betrachtungsweise ergab sich für ApoE4-Träger über zehn Jahre hinweg pro Zunahme des Fleischkonsums um eine Standardabweichung ein signifikant positiver Verlauf bei der Gesamtkognition (z-Score = 0,1) und dem episodischen Gedächtnis (z = 0,18). In anderen kognitiven Domänen war der Verlauf bei hohem Fleischkonsum tendenziell verbessert. Im Gegensatz dazu hatten Personen ohne ApoE4-Allel in allen kognitiven Domänen tendenziell Nachteile bei hohem Fleischkonsum. Unter den ApoE4-Trägern machten sich die Vorteile eines hohen Fleischkonsums allerdings nur bei unverarbeitetem rotem Fleisch und unverarbeitetem Geflügel bemerkbar, ein hoher Konsum von stark verarbeiteten Fleischwaren ging auch bei ihnen mit einem negativen kognitiven Verlauf einher.

Bezogen auf die einzelnen Quintilen beim Fleischkonsum zeigten ApoE4-Träger stets schlechtere 10-Jahres-z-Scores als solche ohne ApoE4 – das bestätigt die Erkenntnis, dass ApoE4-Träger im Alter schneller kognitiv abbauen. Im Quintil mit dem höchsten Fleischkonsum war dies jedoch anders: Hier lagen die z-Scores (Gesamtkognition, Gedächtnis) für ApoE4-Träger am höchsten und auf demselben Niveau wie bei Personen ohne ApoE4. Umgekehrt verlief die Entwicklung bei Personen ohne ApoE4: Die höchsten z-Scores wurden bei geringstem Fleischkonsum festgestellt.

Diese Entwicklung machte sich auch beim Demenzrisiko bemerkbar: Bei ApoE4-Trägern im Quintil mit dem höchsten Fleischkonsum war die Demenzrate mehr als halbiert, verglichen mit dem Quintil mit dem geringsten Konsum. Für Personen ohne ApoE4 ergaben sich hier keine signifikanten Unterschiede. Zu beachten ist allerdings die geringe Zahl der Demenzdiagnosen in den jeweiligen Quintilen.

Letztlich, so Norgren und Mitarbeitende, weisen die Daten darauf hin, dass es eine deutliche Interaktion zwischen Genetik und Ernährung bezogen auf den kognitiven Abbau und das Demenzrisiko gebe. Sollten weitere Studien diesen Zusammenhang bestätigen, wären differenziertere Ernährungsempfehlungen nötig, etwa zu einem höheren Fleischkonsum bei ApoE4-Trägern. Da rund jeder Vierte ein solches Allel besitze, habe dies erhebliche Bedeutung für die Gesundheit in der Bevölkerung.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Welche Folgen für die Kognition hat ein hoher Fleischkonsum bei älteren Menschen mit und ohne ApoE4?

Antwort: Eine schwedische Bevölkerungsstudie mit Personen über 60 Jahren zeigt, dass ein hoher Konsum von unverarbeitetem Fleisch bei Trägern des ApoE4-Allels mit einem deutlich besseren kognitiven Verlauf und einer mehr als halbierten Demenzrate verbunden war. Personen ohne ApoE4-Allel profitierten hingegen eher von einem geringen Fleischkonsum.

Bedeutung: ApoE4 entstand vor über einer Million Jahren möglicherweise als Anpassung an einen fleischreichen Lebensstil, weshalb Träger dieses Allels einen höheren Fleischbedarf haben könnten. Da etwa ein Viertel der Bevölkerung ApoE4 trägt, hätten genotypspezifische Ernährungsempfehlungen erhebliche Relevanz.

Einschränkung: Die Zahl der Demenzdiagnosen in den einzelnen Quintilen war gering, was die statistische Aussagekraft begrenzt. Zudem handelt es sich um eine Beobachtungsstudie, sodass die Kausalität nicht belegt ist und weitere Studien den Zusammenhang erst bestätigen müssen.

Norgren J et al., Meat Consumption and Cognitive Health by APOE Genotype; JAMA 2026;9;(3):e266489; doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.6489

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