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22.04.2021 | DGIM 2021 | Nachrichten

DGIM 2021

Wie sinnvoll ist Low-Carb wirklich?

Autor:
Dr. Thomas Meißner

Der mediale Hype um Low-Carb-Diäten zur Gewichtsreduktion, also die Ernährung mit deutlich reduziertem Kohlehydratanteil, ist nach wie vor groß. Unter Ärzte wird die Diät eher kontrovers diskutiert: Was ist sinnvoll, was nicht?

Low-Carb ist sprichwörtlich in aller Munde. „Das ist auch schon das Problem. Denn worüber reden wir eigentlich?“, fragte Professor Thomas Skurk von der TU München beim Internistenkongress. Skurk zählte fast zwei Dutzend Ernährungsformen auf mit mehr oder weniger strengen Reduktionen der Kohlehydrate, Konzepten, die auf bestimmte Personengruppen zielen, auf Bioprodukte oder auf den glykämischen Index.

Damit werde es schwierig, wissenschaftliche Daten hoher Qualität zu erhalten, erklärte der Ernährungswissenschaftler. Die National Lipid Association in den USA unterscheidet bei einer Referenzernährung von >1000 kcal/Tag:


  • Very-Low-Carb-Diäten mit <10 Energieprozent KH (<50 g/d),
  • Low-Carb-Diäten mit 10 bis 20 Energieprozent KH (50 bis 125 g/d),
  • Moderate Low-Carb-Diäten mit 26 bis 33 Energieprozent KH (130 bis 220 g/d) und
  • High-Carb-Diäten mit bis zu 65 Energieprozent KH (225 bis 325 g/d).

Positiver Effekt auf Entzündungsmarker, aber ...

Ernährungsphysiologisch sind Low-Carb-Diäten interessant, weil nahrungsinduzierte Ketosen positive Effekte auf metabolische und Entzündungsmarker sowie auf das Körpergewicht haben. Das Hungergefühl ist verringert, weil die Energieaufnahme zum Beispiel über Fett erfolgt, die Ketone sorgen für ein frühes Sättigungsgefühl.

Die Utilisation der Ketone hält den Insulinspiegel niedrig und verbrennt Fett. Wenn zugleich adäquat Proteine eingenommen werden, schont das die Muskelmasse und verbessert die Insulinsensitivität. Verglichen mit Normalkost lassen sich nach einem halben Jahr Gewichtsabnahmen von etwa vier bis fünf Kilogramm erreichen. Blutdruck und LDL-Spiegel sinken, das HDL steigt an.

Wer Studien liest, muss jedoch sehr genau auf Terminologie und konkrete Ernährungs- und Kilokalorienangaben achten. So kann die Abkürzung VLCKD sowohl „very low carbohydrate ketogenic diet“ als auch „very low calorie ketogenic diet“ bedeuten mit jeweils unterschiedlichen Ernährungsanteilen von Kohlenhydraten (KH), Fett und Eiweiß, unterschiedlich hohen Energiezufuhren pro Tag und verschieden langen und häufigen Ketose-Phasen der Patienten. Die therapeutischen Effekte differierten.

Skurk zitierte eine Studie bei Patienten mit morbider Adipositas (BMI >40 kg/m2) mit einer ketogenen Diät mit weniger als 800 kcal/d, wenig KH und Fett sowie relativ viel Eiweiß über 25 Tage. Dies hatte signifikante Gewichtsreduktionen, günstige Effekte auf den Glukose- und Insulinspiegel sowie weitere Stoffwechselparameter zur Folge. Die Zahl von Patienten mit schwerer Lebersteatose nahm ab.

Jedoch scheitern Low-Carb-Diäten trotz der positiven Effekte in Studien häufig. Viele Patienten erreichen das angestrebte Zielniveau nicht, womöglich weil das Energielevel zwischen den Interventionen nicht unterschiedlich gewählt war, meint Skurk. Letztlich könne nur eine hypokalorische Kost effektiv sein.

Low-Carb hat mit üblicher Ernährung nicht viel zu tun, das erklärt Adhärenzprobleme. Inzwischen ist außerdem bekannt, dass bestimmte genomische Profile eher mit Erfolgen einer entsprechenden Diät einhergehen als andere. Daraus lassen sich auch Kontraindikationen für ketogene Diäten ableiten. Theoretisch ließen sich Low-Carb-Ernährungskonzepte also personalisieren.

... langfristig nicht zu empfehlen

„Wenn ich Gewicht reduzieren will, muss ich Energiezufuhr reduzieren“, brachte Professor Johannes G. Wechsler, Internist aus München, das Thema auf den Punkt. Dies funktioniere am besten über eine reduzierte KH- und Fett-Zufuhr.

Wechsler sprach sich für ein modifiziertes und zeitlich begrenztes Fasten mit weniger als 800 kcal/Tag aus, und zwar mithilfe von Formuladiäten und im Rahmen eines professionell begleiteten multimodalen Therapieansatzes. Dies auch deshalb, weil die erzeugte Ketose bei Entgleisung lebensgefährlich werden kann. Wichtig sei eine Flüssigkeitszufuhr von mindestens drei Litern pro Tag.

Die langfristige Low-Carb-Ernährung ist dagegen nicht empfehlenswert. Die kompensatorisch höhere Fettzufuhr erhöhe das Atheroskleroserisiko, wird einseitig die Eiweißzufuhr erhöht, werden Nierenschäden provoziert. Weiterhin gilt inzwischen als bewiesen, dass die Ernährung mit einem KH-Anteil von unter 30 Prozent die Lebenserwartung ebenso verringert wie ein Anteil von über 70 Prozent.

Empfehlenswert sei die vegetarische Ernährung mit komplexen KH, sagte Wechsler. Weltweit empfehlen Fachgesellschaften konsistent folgende Nährstoffanteile: 30 Prozent Fett, etwa 10 Prozent Eiweiß und etwa 50 Prozent komplexe Kohlenhydrate.

Quelle: Ärzte Zeitung

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