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27.09.2018 | DGRM-Jahrestagung 2018 | Kongressbericht | Nachrichten

Tod durch längst verbotenes Herbizid

Gegen Paraquat ist kein Kraut gewachsen

Autor:
Dr. Elke Oberhofer

Eine schwer depressive junge Frau schluckt in suizidaler Absicht Gift. Sie wird gefunden, kommt in die Klinik – und hofft nun, zu überleben. Doch das Gift, ein altes Herbizid aus dem Schrank ihres Großvaters, ist schon dabei, seine tödliche Wirkung zu entfalten. Ein erbitterter Kampf um das Leben der 36-Jährigen beginnt.

Dass das alte Unkrautvernichtungsmittel in seinem Schrank einmal seiner Enkelin zum Verhängnis werden könnte, damit hatte der alte Herr mit Sicherheit nicht gerechnet. Als Obstbauer im Nebenerwerb hatte er sich das Herbizid mit dem Handelsnamen Gramoxone Extra® vor vielen Jahren angeschafft; seitdem schlummerte es bei ihm in der Wohnung.

Nach dem EU-weiten Verbot 2007 darf das Mittel mit dem auch für den Menschen hochtoxischen Inhaltsstoff Paraquat zwar nicht mehr verkauft und auch nicht mehr eingesetzt werden. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass Restbestände der Substanz noch in manchen landwirtschaftlichen Betrieben gelagert werden.

Schon wenige Gramm Paraquat können für den Menschen tödlich sein. Die Substanz bewirkt zyklisch ablaufende Reduktions- und Oxidationsvorgänge mit Bildung toxischer Sauerstoffspezies. Dadurch kommt es zu Gewebsschäden mit rasch fortschreitenden Fibrosierungen, vor allem in Lunge und Leber. Vor dem Verbot Paraquat-haltiger Herbizide war es damit immer wieder zu Suiziden gekommen.

Im vorliegenden Fall hatte die Enkelin des Obstbauern, eine 36-jährige Frau, die seit Jahren unter schweren Depressionen litt, wohl von dem Gift im Schrank des Großvaters gewusst, ebenso von seiner Wirkung. Unmittelbar nachdem sie in suizidaler Absicht einen Schluck von dem braunen Sirup genommen hatte, musste sie sich erbrechen.

Der Lebenspartner rief den Notarzt; dieser veranlasste die Einweisung in die Klinik, wo man umgehend 50 g medizinische Kohle verabreichte. Die Ärzte sahen eine notfallmäßige Dialyse als indiziert und überstellten die Patientin an das Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Hier begann nun das Wettrennen gegen die fortschreitende Lungenschädigung. 

Die 36-Jährige war in den ersten beiden Tagen ansprechbar und hatte sich mittlerweile von ihrem Suizidversuch distanziert. Wie Dr. Hilke Jungen vom Institut für Rechtsmedizin im UKE berichtete, hatte man zunächst auch durchaus noch Hoffnung: Die Paraquatkonzentration im Serum lag initial, d. h. sechs Stunden nach Ingestion, bei 8,4 mg/l; die Werte sanken aber in den weiteren Stunden deutlich ab.

Was zunächst als gutes Zeichen interpretiert wurde, stellte sich bei einer fieberhaften Literaturrecherche bald als das Gegenteil heraus: Demnach sind sinkende Blutspiegel lediglich ein Hinweis darauf, dass eine Umverteilung in die Organe stattgefunden hat. Und schlimmer noch: Durch den in der Lunge reichlich vorhandenen Sauerstoff kann der fatale Kreislauf mit fortwährendem Abbau, Radikalbildung, erneuter Oxidation und Neubildung der Ausgangssubstanz immer von neuem ablaufen.

Das Ärzteteam erfuhr auch, dass bei Überschreiten eines initialen Paraquatspiegels von 3,2 mg/l – wie es bei der Patientin deutlich der Fall war – kein Überleben möglich ist. Tatsächlich stiegen die Blutwerte im weiteren Verlauf wieder an: Jungen und ihr Team vermuten, dass das Gift durch die Dialyse aus tiefen Kompartimenten mobilisiert wurde; auch der Muskelabbau infolge des langen Liegens könne dazu beigetragen haben.

Bereits am Tag der Einweisung hatte sich bei der jungen Frau ein anurisches Nierenversagen manifestiert. Eine Röntgenuntersuchung an Tag 2 zeigte der Toxikologin zufolge erste pneumonische Infiltrate und bereits ausgeprägte Pleuraergüsse, die im Folgenden noch deutlich zunahmen. Auch die Leber war zu diesem Zeitpunkt schon geschädigt, was sich an den erhöhten Serum-Bilirubinwerten zeigte.

Man entschied sich nun, die Patientin und ihre Angehörigen mit der schlechten Nachricht zu konfrontieren, was unter Beisein eines Psychiaters geschah.

In den folgenden Tagen taten die Ärzte alles, um die Patientin doch noch zu retten: Um die fortschreitende Lungenfibrose aufzuhalten, wurde ein Steroidstoß verabreicht. Mit Acetylcystein und Ascorbinsäure versuchte man, den teuflischen Zyklus der immer wieder neu ablaufenden Redoxreaktionen zu stoppen. Gegen die mittlerweile eingetretene eitrige Bronchitis wurden Antibiotika gegeben. Nichts half. Am dritten Tag hatte sich die Lungenfunktion so weit verschlechtert, dass die Patientin intubiert werden musste. 

In einer interdisziplinären Fallkonferenz wurde als Ultima ratio noch eine Lungentransplantation diskutiert. Aber als klar wurde, dass auch dies nichts bringen würde, weil es in entsprechenden Fällen zu erneuten Fibrosen im transplantierten Organ gekommen war, gab man sich schließlich geschlagen. Die Patientin verstarb am 17. Tag nach Aufnahme des Herbizids an Multiorganversagen.

basierend auf: 97. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (Halle/Saale, 2018). Veranstaltung: Kasuistik einer Paraquat-Vergiftung. Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf​​​​​​​

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