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Erschienen in: Prävention und Gesundheitsförderung 2/2024

Open Access 05.06.2023 | Originalarbeit

Die Lebenszufriedenheit von Geflüchteten in Deutschland – auch eine Frage von Aufnahmelandbedingungen, Assimilation und Zugehörigkeit?

verfasst von: Paula Ziegler, Prof. Dr. Rahim Hajji, Gunnar Voß

Erschienen in: Prävention und Gesundheitsförderung | Ausgabe 2/2024

Zusammenfassung

Hintergrund

Die Lebenszufriedenheit von Geflüchteten stellt einen Indikator für das subjektive Wohlbefinden dar und gibt einen Einblick, wie die Lebenssituation als Ganzes von dieser vulnerablen Gruppe eingeschätzt wird. Bisherige Untersuchungen zeigen auf, dass u. a. gesundheitliche Belastungen im Zusammenhang mit einer niedrigen Lebenszufriedenheit von Geflüchteten stehen.

Fragestellung

Im Mittelpunkt des Beitrags steht die Frage, inwieweit aus Sicht der Geflüchteten die wahrgenommenen Aufnahmelandbedingungen sowie die Assimilation und die Zugehörigkeit im Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit stehen.

Methodik

Die Frage wird anhand der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten untersucht und die Aufnahmelandbedingungen (Fairnesserfahrung mit Behörden, Gefühl von Willkommensein, Institutionenvertrauen), die Assimilation (Aufenthaltsdauer, deutsche Sprachkenntnisse, Kontakthäufigkeit zu Deutschen im Freundeskreis) und die Zughörigkeit (Anzahl Freund*innen, Zugehörigkeitsgefühl) mittels einer Korrelations- und Regressionsanalyse in Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit ausgewertet.

Ergebnisse

Die bi- und multivariaten Ergebnisse zeigen, dass die Indikatoren für die Aufnahmeland- und die Zugehörigkeitshypothese signifikant mit der Lebenszufriedenheit zusammenhängen.

Schlussfolgerungen

Die Lebenszufriedenheit von Geflüchteten kann vor allem durch die Verbesserung der Aufnahmelandbedingungen und der Förderung von Zugehörigkeitsprozessen gestärkt werden.

Hintergrund und Fragestellung

Die Lebenszufriedenheit von Geflüchteten stellt einen wichtigen Indikator für das subjektive Wohlbefinden und damit für ihre soziale Gesundheit dar. Diener et al. [14] bewerten die Lebenszufriedenheit als einen kognitiven Indikator, anhand dessen das gegenwärtige Leben als Ganzes eingeschätzt wird. In diese Bewertung fließen Erfahrungen aus dem gesamten Leben ein. Für Geflüchtete in Deutschland gehören Erfahrungen vor, während und nach der Flucht aus unterschiedlichen Lebensbereichen dazu. Diese betreffen u. a. die Familie, die Nachbarschaft, die Öffentlichkeit, das Gesundheitswesen, das Bildungswesen, den Arbeitsmarkt, die Behörden etc. Daher ermöglicht die Untersuchung der Lebenszufriedenheit einen Einblick, wie Geflüchtete ihre Lebensqualität insgesamt gegenwärtig bewerten und damit wie wohl sie sich fühlen.
Geflüchtete weisen im Vergleich zu den Menschen ohne Migrationshintergrund eine signifikant geringere Lebenszufriedenheit auf [42]. Eine geringe Lebenszufriedenheit von Geflüchteten steht im Zusammenhang mit einer vergleichsweise geringen psychischen Gesundheit [26]. Darüber hinaus zeigen empirische Studien, dass mit einer geringen Lebenszufriedenheit Scheidung und Arbeitslosigkeit [32], ein ungesunder Lebensstil [16], die Beeinträchtigungen des Immunsystems [16], depressive Symptome [29] und Suizide [28] einhergehen.
Die empirischen Studien kommen für die Geflüchteten in Deutschland zu dem Ergebnis, dass die Erfahrung von politischen Unruhen, von Bürgerkrieg, des Verlusts von Familienangehörigen und die Zerstörung existentieller Lebensbedingungen die Lebenszufriedenheit mindert [35]. Hinzu kommt, dass die Flucht häufig mit der Erfahrung von lebensbedrohlichen Situationen, von (sexuellen) Übergriffen, von Ausbeutung, von Raub und von Gefängnisaufenthalten verbunden ist [10]. Darüber hinaus zeigt die Studie von Ambrosetti et al. [1], dass sich die Erfahrung von gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Herkunftsland und in den Transitländern negativ auf die Lebenszufriedenheit von Geflüchteten in Deutschland auswirkt. Auch der Verlust von Familienangehörigen bzw. die Trennung von Familienangehörigen wirkt sich negativ auf die Lebenszufriedenheit aus [18]. Des Weiteren stellen die Lebensbedingungen im Aufnahmeland, wie beispielsweise die Wohnverhältnisse und die aufenthaltsrechtlichen Bedingungen, einen wichtigen Einflussfaktor auf die Lebenszufriedenheit dar [42]. Angesichts des Forschungsstands lässt sich feststellen, dass empirische Untersuchungen, die die Aufnahmelandbedingungen, die Assimilations- und die Zugehörigkeitsprozesse aus der Perspektive der Geflüchteten berücksichtigen, zur Erklärung der Lebenszufriedenheit bisher fehlen.
Die Aufnahmelandbedingungen können für Geflüchtete von Land zu Land sehr unterschiedlich gestaltet sein [41] und lassen sich nicht nur auf aufenthaltsrechtliche Bedingungen reduzieren. Auch soziale und institutionelle Aufnahmelandbedingungen stellen relevante gesellschaftliche Rahmenbedingungen dar und stehen in Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit von Geflüchteten. Als Beispiel seien die prekären Bedingungen in Griechenland, Ungarn und Italien erwähnt [13, 19]. Aber auch in Deutschland selbst variieren die wahrgenommenen Aufnahmelandbedingungen zwischen den Landkreisen [23]. Empirische Studien zeigen, dass die wahrgenommenen Aufnahmelandbedingungen als Einflussfaktoren auf die Lebenszufriedenheit von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu berücksichtigen ist [3, 5]. Die Bedeutung sozialer und institutioneller Aufnahmelandbedingungen sind für Geflüchtete bislang kaum untersucht worden [36]. In dem vorliegenden Artikel werden daher zur Erklärung der Lebenszufriedenheit von Geflüchteten in Deutschland einerseits soziale Aufnahmelandbedingungen, wie das Wahrnehmen einer Willkommenskultur, untersucht sowie andererseits institutionelle Rahmenbedingungen, wie die Erfahrung von Fairness im Kontakt mit Behörden und das Vertrauen in Institutionen [12, 33], analysiert.
Ein Teil der sozialen Aufnahmelandbedingungen stellt die Willkommenskultur dar. Die subjektive Wahrnehmung, als geflüchtete Person in Deutschland willkommen zu sein, ermöglicht die erlebte Willkommenskultur einzuschätzen. In Analysen mit der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten in Deutschland geben Paiva Lareiro et al. [35] an, dass sich bei der Befragung von 2018 ca. 74 % der Geflüchteten stark oder sehr stark in Deutschland willkommen fühlen. Außerdem zeigen sie, dass dieses Gefühl einen hoch signifikanten Einfluss auf die allgemeine Lebenszufriedenheit hat [35]. Demnach steht ein freundliches bzw. begrüßendes gesellschaftliches Umfeld im Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit [20].
Zu den institutionellen Aufnahmelandbedingungen gehört das Vertrauen in Institutionen und die Erfahrung von Fairness im Kontakt mit Behörden, die in Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit von Migrant*innen stehen [21, 22, 27]. Die Wahrnehmung von (staatlichen) Institutionen gibt einen Einblick, welche gesellschaftlichen Bedingungen vorherrschen und ist damit ein Indikator für gute Regierungsführung und Rechtsstaatlichkeit [5]. Die institutionellen Aufnahmelandbedingungen sind wichtig für Geflüchtete. Denn als vulnerable Gruppe sind sie besonders von den institutionellen Rahmenbedingungen eines Aufnahmelandes abhängig, um Zugang zu öffentlichen Gütern, wie Gesundheits‑, Bildungsangebote etc. erhalten zu können [27]. Hendriks und Bartram [22] verweisen darauf, dass eine positive Einschätzung der institutionellen Rahmenbedingungen einen Hinweis für die gesellschaftlichen und individuellen Lebensbedingungen geben. Die Untersuchung von Röder und Mühlau [37] kommt zu dem Ergebnis, dass Migrant*innen ein höheres Vertrauen in die Institutionen des Aufnahmelandes haben als Menschen ohne Migrationshintergrund und begründen dies damit, dass die Qualität der Institutionen des Aufnahmelandes mit denen des Herkunftslandes verglichen wird.
Insgesamt kann vor dem Hintergrund des Forschungsstands angenommen werden, dass die Wahrnehmung der sozialen und institutionellen Aufnahmelandbedingungen in Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit von Geflüchteten steht (Aufnahmelandhypothese).
Neben den Aufnahmelandbedingungen könnte auch die Assimilation im Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit der Geflüchteten stehen. Unter Assimilation wird ein Prozess verstanden, der bei interkulturellen Kontakten entsteht, mit dem Ergebnis der Anpassung an die kulturellen Werte und Verhaltensweisen des Aufnahmelandes [9]. Häufig werden die Sprachkenntnisse des Aufnahmelandes, die sozialen Kontakte zu Menschen aus dem Aufnahmeland und die Aufenthaltsdauer als Indikatoren für Assimilation betrachtet [30]. Geflüchtete verlassen ihr Herkunftsland zwangsweise aufgrund von politischen Unruhen, Krieg, wirtschaftlicher Not, um in einem Aufnahmeland Sicherheit und Perspektiven zu finden. Der Verlust von Heimat, Familie und Freund*innen steht in Zusammenhang mit dem Wohlbefinden und der Lebenszufriedenheit. Die Assimilationstheorie geht davon aus, dass mit der kulturellen Anpassung und der Hinwendung an das Aufnahmeland durch die Aneignung der Sprache, dem Aufbau von Kontakten zu den Einheimischen des Aufnahmelandes und mit der Aufenthaltsdauer der Verlust der Heimat an Bedeutung verliert und die Lebenszufriedenheit zunimmt (Assimilationshypothese). Angelini et al. [2] belegen diese These anhand einer empirischen Untersuchung unter Migrant*innen.
Im Kontrast zu der Assimilationshypothese könnte die Zugehörigkeitshypothese stehen. Baumeister und Leary [4] gehen davon aus, dass Menschen einen grundlegenden Antrieb nach sozialen Beziehungen und sozialer Zugehörigkeit haben. Die Erfahrung von sozialer Bindung, die durch soziale Beziehungen und soziale Zugehörigkeit entsteht, steht ihrer Meinung nach in Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit. Die Erfahrung von Zugehörigkeit ist in Anknüpfung an Baumeister und Leary [4] genauso wichtig, wie die Erfahrung von (Versorgungs)sicherheit. Insbesondere Geflüchtete stehen vor der Herausforderung in dem Aufnahmeland neue Kontakte zu knüpfen angesichts des Verlusts ihres Netzwerks durch die Flucht. Salimi [38] stellt fest, dass emotionale und soziale Einsamkeit als einen negativen Einflussfaktor in Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit steht. Darin stimmt Kapteyn [25] überein und verweist darauf, dass soziale Kontakte einen positiven Einfluss auf die Lebenszufriedenheit haben. Arpino und Valk [3] machen darauf aufmerksam, dass die niedrigere Lebenszufriedenheit von Migrant*innen im Vergleich zu Einheimischen mit der geringeren sozialen Einbettung im Aufnahmeland zusammenhängt.
Im vorliegenden Artikel gehen wir vor dem Hintergrund der Forschungsergebnisse und den theoretischen Überlegungen der Frage nach, welche Bedeutung die Aufnahmeland-, die Assimilations- und die Zugehörigkeitshypothese bei der Erklärung der Lebenszufriedenheit von Geflüchteten hat. Dabei werden folgende Fragen im Artikel beantwortet: In welchem Zusammenhang steht …
1.
… die wahrgenommene Willkommenskultur, das Institutionsvertrauen, die Erfahrung von Fairness im Kontakt mit Behörden, die als Indikatoren für die Aufnahmelandhypothese betrachtet werden, mit der Lebenszufriedenheit?
 
2.
… die Aneignung der deutschen Sprache, die Kontakthäufigkeit zu Deutschen im Freundeskreis und die Aufenthaltsdauer, die als Indikatoren für die Assimilationshypothese betrachtet werden, mit der Lebenszufriedenheit?
 
3.
… die Zahl der Freund*innen und das Gefühl der Zugehörigkeit, die als Indikatoren für die Zugehörigkeitshypothese betrachtet werden, mit der Lebenszufriedenheit?
 
Die Fragen werden unter Hinzuziehung der Ergebnisse des Forschungsstands und potenziellen relevanten Einflussfaktoren analysiert, um zu prüfen welche der aufgeworfenen Hypothesen unter Verwendung eines weitestgehend holistischen Ansatzes, theoretisch und empirisch Relevanz für die Erklärung der Lebenszufriedenheit von Geflüchteten hat. Deshalb werden soziodemographische (Geschlecht, Alter, Familienstand, Kinder, Bildungsstatus, Erwerbsstatus, Einkommen, Religionszugehörigkeit; [1, 18, 25, 36]), aufenthaltsbezogene (Wohnbedingungen, Aufenthaltsstatus, Zeit ohne sinnvolle Beschäftigung, Besuch von Integrationskurse und Beratungen, Akkulturationsorientierungen; [1, 36, 42]), fluchtbezogene (Fluchtgründe, traumatische Erfahrungen; [1, 42]), migrationsspezifische (finanzielle Überweisungen in das Herkunftsland; [18]) und individuelle Einflussfaktoren (kritische Lebensereignisse, Sorgen um das Asylverfahren, finanzielle Sorgen, Gesundheitszustand, Vertrauen in Fremde; [1, 25]) zur Erklärung der Lebenszufrieden mitberücksichtigt, um zu untersuchen, ob die Aufnahmeland‑, Assimilations- und Zugehörigkeitshypothese auch unter Kontrolle alternativer Erklärungsansätze einen Beitrag zur Erklärung der Lebenszufriedenheit von Geflüchteten leistet.

Methodische Herangehensweise

Datengrundlage

Zur Untersuchung der Fragestellung wird die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten verwendet. Der Datensatz fußt auf mehreren Stichproben von Personen, die zwischen 2013 und 2016 einen Asylantrag in Deutschland gestellt haben [11]. In der Zeit suchten ca. 1 Mio. Menschen in Deutschland Schutz [31]. Insgesamt drei Stichproben werden derzeit vom Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) gepflegt und tragen die Bezeichnung M3, M4 und M5, um repräsentative Aussagen zu den in diesem Zeitraum nach Deutschland geflüchteten Menschen machen zu können.
Im Jahr 2016 sind in der ersten Welle 4527 Personen für die Stichprobe M3 und M4 befragt worden. Die Rücklaufquote betrug etwa 50 % [6]. Die zweite Welle im Jahr 2017 fußt auf der Wiederholungsbefragung der Stichprobe M3/M4, die eine Panelstabilität von etwa 70 % auf Haushaltsebene aufwies [7]. Die Erweiterungsstichprobe M5 beruhte auf der zusätzlichen Erstbefragung von 2252 Personen [31]. Die dritte Welle im Jahr 2018 setzte sich zusammen aus der Wiederholungsbefragung der Stichprobe M3, M4 und M5 und wies eine Panelstabilität von 80 % auf [8].
Die Datenerhebung basiert auf persönlichen Befragungen, die mittels eines Computers durchgeführt worden sind. Die Befragung konnte in unterschiedlichen Sprachen geführt werden. Die meisten Interviews fanden in der arabischen Sprache statt [8]. Die Erhebung basiert auf mehreren Fragebögen, die eingesetzt wurden. Dazu gehören u. a. der Haushaltsfragebogen, der Personenfragebogen und der Fragebogen für Interviewer*innen [34].
Zur Untersuchung der Fragestellung ist der Datensatz aus dem Jahr 2018 gewählt worden, weil in dieser Untersuchung die relevanten Merkmale für die vorliegende Studie vollständig erhoben worden sind. Damit stammen alle Variablen aus dem Jahr 2018. Insgesamt sind 4351 Geflüchtete befragt worden. Für die vorliegende Analyse sind nur Fälle, die keine fehlenden Werte aufweisen, einbezogen worden. Daher konnten letztlich 2344 Befragungspersonen für die Analyse berücksichtigt werden.
Die hohe Zahl der fehlenden Werte bei der Befragung von Geflüchteten wird von dem SOEP-Team auf den fordernden Alltag der Geflüchteten zurückgeführt, der durch Arbeitsplatzsuche, Sprachkurse, Behördengänge etc. gekennzeichnet ist und es den Interviewer*innen erschwert, vollständige Antworten auf die Fragen zu erhalten [8]. Darüber hinaus mussten Personen, die erstmalig im Rahmen der Studie befragt worden sind auch ausgeschlossen werden. Zu dieser Gruppe zählen Befragungspersonen, die als neue Haushaltsmitglieder zählen. Diese Befragungspersonen erhalten einen Fragebogen zur Beantwortung, der sich von dem Fragebogen für Wiederbefragte in Teilen unterscheidet [39]. So fehlt in dem Fragebogen für die Erstbefragten die Erhebung der Staatsangehörigkeit, die Akkulturationsorientierung, die Anzahl enger Freunde, das Gefühl der Zugehörigkeit, die Erfahrung von Fairness im Kontakt mit Behörden, die Wahrnehmung der Willkommenskultur in Deutschland und das Institutionsvertrauen.
Von den 2344 Befragungspersonen des Analysesamples sind 38,1 % weiblich, 68,3 % sind verheiratet, 26,2 % ledig, 55,6 % stammen aus Syrien, 13,6 % aus dem Irak, 12,1 % aus Afghanistan, 79,4 % haben eine Aufenthalts- bzw. Niederlassungserlaubnis, 12,5 % haben eine Aufenthaltsgestattung, 4,9 % eine Duldung, 15,4 % leben in einer Gemeinschaftsunterkunft, 11,9 % sind in Vollzeit, 5,4 % in Teilzeit beschäftigt, 38,5 % haben eine Grundschule besucht, 42,6 % haben weiterführende Schulen besucht, 18,7 % haben einen akademischen Abschluss.

Operationalisierung

Zur Messbarmachung der Lebenszufriedenheit von Geflüchteten wurde die Frage „Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig alles in allem mit Ihrem Leben?“ verwendet. Die Befragungspersonen haben die Möglichkeit auf einer Skala von 0 „ganz und gar unzufrieden“ bis 10 „ganz und gar zufrieden“ ihre Selbsteinschätzung abzugeben [24]. Die Frage wird in der Umfrageforschung weltweit häufig verwendet [1] und gilt als ein reliables und valides Messinstrument [14, 15].
Die Erfahrung von Fairness im Kontakt mit Behörden ist mit der Frage „Wenn Sie an Ihre bisherigen Erfahrungen mit dem BAMF oder der Arbeitsagentur/dem Jobcenter oder der Ausländerbehörde oder dem Sozialamt denken, wie fair fühlen Sie sich ganz allgemein von diesen Behörden behandelt?“ erhoben worden. Die Befragungspersonen konnten ihre Einschätzungen anhand der Antwortkategorien „sehr fair“, „etwas fair“, „etwas unfair“ und „sehr unfair“ abgeben [40].
Die persönliche Wahrnehmung der Willkommenskultur in Deutschland ist mit der Frage „Und wie sehr fühlen Sie sich in Deutschland willkommen?“ erfasst worden. Folgende Antwortkategorien standen den Befragungspersonen zur Verfügung: „sehr stark“, „stark“, „in mancher Beziehung“, „kaum“, „gar nicht“ [40].
Das Vertrauen in die Institutionen Deutschlands ist anhand von 4 Items messbar gemacht worden. Folgende Items konnten die Befragungspersonen diesbezüglich beantworten: „Wie viel Vertrauen haben Sie … in die öffentliche Verwaltung, in die deutsche Regierung, in das Rechtssystem und in die Polizei.“ Die Befragungspersonen hatten anhand einer Skala von 0 „Überhaupt kein Vertrauen“ bis 10 „Volles Vertrauen“ die Möglichkeit, ihre Einschätzung abzugeben [40]. Der Cronbach’s α, der ein Maß für die Reliabilität ist, liegt bei 0,84 und zeigt an, dass das Messinstrument reliabel ist.
Zur Erhebung der Anzahl der engen Freunde ist die Frage „Was würden Sie sagen: Wie viele enge Freunde haben Sie?“ verwendet worden [40]. Die Befragungspersonen hatten die Möglichkeit die Anzahl zu nennen. Die Antworten der Befragungspersonen variierten zwischen 0–20 enge Freunde.
Das Gefühl der Zugehörigkeit ist mit der Skala „Challenged Sense of Belonging“ messbar gemacht worden [17, 39]. Das Messinstrument besteht aus folgenden 4 Items: „Mich beunruhigt das Gefühl, dass ich nirgends auf dieser Welt hingehöre.“, „Ich habe nicht das Gefühl, am Leben anderer Menschen oder Gruppen teilzuhaben.“, „Ich fühle mich zwischen Welten hin- und hergerissen.“ und „Ich fühle mich mit den Menschen, die mich umgeben, nicht verbunden.“. Die Befragungspersonen konnten anhand „stimme voll zu“, „stimme etwas zu“, „weder noch“, „lehne etwas ab“ und „lehne voll ab“ ihre Einschätzung abgeben. Der Cronbach’s α liegt bei 0,80 und verweist darauf, dass es sich um ein reliables Messinstrument handelt und bestätigt damit das Ergebnis von Fuchs et al. [17], die neben der Reliabilität auch die Validität des Instruments prüften.
Die Frage nach der Kontakthäufigkeit zu Deutschen im Freundeskreis lautete: „Wie oft haben Sie Kontakt zu Deutschen in Ihrem Freundeskreis?“. Die Befragungspersonen hatten die Möglichkeit anhand folgender Antwortkategorien ihre Einschätzung abzugeben: „täglich“, „mehrmals pro Woche“, „jede Woche“, „jeden Monat“, „seltener“, „nie“.
Zur Erfassung der deutschen Sprachkenntnisse wurde den Befragungspersonen folgende Fragen gestellt: „Wie gut können Sie die deutsche Sprache sprechen/schreiben/lesen?“ Die Antwortkategorien lauten: „sehr gut“, „gut“, „es geht“, „eher schlecht“, „gar nicht“. Der Cronbach’s α liegt bei diesen Fragen bei 0,94. Demnach ist das Messinstrument reliabel.
Die Aufenthaltsdauer ist mit der Frage „Wann sind Sie da nach Deutschland gezogen?“ erfasst worden. Anschließend ist die Differenz zwischen dem Zeitpunkt der Erhebung und der Einreise ermittelt worden, um die Aufenthaltsdauer zu berechnen.
Neben den oben relevanten genannten Fragen und Messinstrumenten für unsere Studie, verwenden wir unterschiedliche Einflussfaktoren, um den Zusammenhang der ausgewählten Indikatoren mit der Lebenszufriedenheit unter Berücksichtigung von Kontrollvariablen zu ermitteln. Die Kontrollvariablen sind hier nicht aufgeführt, um nicht den Rahmen dieses Abschnitts zu sprengen.

Ergebnisse1

Bivariate Ergebnisse

Die Korrelationen (siehe Tab. 1) zwischen den drei Indikatoren für die Aufnahmelandhypothese und der Lebenszufriedenheit sind signifikant. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Fairnesserfahrung im Kontakt mit Behörden und der Zufriedenheit mit dem Leben (r = 0,26). Die wahrgenommene Willkommenskultur korreliert ebenfalls mit der Lebenszufriedenheit (r = 0,27). Ein ähnlicher Wert lässt sich auch für die Korrelation von Vertrauen in Institutionen und der Lebenszufriedenheit feststellen (r = 0,27).
Tab. 1
Korrelationsmatrix
Korrelationen
 
A
B
C
D
E
F
G
H
I
A Zufriedenheit mit dem Leben
1
Indikatoren für Assimilationshypothese
B Aufenthaltsdauer
−0,002
1
C Deutsche Sprachkenntnisse
0,014
0,114b
1
D Kontakthäufigkeit zu Deutschen im Freundeskreis
0,085a
0,085b
0,368b
1
Indikatoren für die Zugehörigkeitshypothese
E Anzahl enge Freund*innen
0,082b
0,024
0,047a
0,156b
1
F Gefühl von Zugehörigkeit
0,271b
0,022
0,133b
0,134b
−0,001
1
Indikatoren für die Aufnahmelandhypothese
G Fairnesserfahrung im Kontakt mit Behörden
0,266b
0,004
−0,031
−0,006
0,054b
0,128b
1
H Gefühl von Willkommensein
0,271b
−0,014
−0,050a
0,042a
0,061b
0,156b
0,239b
1
I Institutionsvertrauen
0,276b
−0,075b
−0,074b
0,018
−0,020
0,172b
0,318b
0,349b
1
ap < 0,05, bp < 0,01
n = 2.344
Die Zusammenhänge zwischen den Indikatoren für die Assimilationshypothese und der Lebenszufriedenheit sind uneindeutig. Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der Aufenthaltsdauer und der Lebenszufriedenheit (r = −0,002) und nahezu keinen Zusammenhang zwischen den Sprachkenntnissen und der Lebenszufriedenheit (r = 0,01). Signifikant ist jedoch die Korrelation zwischen der Kontakthäufigkeit zu Deutschen im Freundeskreis und der Lebenszufriedenheit (r = 0,085).
Die Indikatoren für die Zugehörigkeitshypothese stehen in einem signifikanten Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit. Während es einen geringen Zusammenhang zwischen der Anzahl enger Freund*innen und der Lebenszufriedenheit (r = 0,082) gibt, gibt es einen moderaten Zusammenhang zwischen dem Zugehörigkeitsgefühl und der Lebenszufriedenheit (r = 0,271).

Multivariate Ergebnisse

Eine multivariate Regressionsanalyse ist spezifiziert worden, um unter Berücksichtigung alternativer Erklärungsansätze mit der Hinzuziehung von Kontrollvariablen den Zusammenhang zwischen der Lebenszufriedenheit und den Indikatoren für die Assimilations-, die Zugehörigkeits- und die Aufnahmelandhypothese zu untersuchen. Hierfür sind drei unterschiedliche Regressionsmodelle spezifiziert worden (Tab. 2).
Tab. 2
Multivariate Regressionsanalyse
 
Modell 1
Modell 2
Modell 3
B
B
B
Indikatoren für Assimilation
Aufenthaltsdauer
0 n. s.
0 n. s.
0 n. s.
Deutsche Sprachkenntnisse
0,01 n. s.
−0,01 n. s.
0 n. s.
Kontakthäufigkeit zu Deutschen im Freundeskreis
0,06b
0,04 n. s.
0,03 n. s.
Indikatoren für Zugehörigkeit
Anzahl enge Freunde
0,02b
0,01b
Gefühl von Zugehörigkeit zu Deutschland
0,3b
0,23b
Indikatoren für Aufnahmelandbedingungen
Fairnesserfahrungen im Kontakt mit Behörden
0,29b
Gefühl von Willkommensein
0,35b
Institutionsvertrauen
0,12b
Kontrollvariablen
(Konstante)
4,66a
3,7a
1,63 n. s.
Stichprobe: M3
0,05 n. s.
0,1 n. s.
0,1 n. s.
Stichprobe: M4
0,01 n. s.
0,06 n. s.
0,04 n. s.
Stichprobe: M5
Referenzkategorie
Geschlecht: männlich
Referenzkategorie
Geschlecht: weiblich
0,29a
0,28a
0,23a
Kinder: Nein
Referenzkategorie
Kinder: Ja
−0,06 n. s.
−0,06 n. s.
−0,11 n. s.
Alter
0 n. s.
0 n. s.
0 n. s.
Alter2
0 n. s.
0 n. s.
0 n. s.
Familienstand: ledig
Referenzkategorie
Familienstand: verheiratet/Partnerschaft
0,36a
0,34a
0,34a
Familienstand: geschieden/getrennt
−0,43 n. s.
−0,42 n. s.
−0,33 n. s.
Familienstand: geschieden/getrennt
0,66a
0,64a
0,61a
Herkunftsland: Syrien
Referenzkategorie
Herkunftsland: Irak
−0,06 n. s.
−0,06 n. s.
−0,07 n. s.
Herkunftsland: Afghanistan
0,46b
0,51b
0,57b
Herkunftsland: Eritrea
0,05 n. s.
0,04 n. s.
0,03 n. s.
Herkunftsland: Pakistan
0,3 n. s.
0,32 n. s.
0,23 n. s.
Herkunftsland: Iran
−0,23 n. s.
−0,22 n. s.
0,06 n. s.
Herkunftsland: Somalia
0,44 n. s.
0,43 n. s.
0,54 n. s.
Herkunftsland: Russland
0,55 n. s.
0,5 n. s.
0,63 n. s.
Herkunftsland: Nigeria
−0,85 n. s.
−0,61 n. s.
−0,45 n. s.
Herkunftsland: Staatenlos
−0,07 n. s.
−0,11 n. s.
−0,01 n. s.
Herkunftsland: Andere
0,13 n. s.
0,13 n. s.
0,16 n. s.
Religionszugehörigkeit: keine
Referenzkategorie
Religionszugehörigkeit: muslimisch
0,3 n. s.
0,31a
0,34a
Religionszugehörigkeit: andere
0,66a
0,61a
0,46a
Religionszugehörigkeit: christlich
0,23 n. s.
0,21 n. s.
0,3 n. s.
Gemeinschaftsunterkunft: nein
Referenzkategorie
Gemeinschaftsunterkunft: ja
−0,69b
−0,7b
−0,57b
Kontrollvariablen
Deutsche Staatsbürgerschaft: nein
Referenzkategorie
Deutsche Staatsbürgerschaft: ja
1 n. s.
1,16 n. s.
0,61 n. s.
Erwerbsstatus: Arbeitslos
Referenzkategorie
Erwerbsstatus: Vollzeit
−0,09 n. s.
−0,1 n. s.
−0,18 n. s.
Erwerbsstatus: Teilzeit
−0,23 n. s.
−0,27 n. s.
−0,25 n. s.
Erwerbsstatus: in Ausbildung/Lehre
−0,14 n. s.
−0,17 n. s.
−0,03 n. s.
Erwerbsstatus: geringfügig beschäftigt
−0,27 n. s.
−0,34 n. s.
−0,25 n. s.
Erwerbsstatus: Praktikum
−0,5 n. s.
−0,69 n. s.
−0,78 n. s.
Einkommen
0 n. s.
0 n. s.
0 n. s.
Schulabschluss: Grundschule
Referenzkategorie
Schulabschluss: Sekundarstufe I
−0,03 n. s.
0 n. s.
0,05 n. s.
Schulabschluss: Sekundarstufe II
−0,28a
−0,26a
−0,18 n. s.
Schlussabschluss: berufliche/schulische Ausbildung
−0,43 n. s.
−0,32 n. s.
−0,17 n. s.
Schulschlussabschluss: Bachelor/Master
−0,45b
−0,38a
−0,2 n. s.
Schlussabschluss: Promotion
−0,7 n. s.
−0,68 n. s.
−0,42 n. s.
Anzahl an Fluchtgründen
0 n. s.
0 n. s.
0 n. s.
Traumatische Erfahrungen auf der Flucht
−0,32a
−0,32a
−0,32a
Fluchtdauer
0a
0a
0a
Anzahl kritische Lebensereignisse
−0,05 n. s.
−0,08 n. s.
−0,08 n. s.
Finanzielle Überweisungen an das Herkunftsland
0,02 n. s.
0,07 n. s.
0,17 n. s.
Aufenthaltsstatus: Aufenthalts‑/Niederlassungserlaubnis
Referenzkategorie
Aufenthaltsstatus: Aufenthaltsgestattung/Duldung
−0,1 n. s.
−0,16 n. s.
−0,07 n. s.
Aufenthaltsstatus: Sonstiges
−0,16 n. s.
−0,18 n. s.
0,09 n. s.
Zeit ohne sinnvolle Beschäftigung verbringen h/Werktag
−0,08b
−0,07a
−0,04a
Sorgen wegen Asyl
−0,13a
−0,06 n. s.
−0,02 n. s.
Sorgen um die wirtschaftliche Situation
−0,56b
−0,47b
−0,47b
Gesundheitszustand
0,24b
0,2b
0,16b
Integrationskurse und -beratungen wahrgenommen
0,12a
0,09a
0,08a
Akkulturationsorientierungen
0,11a
0,09a
0,03 n. s.
Vertrauen in Fremde
0,19a
0,11 n. s.
0,09 n. s.
Korr. R2
0,17
0,20
0,26
y > 0,05 n. s., n = 2344
ap < 0,05, bp < 0,01
n.s. nicht signifikant
Das Modell 1 besteht aus den Kontrollvariablen sowie den Indikatoren für die Assimilationshypothese als Prädiktoren für die Lebenszufriedenheit. Das Modell hat eine Erklärungskraft von 17 % (korr. R = 0,17). Die Aufenthaltsdauer und die deutsche Sprachfähigkeit weisen keinen signifikanten Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit auf. Die Kontakthäufigkeit zu Deutschen im Freundeskreis ist in dem Modell signifikant. Erhöht sich die Kontakthäufigkeit zu Deutschen um eine Einheit, dann ändert sich die Lebenszufriedenheit um 0,06 Punkte auf der Lebenszufriedenheitsskala (0–10).
Das Modell 2 ist um die Indikatoren der Zugehörigkeitshypothese ergänzt worden. Die Erklärungskraft liegt in diesem Modell bei 20 % (korr. R = 0,20). Die Indikatoren für die Assimilationshypothese sind nicht mehr signifikant, während alle Indikatoren der Zugehörigkeitshypothese signifikant sind.
Im Modell 3 sind die Indikatoren aller drei Erklärungsansätze berücksichtigt worden. Unter Berücksichtigung der unabhängigen Variablen kann 26 % der Varianz der Lebenszufriedenheitsvariable erklärt werden (korr. R = 0,26). Die Indikatoren für die Assimilation sind auch in diesem Modell nicht signifikant, während die Indikatoren der Zugehörigkeits- und der Aufnahmelandhypothese in einem signifikanten Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit stehen.
Zusammenfassend zeigt die multivariate Regressionsanalyse, dass die Indikatoren der Aufnahmeland- und der Zugehörigkeitshypothese eher in der Lage sind die Lebenszufriedenheit zu erklären, als die der Assimilationshypothese unter Berücksichtigung von alternativen Erklärungsansätzen mit der Hinzuziehung von Kontrollvariablen.

Diskussion

Zur Erklärung der Lebenszufriedenheit als Indikator für das Wohlbefinden von Geflüchteten in Deutschland sind in der vorliegenden Studie drei Hypothesen untersucht worden. Die empirische Analyse zeigt, dass die Aufnahmeland- und die Zugehörigkeitshypothese die Lebenszufriedenheit von Geflüchteten erklären können. Die Assimilations-Hypothese hat dagegen keine Erklärungskraft bzw. verliert diese unter Berücksichtigung der Indikatoren für die Zugehörigkeitshypothese. Dieser Effekt könnte seine Ursache darin haben, dass die Anzahl der deutschen Freund*innen als ein Indikator für die Assimilationshypothese mit der Anzahl an engen Freundschaften als Indikator für die Zugehörigkeitshypothese korreliert. In dem Regressionsmodell 2 verliert dann die Anzahl an deutschen Freund*innen seine statistische Signifikanz für die Lebenszufriedenheit, weil die Anzahl der Freund*innen möglicherweise entscheidender für die Lebenszufriedenheit ist als die ethnische Zugehörigkeit der Freundschaften.
Die Ergebnisse erweitern den bisherigen Forschungsstand zu der Lebenszufriedenheit von Geflüchteten, weil dieser sich bisher auf die fluchtbedingten, verlustbedingten, gesundheitlichen, aufenthaltsrechtlichen, wohnräumlichen und familialen Faktoren konzentrierte [1, 10, 18, 35, 42].
Die vorliegenden Ergebnisse machen darauf aufmerksam, dass Geflüchtete ihre Lebenszufriedenheit höher einschätzen, wenn diese einen großen Freundeskreis haben, Vertrauen in die Institutionen haben, Fairness in Kontakt mit Behörden erleben, sich zugehörig und sich in Deutschland willkommen fühlen.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Geflüchtete aufgrund ihrer Erfahrung von Bürgerkrieg, Bedrohung, Verlust, Flucht in einem Aufnahmeland gute politische, gesellschaftliche und institutionelle Bedingungen brauchen, um ihre Lebenszufriedenheit und damit ihr subjektives Wohlbefinden wiederzuerlangen.
Die Grenzen der Untersuchungen liegen in der Querschnittanalyse, die nur die Untersuchung von korrelativen Zusammenhängen erlaubt. Eine Längsschnittanalyse könnte aufzeigen, wie sich die Lebenszufriedenheit von Geflüchteten mit der Aufenthaltsdauer verändert und welche Einflussfaktoren ursächlich sein könnten. Die bisherigen erhobenen Daten im Längsschnitt reichen noch nicht aus. In einigen Jahren lässt sich untersuchen, ob mit der Aufenthaltsdauer die Assimilation bedeutsamer für die Lebenszufriedenheit der Geflüchteten ist, weil damit Beteiligungs- und Arbeitsmarktchancen u. a. verbunden sein könnten.

Fazit für die Praxis

  • Die generelle Kommunikation der Behörden und Institutionen können mit Blick auf die gesundheitlichen Implikationen durch die Mitarbeitenden in den Kommunikationsabteilungen reflektiert und angepasst werden indem die Ansprache der Geflüchteten empathisch, sensibel, positiv, zielorientiert und wertschätzend gestaltet wird. Dadurch dürfte das Vertrauen in die Behörden und Institutionen steigen und in der Folge die Lebenszufriedenheit der Geflüchteten verbessert werden.
  • Die Mitarbeitenden des betrieblichen Gesundheitsmanagements könnten einen Beitrag leisten indem die Mitarbeitenden in den Behörden/Institutionen dazu befähigt werden wertschätzend und transparent in der schwierigen Lage für Geflüchtete zu kommunizieren. Dadurch könnte die Erfahrung von Fairness bei Behörden (Ausländer-, Sozial- und Wohnungsämter etc.) und Institutionen durch transparente Verfahren und wertschätzende Beziehungen zwischen Mitarbeitenden und Geflüchteten für alle erlebbar werden und einen Beitrag leisten die Lebenszufriedenheit für Geflüchtete zu steigern.
  • Die Mitarbeitenden der kommunalen Gesundheitsförderung können mit ihren sozialen Aktivitäten, wie zum Beispiel Sportveranstaltungen durchzuführen, Obstgärten anzulegen, Beratungsangebote zu machen, die Willkommenskultur vor Ort mitentwickeln und durch den Aufbau von sozialen Netzwerken mit der Durchführung von Quartiers-, Kultur- und Begegnungsfeste etc. die Zugehörigkeit stärken und damit die Lebenszufriedenheit von Geflüchteten fördern.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

P. Ziegler, R. Hajji und G. Voß geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
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Fußnoten
1
Die folgenden Ergebnisse der Studie sind ungewichtet. Die gewichteten und ungewichteten statistischen Ergebnisse unterscheiden sich mit Bezug auf die statistische Signifikanz nur in einem im Fall: Die deutschen Sprachkenntnisse stehen bei der Gewichtung der Daten in der Korrelationsanalyse in einem signifikanten Verhältnis zur Lebenszufriedenheit.
 
Literatur
10.
11.
Zurück zum Zitat Brücker H, Rother N, Schupp J (2017) IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2016: Studiendesign, Feldergebnisse sowie Analysen zu schulischer wie beruflicher Qualifikation, Sprachkenntnissen sowie kognitiven Potenzialen, IAB-Forschungsbericht, 13/2017. DIW/SOEP, Berlin. http://hdl.handle.net/10419/176772. Zugegriffen: 09.05.2023 Brücker H, Rother N, Schupp J (2017) IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2016: Studiendesign, Feldergebnisse sowie Analysen zu schulischer wie beruflicher Qualifikation, Sprachkenntnissen sowie kognitiven Potenzialen, IAB-Forschungsbericht, 13/2017. DIW/SOEP, Berlin. http://​hdl.​handle.​net/​10419/​176772. Zugegriffen: 09.05.2023
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Zurück zum Zitat Gambaro L, Kreyenfeld M, Schacht D, Spieß CK (2018) Refugees in Germany with children still living abroad have lowest life satisfaction. Diw Weekly Report 8(42):415–425 Gambaro L, Kreyenfeld M, Schacht D, Spieß CK (2018) Refugees in Germany with children still living abroad have lowest life satisfaction. Diw Weekly Report 8(42):415–425
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Zurück zum Zitat Nebelin J, Petrenz M, Wenzig K (2019) Wegweiser zur Datenanalyse der IAB-SOEP Migrationsstichproben (M1, M2) und der IAB-BAMF-SOEP Stichproben von Geflüchteten (M3-M5). SOEP Survey Papers 600. DIW, Berlin. http://hdl.handle.net/10419/194093. Zugegriffen: 09.05.2023 Nebelin J, Petrenz M, Wenzig K (2019) Wegweiser zur Datenanalyse der IAB-SOEP Migrationsstichproben (M1, M2) und der IAB-BAMF-SOEP Stichproben von Geflüchteten (M3-M5). SOEP Survey Papers 600. DIW, Berlin. http://​hdl.​handle.​net/​10419/​194093. Zugegriffen: 09.05.2023
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Zurück zum Zitat de Paiva Lareiro C, Rother N, Siegert M (2020) Dritte Welle der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. Geflüchtete verbessern ihre Deutschkenntnisse und fühlen sich in Deutschland weiterhin willkommen. BAMF-Kurzanalyse 01|2020. BAMF, Nürnberg de Paiva Lareiro C, Rother N, Siegert M (2020) Dritte Welle der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. Geflüchtete verbessern ihre Deutschkenntnisse und fühlen sich in Deutschland weiterhin willkommen. BAMF-Kurzanalyse 01|2020. BAMF, Nürnberg
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Zurück zum Zitat Schührer S (2021) Geflüchtete Menschen in Deutschland: Neue Erkenntnisse zu Hilfebedarfen und zur Nutzung von Beratungsangeboten. Kurzanalyse 06|2021, Forschungszentrums Migration, Integration und Asy. BAMF, Nürnberg Schührer S (2021) Geflüchtete Menschen in Deutschland: Neue Erkenntnisse zu Hilfebedarfen und zur Nutzung von Beratungsangeboten. Kurzanalyse 06|2021, Forschungszentrums Migration, Integration und Asy. BAMF, Nürnberg
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Zurück zum Zitat SOEP Group (2018) Integrierter Personen- und Biografiefragebogen (Wiederbefragte) 2018 der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. DIW, Berlin, S M3–M5 SOEP Group (2018) Integrierter Personen- und Biografiefragebogen (Wiederbefragte) 2018 der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. DIW, Berlin, S M3–M5
41.
Zurück zum Zitat Thielemann ER (2017) Burden sharing: The international politics of refugee protection Thielemann ER (2017) Burden sharing: The international politics of refugee protection
Metadaten
Titel
Die Lebenszufriedenheit von Geflüchteten in Deutschland – auch eine Frage von Aufnahmelandbedingungen, Assimilation und Zugehörigkeit?
verfasst von
Paula Ziegler
Prof. Dr. Rahim Hajji
Gunnar Voß
Publikationsdatum
05.06.2023
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Erschienen in
Prävention und Gesundheitsförderung / Ausgabe 2/2024
Print ISSN: 1861-6755
Elektronische ISSN: 1861-6763
DOI
https://doi.org/10.1007/s11553-023-01049-0

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