Hintergrund
Die
Menstruation (auch: Monatsblutung; Regelblutung) bezeichnet die bei nicht eingetretener Schwangerschaft typischerweise monatlich stattfindende Abstoßung der funktionellen Schicht der Gebärmutterschleimhaut, die mit einer mehrtägigen Blutung aus der Gebärmutter nach außen über die Vagina einhergeht [
1]. Zwischen erster Menstruation (Menarche) im Alter von durchschnittlich etwa 13 Jahren und letzter Menstruation (Menopause) im Alter von etwa 53 Jahren finden im Laufe des Lebens einer Frau bzw. einer Person mit Gebärmutter
1 rund 450 Blutungen statt [
2,
3].
Die Menstruation ist ein wichtiges Gesundheitsthema, da sie bei einer nennenswerten Zahl von Betroffenen mit unterschiedlichen Beschwerden [
4,
5] und auch mit klinischen Störungen einhergeht, die entsprechende medizinische Versorgung benötigen [
6,
7]. Hier wird zuweilen beklagt, dass entsprechende Beschwerden (z. B. im Rahmen des prämenstruellen Syndroms (PMS) oder von Schmerzen während der Menstruation) nicht ernst genommen und dass klinisch relevante prämenstruelle und menstruelle Störungen sowie zyklusabhängige Erkrankungen (z. B. Endometriose) zuweilen zu spät erkannt und unzureichend behandelt werden [
3].
Doch die Menstruation ist nicht nur ein biologisches Geschehen, das mit der menschlichen Fortpflanzungsfähigkeit und spezifischen gesundheitlichen Problemen zusammenhängt. Sie hat weitreichende psychische und soziale Dimensionen, die letztlich auch Fragen der Frauenrechte und Geschlechtergleichberechtigung betreffen [
8]. So unterliegt die Monatsblutung – je nach kulturellem Kontext – mehr oder minder starker Tabuisierung und Stigmatisierung in dem Sinne, dass sie als „unrein“, „schmutzig“, „eklig“ und „peinlich“ gilt, sodass Mädchen und Frauen gezwungen sind, die Menstruation vor ihrem Umfeld zu verbergen und sich während der Blutung aus sozialen Aktivitäten und Gemeinschaften zurückzuziehen [
3]. Die Tatsache, dass ein mit dem weiblichen Körper verbundener natürlicher Prozess, der die meisten Frauen über mehrere Jahrzehnte ihres Lebens regelmäßig begleitet, so negativ konnotiert ist, kann sich ungünstig auf ihr Körper- und Selbstbild auswirken. Auch das öffentliche Bild von Frauen wird von der Menstruation mitgeprägt, etwa durch das Klischee der „emotional labilen“, „hysterischen“ und „leistungsschwachen“ menstruierenden Frau [
8].
Zugänglichkeit, Sicherheit und Kosten von Menstruationsprodukten sind ein internationales Problem. Die Lebenszeitkosten für Menstruationsprodukte werden auf rund 7000–17.000 € geschätzt, was Menstruationsarmut (engl. „period poverty“) begünstigen kann [
3,
9]. Es bedurfte zahlreicher Kampagnen aus dem Menstruationsaktivismus, um politisch zu erreichen, dass in Deutschland seit dem 01.01.2020 für Menstruationsprodukte ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz erhoben wird, da sie nun nicht mehr als Luxusartikel gelten, sondern zum Grundbedarf gezählt werden.
Mit
Menstruationsgesundheit (engl. „menstrual health“) ist mehr gemeint als die Abwesenheit von menstruellen Störungen und Beschwerden. Vielmehr geht es um ein ganzheitliches physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden rund um die Menstruation [
1]. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Jahr 2022 die Menstruationsgesundheit offiziell als vordringliches globales Gesundheitsthema anerkannt und auch Menstruationsrechte formuliert [
10].
Eine wichtige Voraussetzung für die Sicherung der Menstruationsgesundheit ist umfassende Aufklärung. Denn nur eine offene und sachgerechte Kommunikation über die Menstruation kann tradierter Tabuisierung und Stigmatisierung entgegenwirken, notwendige Informationen zu den vielfältigen Dimensionen des Themas liefern und Menstruierende in ihrem Wohlbefinden unterstützen.
Jugendliche in Deutschland berichten mehrheitlich, dass im Sexualkundeunterricht in der Schule im Zusammenhang mit Fortpflanzung und Eisprung auch „die Regel“ als Thema vorgekommen ist [
11], gleichzeitig sagen jedes 4. Mädchen und jeder 5. Junge, dass sie mehr darüber wissen wollen [
12]. Denn jenseits der biologischen Betrachtung im Kontext von Fruchtbarkeit werden psychosoziale Aspekte der Menstruation, etwa das Erleben von Schmerz und Scham, sexistische Periodenwitze, die Anwendung von unterschiedlichen Menstruationsprodukten, sportliche Leistungsfähigkeit während der Tage oder Vereinbarkeit von Menstruation mit sexueller Aktivität im Biologie- und Sexualkundeunterricht meist nicht behandelt – obwohl das durchaus Fragen sind, die Mädchen, Jungen und nichtbinäre Jugendliche interessieren [
1]. Junge Menschen greifen daher für Sexualaufklärung, einschließlich Menstruationsaufklärung, gern auf das Internet zurück, wo sie Webseiten zum Thema finden oder auf den populären Social-Media-Plattformen Posts und Videos zum Thema anschauen [
13,
14].
Der vorliegende Beitrag geht vor diesem Hintergrund erstmals systematisch der Frage nach, wie deutschsprachige YouTube‑, Instagram- und TikTok-Videos samt zugehörigen Video-Kommentaren das Thema Menstruation aufgreifen. Ergänzend zu diesem Fokus auf soziale Medien diskutiert der Beitrag am Ende auch, welche Bedeutung Werkzeuge der künstlichen Intelligenz (KI) für die aktuelle und zukünftig Menstruationsaufklärung haben.
Forschungsstand
Unter Menstruationsaufklärung als Teilgebiet der Sexualaufklärung wird die Vermittlung von Informationen über die Menstruation verstanden. Hier kann es sich um formelle Bildungsprozesse durch ausgebildete Fachkräfte oder um das Weitergeben von Erfahrungswissen durch Laien handeln. Die Forschung speziell zu medialer Menstruationsaufklärung befasst sich damit, welche Botschaften über die Menstruation auf verschiedenen Medienkanälen verbreitet werden und wie sie beim Publikum ankommen. Die bisherige Forschung zur Menstruationsaufklärung im Internet konzentriert sich dabei teilweise auf das Web, vor allem aber auf soziale Medien, wobei zu beachten ist, dass beide Medienformen sich nicht selten aufeinander beziehen: Webseiten verweisen auf zugehörige Social-Media-Kanäle und in sozialen Medien wird auf Webseiten Bezug genommen.
Die Mehrzahl der Jugendlichen in Deutschland gibt an, Sexualaufklärung neben Elternhaus und Schule vor allem aus dem
Internet zu beziehen [
14]. Wer nach „Menstruation“ oder „Monatsblutung“ googelt, stößt unter den ersten Treffern meist auf Webseiten von Gesundheitsportalen, Krankenkassen, Beratungsstellen, Herstellern von Menstruationsprodukten, Drogerien, Beiträge in Online-Foren und in der Wikipedia [
1,
13]. Auch Aufklärungsseiten vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
2 werden gefunden sowie Webseiten
3 und Broschüren zum Download von pro familia, die etwa die Menstruation in leichter Sprache erklären unter dem prägnanten Titel „Blut ist gut!“
4.
Während eine aktuelle Analyse zu deutschsprachigen
Web-Materialien zur Menstruationsaufklärung fehlt, zeigt eine Auswertung von 31 englischsprachigen Web-Materialien neben hilfreichen Informationen auch problematische Aspekte: So monieren die Forschenden, dass die Materialien die Menstruation nicht holistisch genug behandeln, sie unzureichend normalisieren und nicht alle verfügbaren Menstruationsprodukte einbeziehen, sondern zu einseitig auf Tampons und Binden fokussieren [
15].
Studien zur Repräsentation der Menstruation in
sozialen Medien konzentrieren sich meist auf Stichproben englischsprachiger Inhalte von einzelnen Plattformen. Identifiziert werden konnten 20 begutachtete Inhaltsanalysen, die Menstruationsdarstellungen und zugehörige Kommentare qualitativ, quantitativ oder computational ausgewertet haben von führenden sozialen Medien wie (alphabetisch):
Ein Teil der Studien ist dabei eher politisch ausgerichtet und untersucht, inwiefern soziale Medien genutzt werden, um das negative Menstruationsstigma zu überwinden und Menstruationsrechte einzufordern (z. B. [
29]). Speziell zum medialen Aktivismus für Menstruationsrechte existiert auch eine erste Buchpublikation [
36]. Ein anderer Teil der Studien konzentriert sich auf gesundheitsbezogene Themen im engeren Sinne, etwa auf die Diagnose und Behandlung menstrueller Beschwerden und Störungen (z. B. [
34]) sowie zyklusabhängiger Erkrankungen (z. B. Endometriose [
37]). In ihrer Bewertung der Menstruationsdarstellungen gehen die Studien auseinander: Viele Inhaltsanalysen betonen den positiven Unterstützungseffekt, der durch einen offenen Austausch über Menstruation in sozialen Medien entsteht (z. B. [
16]) und der auch durch Interviewstudien bestätigt wird [
38]; andere monieren fortbestehende Negativdarstellungen des Themas (z. B. [
19]) sowie die Verbreitung gesundheitsbezogener Fehlinformationen (z. B. [
33]).
Forschungsziel
Vor dem Hintergrund des bisherigen Forschungsstandes und auf Basis eines biopsychosozialen Verständnisses von Menstruationsgesundheit [
1] untersucht die vorliegende Studie erstmals systematisch, wie Menstruation in deutschsprachigen Social-Media-Videos auf YouTube, Instagram und TikTok dargestellt wird und wie das Publikum darauf reagiert. Dementsprechend sind folgende Forschungsfragen (F1 bis F4) zu beantworten:
Fazit und Ausblick
Die vorliegende Inhalts- und Qualitätsanalyse beschreibt die Menstruationskommunikation auf YouTube, Instagram und TikTok. Dabei bietet YouTube im Plattformenvergleich die gehaltvollsten Videos, meist Presse-Reportagen, und auch die längsten Kommentare. Hier werden am ehesten verschiedene Aspekte des Themas im Zusammenhang angesprochen. Auf Instagram dominiert die Darstellung des subjektiven Menstruationserlebens, teils negativ als persönliches Leiden, teils positiv als Bestätigung von weiblicher Identität oder als Thema des feministischen Aktivismus [
1]. Auf TikTok bekommt ein sehr junges Publikum knappe Clips vom Algorithmus zugespielt, was oftmals zum Teilen eigener Erfahrungen in den Kommentarspalten führt. Für die professionelle Sexualaufklärung ergeben sich die beiden Anforderungen, a) mit hochwertigem eigenen Content präsent zu sein sowie b) durch zeitgemäße sexualbezogene Medienbildung die Social-Media-Nutzenden zu befähigen, mit Videos und Video-Kommentaren zur Menstruation zielgerichtet und kritisch umzugehen.
Das Social-Media-Zeitalter transformiert sich aktuell zum Zeitalter der künstlichen Intelligenz (KI). Jugendliche suchen Sexual- und Menstruationsaufklärung zunehmend bei KI-Chatbots wie ChatGPT, Gemini oder Claude [
46,
47]. Inhaltsanalysen von KI-Output zeigen bislang eine recht hohe Informationsqualität, sowohl was sachliche Korrektheit als auch Orientierung an Menschenrechten betrifft [
48,
49]. Weitgehend unklar ist bislang jedoch, wie eine KI-gestützte Sexualaufklärung in Zukunft aussehen wird: Wie werden Fachkräfte KI-Tools nutzen, um neue textliche und bildliche Inhalte (beispielsweise zur Menstruation) für ihre Flyer, Webseiten und Social-Media-Auftritte zu generieren? Und wie werden sich Informations- und Ratsuchende an die KI wenden, ihre Anfragen formulieren und die erhaltenen KI-Antworten interpretieren und einordnen und diese Erfahrungen wiederum auf sozialen Medien besprechen (siehe z. B. Hashtag #ChatGPT auf TikTok)? Ähnlich wie bei sozialen Medien gehen auch bei KI-Werkzeugen die öffentlichen und fachlichen Einschätzungen auseinander: Während die einen vor Fehlinformationen durch KI warnen, sehen andere KI-Tools als sinnvolle Unterstützung für Sexualaufklärung und Selbstbestimmung [
50]. Voraussetzung ist hier neben der verantwortungsvollen Gestaltung der KI-Modelle vor allem auch die Stärkung der KI-Kompetenz der Nutzenden.
Hinweis des Verlags
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