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21.02.2020 | DKK 2020 | Kongressbericht | Nachrichten

Geriatrie

Ältere Krebspatienten: Nicht nur aufs Tumorstadium schauen

Autor:
Philipp Grätzel von Grätz

Moderne onkologische Therapien bieten immer mehr Möglichkeiten, auch betagte Menschen mit Tumorerkrankungen effektiv zu behandeln. Das gelingt aber nur mit einem ganzheitlichen Versorgungsansatz, an dem es vielerorts noch hapert.

Krebs wird in den nächsten Jahren immer stärker eine Alterserkrankung werden – in absoluten wie auch in relativen Zahlen. Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan von der Klinik für Geriatrie der Charité Berlin berichtete über Hochrechnungen zur Krebsinzidenz in Deutschland, wonach die Zahl der über 64-jährigen Krebspatienten von heute 306.000 auf 443.000 im Jahr 2035 ansteigen wird, während gleichzeitig die Zahl der unter 65-jährigen Krebspatienten von 188.000 auf 162.000 fallen wird.

Damit stellen sich Fragen, die schon heute von Bedeutung sind, in noch größerer Dringlichkeit: Wann wird multimorbiden alten Menschen mit einer Krebstherapie mehr geschadet als genutzt? Welche Medikamenteninteraktionen sollten unbedingt berücksichtigt werden? Wie sind Behandlungen an verminderte Organfunktionen und eingeschränkte körperliche Funktionalität anzupassen?

Dr. Heike Schmidt von der Klinik für Strahlentherapie am Universitätsklinikum Halle sieht bei der Versorgung älterer Tumorpatienten noch großen Verbesserungsbedarf. Das betreffe die gemeinsame Entscheidungsfindung mit Patienten und ihren Angehörigen, die Einbindung der Hausärzte schon bei der Therapieplanung und erneut vor der Entlassung aus dem Krankenhaus, die psychosoziale Unterstützung, die Förderung körperlicher Aktivität und nicht zuletzt die Einbeziehung geriatrischer Expertise bei jenen Patienten, bei denen das sinnvoll ist.

Im Rahmen unterschiedlicher Forschungsprojekte soll am Universitätsklinikum Halle gezeigt werden, dass eine bessere Versorgung älterer Krebspatienten möglich ist. So wurde in der PIVOG-Studie ein Modell evaluiert, das es erlaubt, das zeitaufwändige geriatrische Assessment in die routinemäßige Patientenversorgung zu integrieren. Dabei erfolgt das Assessment im Rahmen der Aufnahme durch eine onkologische Fachpflegekraft. Auch der Hausarzt wird einbezogen, um eventuell existierende Assessments nutzen zu können.

Finden sich in der Erstuntersuchung zwei oder mehr Auffälligkeiten, wird ein Geriater hinzugezogen, der dann auch für wöchentliche gemeinsame Visiten zur Verfügung steht. Dieses Vorgehen habe sich bisher als praktikabel erwiesen. „Ob ein Screening vorweg geschaltet wird oder gleich ein Assessment gemacht wird, muss jede Klinik für sich beantworten. Wir haben uns in Halle gegen das Screening entschieden, weil dann Sensitivität und Spezifität geringer werden.“

Eine weitere, noch laufende Studie in Halle zielt darauf ab, die körperliche Funktionsfähigkeit älterer Krebspatienten durch einen multimodalen, supportivtherapeutischen Ansatz begleitend zu einer ambulanten Strahlentherapie zu fördern (B & G 2019; 35:212-6). Hier wird, erneut Assessment-gestützt, ein aktivierendes Basistraining mit individuell physiotherapeutisch geplanten Übungen in den Bereichen Kraft, Koordination und Feinmotorik kombiniert. Außerdem gibt es psychosoziale und ernährungsmedizinische Unterstützung. Einfach zu implementieren seien solche Interventionen nicht, gab Schmidt zu: „Gerade im ländlichen Raum sind innovative Konzepte gefragt.“

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