Schlucken und Schluckstörungen im Fokus der HNO-Heilkunde
Von der Diagnostik zur individuellen Therapie
- Open Access
- 09.04.2025
- Dysphagie
- Referate
Zusammenfassung
Bedeutung des Schluckens
Dysphagieursachen
Schluckentwicklung
Pränatal
Postnatal
Schluckphasen
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Überprüfung/Kontrolle der Nahrung im Mund auf Geruch, Geschmack, Temperatur, Volumen: bei „Missfallen“ Ausspucken des Bolus
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Bolusformung/-platzierung, Zerkleinerung bei inhomogenen, eher trockenen Boli mit Speichelvermischung
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Lippenschluss (M. orbicularis oris, Wangentonus: M. buccinator), seitlich in Mundvorhof ausgewichene Boli: zurückschieben unter Kauleiste, N. facialis (VII): Innervation der mimischen Muskulatur
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Lateral-rotatorischer regelmäßiger Kauschlag (Kinder: 20 Zähne, Wechselgebiss: 32 Zähne mit den 4 Weisheitszähnen) in leicht versetzter Verschlüsselung
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Kaumuskulatur: von Ästen des N. mandibularis innerviert, M. temporalis, M. masseter, M. pterygoideus medialis, auch Vorschubbewegung/Kieferschluss, Kieferöffnung durch M. pterygoideus lateralis, M. geniohyoideus, M. mylohyoideus am knöchernen Unterkiefer
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Zunge formt Bolus, schiebt ihn unter die Zähne (Zungenspitze/Zungenränder schieben sich an Alveolenbasis des Oberkiefers, Zunge macht leicht schiebende Bewegungen), Speichel „weicht“ Bolus zu homogeneren Masse ein, Verhinderung vorzeitigen Abgleitens des Bolus in Pharynx durch Anhebung posterodorsaler Anteile der Zunge und Senkung des Gaumensegels
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Variable Dauer, je nach „anspruchsvoller“ Konsistenz
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Bolustransport vom Mund in Oropharynx, willkürliche Steuerung, Beginn mit Zungenspitzenbewegung, endet mit Auslösung des Schluckreflexes
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Zungenspitze und vordere Zungenränder bilden Zungenfurche für Bolus
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Zungenmuskulatur inseriert im Mundboden (N. hypoglossus), äußere Muskulatur (M. genioglossus, M. hyoglossus, M. styloglossus) und innere Muskulatur (M. longitudinalis, M. verticalis, M. transversus), äußere Zungenmuskulatur zieht bei Kontraktion gesamten Zungenkörper mit Bolus von vorn nach hinten, intrinsische Zungenmuskulatur befördert Bolus mit wellenförmiger Bewegung entlang des Gaumendachs nach hinten
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Beim Kauen Transport des Bolus über V‑förmig abgesenkte Zungenmitte (Zungenfurche) in Valleculae, festere Boli „stauen“ sich im Zungengrund
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Triggerzone Plicae pharyngoepiglotticae, Schluckreflexauslösung
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Kleine Flüssigkeitsmengen zwischen Zungengrund und Gaumensegel können abgleiten in Valleculae ohne Schluckreflexauslösung
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Exspiration: Bolusduftmoleküle erreichen Regio olfactoria, nachfolgend sensorische Informationen über Rezeptoren zum Schluckzentrum, zentrale Regulation
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Pharynx: etwa 12–15 cm langer Muskelschlauch (Schädelbasis – Speiseröhreneingang), Kreuzung Luft‑/Speiseweg
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Aufhängung elastisch zwischen Schädelbasis und Zwerchfell, Atemweg mit Hyoid und Larynx zwischen Schädelbasis und Mandibula, oberer Thoraxapertur mit Muskeln/Bändern elastisch verbunden
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Pharynx 3 Etagen:1.Nasopharynx: von Rachendach bis Gaumensegel (Öffnung über Choanen, Ansatz Tuba auditiva)2.Oropharynx: von Gaumensegel nach kaudal bis Plica pharyngoepiglottica3.Hypopharynx: Epiglottis, seitlich aryepiglottische Falten zur Incisura interarytaenoidea, paariger Recessus piriformis, seitlich aryepiglottische Falten, kaudal bis oberer Ösophagussphinkter (oÖS), mittig Larynxtrichter
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Pharynxschlauch: 3 „Schlundschnürer“ (Mm. constrictores pharyngis, Schlundheber Mm. levatores pharyngis), M. constrictor pharyngis superior (N. glossopharyngeus, N. IX) wölbt sich beim Schlucken als sog. Passavant-Ringwulst Gaumensegel entgegen, nachfolgend Nasopharynxabschluss
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Zirkulärer Muskelzug vor den Nasengängen „Rhinosphinkter“ (< 10 % bei HNO-Patienten [15]), schließt kurz vor Velumverschluss, öffnet kurzzeitig nach Relaxation, weitere Muskeln (M. constrictor pharyngis medius, Plexus pharyngeus, Nn. glossopharyngeus und vagus, N. IX und N. X, M. constrictor pharyngis inferior, N. X) unterstützen Vorschieben des Bolus
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Bolustransport durch Rückwärtsbewegung der Zunge in Hypopharynx, Hyoidbewegung nach kranial/ventral
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Larynxelevation/ventral durch M. thyrohyoideus, Öffnung des Hypopharynx mit Sogwirkung, gleichzeitig Verschluss mit Gaumensegelschiebung an Rachenhinterwand, Epiglottis schließt über Larynxeingang, Verengung supraglottischer Raum, Stimmlippen/Taschenfalten schließen sich, Aryknorpel kippen ins Lumen, Epiglottis hebt sich mit Kontraktion M. thyrohyoideus, senkt gleichzeitig Oberrand gegen Pharynxhinterwand, um Bolus aufzufangen
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Schluckreflexauslösung durch Boluskontakt an vorderen Gaumenbögen, Rachenhinterwand, Zungengrundmukosa, Recessus piriformis oder Postkrikoidalmukosa [15]
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Schluckreflexzeitpunkt inter-/intraindividuell, unwillkürlich, Triggerung taktil
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Wässrige Boli kategorisch in Sekundenbruchteilen abgeschluckt
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Dickflüssige/feste Speiseanteile: Ansammeln in Valleculae, stufenweise oder kaskadenförmiges Abschlucken, beim Schlucken reflektorischer Atemstopp
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Abschluss pharyngeale Phase: Öffnung oÖS, Verschlusszone oÖS durch M. cricopharyngeus und kaudale Teile Pars thyropharyngea unterer Schlundschnürer, kraniale Abschnitte zervikale Ringmuskelschicht Ösophagus und durch submuköse Venengeflechte [56].
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oÖS: Relaxation, dann Öffnung, dann Erweiterung der Öffnung, danach Kollaps und erneuter Verschluss. oÖS relaxiert etwa 0,1 s vor Kehlkopfhebung, durch Kontraktion M. thyrohyoideus mit leichtem Kippen und Aufsteigen Epiglottis (Elevation), gefolgt von Vorwärtsbewegung Larynx nach vorne oben, Konstriktormuskulatur drückt mit Zungenstempel freien Epiglottisrand nach unten, Bolus erreicht obere Speiseröhre, Bolusdruck beeinflusst Weite der oÖS-Öffnung
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Sobald Bolus im Ösophagus ist und Larynx/Os hyoideum Ruheposition einnehmen, schließt sich oÖS [56], Rückstellung Epiglottis, erneute Glottisöffnung, Abschluss pharyngeale Phase
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Ösophagus: 3 anatomische Engstellen: 1. Ringknorpel, gleichzeitig engste Stelle insgesamt (etwa 15 mm Durchmesser), 2. Aortenbogen, 3. Zwerchfelldurchtritt
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oberstes Drittel quergestreifte/im mittleren Bereich zusätzlich glatte, untere Hälfte nur glatte Muskulatur; Muskelfasern verlaufen außen schraubenförmig (äußere Längsmuskelschicht) und innen schräg oder zirkulär (innere Ringmuskelschicht) [50], Peristaltik beinhaltet primäre und sekundäre Welle: mechanische Reizung (Speisereste Ösophaguswand) löst sekundäre Welle aus (Reinigungswelle). In Tab. 1 Zusammenfassung der Schluckphasen.Tab. 1Schluckphasen. (Nach [108])PhaseFunktionsablaufDauerMotorische Steuerung1. OraleVorbereitungsphaseAufnahme, Boluszerkleinerung, Durchmischung mit Speichel, Bolusformung durch Zunge, Sammlung in der „Zungenschüssel“, Abschließen Mundhöhle durch Velum-Zungenbasis-KontaktVariabel (abhängig von Beschaffenheit Nahrung usw.)Willkürlich2. OraleTransportphaseBolustransport in hintere Mundhöhle durch Anhebung, Rückwärtsbewegung Zunge≤1 sWillkürlich3. PharyngealePhaseAuslösung Schluckreflex Bolustransport Pharynx durch Stempeldruck Zunge und Pharynxperistaltik, Verschluss Nasopharynx, Anhebung/Vorwärtsbewegung und Verschluss Larynx, Öffnung oberer Ösophagussphinkter (oÖS)≤1 sReflektorisch4. ÖsophagealePhaseBolustransport durch peristaltische Wellen, Öffnung unterer Ösophagussphinkter (uÖS)4–20 sReflektorisch
Schluckstörungen
Lokalisation
Oropharyngeal | Drooling: Bolusbestandtreile kommen/laufen aus dem Mund heraus |
Mangelnde orale Boluskontrolle und Transport | |
Schwierigkeiten, Schluckvorgang einzuleiten | |
Nasale Penetration | |
Steckenbleiben von Nahrung im Hals, Husten, Räuspern, Regurgitation | |
Änderung Stimmklang während oder direkt nach Essen, Trinken oder Medikamenteneinnahme | |
Verlängerte Essensdauer | |
Verstärkte Verschleimung, gehäufte Infekte, Pneumonien | |
Gewichtsabnahme | |
Ösophageal | Halsschmerzen, Globusgefühl, thorakale Schmerzen, Brennen Herzregion Regurgitation von Speisen und Tabletten Rezidivierende Pneumonien Hustenattacken beim Hinlegen nach dem Essen „Feststecken“ von Nahrung im Hals, hinter dem Brustbein Gewichtsabnahme |
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Mukositiden, Ulzera, narbige Veränderungen und Xerostomie mit/oder ohne zähen Mukus [96], Rigidität Larynxskelett (z. B. Epiglottisverplumpung)
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Paresen, zentral/peripher: Stimmlippenparesen mit Glottisinsuffizienz, bei Lähmungen von N. glossopharyngeus, N. vagus, N. hypoglossus [66].
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Hyperkinesen: Kleinhirn- und/oder Hirnstammläsionen verursachen Koordinationsstörungen im Schluckvorgang [68].
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Ösophagusspasmen, Myotonien, Vaskulitiden, Kollagenosen stören Motilität, Koordination der Ösophagussphinkter und Propulsionswelle.
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Krikopharyngeale Funktionsstörungen: Koordinationsstörung pharyngeale Propulsion, fehlende ösophageale Relaxation (z. B. Hirnstammläsionen, Parkinson-Syndrom, Myopathien), Bolusretention im krikopharyngealen Übergang [127].
Ursachen
Anatomisch-funktionelle Störungen
HWS-bedingte Schluckstörungen
Kindliche Schluck‑/Fütterstörungen
Anatomische Ursachen | Genetische Ursachen | Neurologische Ursachen | Andere Ursachen |
|---|---|---|---|
– Velumspalten/Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten – Zungenfehlbildungen – Mikro‑/Retrognathie – Choanalatresie – Laryngomalazie – Tracheoösophageale Fistel – Stenosen/Atresie des Ösophagus/Larynx | – Trisomie 21 – Trisomie 18 – Möbius-Sequenz – Apert-Syndrom – Prader-Willi-Syndrom – Pierre-Robin-Sequenz – Beckwith-Wiedemann-Syndrom – Cri-du-chat-Syndrom – CHARGE-Syndrom – Treacher-Collins-Syndrom – 22q11-Mikrodeletion – Cornelia-de-Lange-Syndrom – Meningomyelozele mit Arnold-Chiari-II-Malformation | – Hirn‑/Rückenmarkfehlbildungen – Intrauterine Intoxikationen Perinatal: – Hypoxisch-ischämische Hirnschädigung – Frühgeburtlichkeit Postnatal: – Tumoren – Infektionen (z. B. Meningitis, Enzephalitis, Polymyelitis) – Schädel-Hirn-Trauma – Bilirubinämie – Degenerative Hirnerkrankungen – Metabolische Enzephalopathien – Erkrankung zentrales Nervensystems (z. B. Zerebralparesen) – Myasthenia gravis | – Medikamente – Eosinophile Ösophagitis – Immunschwäche – Langfristige Sondenernährung – Obstruktion obere Atemwege – Tracheotomie – Langzeitbeatmung/Intubation – Intrauterine Wachstumsretardierung – Intrauterine Infektion – Gastropharyngealer Reflux |
Presbydysphagie
Orale Phase | Pharyngeale Phase | Ösophageale Phase |
|---|---|---|
– Schmeck‑/Riechverminderung – Verminderung oraler Sensibilität – Einschränkung der Kaufunktion – Reduzierte Speichelproduktion – Einschränkung orofazialer Motorik – Abnahme der Zungenkraft – Verzögerte Triggerung der pharyngealen Phase | – Erweiterte Pharynxstrukturen – Verringerte Pharynxstabilität – Larynxelevation verändert – Verspätet einsetzende Hyoidverlagerung – Reduzierter Ruhetonus oÖS – Reduzierte Öffnung oÖS – Reduktion maximaler Krafterzeugung – Verlängerte pharyngeale Transitzeit – Mukosasensibilitätsveränderung | – Erweitertes Ösophaguslumen – Rigide Ösophaguswand – Abnahme Ganglienzellen Plexus myentericus – Reduzierte Ösophagussensibilität – Sekundäre Ösophagusperistaltik reduziert oder ausbleibend – Eingeschränkte Funktion uÖS |
Medikamentenassoziierte Dysphagien
Antibiotika (Tetrazykline, Doxycyclin, Trimethoprim-Sulfamethoxazol, Clindamycin) |
Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Acetylsalicylsäure (ASS) |
Bisphosphonate |
Sildenafil (Phosphodiesterase-5-Hemmer, Vasodilatator) |
Kalium |
Theophyllin |
Chinidin (Antiarrhythmika) |
Eisensulfate (in Eisenpräparaten), Vitamin C |
Antipsychotika (Haloperidol, Risperidon u. a.) |
Anticholinergika |
Opioide, Morphine |
Antiepileptika |
Antidepressiva |
Analgetika (vorrangig Opioide) |
Antitumormedikamente (Vincristin und andere Alkaloide) |
Antihypertensiva |
Antiemetika (Metoclopramid) |
Begleitsymptome
Xerostomie
Anticholinergika: Atropin, Scopolamin (transdermale Pflaster, Tropfen) u. a. |
Blutdruckmedikamente (Alpha-Blocker, ACE-Hemmer, Angiotensin-II-Rezeptor-Blocker, Antiarrhythmika) |
Disopyramid |
Mexiletin |
Ipratropiumbromid |
Antihistaminika |
Diuretika |
Opiate |
Antidepressiva, Antipsychotika |
Retinoide |
Hypersalivation
Aspiration
Diagnostik
Anamnese
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Wie lange dauern Mahlzeiten (Kinder: mehr als 30 min)?
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Atemprobleme während/nach dem Essen
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Stimme, Sprache, Sprechen
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Körperkontrolle
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Allgemeinzustand
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Bewusstseinszustand (eher durch Fremdanamnese zu beurteilen)
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Bei Kindern: Gewichtszunahme/-stagnation, passen Alter/Größe/Gewicht zusammen? Stresst essen das Kind (und/oder den Erwachsenen)? Schnullerverwendung, Bruxismus (auch ein Zeichen für Schwerhörigkeit), kategorische Nahrungsmittelvorlieben (wählerisches Essverhalten typisch bei Störungen aus dem autistischen Formenkreis)
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Bei Erwachsenen: Gewicht stabil, Abnahme/Zunahme?
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Bestehen/bestanden pulmonale Infekte, wie häufig?
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Ernährung: oral, parenteral, Nasogastralsonde/PEG/perkutane endoskopische Jejunostomie (PEJ) sowie Kombinationen
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Bei Trachealkanülen: seit wann, Grund
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Bisherige Therapie (alle Therapieverfahren)
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Häusliche Situation (Heimbetreuung, Intensivpflege zu Hause, spezielle Einrichtungen)
Score | Charakteristika |
|---|---|
1 | Keine Trachealkanüle, effizientes Speichelschlucken |
2 | Keine Trachealkanüle, ineffizientes Speichelschlucken, gelegentlich gurgelnder Stimmklang und/oder gelegentliche Expektoration (Abstände größer als 1 h) bei ausreichenden Schutzmechanismen (effektives Rachenreinigen/Hochhusten) |
3 | Keine Trachealkanüle, ineffizientes Speichelschlucken, häufig gurgelnder Stimmklang und/oder häufige Expektoration (Abstände kleiner oder gleich 1 h) bei ausreichenden Schutzmechanismen (effektives Rachenreinigen/Hochhusten) |
4 | Keine Trachealkanüle bei unzureichenden Schutzmechanismen und gelegentliches Absaugen notwendig oder Trachealkanüle dauerhaft entblockt oder Sprechkanüle/Platzhalter als Absaugmöglichkeit für Speichel |
5 | Trachealkanüle länger entblockt (> 12 h bis 24 h) |
6 | Trachealkanüle länger entblockt (> 1 h bis ≤12 h) |
7 | Trachealkanüle kurzzeitig entblockt (≤ 1 h) |
8 | Trachealkanüle dauerhaft geblockt |
Score | Charakteristika |
|---|---|
1 | Voll oral ohne Einschränkung |
2 | Voll oral mit geringen Einschränkungen: Mehrere Nahrungskonsistenzen und mindestens eine Flüssigkeitskonsistenz ohne Kompensation oder Kompensation ohne Diäteinschränkung |
3 | Voll oral mit mäßigen Einschränkungen: Mehrere Nahrungskonsistenzen und mindestens eine Flüssigkeitskonsistenz mit Kompensation |
4 | Voll oral mit gravierenden Einschränkungen: Nur eine Nahrungskonsistenz und/oder eine angedickte Flüssigkeitskonsistenz mit oder ohne Kompensation |
5 | Überwiegend oral: Mehr als die Hälfte des Tagesbedarfs, Restbedarf via Sonde/parenteral |
6 | Partiell oral: Mehr als 10 TL täglich bis zur Hälfte des Tagesbedarfs, Restbedarf via Sonde/parenteral |
7 | Geringfügig oral: Weniger oder gleich 10 TL täglich, Restbedarf via Sonde/parenteral |
8 | Ausschließlich Sonde/parenteral |
Summenscore | Schweregrad |
|---|---|
2 | Keine Dysphagie |
3–4 | Leichte Dysphagie |
5–6 | Mäßiggradige Dysphagie |
7–10 | Mittelschwere Dysphagie |
11–14 | Schwere Dysphagie |
15–16 | Schwerste Dysphagie |
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Austrinken der gesamten Flüssigkeitsmenge nicht möglich
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Auftreten von Husten oder Erstickungsanfall bis zu 1 min nach Testende
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feucht-belegter, gurgelnder Stimmklang
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90-ml-Wasser-Test (3-Ounce Water Swallow Test)90 ml Wasser sollen ohne Unterbrechung aus einem Glas mit oder ohne Strohhalm getrunken werden. Vortests mit kleineren Wasserschlucken, z. B. vom Teelöffel (3 ml) können sinnvoll sein. Zeigen sich keine Symptome, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch keine Aspiration dünnflüssiger Konsistenzen vor [126].
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Gugging Swallowing Screen (GUSS)Die Konsistenzen „breiähnlich“/„flüssig“/„fest“ werden geprüft.
HNO-ärztliche Untersuchung
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Fazialisfunktion
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Drooling vorhanden?
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Lippenschluss, -spitzen, -spreizen
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Kiefer öffnen, schließen, seitlich bewegen
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Zunge herausstrecken, anheben, rückführen, kreisen, an den Lippen entlangführen, Zungenspitze in die Wangentaschen drücken
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Schnalzen
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Artikulationsdiadochokinese /pa/ta/ka/ 3‑mal hintereinander
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Mundschleimhautbeschaffenheit, Zahnstatus (Druckstellen Prothese?)
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Defekte, Narben im Mundraum, chronische Wunden, Aufbissverletzungen
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Taktile Sensibilität im Mund durch Berührung mit Watteträger
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Beurteilung Velumbeweglichkeit durch/a/-Phonation
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Würgreflex auslösbar? (vorderes, mittleres Drittel Zunge)
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Kontraktion der Pharynxmuskulatur durch sensorische Prüfung mit Endoskopspitze
Periphere Parese | Zentrale Parese | |
|---|---|---|
Willkürbewegungen | Aufgehoben | Aufgehoben oder beeinträchtigt |
Reflektorische, emotionale Bewegungen | Aufgehoben | Erhalten |
Muskeltonus | Erniedrigt | Anfangs erniedrigt, später erhöht |
Muskelatrophie | Bei längerem Bestehen vorhanden, an Zunge ggf. Ausbildung eines Sulkus | Nicht vorhanden |
Faszikulationen | Möglicherweise vorhanden | Nicht vorhanden |
Hyperkinesen | Nicht vorhanden | Möglicherweise vorhanden |
Instrumentelle Untersuchungen
Dynamische Bildgebung | Flexible Videoendoskopie: Pharynx, Larynx, Ösophagus, Magen, Duodenum |
|---|---|
Radiologische Bildgebung | |
Dynamische Bildgebung | Videofluoroskopie, Hochfrequenzkinematographie, Sonographie |
Statische Bildgebung | Ösophagogramm, Halsweichteile, NNH, HWS, CT, MRT, Thorax, Sonographie |
Gastroenterologische Verfahren | Ösophageale Hochgeschwindigkeitsmanometrie, 24-h-Stunden-pH-Metrie |
Nuklearmedizinische Verfahren | Schilddrüsen‑, Pharynx‑, Ösophagus‑, Speicheldrüsenszintigraphie |
ElektrophysiologischeVerfahren | Pharyngeale Computermanometrie, Elektromyographie |
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Abgrenzung struktureller und neurologischer Störungen
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Entscheidung, ob auf natürlichem Wege ausreichend Nahrung/Flüssigkeit angemessen aufgenommen werden kann oder Sonden- oder parenterale Ernährung erforderlich ist
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Entscheidung, ob Schutzmaßnahmen für die tiefen Atemwege sinnvoll sind (Tracheotomie)
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Indikation zur Speichelreduktion
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Entscheidungshilfen für Schluckversuche mit Nahrung, Nahrungsaufbau, Entblockung/Dekanülierung
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Modifikationen Nahrung/Flüssigkeit
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Empfehlung für weitere (bildgebende) Diagnostik (Videofluoroskopie, pH-Metrie, Manometrie, Gastroskopie) [136]
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Empfehlung für funktionelle Therapie
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Empfehlung zu prothetischen/operativen Maßnahmen (modifiziert nach [4])
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Haltungsänderung von Kopf/Oberkörper
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Auswirkung von Manövern auf das Schluckvermögen
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Sondenernährung (Nasogastralsonde, PEG)
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Empfehlungen zu diätetischen Maßnahmen
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bei Erfordernis chirurgische Therapie, auch zur Schluckverbesserung (z. B. Segeldurchtrennung, Rekonstruktion aryepipglottische Falte u. a.)
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Strukturen und Einzelfunktionen beurteilbar, die radiologisch nicht/unzureichend zu erfassen sind, z. B. Entzündungen, Defekte, diskrete Bewegungsstörungen
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Aspirationen von Speichel, die beim Schlucken von Fremdsubstanzen, z. B. Kontrastmittel, nicht in Erscheinung treten [90]
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Wiederholbar, auch zur Therapieevaluation
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Keine Strahlenexposition
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Die Untersuchung ist „vor Ort“, z. B. Intensivstationen, Alten‑/Pflegeheime
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Nutzung als Biofeedback-Verfahren
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Geringere Kosten als radiologische Diagnostik
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Orale Phase nicht zu beurteilen
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Während pharyngealer Phase Zungengrund, Rachen, Kehlkopfstrukturen nur unmittelbar vor/nach pharyngealer Phase zu sehen, „Mitnahmeeffekt“ des sich hebenden Velums und des sich kontrahierenden Pharynx meist in Kontakt mit der Rachenhinterwand, „white out“ [84] behindert die ausreichende Beurteilung der entscheidenden Komponenten Kehlkopfverschluss und Öffnung oÖS
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Beurteilung Ösophagusfunktionen eingeschränkt, bei mangelhafter Entfaltung Beurteilung Schleimhautrelief unzureichend, Endoskope üblicherweise zu kurz, um unteren Ösophagussphinkter einsehen zu können
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Menge aspirierten Materials nicht sicher einzuschätzen, wenn kein Tracheostoma vorliegt zur Trachea‑/Bronchusabgangsbeurteilung
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Bei motorischen Störungen wie Paresen, Ataxie, Tremor oder Dystonie, deutlich längsovalem Pharynxlumen oder ausgeprägter Larynxschiefe schwierige Positionierung des Endoskops ohne Torquierung, laterale Wegdrängung
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Vasovagale Reflexe mit Hypotonie/Bradykardie, Kollapsneigung, z. B. bei Berührung der Epiglottis durch Endoskopspitze, oder laryngealer Spasmus bei Berührung der Taschenfalten/Stimmlippen, aber selten [6].
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Wasserglas (alternativ Pappbecher), Löffel, Strohhalm, Holzspatel
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Götterspeise
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Flüssigkeit: Wasser, gefärbt mit blauer Lebensmittelfarbe
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Andickungsmittel zum Variieren der Flüssigkeit
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Feste Substanzen: Zwieback
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Reihenfolge variabel, jedoch üblicherweise Götterspeise, Wasser, Zwieback
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Position 0; Nasenrachen: Tubeneingänge und Gaumensegel. Durch /k/-Phonation („kalter Kaffee“) Beurteilung Velumokklusion getrennt für beide Seiten
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Position 1: Höhe der Gaumenbögen, Pharynx und Larynx mit Epiglottis, Panoramaübersicht
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Position 2: hinter oberem Epiglottisrand, Petiolus und Larynx sowie Hypopharynxeingang beidseits mit Pharynxrückwand, subglottische Region
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Position 3: postkrikoidal, Pharynxrückwand Arytänoide/Interarytänoidregion, Sinus piriformis bds. [4].
Untersuchung | Befunde |
|---|---|
Ruhebeobachtung | Strukturveränderungen: Defizite, Ödeme, Narben, Vorwölbungen der Rachenhinterwand, Laryngitis, Laryngitis posterior |
Stimmlippenstellung zur Glottisachse, Tonus-(Form‑)Veränderungen | |
Stimmlippenparesen, Hyperkinesen (Myoklonien, Tremor) Larynxskelett | |
Zeichen des gestörten Schluckablaufs: Residuen von Speichel/Sekret und Penetration, Aspiration von Speichel/Sekret (reflektorisches Husten, spontanes Räuspern) | |
Phonation | Phonation /e/ kurz hintereinander: Beurteilung der diadochokinetischen Beweglichkeit (bei spastischer Parese vermindert) |
Drooling | Herauslaufen Bolus oder Speichel aus Mund |
|---|---|
Regurgitation | Hochwürgen von Nahrung |
Leaking | Abgleiten Bolus in Rachen vor Auslösung Schluckreflex aufgrund gestörter Oralmotorik mit beeinträchtigter Boluskontrolle |
Pooling | Ansammlung von Substanzen im Hypopharynx aufgrund fehlender oder verspäteter Auslösung Schluckreflex |
Residuen oder Retentionen | Ansammlungen von Speichel, Sekret, Bolusanteilen in Mundhöhle, an Hypopharynxwänden, in Valleculae, Recessus piriformes, Postkrikoidregion |
Penetration | Übertritt von Speichel, Sekret, Bolusanteilen in Kehlkopftrichter ohne Durchtritt durch Stimmlippenebene |
Aspiration | Durchtritt von Speichel, Sekret, Bolusanteilen durch Stimmlippenebene hindurch |
Nasale Regurgitation/Penetration | Übertritt von Speichel, Sekret, Bolusanteilen in Nasopharynx, die Nasenhaupthöhle oder aus der Nase |
Endoskopischer Befund | Pathophysiologisches Korrelat |
|---|---|
Leaking (vorzeitiger Übertritt) prädeglutitive Aspiration prädeglutitives Pooling | Gestörte orale Boluskontrolle |
Verspätete Reflextriggerung | |
Residuen | |
Hinterer Nasengang | Ungenügender velopharyngealer Verschluss |
Pharynxwände | Ungenügende Pharynxkontraktion |
Valleculae und Recessus piriformis | Ungenügende Zungenschubkraft |
Reduzierte Kehlkopfhebung | |
Reduzierte Zungenbasisretraktion | |
Reduzierte Pharynxkontraktion | |
Postkrikoidregion | Reduzierte Öffnung des oberen Ösophagussphinkters |
Reduzierte Kehlkopfhebung und -anteriorbewegung | |
Penetration | |
Laryngeale Epiglottisfläche aryepiglottische Falten Taschenfalten Oberfläche der Stimmlippen | Reduzierte Kehlkopfhebung |
Reduzierte Dorsalbewegung der Epiglottis | |
Reduzierte Adduktion des Aditus laryngis | |
Sensibilitätsstörung, Störung der Schluckreflexauslösung | |
Aspiration | Reduzierter oder nicht zeitgerechter Verschluss des Aditus laryngis inklusive verminderter Epiglottiskippung |
Reduzierter oder nicht zeitgerechter Glottisschluss | |
Sensibilitätsstörung; Störung der Schluckreflexauslösung, der Hustenreflexauslösung | |
1 | Material dringt nicht in den Luftweg ein |
2 | Material dringt in den Luftweg ein, verbleibt oberhalb der Stimmlippen und wird aus dem Luftweg ausgestoßena |
3 | Material dringt in den Luftweg ein, verbleibt oberhalb der Stimmlippen und wird nicht aus dem Luftweg ausgestoßena |
4 | Material dringt in den Luftweg ein, kontaktiert die Stimmlippen und wird aus dem Luftweg ausgestoßen |
5 | Material dringt in den Luftweg ein, kontaktiert die Stimmlippen und wird nicht aus dem Luftweg ausgestoßen |
6 | Material dringt in den Luftweg ein, passiert bis unter die Stimmlippen und wird in den Larynx hinein oder aus dem Luftweg ausgestoßen |
7 | Material dringt in den Luftweg ein, passiert bis unter die Stimmlippen und wird nicht aus der Trachea ausgestoßen, trotz Bemühung |
8 | Material dringt in den Luftweg ein, passiert bis unter die Stimmlippen, und es wird keine Bemühung zum Ausstoßen unternommen |
Schweregrad | Aspirationssymptomatik |
|---|---|
0 | Keine Aspiration |
I | Gelegentliche Aspiration bei erhaltenem Hustenreflex |
II | Permanente Aspiration bei erhaltenem Hustenreflex oder gelegentliche Aspiration ohne Hustenreflex mit gutem willkürlichem Abhusten |
III | Permanente Aspiration ohne Hustenreflex mit gutem willkürlichem Abhusten |
IV | Permanente Aspiration ohne Hustenreflex, ohne willkürliches effektives Abhusten |
Schweregrad | Aspiration | Hustenreflex |
|---|---|---|
1 | Aspiration des im Aditus und Ventriculus laryngis retinierten Materials | Erhalten |
2 | Aspirationsvolumen von etwa 10 % des Bolus | Erhalten |
3 | Aspiration ≤10 % des Bolus Aspiration >10 % des Bolus | Reduziert erhalten |
Aspiration >10 % des Bolus | Fehlt |
Konservative Therapieoptionen
Funktionelle Therapie
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Ess‑/Trink-Begleitung: persönliche Hilfestellungen/Supervision während des Essens kann die Automatisierung veränderter Körperhaltungen beim Essen unterstützen sowie ggf. eine manuelle Unterstützung beim Anreichen von Nahrung sowie Training von Schlucktechniken usw. [11]
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Ess‑/Trink-Gewohnheiten:
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Veränderungen Essverhalten, z. B. ausreichend Zeit lassen (ggf. Pausen einlegen), beim Essen nicht reden, kleine Boli zu sich nehmen, gut kauen (ggf. Nachschlucken), optimale Körperhaltung, Mischkonsistenzen vermeiden [4]
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Differenzierte Schluckmanöver:
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Kopfneigung nach vorne („chin tuck“): Beim Schlucken Kopfneigung nach vorn-unten (Kinn in Richtung Brust). Förderung Zungenbeinelevation, Verminderung Penetration, besonders bei Flüssigkeiten, Effekte vom Schweregrad der Schluckstörung abhängig: je ausgeprägter die Störung, desto weniger wirksam ist es [104]
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Kopfneigung zur stärkeren Seite: bei einseitiger oraler und/oder pharyngealer Parese Bolusleitung über die „stärkere“ Seite leiten [11]
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Kopfdrehung entweder zur stärkeren oder betroffenen Seite: dadurch Bolustransport auf andere Seite geleitet, Öffnung des oÖS erleichtert, Kippen der Epiglottis deutlich beschleunigt, nachfolgend verbesserter Transport und Aspirationsschutz [60]
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Schlucktechniken
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Supraglottisches Schlucken: Aufforderung, den Atem anzuhalten vor und während des Schluckens, um Glottisschluss zu erreichen. Nach dem Schlucken sofortiges Räuspern und Nachschlucken [30]
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Mendelsohn-Manöver: Aufforderung, beim Schlucken Larynxelevation zu halten, dadurch Schluckprozessverlängerung, Hyoidelevation erhöht, Kontraktion Pharynxmuskulatur verstärkt [76]
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Diätische Maßnahmen: Veränderung der Konsistenz (z. B. durch Pürieren) [103]
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Eindicken von Flüssigkeiten umstritten. Zwar wurden geringere Aspirationsereignisse beim Eindicken von Flüssigkeiten festgestellt [120], das Eindicken führt jedoch zu einer signifikant geringeren Flüssigkeitsaufnahme [77]. Hansen postuliert, dass es bisher keine überzeugenden Daten gibt, dass das Eindicken die Rate der Pneumonien signifikant vermindert, die Mortalität verbessert [45]. Im Einzelfall sind Eindickungsmittel immer dann empfehlenswert, wenn sie nach Einschätzung der Betroffenen ein störungsfreieres Schlucken ermöglichen oder der Stress beim Trinken reduziert wird
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Trink/Esshilfen: spezielles Geschirr/Besteck kann das selbständige Essen erleichtern, das geeignete Platzieren des Bolus ermöglichen (z. B. auf die hintere Zunge) [11]
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Prothesen: z. B. Obturatorprothesen bei Velumdefekten oder Zungenparesen zur Verbesserung Zungen-Gaumen-Kontakt [140]
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Übungen:
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Masako-Manöver: Zungenspitze wird während des Schluckens von Speichel zwischen die Zähne „geklemmt“ und dadurch stabilisiert. Diese Übung erhöht und verlängert Kontraktion der oberen Rachenmuskeln und dadurch einen verbesserten Zungenbasis-Rachen-Verschluss [94]
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Shaker-Manöver (auch „chin tuck against resistance“): Kinn wird Richtung Brust gedrückt entweder gegen die Schwerkraft (Shaker Manöver) oder gegen einen Widerstand (z. B. Ball, gerolltes Handtuch oder spezielles Gerät, „chin-tuck against resistance“). Verbesserung Stärke/Ausdauer suprahyoidale Muskulatur und Öffnung des oÖS [70, 117]
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Zungenmuskeltraining: Die am häufigsten untersuchte Zungenübung ist die Zunge-gegen-Gaumen-Übung: Aufforderung, Zunge gegen harten Gaumen zu drücken, halten und loszulassen, Bewegung etwa 10-mal zu wiederholen, Zeitspanne über etwa 8 Wochen. Training Zungendruckverstärkung/oraler Transport [59]
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Mendelsohn-Manöver als Leerschluckübung. Die genannte Schlucktechnik kann auch restituierend eingesetzt werden: durch Wiederholung dieses Manövers Verbesserung der Dauer der Zungenbeinelevation und Dauer der oÖS-Öffnung [76]
Respiratorische Übungen
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Training exspiratorischer Muskulatur („expiratory muscle strength training“, EMST): Ausatmung gegen erhöhten Widerstand (z. B. mit Atemtrainer). Training Atemmuskulatur und Kräftigung submentaler Muskulatur mit positiver Auswirkung auf die Schluckeffizienz [21]
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Schluck-Atmen-Koordination: relativ neuer Einsatz; durch gezielte Übungen Koordinationsverbesserung, nachfolgend reduziertes Aspirationsrisiko [72]
Pharmakotherapie
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TRPV1-Agonisten (Transiente Rezeptor-Potenzial-Kationenkanäle der Unterfamilie V) z. B. Capsaicinoide und Piperine (schwarzer Pfeffer), Substanzen wirken auf TRPV1-Rezeptoren im Oropharynx mit Schluckreflexlatenzverkürzung, Larynxelevationsverbesserung, Effekte nur während der Substanzgabe nachweisbar, nicht langfristig auch ohne Gabe [19]
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ACE-Hemmer: Nebenwirkung der ACE-Hemmer erhöhte Auslösbarkeit des Husten‑/Räusperzwangs, kann therapeutisch eingesetzt werden, um die Latenz des Schluckreflexes zu verkürzen, die unwillkürliche Schluckfrequenz zu erhöhen und das Risiko für nächtliche Aspirationen zu verringern [3, 5]. Effekte diesbezüglich sind widersprüchlich [8]. Kalziumkanal-Antagonisten (Nifedipin) können Effekte bei Dysphagie zeigen [20].
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Botulinumtoxine (BTX): bei symptomatischen lokalen Dystonien im Hals‑/Kopfbereich (z. B. oromandibuläre Dystonie, krikopharyngeale Dystonie, retropharyngeale Störung). Wirkprinzip ist eine chemische Denervierung an der motorischen Endplatte. Bei Patienten mit Torticollis spasticus stellt die BTX-Behandlung ein bewährtes Konzept da, das Risiko einer Dysphagie durch Diffusion des Toxins in die larynxnahe Peripherie ist vorhanden, wenn auch reversibel [65]. Botulinumtoxininjektion zur Speichelexkretionsreduktion in die großen Speicheldrüsen, alle 3–4 Monate Wiederholung erforderlich [53]
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Hypersalivation: anticholinerge Muscarinrezeptor-Antagonisten (MRA), z. B. Atropin, Scopolamin und Glycopyrrolat: intravenös/intramuskulär, transdermal (Pflaster) oder per Tropfen/Spray, Scopoderm und Atropin „off-label use“ (Glycopyrrolat 2016 bei Kindern ab 3 Jahren und Jugendlichen zugelassen) [29, 30]
Neurostimulation
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Zentrale Stimulation:
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Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS): durch Elektrostimulation über Elektroden an der Hautoberfläche des Schädels wird die Schwelle zur Entladung stimulierter Neuronen reduziert, die Entladungsrate moduliert
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Transkranielle Magnetstimulation (TMS): durch ein magnetisches Feld mit aufgelegten Spulen werden Aktionspotenziale der Nervenzellen stimuliert oder gehemmt, abhängig von der Impulsquote [20]
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Periphere Stimulation:
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Transkutane neuromuskuläre Elektrostimulation (NMES): Durch Elektroden an der Hauptoberfläche am Hals werden während des Schluckens (bzw. der Schlucktherapie) gezielt Nerven und Muskelgruppen gereizt. Bis jetzt gibt es keinen eindeutigen Hinweis auf eine Effektivität dieses Verfahrens [128]
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Pharyngeale Elektrostimulation (PES): durch transkutane elektrische Stimulation der Pharynxmukosa (mit einer Sonde transnasal oder transoral) neuroplastische Veränderungen retrograd fördern [20]
Radiatio bei Hypersalivation
Chirurgische Therapieoptionen
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Verbesserung der organisch und/oder neuromuskulär verursachten Bolustransportstörung
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Verbesserung der organisch und/oder neuromuskulär verursachten Aspiration
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Positionierung der Laryngohyoid-Einheit durch Raffung, Fixierung
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Protektion des Larynxeingangs durch Absenkung Epiglottis/Zungengrundkomplex oder Elevationsplastik der Interarytänoidregion
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Öffnung oberer Speiseröhrensphinkter durch Bougierung oder Myotomie:
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Eine Myotomie kann entweder extern (laparoskopisch) oder endoskopisch (minimalinvasiv) durchgeführt werden zur Verbesserung der bei Öffnung des oÖS in der pharyngealen Phase. Die Myotomie ist am effektivsten, gefolgt von Dilatation, nachfolgend die Botulinumtoxin-Injektion (wenn auch am wenigsten invasiv) [15]
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Bei zervikalen Osteophyten operative Abtragung möglich, wenn eindeutig mechanische Obstruktion besteht, eine Verbesserung der pharyngealen Schluckkompetenz ist nicht garantiert [25]
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Ossifikationen Lig. stylohyoideum (Eagle-Syndrom), Elevation der Laryngohyoid-Einheit kann behindert sein und Odynophagie auslösen: Resektion des Styloids kann sinnvoll sein [4]
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Hyperplastischer Zungengrund, Epiglottiszysten: klinisch bestehen postoperativ weiterhin oft Schluckschwierigkeiten. Epiglottiszysten sind selten Ursache einer Dysphagie [4]
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Aussackungen im muskelfreien Dreieck der Membrana thyrohyoidea: Ist eine Vagusparese ausgeschlossen, kann körpereigener Knorpel die Wand verstärken, um die Aussackung zu reduzieren [4]
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Zenker-Divertikel: endoskopische oder offene Operation
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Unilaterale Pharynxwand-Defekte: Bei Vagusparalyse kann die pharyngeale Wand sich sackartig aufweiten. Eine Pharynxteilresektion/-straffung kann eine funktionelle Integrität herstellen [4]
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Segelbildung: alle narbigen Veränderungen im Pharynx (z. B. aryepiglottische Falte) und im Ösophagus können die Boluspassage verhindern, eine Durchtrennung und ggf. Mukosaläppchenbildung zur Vermeidung eines erneuten Narbensegels können sinnvoll sein [4]
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Verbesserung velopharyngealer Verschluss
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Annäherung Velum an Rachenhinterwand durch Velopalatoplastik, ggf. mit Unterfütterung Velumhinterwand durch körpereigenes Fett oder Silikon
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Verbesserung laryngealer Verschluss
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Stimmlippenaugmentation bei Stimmlippenparese (einseitig), Stimmlippenschluss zum Schutz der Atemwege beim Schlucken
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Ödemabtragung z. B. bei chronischen Arytänoidödemen
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Medianverlagerungstechniken der Stimmlippe
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Endoskopische Injektions- oder Implantationsaugmentation durch Einsatz von körpereigenem oder -fremden Material zur Rekonstruktion der Stimmlippe
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Thyroplastik: durch ein Schildknorpelfenster wird entweder körpereigenes oder körperfremdes Material eingebracht, um eine Verlagerung der gelähmten Stimmlippe und dadurch einen verbesserten Glottisschluss herzustellen
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Arytänoid-Adduktion (meist mit Thyroplastik kombiniert): der gelähmte Aryknorpel wird an Proc. muscularis gezogen und ventral am Knorpelfenster befestigt, um paretische Stimmlippe in medialere Stellung zu bringen [50]
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Augmentationen Taschenfalte(n) mit Fett
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Epiglottisabsenkung operativ nach dorsal verlagert für besseren Schutz Larynxeingang
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Elevationsplastik Interarytänoidregion: Bei einer Interarytänoid-Aspiration kann chirurgisch diese „Schwelle“ erhöht werden [4]
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Positionierung Laryngohyoid-Einheit: Verlagerung Laryngohyoid-Einheit nach ventral durch Elevation Epiglottis, auch mit Myotomie M. cricopharyngeus kombinierbar [4]
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Spezielle Chirurgie bei lebensbedrohender AspirationAls Ultima ratio ist ein temporärer oder dauerhafter Verschluss des Larynx möglich, das bedeutet die Trennung der Luft- und Schluckwege. Dieses Vorgehen ist immer mit einer dauerhaften Tracheotomie verbunden
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Supraglottischer Verschluss Kehlkopf: Die paarigen Hypopharynxanteile werden zusammengenäht (z. B. Taschenfalten-Vernähung und Epiglottoaryepiglottopexie). Inwiefern diese Operation reversibel ist, bleibt kritisch abzuwarten durch Vernarbungs- und Umstrukturierungsprozesse
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Laryngotracheale Separation/Diversion: Tracheadurchtrennung, der untere Trachealstumpf wird Tracheastoma, der obere Trachealstumpf entweder zugenäht (Separation) oder in Ösophagus umgeleitet (Diversion), Reversibilität ist nicht garantiert [4]
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Reversibler Trachealverschluss mit Laryngohyoidopexie durch Einsetzen Haut-Platysma-Faszien-Insellappen und Laryngohyoidopexie mit subglottischem plastischem Verschluss Atemweg. Einsetzen eines Stimmventils möglich [4]
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Laryngektomie: permanente Trennung Luft‑/Speisewege. Trotzdem sind nicht alle Patienten danach in der Lage, sich ausreichend oral zu ernähren [24]. Dieser Eingriff wirft insbesondere bei schwerstbetroffenen Kindern ethische Fragen auf. Letztendlich muss zwischen eigenen ethischen Vorstellungen und dem Wunsch auch der Angehörigen abgewogen werden
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Ausblick
Fazit für die Praxis
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Schluckstörungen haben vielfältige Ursachen.
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Sie können in jedem Lebensalter bestehen oder beginnen, je nach funktionellem, anatomischem oder neurobiologischem Korrelat.
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Sie können zu erhöhter Mortalität bei Lungenkomplikationen und Mangelernährung einerseits sowie einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität andererseits führen.
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Anamnese und Diagnostik erfordern eine interdisziplinäre Fokussierung auf das Symptom Dysphagie und einer nicht nur HNO-/phoniatrisch-spezifischen Expertisenbeurteilung, weil Schluckstörungen vieldimensionale Ursachen haben.
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Vorrangig ist die HNO-/phoniatrisch-ärztliche Expertise von Bedeutung in der Durchführung von onkologischen Operationen im Bereich der Schluckstraße unter möglichst großer Schonung der schluckrelevanten Strukturen sowie die Planung postkurativer, individueller Operationen zur Verbesserung des Bolustransports und der Vermeidung von Aspirationen.
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Die konservativen Möglichkeiten der Dysphagiebehandlung durch Ernährungsberatende, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten komplettiert die interdisziplinäre kompetente und patientenzentrierte Betreuung.
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Für eine ganzheitliche Betrachtung kann am Lebensende auch die Entscheidung gegen eine PEG-Anlage/Ernährung und/oder eine Tracheotomie stehen.