Anästhesie bei seltenen Erkrankungen
Autoren
Heike Kaltofen, Dierk A. Vagts, Uta Emmig und Peter Biro

Fragiles-X-Syndrom

Fragiles-X-Syndrom.
Synonyme
Martin-Bell-Sy; Marker-X-Sy; Fra(X)-Sy; FXS
Oberbegriff
Chromosomenanomalie.
Organe/Organsysteme
ZNS, Gesichtsschädel, Extremitäten.
Inzidenz
1–5:10.000.
Ätiologie
Punktmutation auf dem X-Chromosom: inaktiviertes, aberrant methyliertes FRM1-Gen. Pathophysiologische Ursache des Fragilen-X-Syndroms ist der damit verbundene Verlust des FRM1-Proteins, welches am Stoffwechsel der Neurotransmitter in den Dendriten der Gehirnzellen beteiligt ist. In der Folge kommt es zu einer dauerhaften Übererregung der Synapsen mit konsekutiver Schädigung von Dendriten. Dieser Defekt entwickelt sich durch Prämutationen über mehrere Generationen hinweg und tritt phänotypisch vorwiegend bei männlichen Nachkommen auf. Männliche Prämutationsträger entwickeln in 30 % der Fälle mit zunehmendem Alter das FXTAS (Fragiles-X-Tremor-Ataxie-Syndrom), welches mit Tremor, Ataxie und Demenz einhergeht. Bei Frauen ist das Fragile-X-Syndrom weniger ausgeprägt.

Symptome

ZNS: Intelligenzminderung, Lernschwäche, Störungen der Sprachentwicklung, Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität, Aggressivität, Autismus, Epilepsie, psychomotorische Retardierung.
Gesichtsschädel: lange, ovale Gesichtsform, große abstehende Ohren, Progenie.
Vergesellschaftet mit
Häufigste Ursache für genetisch bedingte Intelligenzminderung.
Bindegewebsschwäche, muskuläre Hypotonie, Mitralklappenprolaps, Aortenelongation, obstruktives Schlafapnoe-Syndrom, überstreckbare Gelenke, Kyphoskoliose, Trichterbrust, Infertilität, Ovarialinsuffizienz, Hodenvergrößerung.

Anästhesierelevanz

Spezielle präoperative Abklärung
Neurologischer Status, Echokardiografie, EKG.
Vorgehen
Häufig stehen die Patienten unter einer Medikation mit Psychopharmaka. Zum Einsatz kommen unter anderem Antidepressiva, selektive Serotonin-Reuptakehemmer (Sertraline), Cannabinoid-Antagonisten, Minocyclin (Antibiotikum). Eine kausale Therapie ist nicht möglich. Die Interaktion dieser Medikamente mit den Anästhetika sollte berücksichtigt werden.
Die perioperative psychologische Führung von den häufig unkooperativen Kindern und deren genetisch möglicherweise ebenfalls vorbelasteten Eltern kann eine große Herausforderung darstellen. Grundsätzlich sollten Anästhesieverfahren mit kurzwirksamen Substanzen durchgeführt werden, um das Schlafapnoe-Risiko zu minimieren. Eine entsprechend verlängerte postoperative Überwachung ist anzusetzen.
Wegen der Bindegewebsschwäche ist auf sorgfältige Lagerung zu achten. Bis zu 80 % der männlichen Patienten weisen einen Mitralklappenprolaps auf, der häufig im Vorfeld als asymptomatisch beschrieben ist, während der Anästhesie jedoch Kreislaufinstabilitäten hervorrufen kann.
Weiterführende Literatur
Butler M, Hayes B, Hathaway M et al (2000) Specific genetic diseases at risk for sedation/anesthesia complications. Anesth Analg 91:837–855CrossRefPubMed
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