Braun-Falco's Dermatologie, Venerologie und Allergologie
Autoren
Thomas Werfel

Nahrungsmittelallergien

Nahrungsmittelallergien sind immunologisch bedingte Überreaktionen, die mit klinischen Symptomen nach dem Genuss der betreffenden Nahrungsmittelallergene assoziiert sind. Oft ist das Hautorgan betroffen. Nahrungsmittelallergien sind mit einer Lebenszeitprävalenz von etwa 5 % recht häufig. Der Pathomechanismus von Nahrungsmittelallergien ist sehr gut aufgeklärt, großer Forschungsbedarf besteht jedoch zu den von Betroffenen häufig vermuteten, jedoch in der Klinik selten reproduzierbaren, nicht immunologischen Intoleranzreaktionen auf Nahrungsmittelinhaltsstoffe, zum Beispiel auf das biogene Amin Histamin. Möglicherweise gibt es Optionen, Nahrungsmittelallergien durch orale Toleranzinduktion im Säuglingsalter vorzubeugen – trotz einiger ermutigender Studien gibt es hierfür aber noch keine sicheren Daten oder Empfehlungen.
Definition und Epidemiologie
Nahrungsmittelallergien sind immunologisch bedingte Überreaktionen, die mit klinischen Symptomen nach dem Genuss der betreffenden Nahrungsmittelallergene assoziiert sind. Oft ist das Hautorgan betroffen. Während der Pathomechanismus von Nahrungsmittelallergien sehr gut aufgeklärt ist, besteht in diesem Zusammenhang immer noch großer Forschungsbedarf zu den von Betroffenen häufig vermuteten, jedoch in der Klinik selten reproduzierbaren, nicht immunologischen Intoleranzreaktionen auf Nahrungsmittelinhaltsstoffe, zum Beispiel auf das biogene Amin Histamin.
Nahrungsmittel werden sehr häufig als Ursache von Krankheitserscheinungen vermutet. Die Kausalität zu beweisen bereitet jedoch oft erhebliche diagnostische Schwierigkeiten. Nur jeder zehnte Mensch, der glaubt, unter einer Nahrungsmittelunverträglichkeit zu leiden, entwickelt objektivierbare Symptome nach kontrollierter oraler Provokation. Dennoch sind Nahrungsmittelallergien recht häufig mit einer Lebenszeitprävalenz von etwa 5 %. Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass sich Nahrungsmittelallergien durch gezielte orale Toleranzinduktionen im ersten Lebensjahr reduzieren lassen könnten; bestätigende Untersuchungen hierzu müssen aber noch abgewartet werden, bevor konkrete Empfehlungen für die Praxis gegeben werden können.
Differenzialdiagnose und Klinik
Die wichtigsten Differenzialdiagnosen der (vermuteten) Nahrungsmittelunverträglichkeit sind Projektionen und Aversionen, Stoffwechselkrankheiten (zum Beispiel Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption), Intoxikationen (bakterielle Toxine) sowie – relativ selten objektivierbar – pseudoallergische Reaktionen auf Nahrungsmitteladditiva oder biogene Amine.
Bei echten Nahrungsmittelallergien, definiert als immunologisch bedingte Überreaktion, die obligat mit klinischen Symptomen assoziiert sind, ist das Hautorgan besonders häufig betroffen. Folgende Symptome sind im Rahmen von IgE-vermittelten Soforttypreaktionen zu beobachten:
  • Oropharyngeale Symptome: Schwellung der Lippen, Zunge und/oder des Gaumens (Angioödeme), oraler und/oder pharyngealer Pruritus
  • Kutane Symptome: Urtikaria, Angioödem, flüchtiges Erythem (Flush), Exanthem, Pruritus, Ekzemverschlechterung bei atopischem Ekzem
  • Gastrointestinale Symptome: Nausea, Erbrechen, Diarrhoe, kolikartige Bauchschmerzen, gastroösophagealer Reflux
  • Respiratorische Symptome: Rhinoconjunctivitis allergica, Larynxödem, Stridor, Heiserkeit, Husten, Asthma bronchiale allergicum mit thorakalem Engegefühl, Dyspnoe, Giemen und Zyanose
  • Anaphylaktische Kreislaufreaktion
Neben IgE-vermittelten immunologischen Reaktionen treten seltener T-Zell-vermittelte Nahrungsmittelallergien auf, die sich klinisch an der Haut als Ekzemverschlechterungen bei atopischem Ekzem oder als hämatogenes Kontaktekzem äußern. Auch bei eosinophiler Ösophagitis kann eine Nahrungsmittelallergie das klinische Bild prägen, wobei hier sowohl IgE-abhängige als auch zelluläre Mechanismen eine kritische Rolle spielen können.
Nur wenige Nahrungsmittel sind für die Auslösung der meisten Nahrungsmittelallergien im Kindesalter ursächlich. Hierbei handelt es sich insbesondere um Hühnerei und Kuhmilch; auch Soja, Weizen, Fisch, Baumnüsse und die zu den Hülsenfrüchten gehörenden Erdnüsse zählen zu den häufigeren Auslösern im Kindesalter.
Dagegen treten im Erwachsenenalter Nahrungsmittelallergien in mehr als 50 % kombiniert mit einer Inhalationsallergie auf. Pollenassoziierte Obst-, Gemüse- und Gewürzallergien können aber auch bereits im Kindesalter vorkommen.
Diagnostisches Vorgehen
Ein stufenweises Vorgehen unter Berücksichtigung individueller Faktoren ist sinnvoll. Die Diagnostik der Nahrungsmittelallergie unterscheidet sich nicht wesentlich von der Diagnostik anderer allergischer Erkrankungen: Nach einer gründlichen Anamnese, eventuell vertiefend erhoben nach Erstellung eines Symptomtagebuchs durch die Patienten, kommen gezielte Tests zum Nachweis einer Sensibilisierung (in der Regel Pricktests oder In-vitro-Nachweisverfahren von spezifischem IgE im Serum) zum Einsatz. Eine anschließende diagnostische Allergenkarenz kann bei unklaren Fällen sinnvoll sein. Die gezielte orale Provokation stellt die einzige Möglichkeit dar, Nahrungsmittelallergien zu beweisen, wenn die Anamnese nicht eindeutig ist.
Der diagnostische Stellenwert der Anamnese ist hoch bei Nahrungsmittelallergien vom Soforttyp und niedrig bei verzögert einsetzenden Symptomen, die in Zusammenhang mit dem Genuss von Nahrungsmitteln gebracht werden. Differenzialdiagnostisch sollten vor allem Infektionen, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Kohlenhydratmalabsorptionen oder funktionelle beziehungsweise somatoforme Störungen in Betracht gezogen werden.
Im Gegensatz zur klassischen Nahrungsmittelallergie mit einer gastrointestinalen Sensibilisierung gegen vorwiegend stabile Nahrungsmittelallergene geht man bei Kreuzreaktionen davon aus, dass die primäre Sensibilisierung meist durch ein Inhalationsallergen erfolgt (Tab. 1). In Bezug auf die Anamnese ergibt sich hieraus die Besonderheit, dass bereits der Erstkontakt mit dem Nahrungsmittel (zum Beispiel exotische Früchte) zu allergischen Symptomen führen kann. Für Allergien gegenüber hitze- und säurestabilen Allergenen, gegen die eine Sensibilisierung über den Gastrointestinaltrakt erfolgte, wurde der Begriff der Klasse-I-Nahrungsmittelallergien geprägt, bei Kreuzallergien kann man von Klasse-II-Nahrungsmittelallergien sprechen.
Tab. 1
Nahrungsmittelallergien aufgrund von Kreuzreaktionen*
Inhalationsallergene
Nahrungsmittel
Häufigere Konstellationen
Baumpollen
Apfel, Haselnuss, Karotte, Kartoffel, Kirsche, grüne Kiwi, Nektarine, Pfirsich, Aprikose, Pflaume, Sellerie, Soja, Feige
Beifußpollen
Gewürze, Karotte, Mango, Sellerie, Sonnenblumensamen
Naturlatex
Ananas, Avocado, Banane, Kartoffel, Kiwi, Tomate, Esskastanie, Pfirsich, Mango, Papaya, Acerola-Kirsche, Sellerie
Seltenere Konstellationen
Ficus benjamina
Feige, Kiwi, Banane, Papaya, Ananas und Avocado
Gräser- und Getreidepollen**
Mehle, Kleie, Tomate, Hülsenfrüchte
Hausstaubmilbe
Schalen- und Weichtiere
Tierepithelien
Fleisch
Traubenkrautpollen (Ragweedpollen, Ambrosia)***
Melone, Zucchini, Gurke, Banane
Vogelfedern
Ei, Geflügel, Innereien
*Übernommen aus der AWMF-Leitlinie zur Nahrungsmittelallergie durch Kreuzreaktionen (Worm et al. 2014).
**Kreuzreaktionen zwischen Gräser- oder Getreidepollen und Nahrungsmitteln sind extrem selten.
***Häufiger in den USA, Tendenz in Europa zunehmend.
In den letzten 15 Jahren wurden viele Allergene genau charakterisiert. Für die mit Birkenpollen assoziierte Nahrungsmittelallergie werden zum Beispiel drei Birkenproteine (Bet v 1, Bet v 2 und Bet v 6) für viele Kreuzreaktionen zu pflanzlichen Lebensmitteln verantwortlich gemacht, weiterhin sind Kreuzreaktionen zu homologen Lebensmittelproteinen für weitere Proteine (Bet v 7 und Bet v 8) möglich. Eine profunde Allergenkunde ermöglicht das Erheben einer differenzierteren Anamnese. Aktuelle Informationen zu Allergenen sind kostenfrei über http://www.allergen.org, http://www.allergenonline.org, http://www.allergome.com oder http://www.meduniwien.ac.at/allergens/allfam/ erhältlich; eine aktualisierte Tabelle zu wichtigen Allergenen findet sich auch in der deutschsprachigen Leitlinie zur IgE-vermittelten Nahrungsmittelallergie (Worm et al. 2015, http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/061-031l_S2k_Management_IgE-vermittelter_Nahrungsmittelallergien_2016-06.pdf. Zugegriffen am 05.11.2017).
Zur Diagnostik einer Nahrungsmittelallergie gehört nach der Erhebung von anamnestischen Angaben der Nachweis der spezifischen Sensibilisierung.
Der Pricktest ist der Standard-Hauttest zum Nachweis einer Sensibilisierung bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergie.
Im Gegensatz zu den wichtigsten Inhalationsallergenen existieren bei Nahrungsmitteln nur wenige gut standardisierte Extrakte (gegen Erdnüsse, Haselnüsse, Fisch, Hühnerei, Meeresfrüchte oder Milch). Das Risiko einer systemischen allergischen Reaktion ist bei Pricktests mit Nahrungsmittelallergenen gering, darf aber bei Verdacht auf eine hochgradige Sensibilisierung nicht völlig außer Acht gelassen werden. Der Prick-zu-Prick-Test ist eine Sonderform unter Verwendung von nativem Material. Hier wird mit der Pricklanzette in das zu testende Nahrungsmittel und anschließend in die Haut der Testperson gestochen. Dieses Vorgehen ist häufig sensitiver als mit kommerziellen Extrakten.
Der Scratch-Test (Skarifikationstest) hat wegen der Traumatisierung der Haut mit falsch positiven Ergebnissen und der Reibtest wegen fehlender klinischer Reproduzierbarkeit im Rahmen der Nahrungsmittelallergiediagnostik eine untergeordnete Bedeutung. Der Intrakutantest sollte wegen des höheren Risikos allergischer Reaktionen und der häufig unspezifischen Reaktion nur ausnahmsweise durchgeführt werden.
Der Epikutantest mit Nahrungsmitteln (Atopie-Patch-Test) hat keinen Stellenwert in der Alltagsdiagnostik, kann aber eine sinnvolle Ergänzung bei wissenschaftlichen Fragestellungen zum durch Nahrungsmittel triggerbaren atopischen Ekzem darstellen. Bei positiven Ergebnissen sollte auch hier stets eine weitergehende Diagnostik durch gezielte diagnostische Eliminationsdiät und orale Provokation durchgeführt werden, bevor gegebenenfalls eine Diät eingeleitet wird.
Für Routineuntersuchungen sind zum Teil sehr gut standardisierte Testmethoden zu Bestimmungen von spezifischen IgE-Antikörpern im Serum verfügbar. In-vitro-Testungen werden insbesondere bei kleinen Kindern den psychisch häufig stärker belastenden Hauttestungen vorgezogen. Weitere Indikationen für die In-vitro-Testung können mangelnde Testfähigkeit des Patienten (Ekzeme an den Teststellen, Urticaria factitia) oder die Behandlung mit Medikamenten sein, die eine Testreaktion unterdrücken.
Studien haben gezeigt, dass der Einsatz von rekombinanten Allergenen im In-vitro-Test sinnvoll sein kann, um durch das Sensibilisierungsmuster eine potenziell schwere von einer potenziell leichteren Reaktion abzugrenzen oder Hinweise auf spezielle klinische Entitäten zu erhalten. So ist eine Sensibilisierung gegen das Erdnussallergen Ara h 2 eher mit einer systemischen Reaktion assoziiert, während eine Sensibilisierung gegen das mit Birkenpollen assoziierte Erdnussallergen Ara h 8 eher mit einer Lokalreaktion assoziiert ist. IgE-Antikörper gegen Tri a 19 (Omega-5-Gliadin) weisen auf eine anstrengungsabhängige Weizenallergie hin. Das seltene Katzen-Schweinefleisch-Syndrom ist mit einer Sensibilisierung gegen Fel d 2 oder Bos d 6 assoziiert, die verzögerte Fleischallergie tritt nach Sensibilisierung gegen Galactose-α-1,3-Galactose (α-GAL) auf.
Spezifische IgG-Antikörper und Lymphozytentests haben keinen Stellenwert in der Routinediagnostik der Nahrungsmittelallergie.
Die Untersuchung von spezifischem IgE (nicht jedoch von spezifischem IgG) ist Bestandteil der allergologischen Diagnostik bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergie.
Sowohl die IgE-Titer als auch die Stärke der Pricktest-Reaktionen korrelieren mit der Wahrscheinlichkeit von klinischen Reaktionen. Dennoch zeigen spezifische IgE- und positive Pricktest-Reaktionen in vielen Fällen stumme, klinisch nicht relevante Sensibilisierungen gegen Nahrungsmittelallergene an. Dieses spricht gegen ein unselektives Screenen in der Individualdiagnostik. In bis zu 10 % der Fälle kommt es weiterhin zu klinischen Soforttypreaktionen bei negativen IgE-Werten oder ausbleibenden Pricktest-Reaktionen.
Besteht ein Verdacht gegen ein Nahrungsmittel, der sich durch Anamnese und Allergietestungen nicht eindeutig spezifizieren lässt, kann eine diagnostische Eliminationsdiät hilfreich sein. Diese wird nach einer entsprechenden Ernährungsberatung meist zu Hause über mehrere Wochen durchgeführt. Bei komplexer Symptomatik beziehungsweise dann, wenn – zum Beispiel beim atopischen Ekzem – viele Triggerfaktoren das Krankheitsbild bestimmen, führt die diagnostische Eliminationsdiät allerdings selten zur eindeutigen Aussage der klinischen Relevanz des eliminierten Nahrungsmittels. Im Anschluss an die diagnostische Diät muss in diesen Fällen dann ein oraler Provokationstest mit dem verdächtigten Nahrungsmittel durchgeführt werden, um eine klinisch relevante Allergie zu beweisen.
Patienten mit zweifelsfrei zuzuordnenden schweren Soforttypreaktionen auf Nahrungsmittel werden in der Regel keiner Provokationstestung unterzogen. Auch stellen bedrohliche Soforttypreaktionen in der Anamnese eine Kontraindikation für die Durchführung von oralen Provokationstests dar.
Offene orale Provokationen haben einen hohen diagnostischen Stellenwert, wenn sie im Ergebnis negativ sind. Grenzen des offenen Provokationstests sind durch psychologische Faktoren, fehlende Objektivierung und bei zu erwartenden Spätreaktionen gegeben. Standard ist die doppelblinde, plazebokontrolliert durchgeführte orale Nahrungsmittelprovokation. Dieses gilt sowohl für IgE-vermittelte Reaktionen gegen klassische Nahrungsmittelallergene und pollenassoziierte Nahrungsmittelallergene als auch für durch Nahrungsmittel verschlechterte Ekzemreaktionen.
Bei negativen Ergebnissen nach oraler Provokation muss – insbesondere bei intermittierender Symptomatik in der Anamnese – bedacht werden, dass gegebenenfalls Augmentationsfaktoren bei der Auslösung eine Rolle spielen können, wie körperliche Belastung, hormonelle und psychische Faktoren, interkurrente Infekte, die Einnahme von Medikamenten oder Alkohol und die Möglichkeit, dass erst die Kombination mehrerer Nahrungsmittel oder Nahrungsmittel plus Arzneimittel (zum Beispiel Acetylsalicylsäure) Symptome auslöst. Bei Patienten mit einer belastungsabhängigen allergischen Reaktion auf Nahrungsmittel muss die orale Provokation nach 45–60 min von einer altersadäquaten körperlichen Belastung am Ergometer oder Laufband gefolgt werden.
Nur mittels oraler Provokation kann die klinische Aktualität von vorhandenen Sensibilisierungen oder vermeintlich beobachteten Symptomen in vielen Fällen wirklich gesichert werden.
Der relativ große Aufwand der oralen Provokationstestung ist bei jüngeren Patienten gerechtfertigt, um zu einer gezielten Karenzempfehlung potenziell gefährlicher Nahrungsmittel zu gelangen beziehungsweise um unsinnige Diäten zu vermeiden. Auf ein bis zwei Nahrungsmittel beschränkte, stationär durchgeführte orale Provokationstestungen sind unter DRG-Bedingungen derzeit wirtschaftlich realisierbar, während der aktuelle EBM den Aufwand der oralen Provokation, die unter ärztlicher Aufsicht in Notfallbereitschaft in der Praxis durchgeführt wird, nicht adäquat abbildet.
Besonderheiten bei der Abklärung der vermuteten Nahrungsmittelallergie bei Ekzemkrankheiten
Fast alle Eltern von erkrankten Kindern fragen nach dem Einfluss von Nahrungsmitteln auf den Verlauf des atopischen Ekzems. Etwa jedes dritte Kind unter 2 Jahren mit einem moderaten bis schwer ausgeprägten atopischen Ekzem reagiert tatsächlich auf ein Nahrungsmittel, der Anteil von Nahrungsmittelallergikern bei gering ausgeprägten Ekzemen, bei älteren Kindern, Jugendlichen und bei Erwachsenen mit atopischem Ekzem ist dagegen deutlich geringer.
Von den reagierenden Patienten mit atopischem Ekzem erfährt etwa die Hälfte auch eine Verschlechterung des Hautzustandes, die sich meist erst am Tag nach oraler Provokation objektivieren lässt. Entsprechend sensibilisierte Patienten können eine Ekzemverschlechterung auch nach dem Genuss von pollenassoziierten Nahrungsmitteln erfahren.
Bei der Abklärung von Nahrungsmitteln als Triggerfaktoren von Ekzemreaktionen ist es essenziell, dass die Haut der Patienten 16–24 h nach oraler Provokation durch den Arzt nochmals begutachtet wird – erfahrungsgemäß schätzen die Patienten und Angehörige den Hautzustand oft nicht richtig ein. Auch ist es wichtig, dass eine Plazebokontrolle unter identischen Bedingungen durchgeführt wird, da Ekzemverschlechterungen durch die multifaktorielle Genese der Ekzeme aus anderen Gründen als einer Nahrungsmittelallergie eintreten können.
Hautveränderungen im Sinne eines dyshidrotischen Hand- und Fußekzems – seltener auch disseminierte Ekzemmorphen – entwickeln sich beim hämatogenen Kontaktekzem meist innerhalb eines Tages nach Allergenzufuhr. Als allergene Auslöser sind neben Arzneistoffen vor allem Metallsalze, insbesondere Nickel, sowie pflanzliche Stoffe, insbesondere Perubalsam, in Nahrungsmitteln beschrieben. Wegen der Seltenheit des Krankheitsbildes und der unzureichenden Studienlage sollten restriktive Diäten (zum Beispiel nickelarm) nur bei sorgfältig ausgewählten Patienten erwogen werden.
Histaminintoleranz
Exogen aufgenommene biogene Amine können Unverträglichkeitsreaktionen hervorrufen, höhere Histaminmengen lösen zum Beispiel Intoxikationen (beispielsweise nach Verzehr von verdorbenem Fisch) aus.
Histamin wird insbesondere im Dünndarm mittels Methylierung durch die Histamin-N-Methyltransferase und oxidativ durch die Diaminooxidase abgebaut. Als Ursache einer Unverträglichkeit gegenüber oralem Histamin wurde ein gestörter Katabolismus von Histamin infolge eines Diaminooxidasemangels postuliert; bewiesen ist dieser kausale Zusammenhang nicht. Die Bestimmung der Diaminooxidase, des Histamingehalts im Plasma oder des Methylhistamingehalts im Urin für die Diagnostik der Histaminintoleranz wird auch deshalb nicht empfohlen, weil keine kontrollierten Studien zur klinischen Relevanz dieser In-vitro-Parameter vorliegen.
Als Haut- und Schleimhautsymptome werden Urtikaria, Juckreiz, Quincke-Ödeme, Rhinitis, Asthma und Verschlechterung eines atopischen Ekzems genannt. Wegweisend sollen Diarrhoen, Blähungen und gastrointestinale Schmerzen sein.
Als praktikables Vorgehen zur Sicherstellung einer Histaminunverträglichkeit wird zurzeit vorgeschlagen, bei Patienten eine dreistufige Ernährungsumstellung durchzuführen:
  • Stufe 1: Histaminarme Kost durch Beschränkung der Zufuhr an biogenen Aminen. Bei Besserung der Symptome nach etwa 14 Tagen kann eine titrierte Provokation unter ärztlicher Aufsicht in aufsteigender Dosierung in Abständen von 2 h mit bis zu 1 mg/kg KG mit Histamin-Dihydrochlorid erwogen werden, um die individuell verträgliche Dosis festzulegen.
  • Stufe 2: Gezielte Wiedereinführung histaminreicherer Nahrungsmittel über 6 Wochen (Aufweichen der Diätvorgaben) unter Ermittlung von individuellen Kostvorgaben.
  • Stufe 3: Formulierung von individuellen Ernährungsempfehlungen, die sich an der individuellen Histaminverträglichkeit unter der Berücksichtigung exogener Einflussfaktoren orientieren.
Therapie
Die gezielte Eliminationsdiät ist bei gesicherter Nahrungsmittelallergie die einzige Intervention, deren Effekt gesichert ist. Die Karenz muss im Fall von Allergenen, die potenziell schwere respiratorische oder anaphylaktische Reaktionen auslösen können, mit Notfallmedikamenten (schnell absorbierbares orales Antihistaminikum, Glukokortikoid, Epinephrin-Präparat zur intramuskulären Injektion) kombiniert werden.
Auch auf soliden Provokationstestungen beruhende Diätempfehlungen sind im Kindesalter nur für 12–24 Monate gültig; danach muss die klinische Aktualität – anhand erneuter Untersuchung des spezifischen IgE sowie gegebenenfalls wiederholter oraler Provokationstestung – überprüft werden. Für das Erwachsenenalter sind längere Intervalle praktikabel.
Es gibt Fallberichte über erhebliche Nebenwirkungen durch einseitige strenge Diäten. Ärztlich verordnete Diätempfehlungen sollten daher in Form einer ausführlichen Diätberatung unter Mithilfe einer geschulten Ernährungsfachkraft umgesetzt werden. Die Kosten für eine derartige Beratung werden bei ärztlicher Indikationsstellung auf Antrag der Patienten von den meisten Krankenkassen getragen. Für Diätempfehlungen stehen aktuelle, in verschiedenen Zentren durch Ernährungsfachkräfte abgestimmte Vorschläge zur Verfügung.
Besonderer Sorgfalt bedarf die Betreuung von Patienten, die gegen Allergene reagieren, die zum Teil in kleinsten Mengen potenziell schwere anaphylaktische Reaktionen auslösen können. Zu diesen Nahrungsmitteln gehören Milch, Ei, Fisch und Krustentiere, Erdnüsse, Baumnüsse, Sesam und Sellerie. Sie können in verarbeiteten Produkten auch in versteckter Form vorkommen. In Deutschland werden diese Reaktionen in einem Anaphylaxieregister gesammelt (https://www.anaphylaxie.net/. Zugegriffen am 05.11.2017).
Asthmatiker mit Nahrungsmittelallergie haben ein besonderes Risiko lebensgefährlicher Reaktionen. Retrospektive Analysen von tödlichen oder lebensgefährlichen Reaktionen auf Nahrungsmittel zeigten, dass bei der Mehrzahl der Patienten der Auslöser der Reaktion zuvor bekannt gewesen war und dass häufig ein Asthma bronchiale vorbestand. Für schwere/tödlich verlaufende Nahrungsmittelallergien gilt:
  • Meist war die Allergie vorbekannt
  • Meist leichte vorangehende Symptomatik
  • Häufigste Todesursache: Status asthmaticus
  • Häufige Nahrungsmittel: Baumnüsse, Erdnüsse, Schalentiere, Fisch, Milch, Ei
  • Besonders gefährdete Altersgruppe: 12–20 Jahre
  • Häufig versehentlicher Genuss von vorbekannten Allergenen
Cave: Leider ist die Schwere der vorangegangenen klinischen Reaktion kein verlässlicher Indikator für die Schwere der Folgereaktion: Auch relativ leichte allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel können von lebensgefährlichen späteren Reaktionen gefolgt sein.
Gerade jugendliche Patienten probieren den Genuss ihres Nahrungsmittelallergens manchmal unkontrolliert aus; eine Reihe von gefährlichen Zwischenfällen ereignet sich jedoch auch akzidentiell nach Genuss von unzureichend deklarierten Nahrungsmitteln.
Die seit 2004 in Deutschland gültige und zwischenzeitlich ergänzte Lebensmittel-Informationsverordnung legt zum Schutz der Allergiekranken weitgehende Regeln fest. Ein entscheidender Fortschritt ist eine Liste (Anlage 3 der LMKV) obligat zu kennzeichnender allergener Lebensmittel (s. Übersicht). Diese Lebensmittel müssen für Lebensmittel in Fertigpackungen immer deklariert werden, wenn sie bewusst verwendet wurden. Zusätzlich zu den Allergenen wurden Schwefeldioxid und Sulfite, die pseudoallergische Reaktionen auch am Respirationstrakt auslösen können, in die Liste aufgenommen.
Deklarationspflichtige allergene Lebensmittel
(gemäß EU-Verordnung Nr. 1169/2011; Anhang II der Lebensmittel-Informationsverordnung; aus: https://www.bmel.de/DE/Ernaehrung/Kennzeichnung/VerpflichtendeKennzeichnung/Allgemeine_Kennzeichnungsvorschriften/_Texte/Allergenkennzeichnung.html; Zugegriffen am 05.11.2017.)
  • Glutenhaltiges Getreide, namentlich zu nennen: Weizen (wie Dinkel und Khorasan-Weizen), Roggen, Gerste, Hafer oder Hybridstämme davon
  • Krebstiere
  • Eier
  • Fische
  • Erdnüsse
  • Sojabohnen
  • Milch (einschließlich Laktose)
  • Schalenfrüchte, namentlich zu nennen: Mandeln, Haselnüsse, Walnüsse, Cashewnüsse, Pecannüsse, Paranüsse, Pistazien, Macadamia- oder Queenslandnüsse
  • Sellerie
  • Senf
  • Sesamsamen
  • Schwefeldioxid und Sulfite (ab 10 mg pro kg oder l)
  • Lupinen
  • Weichtiere
Die spezifische subkutane Immuntherapie mit Pollenextrakten kann bei einem Teil, nicht jedoch bei allen Baumpollenallergikern mit Nahrungsmittelallergie die Reaktionen auf kreuzreaktive Nahrungsmittel bessern. Es werden aber auch selten Verschlechterungen gesehen – ob dies durch die Hyposensibilisierung selbst oder im Rahmen des natürlichen Erkrankungsverlaufs bedingt ist, bleibt unklar. Die spezifische subkutane Immuntherapie mit Nahrungsmittelextrakten könnte ebenfalls eine wirksame Therapiemethode darstellen, wie am Beispiel der Erdnussallergie gezeigt wurde. Es handelt sich jedoch um eine mit zum Teil schweren Nebenwirkungen behaftete Therapieform, die weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen vorbehalten ist. Auch die sublinguale spezifische Immuntherapie sowie die epikutane Immuntherapie mit Nahrungsmittelextrakten stellen Optionen für weitere kontrollierte Studien dar, nachdem die Wirksamkeit in ersten Studien gezeigt wurde.
Bei der spezifischen oralen Toleranzinduktion werden die Nahrungsmittel täglich in steigender Dosis oral verabreicht. Die Wirksamkeit ist mehrfach gezeigt worden, jedoch leider nicht anhaltend. Die Methode kommt in Einzelfällen und bei nicht sicher meidbaren Nahrungsmitteln infrage.
Anti-IgE-Antikörper haben erfolgreich zur Anhebung der Toleranzschwelle gegenüber Erdnüssen bei hochgradig sensiblen Patienten geführt – die lebensgefährliche Nahrungsmittelallergie kann somit eine seltene Off-label-Indikation für Anti-IgE darstellen.
Abzulehnen sind alternative Therapieformen wie Rotationskost oder so genannte bioenergetische Verfahren wie Elektroakupunktur nach Voll oder Bioresonanz.
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