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Publiziert am: 12.07.2023 Bitte beachten Sie v.a. beim therapeutischen Vorgehen das Erscheinungsdatum des Beitrags.

B-Symptome und ihre Bedeutung in der Lymphomdiagnostik

Verfasst von: Frank Gieseler
Die Symptomtrias aus Gewichtsverlust, Fieber und Nachtschweiß hat eine besondere Relevanz in der Diagnose und Prognose maligner Lymphome. Diese B-Symptome werden in der Ann-Arbor-Klassifikation bei der Einteilung von Hodgkin-Lymphomen verwendet, da ihr Vorhandensein die Prognose der Patient:innen verschlechtert. Pathophysiologisch wird den IL-6-Spiegeln eine entscheidende Bedeutung beigemessen, jedoch zeigten Versuche zur Therapie mit IL-6-Blockade durch monoklonale Antikörper keinen durchschlagenden Erfolg, was auf ein Zusammenspiel mehrerer Interleukine hinweist. B-Symptome haben somit eine besondere klinische Bedeutung in der Lymphomdiagnostik.
Klassifikation nach ICD-10:
  • R50.9 Fieber, nicht näher bezeichnet
  • R61.9 Hyperhidrose, nicht näher bezeichnet
  • R63.4 Abnorme Gewichtsabnahme

Einleitung – Geschichte der B-Symptome als diagnostisches Syndrom

Während die einzelnen Symptome (Leistungsknick,) Gewichtsverlust, Fieber und Nachtschweiß keine spezifische differenzialdiagnostische Bedeutung haben und bei einer Vielzahl von Erkrankungen auftreten können, wurde die Symptomentrias in den 1980er-Jahren als prognostisch relevantes Syndrom beim Morbus Hodgkin beschrieben (Gobbi et al. 1985). Carbone et al. schlugen 1971 vor, diese Symptomentrias in das „Ann-Arbor-Stagingsystem“ von Hodgkin-Lymphomen als sogenannte „B-Category“ mitaufzunehmen, da sie, im Gegensatz z. B. zum Pruritus, prognostische Bedeutung haben (Carbone et al. 1971).
B-Symptome haben aber nicht nur bei Hodgkin-Lymphomen, sondern auch bei Non-Hodgkin-Lymphomen prognostische Bedeutung. So beschrieben Anderson, DeVita et al. 1982 den Zusammenhang von histopathologischem Subtyp, dem pathologischen Staging und dem Auftreten von B-Symptomen bei 483 Patient:innen mit unterschiedlichen Lymphomen: 38,9 % der Patient:innen hatten dokumentierte B-Symptome, die häufiger bei Patienten mit diffusen malignen Lymphomen waren. Während 24,6 % der Patient:innen mit nodulären Lymphomen B-Symptome hatten, waren es 47,4 % mit diffusen Lymphomen (p < 0,001). Darüber hinaus konnte das Auftreten von B-Symptomen bei Patient:innen mit diffusen Lymphomen mit dem pathologischen Stadium korreliert werden: 22,2 % hatten im Stadium I B-Symptome, 45,3 % im Stadium II, 45,1 % im Stadium III und 52,5 % im Stadium IV (p < 0,05) (Anderson et al. 1982).

Klinisches Erscheinungsbild

Um die Symptome tatsächlich als „B-Symptome“ mit prognostischer Bedeutung in der Lymphomdiagnostik zu verwenden und sie z. B. von einer febrilen Episode bei einer Begleitinfektion zu unterscheiden, müssen sie allerdings einige klinische Voraussetzungen erfüllen (Siegenthaler und Aeschlimann 2005):
  • Fieber > 38 °C, ohne andere Erklärung, z. B. ohne Infektionszeichen. Klassischerweise assoziiert mit dem Morbus Hodgkin, wenn auch selten, ist das „Pel-Ebstein-Fieber“, das zyklisch ansteigt und dann über 1 oder 2 Wochen abnimmt (Mauch et al. 1999).
  • Massiver Nachtschweiß (nasse Haare, durchnässte Schlafbekleidung)
  • Ungewollter Gewichtsverlust von mehr als 10 % des Körpergewichtes innerhalb von 6 Monaten
Klassifikation nach ICD-10
R50.9
Fieber, nicht näher bezeichnet
R61.9
Hyperhidrose, nicht näher bezeichnet
R63.4
Abnorme Gewichtsabnahme

Pathophysiologischer Hintergrund, Labordiagnostik

Pathophysiologisch bedeutsam scheint der Interleukin(IL)-6-Spiegel zu sein, denn es fand sich eine signifikante Korrelation zwischen dem IL-6-Spiegel und der B-Symptomatik bei verschiedenen Lymphomen; bei Patient:innen mit Morbus Hodgkin zeigte sich zudem eine hochsignifikante Assoziation zwischen hohen IL-6-Spiegeln und der Prognose (Kurzrock et al. 1993). Interessanterweise fand sich diese Korrelation nicht beim Tumornekrosefaktor(TNF)-α, IL-1-β oder Interferon(IFN)-γ, obwohl diese Zytokine ähnliche Symptome auslösen können – IL-6 konnte dagegen alle Symptome der Trias als Einzelgabe in Humanexperimenten und Tierversuchen auslösen (Opp et al. 1989; Quesada et al. 1986). Das Vorhandensein von B-Symptomen bei einigen Patient:innen ohne erhöhten IL-6-Spiegel deutet aber auf das Zusammenspiel mehrerer Zytokine hin (Kurzrock et al. 1993; Dlouhy et al. 2017). Vice versa wird aktuell diskutiert, ob eine IL-6-Blockade die Prognose der Patient:innen wirklich verbessern kann und es laufen bereits einige Studien mit Siltuximab, einem chimerischen monoklonalen Anti-Interleukin-6-Antikörper bei Patient:innen mit B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphomen, multiplem Myeloma und der Castleman-Krankheit (Chen und Chen 2015; Kurzrock et al. 2013). 2016 hat Siltuximab eine US-amerikanische Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde(FDA)-Zulassung zur Behandlung des Morbus Castelman bekommen (Deisseroth et al. 2015). Ein zweiter monoklonaler IL-6-Antikörper (Tocilicumab) ist neben der rheumatoiden Arthritis zur Behandlung einer schweren COVID-19-Infektion oder der Behandlung eines Cytikine-release-Syndroms (CRS) und der mit Immuneffektorzellen assoziierten Neurotoxizität (ICANS) im Zusammenhang mit der CAR-T-Zelltherapie zugelassen (Caimi et al. 2020; Locke et al. 2017; Le et al. 2018). Die Studien zur Verbesserung einer Lymphombehandlung mit IL-6-Antikörpern waren bisher aber nicht überzeugend, was u. a. mit der Plastizität von Krebszellen mit dem Vorhandensein verschiedener Subklone mit unterschiedlicher Empfindlichkeit gegen verschiedene Interleukine begründet wird (Rossi et al. 2015).
Literatur
Anderson T, Chabner BA, Young RC, Berard CW, Garvin A, Simon RM et al (1982) Malignant lymphoma I. The histology and staging of 473 patients at the national cancer institute. Cancer. 50(12):2699–2707CrossRefPubMed
Caimi PF, Sharma A, Rojas P, Patel S, Reese J, Otegbeye F et al (2020) CAR-T therapy for lymphoma with prophylactic tocilizumab: decreased rates of severe cytokine release syndrome without excessive neurologic toxicity. Blood. 136:30–31CrossRef
Carbone PP, Kaplan HS, Musshoff K, Smithers DW, Tubiana M (1971) Report of the committee on Hodgkin’s disease staging classification. Cancer Res 31(11):1860–1861PubMed
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Deisseroth A, Ko C-W, Nie L, Zirkelbach JF, Zhao L, Bullock J et al (2015) FDA approval: siltuximab for the treatment of patients with multicentric castleman disease siltuximab for multicentric castleman disease. Clin Cancer Res 21(5):950–954CrossRefPubMed
Dlouhy I, Filella X, Rovira J, Magnano L, Rivas-Delgado A, Baumann T et al (2017) High serum levels of soluble interleukin-2 receptor (sIL2-R), interleukin-6 (IL-6) and tumor necrosis factor alpha (TNF) are associated with adverse clinical features and predict poor outcome in diffuse large B-cell lymphoma. Leukemia Res 59:20–25CrossRef
Gobbi PG, Cavalli C, Gendarini A, Crema A, Ricevuti G, Federico M et al (1985) Reevaluation of prognostic significance of symptoms in Hodgkin’s disease. Cancer. 56(12):2874–2880CrossRefPubMed
Kurzrock R, Redman J, Cabanillas F, Jones D, Rothberg J, Talpaz M (1993) Serum interleukin 6 levels are elevated in lymphoma patients and correlate with survival in advanced Hodgkin’s disease and with B symptoms. Cancer Res 53(9):2118–2122PubMed
Kurzrock R, Voorhees PM, Casper C, Furman RR, Fayad L, Lonial S et al (2013) A phase I, open-label study of siltuximab, an anti–IL-6 monoclonal antibody, in patients with B-cell non-hodgkin lymphoma, multiple myeloma, or castleman disease phase I, open-label siltuximab in hematologic malignancies. Clin Cancer Res 19(13):3659–3670CrossRefPubMed
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Locke FL, Neelapu SS, Bartlett NL, Lekakis LJ, Jacobson CA, Braunschweig I et al (2017) Preliminary results of prophylactic tocilizumab after axicabtageneciloleucel (axi-cel; KTE-C19) treatment for patients with refractory, aggressive non-Hodgkin lymphoma (NHL). Blood. 130:1547CrossRef
Mauch P, Armitage J, Diehl V, Hoppe R, Weiss L (1999) Hodgkin’s disease. Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia
Opp M, Obal F Jr, Cady A, Johannsen L, Krueger J (1989) Interleukin-6 is pyrogenic but not somnogenic. Physiol Behav 45(5):1069–1072CrossRefPubMed
Quesada JR, Talpaz M, Rios A, Kurzrock R, Gutterman J (1986) Clinical toxicity of interferons in cancer patients: a review. J Clin Oncol 4(2):234–243CrossRefPubMed
Rossi J-F, Lu Z-Y, Jourdan M, Klein B (2015) Interleukin-6 as a therapeutic target anti-IL6 therapy. Clin Cancer Res 21(6):1248–1257CrossRefPubMed
Siegenthaler W, Aeschlimann A (2005) Siegenthalers Differenzialdiagnose: innere Krankheiten–vom Symptom zur Diagnose. Georg Thieme, StuttgartCrossRef