Einleitung der Narkose
Propofol ist wegen seiner günstigen
Pharmakokinetik ein nahezu ideales Hypnotikum und vielseitig einsetzbar. Nach Einleitung einer
Allgemeinanästhesie für kürzere Eingriffe wird ein mit
Barbituraten vergleichbares Aufwach- und psychomotorisches Erholungsprofil erreicht. Klinisch relevante Nebenwirkungen nach einer Einleitung mit Propofol sind Schmerzen bei der Injektion und dosisabhängige hämodynamische Instabilität. Eine präemptive Infusionstherapie kann diese Blutdruckabfälle nicht immer verhindern. Muss ein Blutdruckabfall nach Narkoseeinleitung vermieden werden, sollte Theodrenal/Cafedrin oder ein gut steuerbarer Vasopressor, wie z. B. Norepinephrin, zur Anwendung kommen. Propofol sollte, wie alle Einleitungshypnotika möglichst langsam und nach Wirkung titriert oder mittels Spritzenpumpe injiziert werden.
Aufgrund der potenten Blockade pharyngealer und laryngealer Reflexe werden mit Propofol im Vergleich zu Thiopental oder Etomidat bessere Bedingungen zur Anlage einer
Larynxmaske bzw. eines
Larynxtubus erreicht.
Propofol ist für die Verwendung in der Geburtshilfe nicht allgemein zugelassen, für die herstellerspezifischen Einschränkungen während der Schwangerschaft sei auf die Fachinformationen verwiesen. Allerdings wurde die Anwendung von Propofol in der Literatur sowohl zur Anästhesie im Rahmen der Infertilitätsbehandlung als auch zur Sectio caesarea vielfach als sicher beschrieben.
Obwohl die Fachinformation eine Stillpause von 24 h empfiehlt, sehen Experten keine Notwendigkeit zu einem temporären Verzicht auf das
Stillen. Nach
Allgemeinanästhesie treten nur äußerst geringe Mengen an Propofol in die Muttermilch über (Nitsun et al.
2006).
Alle in Deutschland erhältlichen Propofolpräparate sind in 0,5 %iger und 1 %iger Konzentration (5 mg/ml oder 10 mg/ml) für Kinder ab einem Alter von 1 Monat zur Narkoseeinleitung zugelassen. Vorteile für die Verwendung von Propofol bei Kindern liegen in den guten Intubationsbedingungen, verbunden mit einer geringen Rate an Laryngospasmen und einer guten Steuerbarkeit (Chidambaran et al. 2015).
Eine Unsicherheit bei der Verwendung von Propofol bei Kindern besteht durch Fallberichte, die Todesfälle nach Langzeitsedierung mit Propofol bei pädiatrischen Intensivpatienten beschreiben (vgl. Abschn.
4.3.5). Bisher gibt es, abgesehen von diesen Fallberichten, keinen Hinweis, dass Propofol bei Kindern nicht sicher zur Narkose eingesetzt werden könnte.
Aufrechterhaltung der Narkose
Propofol eignet sich sehr gut zur Aufrechterhaltung einer
Allgemeinanästhesie. Aufgrund seiner
Pharmakokinetik zeichnet sich Propofol verglichen mit
Barbituraten durch eine bessere Steuerbarkeit und ein schnelleres Erwachen aus (Abb.
4). Zu inhalativen Anästhetika bestehen meist nur geringe Unterschiede in der Aufwachdauer. Nach einer Einleitungsdosis von Propofol wird die Infusion mit Propofol fortgesetzt und die Infusionsrate an den individuellen Bedarf des Patienten und die Art des Eingriffs angepasst. Durch die Verwendung von
Opioiden reduzieren sich die benötigten Propofoldosen zum Teil erheblich. Selbst bei hohen Opioidkonzentrationen sollte aber wegen der Gefahr der intraoperativen Wahrnehmung Propofol nicht unter 4 mg/kg KG/h infundiert werden. Zur Narkoseaufrechterhaltung kann initial eine eher höhere Infusionsrate gewählt werden, die dann im Verlauf deeskaliert werden kann, da es sonst zu einem kontinuierlichen Anstieg der Propofolplasmakonzentration kommt.
Propofol kann auch als
Target Controlled Infusion (TCI)
verabreicht werden. Dabei wird die Infusionsrate fortlaufend unter Verwendung eines pharmakokinetischen Modells angepasst (Schwilden und Schuettler 2008; vgl. das Kap. „Pharmakologische Grundlagen in der Anästhesiologie“). Im Gegensatz zur einfachen kontinuierlichen Dauerinfusion gelingt es mittels TCI, konstante Plasmakonzentrationen zu erreichen (Ihmsen et al. 2009). Die benötigte Wirkortkonzentration von Propofol beträgt hierbei 2,5–5 μg/ml. Bei ausreichender Opioidanalgesie ist im Allgemeinen eine Wirkortkonzentration von 2,5–3 μg/ml ausreichend. Da die meisten Personen bei einer Wirkortkonzentration von ca. 1,5 μg/ml erwachen (Abb. 5), ist nur eine ca. 50 % Abnahme der Propofolwirkortkonzentration notwendig, was das rasche Aufwachen nach Propofolanästhesien begünstigt.
Neue Ansätze zur Steuerung von Propofolnarkosen
Um die Dosierung von Propofol während totaler intravenöser Anästhesie zu verbessern, wurden verschiedene Ansätze verfolgt. Zum einen wurden sog. computergesteuerte „Closed-loop“-Systeme
entwickelt, die aus einer Kombination von prozessierten EEG-Messungen (z. B. dem bispektralen Index) und einer TCI bestehen (Pasin et al. 2017) bzw. sich auf direkter Steuerung der Infusionsrate durch den Median der EEG-Frequenzverteilung stützen (Schwilden et al. 1989).
Ein weiterer Ansatz ist die Echtzeitbestimmung von Propofol im Expirationsgas
analog zur endtidalen Bestimmung von volatilen Anästhetika, da sich kleine Mengen von Propofol in der Ausatemluft nachweisen lassen (Hornuss et al. 2007). Die hier aufgeführten Verfahren stehen jedoch noch vor einer Einführung in die klinische Routine (Ferrier et al. 2022).
Klinisch kann die Verwendung des prozessierten EEGs im Sinne eines erweiterten Monitorings die Abschätzung der Narkosetiefe deutlich verbessern und damit die Titrierung der Propofoldosis zur Narkoseaufrechterhaltung optimieren.
Aufwachverhalten
Art und Dosis des verwendeten Opioids beeinflussen das Erwachen nach Propofol wesentlich. Das Aufwachverhalten, auch nach längerer Anwendung von Propofol, ist in der Regel prompt und unproblematisch. Es zeichnet sich durch minimale postoperative Nebenwirkungen aus. Zusätzlich werden Propofol stimmungsaufhellende Eigenschaften zugeschrieben.
Langzeitsedierung
Propofol ist zur Langzeitsedierung von beatmeten Intensivpatienten über 16 Jahren geeignet (McKeage und Perry
2003). Die Tiefe der Sedierung lässt sich präzise an wechselnde Anforderungen im Rahmen therapeutischer, pflegerischer und diagnostischer Maßnahmen anpassen. Verglichen mit Midazolam ist Propofol besser steuerbar und ermöglicht kürzere Aufwachzeiten nach Langzeitsedierung. Wegen der Präparation in fetthaltiger Emulsion kann es durch Propofol zu
Hypertriglyzeridämien kommen. Für die Langzeitsedierung werden deshalb 2 %ige Präparationen empfohlen. Bei Langzeitsedierungen sollten eine Dosierung von 4 mg/kg/h und ein Sedierungszeitraum von 7 Tagen nicht überschritten werden.
Nach ersten Fallberichten über kritisch kranke pädiatrische Intensivpatienten mit Atemwegsinfektionen und einer hohen Propofolsedierung wurden auch erste Todesfälle Erwachsener im Zusammenhang mit einer hoch dosierten intensivmedizinischen Sedierung mittels Propofol bekannt (Cremer et al.
2001). Mittlerweile sind aber auch Fälle bei erwachsenen Patienten mit schweren Kopfverletzungen und einer Dosierung unter 4 mg/kg/h Propofol beschrieben worden. Für den dabei beobachteten Symptomenkomplex wurde der Begriff
Propofolinfusionssyndrom (PRIS) geprägt (Hemphill et al. 2019). Das Risiko für ein PRIS führte zu einer Anpassung der Fachinformation im Jahr 2001 und 2006. Hemphill und Kollegen fanden 2018 bei einer Literatursuche über einen Zeitraum von 30 Jahren 108 Publikationen mit insgesamt 168 beschriebenen Fällen eines PRIS (Hemphill et al. 2019). Die Inzidenz ist angesichts der hohen Häufigkeit einer Propofolanwendung zur Sedierung auf Intensivstationen sehr niedrig. Das PRIS geht häufig mit einer unklaren metabolischen Azidose und einer Herzinsuffizienz bis zum Herzversagen einher. Weitere klinische Anzeichen sind Rhabdomyolyse, Hyperkaliämie, Hyperlaktatämie, akutes Nierenversagen, meist bradykarde Herzrhythmusstörungen und EKG-Veränderungen mit sattel- oder zeltförmigen ST-Strecken-Hebungen und eingebuchteten T-Wellen in V1-V3 (Brugada-EKG-Veränderungen). Als weitere Befunde können lipämisches Plasma und eine Hepatomegalie mit Anstieg der Transaminasen vorliegen (Bolkenius et al. 2018; Krajčová et al. 2015).
Als Risikofaktoren werden eine geringe
Sauerstoffsättigung im Gewebe, schwere neurologische Schädigung und/oder
Sepsis und eine Medikation mit hohen Dosen von Vasokonstriktoren, Steroiden und Inotropika sowie Propofol i. d. R. mit einer Dosis über 4 mg/kg/h über mindestens 48 h angenommen. Die Pathophysiologie ist bisher hypothetisch. Theorien beschreiben eine Entkopplung der
Atmungskette durch Propofol u. a. mit reduzierter Aktivität von Komplex II, Komplex III, Komplex IV und Zytochrom C in den Mitochondrien sowie über einen propofolbedingten Anstieg von Malonyl-Carnitin mit konsekutiver Hemmung der Carnitin-Palmitoyl-Transferase-1 (CPT-1) mit einer Störung des transmembranösen Transportes langkettiger
Fettsäuren (Singh und Anjankar
2022). Prädisponierende Patientenfaktoren könnten eine subklinische Mitochondropathie, Stress, Sepsis,
Schädel-Hirn-Trauma oder ein Status epileptikus sowie entleerte Kohlenhydratspeicher sein. Propofol ist in diesen Fällen möglicherweise als Triggersubstanz zu betrachten, da insbesondere schwer kranke Patienten mit erhöhten Kortisol- und Katecholaminspiegeln betroffen waren. Neben pädiatrischen Patienten mit
Infektionen der oberen Atemwege können neurologisch-neurochirurgische Patienten ein Risikokollektiv darstellen.
Werden unter Propofolinfusion die oben genannten Symptome beobachtet, muss differenzialdiagnostisch an ein Propofolinfusionssyndrom gedacht werden!
Die Therapie besteht in einer frühzeitigen Diagnose und der sofortigen Beendigung der Propofolinfusion. Die Therapie erfolgt symptomatisch. Die
Herzinsuffizienz wird mit einer differenzierten Katecholamintherapie und ggf. Herzunterstützungssystemen behandelt. Bei akutem
Nierenversagen werden
Nierenersatzverfahren eingesetzt. In der Literatur ist eine Glukoseinfusion zur Prävention bzw. Therapie einer Katabolie und Reduktion der Lipolyse mit bis zu 6–8 g/kg KG und Tag
Glukose als adjuvanter Therapieversuch beschrieben worden (Hemphill et al.
2019; Krajčová et al.
2015). Zur Frühdiagnostik kann bei einer längeren Propofolsedierung die regelmäßige Kontrolle von Blutgasen mit Lactat, der Blutfettwerte, der
Kreatinin(phospho)kinase sowie ggf. des EKGs, der Leberenzyme, des Myoglobins und der Serumlipase beitragen (Bolkenius et al.
2018; Singh und Anjankar
2022).
Aus prophylaktischen Erwägungen heraus ist Propofol nicht zur intensivmedizinischen Sedierung von Kindern unter 16 Jahren zugelassen. Bei Erwachsenen sollen eine Dosis von 4 mg/kg KG und Stunde und ein Zeitraum von 7 Tagen nicht überschrittenen werden.
Fospropofol
Bei Fospropofol handelt es sich um ein wasserlösliches
Prodrug von Propofol, das durch alkalische Phosphatase an der Oberfläche der Endothelzellen hydrolysiert wird und dabei Propofol als aktiven Metaboliten freisetzt (Fechner et al.
2009). Pharmakodynamisch ist diese Substanz durch einen langsameren Wirkeintritt und eine längere Wirkdauer im Vergleich zu Propofol gekennzeichnet. Fospropofol verursacht keinen Injektionsschmerz in der Vene, allerdings wurden in den ersten 1–2 min nach Injektion Parästhesien und
Pruritus im Anal- und Genitalbereich beobachtet. Fospropofol ist insbesondere zur Sedierung bei diagnostischen endoskopischen Prozeduren geeignet. Für diese Indikation wurde 2008 in den USA eine Zulassung für diese Substanz erteilt. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Fospropofol nicht zugelassen.
Ciprofol
Ciprofol (HSK3486) ist ein kurzwirksames Propofolanalogon, gebildet durch Hinzufügung einer Cyclopropylethylgruppe an der Seitenkette der Phenolkernstruktur (Lu et al.
2023). Ciprofol hat aufgrund seiner höheren
Affinität zum GABA
A-Rezeptor eine ca. 5-fache Potenz im Vergleich zu Propofol. Klinische Studien zeigten einen raschen Wirkungseintritt, schnelles Erwachen, ähnliche sedierende/anästhetische Wirkung wie Propofol und geringeren Injektionsschmerz. Die kardiorespiratorischen Nebenwirkungen waren ähnlich wie bei Propofol. Zum Risiko des Propofolinfusionssyndroms nach Anwendung von Ciprofol gibt es bisher keine Erkenntnisse.
Bisher ist Ciprofol nur in China zur diagnostischen Sedierung, für die
Allgemeinanästhesie sowie zur Sedierung auf der Intensivstation zugelassen.