„Dosis sola facit venenum – allein die Dosis macht das
Gift!“. Dieses grundlegende Prinzip, das Paracelsus in seiner dritten Defensio um 1538 formulierte, gilt auch und v. a. für die perioperative Infusionstherapie. Infusionslösungen
sind Medikamente mit Indikationen, Kontraindikationen, Wirkungen und Nebenwirkungen (Jacob und Chappell 2009).
Die Verteilungskinetik der Infusionspräparateklassen
Sind die Barrieren intakt, so folgen die verschiedenen Präparateklassen nach i.v.-Infusion einer relativ simplen primären Verteilungskinetik, die streng den Gesetzen der Grundlagenphysiologie folgt (darüber hinausgehende Abbauvorgänge sollen an dieser Stelle keine Beachtung finden). Anhand ihrer Tonizität und ihrer Onkotizität sind in der elektiven perioperativen Situation demnach voneinander zu unterscheiden:
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freies Wasser (z. B. 5 % Glukoselösung),
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isotones Kristalloid (z. B. isotone Kochsalzlösung oder Vollelektrolytlösung) und
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Der sog. Volumeneffekt einer Infusionslösung ist v. a. bei Präparaten, die zur Stabilisierung der kardialen Vorlast eingesetzt werden, die entscheidende Kenngröße. Es handelt sich hierbei um den Anteil, der nach i.v.-Infusion tatsächlich auch intravasal verbleibt und damit vorlastwirksam wird.
Freies Wasser verteilt sich gleichmäßig über alle Kompartimente inklusive Intrazellulärraum, es wird von keiner Barriere im Körper in relevantem Umfang zurückgehalten.
Isotone Kristalloide „respektieren“ die vaskuläre Barriere nicht, sehr wohl aber die Zellmembran. Kristalloide verteilen sich daher im gesamten Extrazellulärraum und haben damit einen intravasalen Volumeneffekt von etwa 20 %. Rund 80 % des infundierten Volumens beladen innerhalb sehr kurzer Zeit das Interstitium. Werden solche Substanzen daher zum Ersatz akuter Blutverluste eingesetzt, so erzeugen sie in jedem Fall einen ausgeprägten Typ-1-Shift in das interstitielle Kompartiment.
Isoonkotische Präparationen werden von der intakten vaskulären Barriere effektiv zurückgehalten und erreichen daher, eingesetzt als Substitut bei akuten Blutverlusten, aus einem primären Steady State heraus einen Volumeneffekt von annähernd 100 % (Rehm et al.
2000; Jacob et al.
2003). Verliert ein Mensch mit intakter vaskulärer Barriere z. B. 1 l Blut und erhält er zur Therapie 1 l isoonkotisches Kolloid (z. B. 5 %
Albumin oder 6 % HES 130/0,4), so ist das
Blutvolumen vorher und nachher annähernd gleich und die quantitative Komponente der kardialen Vorlast bleibt erhalten. Wird in dieser Situation hingegen ausschließlich Kristalloid infundiert, so wären für einen vergleichbaren intravasalen Effekt bereits 5 l erforderlich, der Preis wäre ein ausgeprägtes interstitielles Ödem von 4 l. Kristalloide sind also als Volumenersatz relativ ineffektiv und daher wenig geeignet, akute Blutverluste suffizient, zeitnah und nebenwirkungsarm zu therapieren (Chappell et al.
2008a; Jacob et al.
2009a; Jacob und Chappell
2009). Der Volumeneffekt isoonkotischer
Kolloide wird in der hypervolämen Situation mit rund 40 % deutlich schlechter (Rehm et al.
2001). Infundiert man also einem normovolämen Patienten im Steady State zusätzlich einen kolloidalen Bolus von z. B. 1 l, z. B. zur präemptiven Expansion des Blutvolumens als „volume loading“
vor erwarteter Blutung oder Vasodilatation bei Narkoseinduktion oder Sympathikolyse im Rahmen der Peridural- oder
Spinalanästhesie, so ist zu erwarten, dass nur 400 ml im Gefäßsystem verbleiben. 60 % des applizierten Kolloids, also 600 ml und entsprechende Mengen der infundierten Makromoleküle (Albumin oder Hydroxyäthylstärke und wahrscheinlich auch
Gelatine, auch wenn hierzu keine verlässlichen Daten vorliegen) werden innerhalb weniger Minuten als Typ-2-Shift in das Interstitium verschoben (Rehm et al.
2001).
Hypertone und hyperonkotische Präparate sollten aufgrund eines unvorhersehbaren Effekt- und Nebenwirkungsprofils in der elektiven perioperativen Situation keine routinemäßige Verwendung finden. Sie werden daher an dieser Stelle nicht weiter diskutiert.
Perioperative relevante Empfehlungen und Statements der S3-Leitlinie „Intravasale
Volumentherapie beim Erwachsenen“:
Statement S-2: Der periinterventionelle Einsatz von 6 % HES 130/
Gelatine/
Albumin ist nicht mit einer periinterventionellen Nierendysfunktion assoziiert.
Empfehlung 3a-1: Bei der periinterventionellen Therapie der akuten
Hypovolämie können außer
kristalloiden Lösungen auch
kolloidale Lösungen (6 % HES 130 und
Gelatine) als Volumenersatz verwendet werden (Grad der Empfehlung: 0).
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Empfehlung 3a-3: Zur intraoperativen Optimierung hämodynamischer Parameter können zum Preloading vor
Spinalanästhesie künstliche kolloidale Lösungen (6 % HES 130, Gelatine) verwendet werden (Grad der Empfehlung: 0).
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Empfehlung 3a-4: Zur Vermeidung von Hypotonien im Rahmen der Spinalanästhesie zur
Sectio caesarea sollten bei einem Preloading
kolloide Lösungen verwendet werden (Grad der Empfehlung: B).
Störung des extrazellulären Milieus durch Infusionslösungen?
Während großer operativer Eingriffe ist oftmals zu beobachten, dass sich in Abhängigkeit von der Operationsdauer zunehmend eine metabolische Azidose einstellt. Nachdem man dieses Phänomen lange Zeit ausschließlich auf das chirurgische Trauma und die bereits beschriebenen Imbalancen und Anpassungsmechanismen zurückführte, rückte in den letzten Jahren zunehmend der relativ hohe Chloridgehalt traditioneller Infusionslösungen als mögliche Ursache in den Fokus des Interesses. Man beschrieb eine „hyperchloräme“ Form
der metabolischen Azidose (Scheingraber et al. 1999), die durch „balancierte“ Lösungen vermeidbar erscheint (Zander 2006). Vor dem Hintergrund der in Abschn. 4.3 vorgeschlagenen, erweiterten Interpretation des Säure-Basen-Status nach Peter Stewart ist dieser Zusammenhang freilich nicht verwunderlich.
Während auch herkömmliche Lösungen die im Wesentlichen von starken Ionen getragene Kationenseite des Blutplasmas bereits mehr oder minder genau abbildeten, waren bei den Anionen zwangsläufig Kompromisse einzugehen: Weder kann bis zum heutigen Tage aus galenischen Gründen das schwache Anion Bikarbonat stabil in Lösung gehalten werden, noch enthalten artifizielle Lösungen per definitionem
Plasmaproteine und damit Proteinat. Hierdurch „fehlen“ jedoch in der ansonsten mehr oder weniger exakt plasmaadaptierten Infusionslösung zur stets gebotenen Elektroneutralität etwa 40 mval/l negative Ladungen. Diese Lücke wurde bei der traditionellen Infusionslösung mit dem leicht verfügbaren starken Anion
Chlorid aufgefüllt.
Aus der Infusion von sog. physiologischer Kochsalzlösung, die mit 154 mmol/l
Chlorid gänzlich unphysiologisch ist (Normalwert im
Plasma: 105 mmol/l), resultiert zwangsläufig und dosisabhängig eine zunehmende Hyperchlorämie.
Hyperchlorämie stört durch die Zunahme starker negativer Ladung im
Plasma das Gleichgewicht der starken Ionen und drängt dadurch das „schwache“ und abhängige Bikarbonat so lange in seiner Plasmakonzentration zurück, bis erneut Elektroneutralität herrscht (Rehm et al.
2004b). Unter Normoventilation bedeutet dies die direkte Störung des physiologischen Konzentrationsverhältnisses mit Kohlendioxid, es kommt zur pH-Verschiebung nach unten (Abschn.
3).
Extrazelluläre Hyperchlorämie ist mit ausgeprägten, klinisch relevanten Nebenwirkungen wie Reduktion der Splanchnikusperfusion oder postoperativ erhöhter Inzidenz von Übelkeit und Erbrechen (Wilkes et al.
2001; Stewart
1983) assoziiert. Selbst eine Erhöhung der perioperativen Mortalität wurde retrospektiv bereits demonstriert (Shaw et al.
2012). Prinzipiell kann diese unerwünschte Form der perioperativen Entgleisung therapiert oder vermieden werden.
Zur
Therapie steht im Wesentlichen eine Pufferung mit Natriumbikarbonat (NaBi) zur Verfügung. Durch die Infusion von NaBi kommt es aufgrund der Zufuhr des starken Ions
Natrium zu einem Anstieg der SID und damit des pH (Rehm und Finsterer
2003). Damit ist die Ursache für die pH-Veränderung nach NaBi-Infusion nach den Prinzipien von Peter Stewart die Erhöhung der Differenz der starken Ionen und nicht, wie ursprünglich angenommen, die Zufuhr von Bikarbonat, einer abhängigen Größe (Abschn.
3). Streng genommen wird also die erhöhte Zufuhr von Anionen in Form des
Chlorids mit einer vermehrten Zufuhr von Kationen in Form von Natrium „ausgeglichen“ (Rehm et al.
2004b). Durch die Infusion einer üblicherweise hyperosmolaren Präparation von NaBi kommt es in Abhängigkeit der Dosis kurzzeitig zu einem geringen Einstrom von freiem Wasser in den Extrazellularraum, der die Chloridkonzentration dort noch etwas weiter absenkt (Abb.
4).
Die pH-Korrektur mit Natriumbikarbonat ist keine kausale Therapie einer hyperchlorämen Azidose.
Eine hyperchloräme Azidose kann aber auch primär
vermieden werden, im Wesentlichen durch die grundsätzliche Verwendung moderner Infusionspräparate. Solch „balancierte“ Lösungen
verwenden in der Regel einfach geladene, verstoffwechselbare Anionen wie z. B. Azetat oder Laktat, um die Lücke negativer Ladung in der Infusionsflasche unter Erhaltung möglichst physiologischer Chloridkonzentration zu schließen. Dies erzeugt in vitro, also in der Infusionsflasche, Elektroneutralität und vermeidet in vivo, also im Patienten, eine Hyperchlorämie (Zander 2006).
Perioperative relevante Empfehlungen und Statements der S3-Leitlinie „Intravasale
Volumentherapie beim Erwachsenen“:
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Empfehlung 5a-1: Isotone Kochsalzlösung soll zum periinterventionellen Volumenersatz nicht verwendet werden (Grad der Empfehlung: A).
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Empfehlung 5a-2: Balancierte kristalloide isotone Vollelektrolytlösungen sollen periinterventionell zum Volumenersatz verwendet werden (Grad der Empfehlung: A).