Aufnahme nach unterschiedlicher Applikation
Zielorgan ist meist das zentrale Nervensystem, das nur über eine Penetration der Blut-Hirn-Schranke erreicht werden kann. Lipophilie, Ionisierungsgrad und freie Plasmafraktion bestimmen die ZNS-Gängigkeit des jeweiligen Opioids. Während die Blut-Hirn-Äquilibration von Fentanyl bereits nach 5–6 min eintritt [
17], beträgt die von Morphin 15–25 min [
18].
Über hepatischen und extrahepatischen Abbau fallen ggf. inaktive oder aktive Metaboliten an, die z. T. sehr lange im
Plasma verweilen können. Intraoperativ werden
Opioide entweder in Form repetitiver Boli oder einer perfusorgestützten, kontinuierlichen Applikation verabreicht. Dabei ist entsprechend der pharmakokinetischen Eigenschaften der jeweiligen Substanz auf eine mögliche Akkumulation im Plasma und den damit verbundenen Spätfolgen zu achten.
Epidural
Die epidurale Applikation von
Opioiden ist nur für Morphin und im Rahmen der Geburtshilfe
für Sufentanil zugelassen.
Im Gegensatz zu den
Lokalanästhetika beeinträchtigen epidurale
Opioide die motorischen und vegetativen Funktionen nur geringfügig. Epidural injizierte Opioide müssen das epidurale Fettgewebe, die verschiedenen Hirnhäute und den Liquor passieren, um zu den peripher sensorischen Nerven bzw. dem Rückenmark zu gelangen. Die Passage spinaler Hirnhäute erfolgt in Abhängigkeit vom
Octanol-Wasser-Koeffizienten einzelner Opioide.
Der Octanol-Wasser-Koeffizient gibt bei pH 7,4 das relative Potenzial eines Opioids wieder, ins ZNS aufgenommen zu werden.
Im Allgemeinen verkürzt sich die Passagedauer mit zunehmender Lipophilie, d. h. Alfentanil passiert die Hirnhäute schneller als Morphin. Nur bei sehr lipophilen Substanzen, wie z. B. Fentanyl und Sufentanil, verlängert sie sich wieder (z. B. Octanol/H2OMorphin 1,4 vs. Octanol/H2OFentanyl 816).
Daraus resultiert nach epiduraler Gabe von Morphin eine verzögerte Aufnahme in den Liquor und für Fentanyl bzw. Sufentanil eine vermehrte Verteilung in das epidurale Fettgewebe sowie eine Resorption in den systemischen Kreislauf.
In den
lumbalen Segmenten erreichen epidural applizierte
Opioide primär die sensorischen Hinterwurzelganglien, in denen μ-, δ- und κ-Opioidrezeptoren exprimiert werden und auch funktionell aktiv sind. Die Wirksamkeit epiduraler Opioide beruht hier auf einer präsynaptischen Hemmung der im Rückenmark eintreffenden schmerzleitenden Nervenfasern. In Höhe
thorakaler Segmente werden nach erfolgreicher Penetration der Hirnhäute auch die Opioidrezeptoren (prä-, aber auch postsynaptische) im Hinterhorn des Rückenmarks erreicht.
Epidurale
Opioide werden in Abhängigkeit von den jeweiligen physikochemischen Eigenschaften über das epidurale Fettgewebe und die Venenplexus systemisch aufgenommen. Im Gegensatz zu den hydrophilen Opioiden (Morphin) erreichen besonders die lipophilen Opioide (Fentanyl, Sufentanil) nach epiduraler Applikation Plasmaspiegel, die denen einer systemischen Injektion fast vergleichbar sind. Tab.
2 zeigt die Relation zwischen i.v.- und epiduraler Dosierung verschiedener Opioide.
Tab. 2
Postoperativer intravenöser vs. epiduraler Dosisbedarf über 17 h und ihr Verhältnis zueinander
Epidurale Dosierung [mg] | 5 | 0,4 | 0,113 | 4,5 |
I.v.-Dosierung [mg] | 45,9 | 1,2 | 0,152 | 9,1 |
Relativer i.v.-/epiduraler Dosisbedarf | 9,2:1 | 3:1 | 1,4:1 | 2:1 |
Nach der epiduralen Injektion einer hydrophilen Substanz wie Morphin ist aufgrund der geringen, nichtionisierten, lipophilen Fraktion des Morphins im epiduralen Raum der Transfer über die Hirnhäute niedrig. Da auch im Liquor die größte Fraktion von Morphin in ionisierter Form vorliegt, erfolgt die
Diffusion in das Rückenmark nur sehr langsam und über einen längeren Zeitraum. Bei hohen Konzentrationen der ionisierten Morphinfraktion im Liquor kommt es zum
rostralen Aufstieg von Morphin mit einer Ausbreitung der Analgesie und einer Wanderung zu supraspinalen Zentren. Diese Mechanismen erklären den
verzögerten Wirkungseintritt (ca. 30 min), die
lange Wirkungsdauer (ca. 6–24 h) und die spät einsetzende Atemdepression nach epiduraler Gabe von Morphin.
In Anlehnung an die WHO-Empfehlungen zur Tumorschmerztherapie unterscheidet man „schwach wirksame Opioide“ (Codein, Dihydrocodein, Tramadol, Tilidin) von „stark wirksamen Opioiden“ (Morphin, Hydromorphon, Oxycodon, Buprenorphin; Tab. 4). Die orale Analgetikaeinnahme erfolgt entsprechend eines Stufenplans nach WHO.Morphin-HCl, Morphin-Sulfat | 4- bis 6-mal 10–20 | 60 | 4 | 30 mg p.o. | 1:0,3 |
Morphin retard | 2- bis 3-mal 10 | 240–360 | 8–12 | 30 mg p.o. | 1:0,3 |
Buprenorphin | 3- bis 4-mal 0,2–1,0 | 150 | 6–8 | 0,6 mg s.l. | 1:0,5 |
Hydromorphon retard | 2-mal 4 | 60 | 2–3 | 4 mg p.o. | – |
Oxycodon retard | 2-mal 10 | 30–60 | 8–12 | 15 mg p.o. | – |
Dihydrocodein | 2- bis 3-mal 60–120 | 180 | 8–12 | 300 mg p.o. | – |
Tramadol | 4- bis -6-mal 50–200 | 60 | 4 | 300 mg p.o. | 1:0,8 |
Tilidin | 4- bis -6-mal 50–100 | 90 | 4–6 | 300 mg p.o. | – |
Verteilung, Metabolismus, Elimination
Am besten untersucht ist die Umwandlung des
Morphins in seine Metabolite Morphin-6-
und Morphin-3-Glukoronid. Der aktive Metabolit Morphin-6-Glukoronid hat eine hohe Affinität und intrinsische analgetische Wirkung für den μ-Opioidrezeptor [21]. Der aktive Metabolit Morphin-3-Glukoronid besitzt dagegen keine analgetischen, sondern eher neuroexzitatorische Eigenschaften (Allodynie, Myoklonie, Krampfanfälle) [22]. Die Bedeutung dieser unterschiedlichen Wirkungen auf die Klinik ist jedoch bisher unklar.
Codein ist eine „Vorstufe“ und wird hauptsächlich zu Morphin, Morphin-6- und Morphin-3-Glukoronid umgewandelt.
Auch Tilidin und Tramadol haben aktive Metaboliten.
Remifentanil wird in den nahezu inaktiven Carboxalsäuremetaboliten GI90291 umgewandelt [
23].
Besonders erwähnenswert ist der aktive Metabolit von
Pethidin, das N-demethylierte Norpethidin (Abschn.
1.1).