Definition und Einleitung
Diplopie oder Doppeltsehen ist ein Symptom, das die visuelle Wahrnehmung von zwei Bildern eines einzelnen Objektes beschreibt, welches sich in irgendeiner Sehentfernung des Betrachters befindet.
Unter physiologischen Sehbedingungen blickt ein Individuum Detailpunkte eines Objektes der Umwelt in irgendeiner gegebenen Blickentfernung simultan mit beiden Augen an. Die vertikalen Meridiane der beiden Augen sind dabei parallel. Die linke/ rechte Fovea centralis liegt genau auf einer Linie mit dem betrachteten Detailpunkt oder dem Objekt, der sogenannten Sehachse. Diese Situation wird Augenstellung bzw. kurz „Stellung“ genannt. Die Stellung kann in Ferne und Nähe und den 9 diagnostischen Blickrichtungen untersucht werden.
Das Bild eines betrachteten Objektes muss durch den dioptrischen Apparat des Auges exakt auf der Fovea centralis abgebildet werden. Für die bestmögliche zentrale Verarbeitung und beidäugige Wahrnehmung des Objektes ist die genaue Korrespondenz der rechten mit der linken Fovea centralis unabdingbar, die Raumwerte der Netzhäute sollten identisch sein. Die visuelle Verarbeitung findet in den primären und sekundären Sehzentren des Cortex cerebri statt.
Die Augäpfel werden durch das Zusammenspiel der jeweils vier geraden und zwei schrägen Augenmuskeln in die für die gleichzeitige Wahrnehmung notwendige exakt ausgerichtete (Augen-) Stellung bewegt. Die Bewegungsimpulse werden durch drei okulomotorische Hirnnerven, den N. oculomotorius (N3), den N. trochlearis (N4) und den N. abducens (N6), zu den Augenmuskeln geleitet. Die Kerne dieser okulomotorischen Nerven liegen im Mittelhirn (N3 und N4) und im Pons (N6), und sind durch den medialen longitudinalen Faszikulus verbunden. Die übergeordneten supranukleären Blickzentren wiederum sind für die horizontalen Augenbewegungen im Pons, und für die vertikalen Augenbewegungen im Mittelhirn lokalisiert. Im Pons steuert die parapontine retikuläre Formation (PPRF) die horizontalen Augenbewegungen, im Mittelhirn sind die Formatio reticularis und die Area praetectalis für die vertikalen Augenbewegungen zuständig. Die Augenbewegungen werden bei Änderungen der Kopf- bzw. Körperlage zusätzlich durch den vestibulookulären Reflex (VOR) moduliert. Bei Kopfbewegungen wird das Bild auf der Fovea durch den optokinetischen Nystagmus (OKN) stabilisiert.
Die gleichzeitige Betrachtung eines Objektes mit beiden Augen ist die Grundvoraussetzung für das Binokularsehen. Diplopie ist ein Zeichen für Störungen des Binokularsehens. Diplopie kann monokular oder binokular wahrgenommen werden. Monokulare Diplopie ist stets pathologisch, demgegenüber kann binokulare Diplopie physiologische oder pathologische Ursachen haben. Physiologische Diplopie entsteht, wenn zwar ein Objekt in der Ferne fixiert wird, jedoch die Aufmerksamkeit einem näher liegenden Objekt zugewandt wird. Das nähere Objekt wird dann zwangsläufig doppelt wahrgenommen. Auch der umgekehrte Fall ist möglich, Fixation in der Nähe und Wahrnehmung eines Doppelbildes in der Ferne. Eine Vorstufe der Doppelbildwahrnehmung kann das weniger fassbare Symptom des unscharfen oder verschwommenen Sehens sein.
Vom Symptom der Diplopie sind das seltene Mehrfachsehen
sowie die Konfusion abzugrenzen. Formen des Mehrfachsehens sind monokulare oder binokulare Triplopie oder Dreifachsehen sowie Polyopsie (Vielfachsehen) und Palinopsie (Mehrfachsehen) (Kömpf et al. 1983). Das Symptom Konfusion beschreibt die überlagerte Wahrnehmung von zwei sich an unterschiedlichen Orten im Raum befindlichen Objekten.
Pathophysiologie/Ursachen
Für die Aufrechterhaltung der physiologischen Binokularität ist die exakte Funktion aller an der Verarbeitung der visuellen Information beteiligten organischen Bestandteile, beginnend mit den Augenanhangsgebilden und dem Augapfel bis zu den Sehzentren im Kortex, erforderlich. Ursachen können somit die Lider, die knöchernen Orbitae sowie den Orbitainhalt, die brechenden Medien der Augen, die okulomotorischen Augenmuskeln mit ihren Hüllgeweben sowie den intermuskulären Halteapparat betreffen. Weitere Ursachen können die neuromuskuläre Übertragung, die okulomotorischen Hirnnerven (N3, N4, N6) mit ihren peripheren, faszikulären und nukleären Abschnitten, die an der Augenbewegung beteiligten supranukleären Strukturen des Hirnstamms sowie die primären und sekundären Sehzentren tangieren. Überschneidungen und/oder Kombinationen der Pathologien sind möglich.
Die pathophysiologischen Mechanismen können allgemein als angeborene Dysfunktion, erworbene Dysfunktion infolge organischer Veränderung oder im Rahmen der Alterung, entzündlich, ischämisch, traumatisch, infektiös und im Rahmen von Tumorerkrankungen klassifiziert werden. Überschneidungen und/oder Kombinationen der Mechanismen sind möglich. Bei den Schielerkrankungen sind trotz teilweise bekannter, begünstigender Faktoren die konkreten pathophysiologischen Mechanismen unklar. Man kann beim Schielen von einer multifaktoriellen Störung der zentralen Steuerungsmechanismen der Binokularität ausgehen.
Nach anatomischen Gesichtspunkten können die Ursachen für Diplopie in Störungen des dioptrischen Apparats, Störungen der Netzhautsensorik, Erkrankungen der knöchernen Orbita und Erkrankungen der orbitalen Gewebe, Pathologien der Augenmuskeln,
Störungen der neuromuskulären Übertragung, Lähmungen der okulomotorischen Nerven, supranukleäre Störungen, Schielerkrankungen und Änderungen der Fusionsfähigkeit begründet sein:
Störungen des dioptrischen Apparats können monokulare und binokulare Diplopie auslösen, selten auch monokulare und binokulare Triplopie. Durch Veränderungen des dioptrischen Apparats wird die Abbildung des betrachteten Objektes nicht nur auf der Fovea centralis abgebildet, sondern gleichzeitig noch an einem extrafovealen Netzhautort mit unterschiedlichem Richtungswert. Die Intensität der Abbildung ist in der Fovea deutlich, in der extrafovealen Lage je nach Entfernung vom Zentrum geringer ausgeprägt. Monokulare Diplopie
kann bei Pathologien des Tränenfilms, der Hornhaut, der Iris und der Linse auftreten. Die pathophysiologischen Ursachen für die Auslösung monokularer Diplopie sind Druck der Lider (Ford et al. 1997; Kommerell 1993), Irregularitäten der Brechkraft und Astigmatismus (Archer 2007; Woods et al. 1996), Keratokonus (Takei 2002), Hornhautdystrophien (Girard 1988; Hirst et al. 1983), dezentrierte Ablationszonen nach LASIK, Iridotomien (Balas und Mathew 2024), Katarakt (Nagy et al. 2004) und Nachstarformationen (Lam et al. 2021). Auch Aberrationen höherer Ordnung gehen mit monokularer Diplopie einher (Barbero et al. 2022; Melamud et al. 2006). Monokulare Triplopie ist selten und kann durch Linsentrübungen (Campbell 1999) und Aberrationen höherer Ordnung verursacht werden (Bradley et al. 2013). Binokulare Diplopie infolge von Störungen des dioptrischen Apparats kann durch dezentrierte Ablationszonen (Yap und Kowal 2001) und/oder Beeinträchtigung der Fusion durch Aniseikonie nach LASIK ausgelöst werden (Nuijts et al. 2018). Binokulare Triplopie ist lediglich als Nebenwirkung von Prismen beschrieben (Lang und Huber 1977).
Durch
Störungen der Netzhautsensorik kann
es zur Wahrnehmung von monokularer oder binokularer Diplopie kommen. Unter physiologischen Bedingungen fixieren beide Augen ein Objekt genau mit der Fovea centralis. Die Wahrnehmungen beider Augen werden zentral zu einem Bild verarbeitet. Bei Schielerkrankungen wird die Fixation entweder mit der Fovea centralis oder mit einer extrafovealen Netzhautstelle aufgenommen. Die Fixationsaufnahme mit einer extrafovealen Netzhautstelle kann dauerhaft oder intermittierend sein und es resultiert eine unphysiologische, anomale Korrespondenz. Monokulare Diplopie kann entstehen, wenn die Wahrnehmung der Fovea centralis und der extrafovealen Netzhautstelle gleichzeitig erfolgt. Dies wird meist durch den Mechanismus der Suppression eines der beiden Fixationsorte verhindert. Demgegenüber wird binokulare Diplopie bei normaler Korrespondenz durch erworbene anatomische Lageänderungen der Fovea centralis verursacht. Eine zu geringe Suppression einer der beiden konkurrierenden Netzhautstellen kann spontan auftreten oder infolge von Okklusionstherapie (Sharma et al. 2023; Hoole und Barrow 2017), pleoptischen oder orthoptischen Übungsbehandlungen und auch getriggert durch Aniseikonie entstehen (Benegas et al. 1999). Erworbene Lageänderungen der Fovea centralis können durch epi- oder subretinale Membranen (Shippman et al. 2015; Hatt et al. 2020; Veverka et al. 2017), Makuladystrophien (Steffen et al. 1996) oder nach Netzhautablösungen mit fovealer Beteiligung verursacht werden.
Erkrankungen der knöchernen Orbita und Erkrankungen der orbitalen Gewebe können
binokulare Diplopie verursachen. Durch Lageänderungen des Bulbus oder eine Einschränkung der Beweglichkeit in bestimmten Blickrichtungen wird die exakte Ausrichtung der Sehachse verhindert, es entsteht eine Schielstellung der Augen. Pathophysiologisch zu bedenken sind mechanische Faktoren infolge einer Verletzung, entzündlicher oder infektiöser Veränderungen, einer Ischämie, Tumorkompression und altersassoziierte Veränderungen der Gewebe. Entitäten sind das Silent-sinus-Syndrom (Michelle et al. 2023) oder traumatische Orbitafrakturen, insbesondere bei Einklemmung der muskulären Hüllgewebe. Durch Traumen können des Weiteren intraorbitale Hämatome entstehen oder das (erworbene) Jaensch-Brown-Syndrom (Mühlendyck 2022) resultieren. Die idiopathische intraorbitale Entzündung (Lieb 2021), orbitale Entzündungen anderer Ursache sowie die infektiös-entzündliche Orbitaphlegmone haben als gemeinsame Endstrecke die verminderte Beweglichkeit gemein. Tumoren der Orbita, als altersassoziierte Veränderungen die Lageveränderungen oder Bewegungseinschränkungen bei hoher (Achsen-)Myopie (Pineles 2022; Hennein und Robbins 2021) sowie das Sagging-eye-Syndrom (Goseki et al. 2020) gehören zu den rein mechanischen Pathomechanismen.
Störungen der Augenbeweglichkeit
infolge von primären oder sekundären Erkrankungen der äußeren Augenmuskeln können binokulare Diplopie auslösen. Pathologische Veränderungen der äußeren Augenmuskeln verhindern die notwendige muskuläre gerade Ausrichtung beider Augen auf das fixierte Objekt, die Sehachsen kreuzen sich. Diplopie kann bereits im Geradeausblick und/oder in bestimmten Blickrichtungen auftreten. Primäre Pathomechanismen sind Fehlanlagen der äußeren Augenmuskeln, Fibrosierung der Muskulatur, Bewegungsdefizite infolge von angeborenen Innervationsanomalien und Mitochondriopathien. Sekundäre Pathomechanismen sind Veränderungen der Muskelfunktion infolge von orbitalen und/oder rein muskulären Entzündungen. Der Pathomechanismus nach indirektem Trauma der Muskulatur ist nicht eindeutig, möglicherweise ist eine Ischämie der Muskelzellen sowie Ischämie der motorischen Nerven bei erhöhtem Gewebedruck (Blutung, Schwellung) ursächlich.
Primäre Augenmuskelerkrankungen sind die Agenesie eines oder mehrerer äußerer Augenmuskeln (Hart et al.
2005) und die kongenitale
Fibrose der äußeren Augenmuskeln (
CFEOM) (Xia et al.
2022). Die
Retraktionssyndrome nach Stilling-Türk-Duane (Prasad et al.
2023) werden zur Gruppe der Congenital Cranial Dysinnervation Disorders (CCDD) (Oystreck
2018) gerechnet. Die chronisch progressive externe Ophthalmopathie (CPEO) (Chatzistefanou et al.
2019) ist eine die Augenmuskeln betreffende primäre
Mitochondriopathie. Sekundäre Augenmuskelerkrankungen werden durch die endokrine Ophthalmopathie (Baeg et al.
2022) und die entzündliche oder infektiöse
okuläre Myositis (Pidro et al.
2022; Montagnese et al.
2016) verursacht.
Für die physiologische Funktion der äußeren Augenmuskeln ist die Weiterleitung der neuronalen Impulse notwendig,
Störungen der neuromuskulären Übertragung können zu binokularer Diplopie führen. Die Weiterleitung des neuronalen Impulses über den synaptischen Spalt wird durch den Neurotransmitter Acetylcholin (ACh) vermittelt. Störungen der neuromuskulären Übertragung betreffen die Ausschüttung von Acetylcholin aus dem präsynaptischen Spalt, die Bindung an die postsynaptischen Acetylcholinrezeptoren oder die Inaktivierung der Acetylcholinesterase.
Nebenwirkungen von medizinischen oder kosmetischen Behandlungen mit Botulinumtoxin im Kopf-Hals-Bereich (Delle Chiaie
2024; Alharbi et al.
2023) sowie der seltene
Botulismus (Cujba et al.
2022; Adams et al.
2017) betreffen dabei den präsynaptischen Spalt bzw. die Ausschüttung von Acetylcholin. Bei den
Vergiftungen mit Organophospaten (Basrai et al.
2019) kommt es zu einer Blockade der Acetylcholinesterase im synaptischen Spalt und zu einer muskulären Dauererregung. Die systemische, rein okuläre oder generalisierte
Myasthenia gravis (Behbehani et al.
2022) und das Lambert-Eaton-Syndrom (AWMF
2022) sind immunologisch vermittelte Erkrankungen. Die
Autoantikörper binden an die Rezeptoren des postsynaptischen Spalts und verhindern dort die neuromuskuläre Übertragung.
Angeborene und erworbene partielle oder vollständige
Lähmungen der okulomotorischen Nerven N. oculomotorius (N3), N. trochlearis (N4) und N. abducens (N6) können zu Diplopie schon im Geradeausblick oder nur in bestimmten Blickrichtungen führen. Die möglichen Ursachen der Lähmungen sind sehr umfangreich, die Betrachtung nach anatomischen Gesichtspunkten ist hilfreich. Die drei paarigen Hirnnervenkerne mit ihren Subkernen liegen im Hirnstamm. Die Kerne des N3 und des N4 liegen im Mittelhirn, der Kern des N6 in der Pons. Die Nervenfasern innerhalb des Hirnstammgewebes bilden den faszikulären Nervenabschnitt. Nach dem Austritt aus dem Hirnstamm in den Subarachnoidalraum (N3 und N6 nach ventral; N4 nach dorsal) spricht man bis zum innervierten Muskel vom peripheren Nerv. Die drei okulomotorischen Nerven ziehen dann durch den Sinus cavernosus und gelangen durch die Fissura orbitalis superior und inferior in die Orbita und innervieren dort die Augenmuskeln. Auslöser von Lähmungen sind Traumata und Entzündungen, Tumoren und ischämische Ereignisse. In gut einem Viertel der Fälle bleibt der ursächliche Pathomechanismus unklar (Hörner et al. 2022; Choi et al. 2019; Richards et al. 1992).
Abduzensparesen
sind häufig, Trochlearisparesen und Okulomotoriusparesen seltener. Lähmungen von mehreren Nerven machen nur einen sehr geringen Anteil aus, gehen aber häufig mit weiteren Symptomen einher (Hörner et al. 2022; Choi et al. 2019; Richards et al. 1992). Die konkreten Anteile variieren je nach Studie und Grundgesamtheit sehr.
Supranukleäre Störungen sind
topodiagnostisch im Hirnstamm verortet und können sich mit dem Symptom blickrichtungsabhängiger Diplopie präsentieren. Andersartige, unspezifische beschriebene Sehbeschwerden und Schwindel sind ebenso anzutreffen. Betroffen ist bei den supranukleären Störungen die Augenbeweglichkeit, die Erkrankungen können zu erworbenen Schielstellungen schon im Geradeausblick oder nur in bestimmten Blickrichtungen führen. Als Ausgangspunkt und grober Orientierung für weitere Überlegungen sind bei horizontalen Störungen die Läsionen im Bereich der Pons, bei vertikalen Störungen im Bereich des Mittelhirns zu vermuten. Die auslösenden Pathologien sind meist Ischämie, entzündliche oder demyelinisierende Erkrankungen und Neoplasien.
Es können generell alle Augenbewegungsarten (Blickzielbewegungen, Folgebewegungen, vestibulookulärer Reflex) betroffen sein und ein (Blickrichtungs-) Nystagmus kann ebenfalls auftreten. Blicklähmungen in bestimmte Richtungen oder klar abgrenzbare Krankheitsbilder wie die
internukleäre Ophthalmoplegie (INO) (
Nickels et al.
2024), das Eineinhalb-Syndrom (Fratto et al.
2023; Lee et al.
2022), die Skew-Deviation/
Ocular Tilt Reaction (Lee et al.
2022; Walter und Trobe
2021), das Parinaud-Syndrom (Barbato et al.
2024; Cohen und Litofsky
2023) und die doppelte Heberparese (Struck und Larson
2015) sowie Mischformen können abgegrenzt werden.
Schielerkrankungen können
in unterschiedlicher Häufigkeit und zu unterschiedlichen (Lebens-) Zeitpunkten Diplopie verursachen. Schielen ist als Abweichung der beiden Augen relativ zueinander definiert, ein betrachtetes Objekt wird nicht gleichzeitig mit der jeweiligen Fovea centralis fixiert. Es gibt manifeste und latente Schielformen. Unterteilt werden kann in Innenschielen (Esotropie), Außenschielen (Exotropie) und Vertikal- und Verrollungsschielen (Hyper- oder Hypotropie). Mischformen sind möglich. Nach zeitlichen Gesichtspunkten wird meist noch zwischen angeborenen und erworbenen Schielformen unterschieden, die Grenze liegt beim Lebensalter von 6 Monaten. Diplopie ist bei den angeborenen oder früh erworbenen Schielformen selten. Demgegenüber können spät(er) erworbene Schielformen mit höherer Wahrscheinlichkeit Diplopie auslösen. Die Pathomechanismen der erworbenen Schielformen sind schwer einzugrenzen, eine multifaktorielle Genese ist wahrscheinlich. Höhere Hyperopie, Störungen der Akkommodation (Lembo et al. 2019) sowie hohe Myopie können ursächlich sein.
Jede Schielform kann zu irgendeinem Zeitpunkt zur Wahrnehmung von Diplopie führen (Gilbert et al.
2017; Sprunger et al.
2023).
Diplopie kann durch Änderungen der Fusionsfähigkeit entstehen. Dies betrifft Patienten mit einem vorbestehenden Strabismus und kann diagnostische Schwierigkeiten bereiten, da auch konkurrierende Differenzialdiagnosen zum Strabismus in Erwägung gezogen werden müssen. Die Ursachen sind nur nach akribischen Untersuchungen und meist nur im Vergleich mit Voruntersuchungen feststellbar und schwer fassbar.
Änderungen der
Refraktion können ursächlich sein, meist durch altersabhängige Refraktionsänderungen
, Progression einer Katarakt oder durch iatrogene Monovision/Anisometropie (Kushner 2001). Auch die Sanierung einer lange bestehenden Katarakt mit deutlicher Visusreduktion birgt das Risiko der postoperativen Diplopie, insbesondere bei Störungen der Binokularität (Pratt-Johnson und Tillson 1989). Bei Schielpatienten kann auch ein Fixationswechsel zwischen den Augen zu Diplopie führen (Pineles 2016). Änderungen der Schielwinkelgröße bzw. der motorischen Fusion können Diplopie verursachen, z. B. eine in einen konstant manifesten Winkel dekompensierende Phorie (Kushner 2001). Zentrale Fusionsunterbrechungen/Suppressionsminderungen z. B. nach Trauma sind ebenfalls in der Literatur beschrieben (Bixenman 2010).
Augenärztliche Operationen können in nahezu jeder Subspezialisierung Doppelbilder verursachen (Sobol und Rosenberg
2017). Als Pathomechanismen kommen die oben genannten Aspekte allein oder in Kombination zum Tragen (Mehta et al.
2020; García-Montero et al.
2019; Akbari et al.
2019; Wang et al.
2019).
Diagnostik
Die erforderliche Diagnostik bei Diplopie kann in drei Bereiche untergliedert werden: Anamnese, klinische Untersuchung und weiterführende Diagnostik:
Anamnese
Der Nutzen der Anamnese als sprachliches, schnelles und unbegrenzt verfügbares Mittel ist beim Symptom Diplopie hoch. Die Anamneseerhebung folgt einer inneren Logik und Struktur, um wichtige und möglicherweise richtungsweisende klinische Informationen schnell zu erfassen, eine (Verdachts-) Diagnose stellen zu können und weitere zielgerichtete Diagnostik einzuleiten.
Es ist wichtig, die aktuelle Anamnese mit der Frage nach mon- oder binokularen Doppelbildern zu beginnen (verschwinden die Doppelbilder durch Zukneifen eines Auges?), um unmittelbar refraktive Störungen und Pathologien der brechenden Medien auszuschließen. Ergänzend kann nach Doppelkonturen, Triplopie (Z. n. pleoptischer Schulung?) (Simonsz
2019) und Mehrfachsehen (Hinweise für zentrale Verarbeitungsstörung?) gefragt werden.
Vorstufen der Diplopie oder sehr eng beieinanderstehende Doppelbilder können als verschwommenes Sehen, unscharfes Sehen, ziehende, drückende oder dumpfe Schmerzen im Stirn- oder Augenbereich, unspezifische Ermüdungserscheinungen, Lichtempfindlichkeit, Brennen und Stechen imponieren und/oder zu vermehrtem Blinzeln und/oder Zukneifen eines Auges führen. So geartete Beschwerden werden oft spontan vorgetragen und müssen sonst erfragt werden. In diesen Kontext sind auch Leseschwierigkeiten, Beschwerden bei Naharbeit und Schwierigkeiten beim Fokuswechsel von fern zu nah einzuordnen und können zusammenfassend als asthenopische Beschwerden klassifiziert werden.
Im Rahmen der Augen-, Familien-, und Allgemeinanamnese sind insbesondere höhere Brechkraftfehler, Amblyopie, bekannte Schielerkrankungen, orthoptische oder pleoptische Therapien, Behandlung mit Prismen, familiäre Augenleiden und internistische Erkrankungen (
Diabetes mellitus, Hypertonus) sowie Traumata relevant.
Der zeitliche Verlauf der Beschwerden (akut [eine „red flag“]/subakut/schleichend/intermittierend?) sollte erfragt werden, um die Dringlichkeit der Erkrankung einzuschätzen.
Anamnestische Hinweise für ein Lähmungsschielen sind akute Doppelbilder, die Veränderungen des Doppelbildabstandes in bestimmten Blickrichtungen (großer Abstand vs. kleiner Abstand oder keine Diplopie in bestimmten Blickrichtungen) und die Einnahme einer akuten Kopfzwangshaltung. Der Blick in die Zugrichtung eines gelähmten Augenmuskels wird ggf. gemieden und der Kopf kompensatorisch in diese Richtung gedreht. Auch Zukneifen oder Zuhalten eines Auges kann berichtet werden.
Anamnestische Symptome, die auf
supranukleäre Augenbewegungsstörungen hinweisen können, sind neben den durch den Patienten benennbaren Einschränkungen der Beweglichkeit Dreh- oder Schwankschwindel, Nystagmus, Oszillopsie sowie subjektive Bildunruhe oder Bildunschärfe.
Klinische Untersuchung
Die klinische Untersuchung grenzt nach der Anamnese die möglichen Ursachen der Diplopie weiter ein. Ein sinnvoller Untersuchungsgang besteht aus der Bestimmung von
Sehschärfe und
Refraktion, einer inspektorischen Beurteilung der okulären Adnexe und der Kopfhaltung sowie der Erhebung eines vollständigen Organbefundes. Dann wird die Stellung der Augen beurteilt und bei Abweichungen werden die Schielwinkel vermessen. Die Untersuchung der Augenbeweglichkeit (Motilität), der Augenbewegungsarten und die Testung der Binokularfunktionen vervollständigen den Untersuchungsgang.
Bestimmung von Sehschärfe und Refraktion
Bestehen anamnestische Anhaltspunkte für monokulare Doppelbilder, ist der Effekt einer stenopäischen Lücke zu prüfen. Verschwinden die Doppelbilder, ist dies beweisend für die refraktive Genese oder für
Trübungen der brechenden Medien.
Die objektive
Refraktion und die aktuellen Brillenwerte sollten erhoben werden. Der Visus wird mit der getragenen Brille in 5 m Ferndistanz und 33 cm Lesedistanz monokular und binokular mit standardisierten Optotypen geprüft. Bei Auffälligkeiten ist eine subjektive Refraktion erforderlich, um den bestkorrigierten Visus zu ermitteln.
Inspektion, Beurteilung der Kopfhaltung, Organbefund
Bei der Inspektion sollte insbesondere auf sichtbare Begleitstörungen wie Lidhautauffälligkeiten, Ptosis oder Lidretraktion, Exophthalmus, horizontale oder vertikale Stellungsabweichung der Augen, einen Nystagmus und die Kopfhaltung geachtet werden. Mit einem Goniometer („Strabofix“) können Abweichungen der Kopfhaltung
von den 3 Raumachsen ausgemessen werden. Die Dokumentation erfolgt als Rechts- oder Linkswendung, Kinnhebung oder -senkung, Rechts- oder Linksneigung in Gradangaben. Die Pupillen sollten hinsichtlich Isokorie oder Anisokorie beurteilt werden, die Messung erfolgt mit Hilfe von Schablonen, einem transparenten Lineal mit Millimetereinteilung oder elektronischen Pupillometern.
Die Beurteilung des Organbefundes erfolgt an der Spaltlampe, insbesondere ist auf
Trübungen der Hornhaut, der Vorderkammer und der Linse sowie des vorderen Glaskörpers zu achten. Auch Irregularitäten des Tränenfilms müssen bedacht und ggf. objektiviert werden. Mit direkter oder indirekter Ophthalmoskopie wird die Papille (randscharf vs. randunscharf) sowie die Makula beurteilt. Die Prüfung der Fixation erfolgt mit einer eingespiegelten Prüfmarke und wird als foveal, parafoveal oder extrafoveal klassifiziert.
Augenstellung
Die sichere Beurteilung der Augenstellung
durch einfaches Betrachten ist nicht möglich. Die Stellung kann orientierend mit dem Hirschberg-Test beurteilt werden. Hierzu beleuchtet der vor dem Patienten positionierte Untersucher aus ca. 50 cm Entfernung mit einer etwa in Höhe der eigenen Nasenwurzel gehaltenen Diagnostikleuchte gleichzeitig beide Augen des Patienten. Beurteilt wird die Lage der Hornhautreflexbilder in Bezug zur Pupille, hierzu wird das 1. Purkinje-Bild herangezogen. Physiologisch sind klar erkennbare seitengleiche Reflexe. Die Reflexe sind gering aus dem Pupillenzentrum verlagert, meist nach nasal. Dies entspricht einem positiven Winkel Kappa. Asymmetrische Abweichungen eines Reflexes können horizontal oder vertikal bestehen und deuten auf eine Stellungsabweichung des Auges hin. Eine Abweichung um einen Millimeter entspricht dabei etwa 12° bei einer geschätzten Messgenauigkeit von ca. 5° (Barry 1999). Für die Untersuchung der sekundären und tertiären Blickrichtungen führt der Untersucher die Augen des Patienten mit der Diagnostikleuchte in die entsprechende Blickrichtung, der Kopf des Untersuchers ist jedoch zwingend ebenfalls in diese Richtungen mitzubewegen. Die Position der Diagnostiklampe an der Nasenwurzel des Untersuchers ist dabei konstant zu halten. Als Variante kann der Untersucher auch statisch bleiben und den Kopf des Patienten so führen, dass die Augen in die sekundären und tertiären Blickrichtungen bewegt werden.
Die Augenstellung kann mit dem Abdecktest
(„Cover-Test“) oder dem Aufdecktest („Uncover-Test“) bzw. einer Kombination aus beiden Verfahren untersucht werden. Mit den Abdecktests sind auch sehr kleine Stellungsabweichungen bis zu einer Prismendioptrie (0,57°) erkennbar. Eine Objektivierung ist durch die exakte Messung der Abweichung mittels Prismen (Prismenleiste oder Blockprismen) mit hoher Messgenauigkeit möglich. Der Patient blickt für die Untersuchung auf ein kleines Sehzeichen oder Fixierobjekt und der (ohne den Blick des Patienten zu verstellen) vor dem Patienten positionierte Untersucher deckt ein Auge mit einem Okkluder oder mit dem Handrücken ab. Beim Abdecktest wird das nichtabgedeckte Auge beobachtet. Wenn eine Einstellbewegung erkennbar wird, hat das untersuchte Auge zuvor nicht fixiert und es kann eine manifeste Abweichung des untersuchten Auges diagnostiziert werden. Bleibt eine Einstellbewegung aus, besteht keine Abweichung oder die Fixation wurde nicht aufgenommen. Erst wenn auf diese Weise beide Augen nacheinander – mit einer kurzen Pause zwischen den Abdeckphasen, um die natürlichen Sehbedingungen nicht zu lange zu stören – untersucht sind, kann ggf. die Diagnose eines manifesten Strabismus gestellt werden.
Die Untersuchung der Augenstellung erfolgt zu Beginn im Geradeausblick und wird dann um die sekundären sowie tertiären Blickrichtungen, also dem geraden Rechts- und Linksblick, dem geraden Auf- und Abblick sowie dem Blick nach schräg oben und schräg unten (jeweils rechts und links) erweitert. Die Summe aus dem Geradeausblick, den 4 sekundären und den 4 tertiären Blickrichtungen ergibt die 9 diagnostischen Blickrichtungen.
Augenbeweglichkeit
Die Untersuchung der Augenbeweglichkeit erfolgt aus dem Geradeausblick. Die Augen werden mit einem kleinen Fixierobjekt oder einer Diagnostikleuchte so weit wie möglich in die sekundären und tertiären Blickrichtungen geführt. Zu achten ist auf Einschränkungen der Beweglichkeit eines oder beider Augen. Die binokulare Untersuchung prüft die Versionen, die monokular Untersuchung prüft die Duktionen. Bei der zuvor beschriebenen Testung nach Führungsbewegungen kann lediglich subjektiv eine verminderte Beweglichkeit festgestellt werden, zur Objektivierung müssen die Bewegungsstrecken gemessen werden. Die Messung erfolgt nach einer durch Alfred Kestenbaum beschriebenen Methode, bei der die Exkursionsstrecken mit einem transparenten Lineal in Millimetern ausgemessen werden. Zur Messung wird der Nullpunkt horizontal wie vertikal am Limbus ausgerichtet, nachdem dann das Auge in die zu untersuchende Richtung bewegt wurde, kann die Bewegungsstrecke abgelesen werden. Normale Beweglichkeit liegt vor, wenn das Einzelauge 5–6 mm gehoben und jeweils 9–10 mm zur Seite sowie nach unten bewegt werden kann.
Untersuchung der Augenbewegungsarten
Die supranukleär gesteuerten Augenbewegungen sind Folgebewegungen, Sakkaden, der optokinetische Nystagmus (OKN), vestibulookuläre Reflex (VOR) und die Vergenzen.
Folgebewegungen werden mit einer Diagnostikleuchte oder einem kleinen Fixationsobjekt ausgelöst, welche langsam horizontal und vertikal jeweils aus beiden Blickrichtungen vor den Augen des Patienten entlanggeführt werden. Physiologisch sind „glatte“, gleichförmige Folgebewegungen, sakkadierte Folgebewegungen gelten als pathologisch.
Die Sakkaden werden ebenfalls horizontal und vertikal geprüft. Der Patient wird aufgefordert, die vor seinem Gesicht und in etwa 25–30 cm Entfernung zueinander gehaltenen Fingern des Untersuchers auf eine kleine Fingerbewegung hin anzusehen. Physiologisch erreicht die Sakkade treffsicher das signalisierte Blickziel, pathologisch sind zu kurze (hypo-) oder zu weite (hypermetrische) Sakkaden, die dann zur Erreichung des Blickziels noch eine Korrektursakkade notwendig machen.
Der optokinetische Nystagmus wird am Einzelauge mithilfe einer Nystagmustrommel oder eines Nystagmusbands geprüft. Die Trommel und das Band sind mit sich abwechselnden schwarzen und weißen Streifen versehen. Durch die Bewegung des Prüfinstruments in eine Richtung wird physiologisch eine Folgebewegung in dieselbe Richtung ausgelöst, gefolgt von einer schnellen gegenläufigen Rückstellsakkade. Beurteilt wird die Auslösbarkeit an sich sowie die Geschwindigkeit in den pro Untersuchungsgang zwei gegenläufigen Untersuchungsrichtungen (medial-lateral, dorsal-ventral).
Der vestibulookuläre Reflex wird getestet, indem der Kopf des Patienten durch den Untersucher passiv horizontal und vertikal in jeweils beide Richtungen seitlich bzw. oben und unten bewegt wird. Ausgelöst durch das Gleichgewichtsorgan im Innenohr erfolgt physiologisch dann eine kompensatorische Augenbewegung entgegen der Richtung der passiven Kopfbewegung. Der VOR kann durch die Blickhaltefunktion gehemmt werden (s. Kap. „Supranukleäre Okulomotorikstörungen“).
Die Vergenzen werden mittels Prüfung der Konvergenz untersucht, indem ein kleines Fixierobjekt aus größerer Entfernung mit mittlerer Geschwindigkeit in Richtung Nasenspitze des Patienten geführt und gleichzeitig der Patient zur Fixation aufgefordert wird. Man beobachtet, ob die Augen konvergieren können und ob sich die Konvergenz beim Blick in die Ferne zurückbildet.
Binokularfunktionen
Die Binokularfunktionen werden nach Claud Worth in die drei Stufen Simultansehen, Fusion und Stereopsis unterteilt. Für die Untersuchung des Simultansehens stehen die Streifengläser nach Bagolini zur Verfügung. Der Patient blickt durch die Gläser auf eine in der Ferne sowie später auch auf eine in 33 cm lokalisierte Lichtquelle und beschreibt dem Untersucher den Seheindruck. Normales Simultansehen liegt vor, wenn zwei Lichtstreifen gesehen werden, die sich in der Lichtquelle kreuzen.
Die Fusion kann mit sog. Haploskopen untersucht werden. Es handelt sich dabei um Untersuchungsgeräte, die jedem der beiden Augen des Patienten ein eigenes Prüfbild darbieten können. Bei intakter Fusion können die beiden Bilder zu einem einzigen Seheindruck verschmolzen werden.
Die Stereopsis wird mit Stereogrammen untersucht, die entweder auf Konturenerkennung beruhen oder Random-dot-Muster verwenden. Ein häufig genutztes Konturenstereogramm ist der Titmus-Test, häufige Random-dot-Stereogramme sind der TNO-Test sowie die beiden Stereoteste nach Lang.
Weiterführende Diagnostik
Mit dem alternierenden Prismen-Cover-Test werden in den 9 diagnostischen Blickrichtungen die objektiven Schielwinkel gemessen. Zur Vermessung der subjektiven Schielwinkel
stehen Tangentenskalen zur Verfügung. Die Messung basiert auf dem Konfusionsprinzip, gebräuchlich sind die Tangentenskala nach Harms (Tyedmers und Roper-Hall 2006) oder das Maddox-Kreuz. Mit dem Maddox-Kreuz können horizontale und vertikale Abweichungen vermessen werden, mit der Tangentenskala nach Harms zusätzlich auch Verrollungen. Die Tangentenskalen werden auch zur Beurteilung der Netzhautkorrespondenz verwendet.
Laboruntersuchungen sind zur Beurteilung der generellen Situation (
Differenzialblutbild, Entzündungsparameter) und zur Beurteilung des kardiovaskulären Risikoprofils (Blutzucker, Lipidstatus) sowie der Schilddrüse (Hormonstatus, Schilddrüsen-Autoantikörper) erforderlich. Weitere Spezialuntersuchungen je nach Verdachtsdiagnose, z. B. Suche nach Acetylcholin-Rezeptor-Antikörpern bei vermuteter
Myasthenia gravis. Auch die zumindest orientierende Messung des Blutdrucks ist sinnvoll, ggf. Initiierung einer Langzeit-RR-Messung.
Die Überweisung zu einem Neurologen dient der umfassenden Untersuchung aller Hirnnerven und des peripheren Nervensystems.
Eine Bildgebung des Kopfes (CT/MRT) ist erforderlich, da bei akuter Diplopie ernste Ursachen mit keiner anderen Methode sicher ausgeschlossen werden können (Chan et al.
2023; Neena und Giridhar
2019; Volpe und Lee
2014). Bei akuten Lähmungen der okulomotorischen Hirnnerven ist zudem eine CT- oder MRT-Angiografie notwendig, um Aneurysmen oder anderweitige Gefäßpathologien erkennen zu können. Im Schrifttum wird häufig ab einem Lebensalter von 50 Jahren bei angenommenen altersassoziierten mikrovaskulären Veränderungen sowie bei begleitend vorliegenden kardiovaskulären Risikoprofilen und fehlenden neurologischen Begleitsymptomen auf die Bildgebung des Kopfes verzichtet. Da es jedoch eine Fülle von Fallbeschreibungen asymptomatischer Patienten mit später zu Tage tretenden zentralen Pathologien gibt, ist dieses Vorgehen nicht zu empfehlen. Die oft genannten Altersgrenzen, ab wann ggf. auf eine Bildgebung des Kopfes bei fehlenden Begleitsymptomen verzichtet werden kann, erscheint arbiträr und dieses Kriterium sollte nicht angewendet werden.
Verlauf und Prognose
Das Symptom Diplopie kann je nach Ursache, der individuellen Veranlagung und den möglichen Kompensationsmechanismen des betroffenen Patienten in unterschiedlichen Ausprägungen vorliegen. Diplopie kann plötzlich oder schleichend auftreten, die Dauer kann einmalig, intermittierend oder anhaltend sein. Diplopie kann blickrichtungsabhängig sein oder sich im gesamten Blickfeld manifestieren. Kompensationsmechanismen wie vermehrte Anstrengung bezüglich der aktiven Ausrichtung der Augen, die Vermeidung von ungünstigen Sehbedingungen oder die Einnahme einer doppelbildfreien Kopfhaltung können die Diplopiewahrnehmung verhindern. Die Kompensationsmechanismen sind jedoch meist altersabhängig erschöpflich und es ist im Verlauf mit Beschwerden zu rechnen. Private oder berufliche Tätigkeiten mit erhöhten Anforderungen an das beidäugige Sehen können entsprechend intermittierend oder dauerhaft beeinträchtigt sein. Bei dauerhafter Diplopie in allen Blickrichtungen ist beispielsweise das Führen eines Fahrzeugs unmöglich und auch weite Bereiche des täglichen Lebens sind erschwert, die entsprechende individuelle Beeinträchtigung ist hoch.
Die Prognose ist in hohem Maße von der spezifischen Erkrankung und den therapeutischen Möglichkeiten, der Erkrankungsausprägung, der Erkrankungsdauer und den Begleitfaktoren abhängig. Diplopie infolge behandelbarer refraktiver Veränderungen, behandelbarer generalisierter Risikofaktoren und medikamentös behandelbarer Erkrankungen kann eine gute Prognose aufweisen. Augenmuskellähmungen mit ausbleibender oder verminderter Erholung sowie pathologische Veränderungen der Augenmuskeln sind prognostisch ungünstig. Störungen der Augenstellung oder der Augenbeweglichkeit infolge zentraler Störungen im Hirnstamm oder höheren Zentren sind meist nicht behandelbar (Srimanan und Panyakorn
2024; Jung und Kim
2015).
Besondere Aspekte
Wenn im Kleinkind- oder Kinderalter
(ab dem 1. bzw. 3. Geburtstag) ein akutes Innenschielen auffällig wird, sind wichtige Fragen nur schwer zu beantworten: Zum einen, um welchen Typ eines akuten erworbenen Innenschielens es sich handelt (Buch und Vinding 2015), und ob ernste neurologische Ursachen vorliegen. Zum anderen, ob Diplopie vorliegt.
Da die Frage nach der Schielform kaum hinreichend beantwortet werden kann und auch ein konkomitanter Schielwinkel sowie eine unauffällige Sehnervpapille und fehlende neurologische Symptome eine intrakranielle Pathologie nicht sicher ausschließen (Peragallo
2023; Kehoe et al.
2023; Nuijts et al.
2022; Maaz et al.
2021; Kotecha et al.
2021;
Mole et al.
2019; Stocco et al.
2017), ist eine CT/MRT des Neurokraniums angezeigt. Bei fehlenden neurologischen Symptomen und regelrechter Papille ist die Bildgebung keine Notfallindikation und kann im Routinebetrieb geplant werden.
Nur in seltenen Fällen kann die Frage nach Diplopie durch die Anamnese des Kindes geklärt werden, im präverbalen Alter ist dies nicht möglich. Indirekt kann die Befragung der Eltern bezüglich des Zukneifens eines Auges, Vorbeigreifen oder ausgeprägter
Gangunsicherheit Hinweise geben. Bei bisher normal abgelaufener Entwicklung der Binokularität ist zügig mit der Suppression eines Auges zu rechnen. Diplopie, auch fragliche, kann als starker Hinweis auf eine bisher normal abgelaufene Entwicklung der Binokularität gewertet werden. Mit der Durchführung einer operativen Sanierung der Schielabweichung sollte dann nicht zu lange gewartet werden. Es gibt keine durch wissenschaftliche Studien begründete Zeitvorgaben, als grobe Orientierung mag ein Zeitraum von 6 Monaten gelten (Geiger et al.
2021; Lang
1995). Wenn eindeutig über Diplopie geklagt wird und ernste neurologische Grunderkrankungen ausgeschlossen sind, ist eine Augenmuskeloperation in jedem Alter zügig erforderlich.