Das lokal begrenzte gut oder mäßig differenzierte Prostatakarzinom verläuft unbehandelt in vielen Fällen protrahiert und relativ gutartig. Da in der Vergangenheit in den skandinavischen Ländern solche Patienten relativ zurückhaltend und oft rein symptomatisch behandelt wurden, liegen vor allem aus diesem Raum Langzeitdaten über den (weitgehend) natürlichen Verlauf der Erkrankung vor (Popiolek et al.
2013) . Auch aus den USA wurden solche Daten berichtet. Durch Lead-Time-Bias
(frühere Diagnose im Krankheitsverlauf durch mehr und/oder bessere Diagnoseverfahren), Überdiagnose durch PSA-gestützte Früherkennung, Veränderungen in der Anwendung des Tumorgradings (sog. Will-Rogers-Phänomen, d. h. scheinbare Verbesserung der Überlebensraten durch Zuordnung zuvor niedriger klassifizierter Tumoren in höhere Klassen, beispielsweise durch häufigere Vergabe höherer Gleason-Scores) sowie verbesserten Therapiemöglichkeiten lagen die Überlebensraten von primär konservativ behandelten Patienten mit klinisch lokalbegrenztem Tumor in den zurückliegenden Jahren höher als in den Jahrzehnten zuvor (Lu-Yao et al. 2009).
In einer Studie anhand der Surveillance-Epidemiology-and-End-Results(SEER)-Datenbank wurden Patienten über 65 Jahre untersucht, die zwischen 1992 und 2002 behandelt wurden und innerhalb von 6 Monaten nach Diagnose keine
radikale Prostatektomie oder
Strahlentherapie erhalten hatten. In dieser Studie lag das tumorspezifische Überleben nach 10 Jahren bei gut differenzierten Tumoren bei 92 %, bei mäßig differenzierten bei 91 % und bei schlecht differenzierten bei 74 % (Lu-Yao et al.
2009). Werden konservativ behandelte Patienten sehr lange nachbeobachtet, so steigt auch in der Gruppe der gut beziehungsweise mäßig differenzierten Tumoren das prostatakarzinombedingte Sterberisiko an. In einer Untersuchung in Schweden wurden 223 Patienten mit überwiegend gut oder mäßig differenzierten, klinisch organbegrenzten Prostatakarzinomen ohne kurative Behandlung (Hormontherapie wurde bei Progression gegeben) beobachtet bis 99 % der Patienten verstorben waren. Nach 20 Jahren Nachbeobachtung waren nur noch 36 % der Patienten ohne Tumorprogression. Das prostatakarzinomspezifische Überleben, das nach 15 Jahren noch bei fast 80 % lag, erreichte nach etwa 23 Jahren Nachbeobachtung ein Plateau von unter 50 % (Popiolek et al.
2013). Vergleichbar waren die Ergebnisse in der skandinavischen randomisierten Studie, die die radikale Prostatektomie mit primär konservativer Therapie verglich (Bill-Axelson et al.
2018). Im Watchful-Waiting-Arm lag in dieser Studie die prostataspezifische 20-Jahres-Mortalität bei circa 30 % (Bill-Axelson et al.
2018). Überlebensraten aus älteren Langzeitstudien lassen sich nicht ohne weiteres auf heutige, mittels PSA-gestützter Früherkennung diagnostizierte Patienten übertragen. In dieser Patientenpopulation wird bei einem Gleason-Score von 6 das tumorspezifische 15-Jahres-Überleben bei konservativer Therapie auf 90 % oder sogar höher geschätzt (Parker
2004). Unter aktiver Überwachung bei strenger Patientenauswahl können möglicherweise langfristig Prostatakarzinom-Mortalitätsraten von unter 1 % erreicht werden (Tosoian et al.
2020). Dem steht eine zunehmende Lebenserwartung in den entwickelten Ländern gegenüber (Froehner et al.
2020), die wiederum die Zeit verlängert, in der ein konservativ behandelter Patient dem Risiko einer Tumorprogression ausgesetzt bleibt.