Kombinierte Radiochemotherapie
Die Strahlenbelastung ließe sich dadurch vermindern, dass die tumorfreien Regionen im Zielvolumen einer geringeren Strahlendosis ausgesetzt würden, z. B. 20 Gy, wie im Stadium I, wohingegen die befallenen Lymphknoten zusätzlich einen Boost von 10 Gy im Stadium IIA und 16 Gy im Stadium IIB erhielten. Dieses Konzept wurde bisher so nicht umgesetzt.
Eine Alternative, die in 3 kleineren Studien untersucht wurde, ist die kombinierte Radiochemotherapie. Diese setzt sich zusammen aus einem Zyklus Carboplatin und der anschließenden perkutanen Bestrahlung. Durch die zusätzliche Gabe von Carboplatin soll einer systemischen Metastasierung vorgebeugt werden. Patterson et al. verzeichneten unter diesem Konzept bei einer Nachbeobachtung von 4 Jahren je ein Rezidiv bei 14 Patienten im Stadium IIA und 19 Patienten im Stadium IIB (Patterson et al.
2001). Dieselbe Arbeitsgruppe modifizierte in der Folge das Zielvolumen und beschränkte sich auf die paraaortale Region unter Beibehaltung der Verabreichung von einem Zyklus Carboplatin. Darunter konnte ein 5-Jahres-rezidivfreies Überleben von 97 % erzielt werden (Gilbert et al.
2009). Allerdings führte die kombinierte Radiochemotherapie zu keiner Verbesserung der Therapieergebnisse verglichen mit der alleinigen medikamentösen Therapie. Die Toxizität bei Kombinationsverfahren steigt dagegen deutlich an. Daher hat sich die Kombinationstherapie bisher nicht durchgesetzt.
Aktuell wurde zu dieser Fragestellung eine Studie, die von der schweizerischen Hodentumorgruppe SAKK initiiert wurde und von der deutschen Interdisziplinären Hodentumorgruppe unterstützt wurde, beendet. Das Konzept besteht ebenfalls in der Verabreichung von einem Zyklus Carboplatin, dann aber beschränkt sich die Bestrahlung nur auf die befallenen Lymphknoten (Involved-node- anstatt Involved-field-Radiotherapie). Damit hofft man durch Kombination, aber gleichzeitig Minderung der Dosisintensitäten von Chemotherapie und Bestrahlung die Toxizitäten bei gleichbleibendem Therapieerfolg zu senken.
Nach einer medianen Nach-beobachtung von 4,5 Jahren betrug das 3-Jahres progressionsfreie Überleben (PFS) bei 116 auswertbaren Patienten 93,7 %, wobei der primäre Endpunkt mit 95 % für das 3-Jahres PFS vorgegeben war, somit für die Gesamtpopulation nicht erreicht wurde. Unterteilt in CS IIA (n = 46) und CS IIB (n = 70) betrug das 3-Jahres PFS 95,2 % und 92,6 %. 1 Patient im CS IIA und 6 Patienten im CS IIB rezidivierten (Papachristofilou et al.
2022). In einer Nachfolgestudie wird für das Stadium IIA das Konzept beibehalten und die Strahlen-dosis von 30 auf 24 Gy gesenkt, im Stadium IIB wird die Chemotherapie auf einen Kurs Cisplatin/Etoposid eskaliert, die Strahlendosis aber ebenfalls von 36 auf 30 Gy deeskaliert.
Alleinige Chemotherapie
Auch für das klinische Stadium IIA/B wurde die alleinige Chemotherapie mit 3 bzw. 4 Kursen Carboplatin untersucht. Nach 2 Jahren betrug die Rezidivrate 18 %, darunter 3 Primärversager. Alle Rezidive traten retroperitoneal auf. Mit einer Salvage-Therapie betrug das krankheitsspezifische Überleben zwar weiterhin 100 %, dennoch wurde die Studie abgebrochen (Krege et al.
2006).
Die spanische Hodentumorgruppe untersuchte die Kombinationschemotherapie mit 3-mal PEB (Cisplatin, Etoposid, Bleomycin) oder 4-mal PE. Von 72 eingebrachten Patienten erlitten 6 (8 %) ein Rezidiv bei einer Nachbeobachtungszeit von 71 Monaten. Das Gesamtüberleben betrug für das Stadium IIA 100 %, für das Stadium IIB 87 %. Allerdings traten in 13 % Grad-III-bis-IV-Toxizitäten auf, in 11 % eine febrile Neutropenie (Garcia-del-Muro et al.
2008).
Radiogene Toxizität
Vor dem Hintergrund der bereits für das klinische Stadium I geschilderten erhöhten Rate an Sekundärmalignomen muss umso mehr der Stellenwert der Radiotherapie in ihrer jetzigen Form für das Stadium IIA/B in Frage gestellt werden. Sehr übersichtlich wird der Zusammenhang zwischen Strahlenfeld bzw. Strahlendosis und dem Risiko für Sekundärmalignome auch in der Arbeit von Horwich et al. dargestellt (Horwich et al.
2014). Noch ungünstiger schneidet eine Kombination von Radio- und Chemotherapie ab. In der weltweit größten Studie von Travis et al. war das relative Risiko für therapieassoziierte Sekundärmalignome nach alleiniger Radiotherapie um das 2-Fache, nach alleiniger Chemotherapie um das 1,8-Fache und nach einer Kombination beider Verfahren um das 2,9-Fache erhöht (Travis et al.
2010). Allerdings muss hierzu einschränkend gesagt werden, dass keine Subgruppenanalysen angelehnt an die einzelnen Stadien durchgeführt wurden und über den langen Beobachtungszeitraum auch unterschiedliche Zielvolumina und Strahlendosen verwandt wurden.