Aufgrund der Unterschiede der Pathophysiologie der CeAD bedingten Schlaganfälle im Vergleich zu beispielsweise kardioembolisch oder arterio-arteriell embolisch (auf dem Boden einer
Arteriosklerose) bedingten Ereignissen kann nicht a priori von einer gleichartigen Wirksamkeit oder Sicherheit der IVT oder der EVT ausgegangen werden. So könnte es unter einer IVT und damit einer systemisch fibrinolytischen Therapie zu einer Zunahme des durch die
Dissektion bedingten Wandhämatoms kommen. Dies könnte aus ähnlichen Beobachtungen in Fällen einer
Aortendissektion oder Koronardissektion abgeleitet werden (Kamp et al.
1994; Lee und Lim
2007). Bei einer EVT besteht das theoretische Risiko, dass bei der Katheterpassage des Dissekkates das falsche Lumen sondiert wird und somit die Gefahr einer Perforation der disseziierten Arterie steigt. Dafür bestehen in der Literatur jedoch keine belastbaren Hinweise.
Diese Resultate bedeuten nicht, dass die IVT bei CeAD nicht eingesetzt werden sollte. Dies, weil es keine Anhaltspunkte gab, dass die IVT den CeAD Patienten geschadet haben könnte. So war die Rate symptomatischer intrakranieller Blutungen als Folge der Behandlung in beiden Gruppen vergleichbar (Engelter et al.
2009). Da sich in dieser Studie bei CeAD Patienten eine höhere Rate an intrakraniellen arteriellen Verschlüssen fand – einem starken unabhängigen Prädiktor für ein schlechteren Outcome – erscheint dies eine mögliche Erklärung der Resultate und suggeriert den Einsatz der endovaskulären Therapie (EVT).
Auch zur EVT müssen wir uns weiterhin auf Beobachtungsstudien stützen. Mehrere Untersuchungen mit – auch aufgrund kleiner Fallzahlen – sehr heterogenen Resultaten haben keinen eindeutigen Nachweis erbracht, dass die EVT der IVT bei CeAD Patienten überlegen ist. Eine Meta-Analyse über acht Beobachtungsstudien, welche die EVT- mit der IVT-Behandlung bei CeAD vergleicht konnte dabei weder einen Nutzen noch ein Schaden der EVT im Hinblick auf den funktionellen Outcome der behandelten Patienten darstellen (OR 0.97 (0.39–2.44), P = 0.96) (Traenka et al.
2018). Erwartungsgemäss konnte wiederholt eine deutlich bessere Rekanalisations-Rate nach EVT im Vergleich zur IVT nachgewiesen werden, welche sich jedoch nicht in einen besseren funktionellen Outcome der behandelten Patienten übersetzte (Traenka et al.
2018).
Zusammenfassend besteht aufgrund der aktuellen Datenlage kein Grund, eine IVT oder eine EVT, CeAD Patienten vorzuenthalten (Powers et al.
2019). Das Design sowie die geringen Fallzahlen in den bisher publizierten Studien zur Akuttherapie (IVT, EVT) bei CeAD erschweren die Bewertung der Resultate im Blick auf die Anwendung im Alltag. Grössere, idealerweise randomisierte Studien sind notwendig um diese Frage befriedigend zu klären. Die Realisierung einer randomisierten Therapiestudie erscheint jedoch unwahrscheinlich, so dass die Entscheidungen im klinischen Alltag bis auf weiteres auf Beobachtungsstudien beruhen werden.
Antithrombotische Therapie
Ein wichtiger Bestandteil der Therapie bei CeAD Patienten stellt die Prophylaxe von zerebral-ischämischen Ereignissen bei gleichzeitig möglichst geringem Risiko einer relevanten intra- oder extrakraniellen Blutung unter antithrombotischer Therapie
dar. In einer US-amerikanischen Register-basierten Studie (n = 2791 CeAD Patienten ohne Schlaganfall oder TIA bei Vorstellung) trat bei 1,7 % der beobachteten Patienten ein ischämischer Schlaganfall innert 2 Wochen nach Diagnose der CeAD auf (Morris et al. 2017). Gemäss dieser Daten scheint das Schlaganfallrisiko zwar klein, allerdings wurden hier explizit Patienten berücksichtigt, welche sich bei Diagnose ohne Schlaganfall oder TIA – also jenen Patienten mit einem besonders hohen Risiko für eine erneutes Ereignis – präsentiert hatten.
Wichtig ist die Information, dass das Schlaganfallrisiko initial und in den ersten 14 Tagen bis 4 Wochen am höchsten war und danach abnahm, was frühere Beobachtungstudien zu bestätigen scheint (Gensicke et al.
2015; Biousse et al.
1995).
Diese Daten, sowie Resultate von zwei randomisierten Studien zu dieser Fragestellung (s.u.) unterstützen die Annahme, dass eine prophylaktische antithrombotische Therapie so früh wie möglich im Verlauf einer CeAD begonnen werden sollte. Hierzu stehen zwei etablierte Ansätze zur Verfügung: die Thrombozyten-Funktionshemmung
(TFH, mehrheitlich Aspirin) sowie die Antikoagulation (mehrheitlich Vitamin-K-Antagonisten (VKA) mit oder ohne vorangehendes Bridging mittels niedermolekularem oder unfraktioniertem Heparin).
Mehrere Beobachtungsstudien sowie darauf basierende Meta-Analysen hatten sehr unterschiedliche Resultate in Bezug auf Sicherheit und Wirksamkeit der beiden therapeutischen Ansätze erbracht (Menon et al.
2008; Lyrer und Engelter
2010; Sarikaya et al.
2013; Kennedy et al.
2012; Chowdhury et al.
2015). Umso wichtiger erscheint die Betrachtung zweier randomisierter Studien, welche TFH und VKA in der Behandlung von CeAD untersucht haben.
Die britische CADISS (Cervical Artery Dissection in Stroke Study) wurde als randomisierte (TFH vs VKA) kontrollierte Machbarkeitsstudie konzipiert (Cervical Artery Dissection in Stroke Study Trial, I
2007).
CADISS schloss 250 CeAD Patienten ein. Bezogen auf den primären Endpunkt der Studie (ipsilateraler
Schlaganfall oder Tod in der intention-to-treat Population) zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied in den beiden Behandlungsgruppen: ischämische Schlaganfälle innert 3 Monaten nach Studieneinschluss traten bei 3 von 126 Patienten in der TFH-Gruppe sowie bei 1 von 124 Patienten in der VKA-Gruppe (OR 0335 (0006–4233), p = 0.63) auf (Markus et al.
2015). Ein relevantes Blutungsereignis trat ausschliesslich in der VKA-Gruppe (1 von 124 Patienten, n = 1
Subarachnoidalblutung) auf. Der Gruppenunterschied zeigte bei 2 weiteren Ereignissen im Follow-Up bis 12 Monate (jeweils plus einen ischämischen Schlaganfall in der TFH- und der VKA-Gruppe) keine statistische Signifikanz (Markus et al.
2019).
Basierend auf dieser geringen Anzahl an klinischen Endpunkten unter antithrombotischer Therapie wurde die Machbarkeit einer grösseren randomisierten CeAD Studie mit rein klinischen Endpunkten in Frage gestellt.
Der Einbezug von bildgebenden Endpunkten – vor allem ischämische Läsionen in der DWI (
Diffusion weighted imaging) MRI-Bildgebung können helfen die Fallzahl zu reduzieren (Bonati et al.
2010) und damit eine Studie dennoch ermöglichen.
Eine Beobachtungsstudie konnte zeigen, dass 25 % der CeAD Patienten im Follow-Up (bis 4 Wochen) eine neue DWI-Läsion aufwiesen – rein bildgebende MR-Endpunkte traten also deutlich häufiger auf als dies von klinischen Ereignissen zu erwarten gewesen wäre (Gensicke et al.
2015).
Die TREAT-CAD Studie (TREATment of Cervical Artery Dissection) basierte auf dem Konzept klinische und MR-Endpunkte zu berücksichtigen. TREAT-CAD ist eine multizentrische, in der Schweiz, Deutschland und Dänemark durchgeführte randomisiert kontrollierte Therapiestudie
(Traenka et al. 2020c). TREAT-CAD Teilnehmer erhielten randomisiert entweder Aspirin (ASA, 300mg/d) oder Antikoagulation (VKA mit oder ohne vorangehendes Bridging) für 3 Monate. Ziel von TREAT-CAD war es, die Nicht-Unterlegenheit (non-inferiority) von Aspirin zu VKA zu prüfen (Traenka et al. 2020c).
Besonderheiten der TREAT-CAD Studie liegen im Einbezug der MRI-Bildgebung beim Einschluss der Patienten (siehe Abschn.
4) als auch im Follow-Up. Der primäre Studien-Endpunkt setzte sich aus klinischen Ereignissen (
ischämischer Schlaganfall, symptomatische intra- oder extrakranielle Blutung, Tod; bis 3 Monate) sowie bildgebenden Endpunkten (neu aufgetretene DWI- oder SWI (Susceptibility Weighted Imaging)/T2*-Läsion im Follow-Up bis 21 Tage) zusammen (Traenka et al.
2020c).
Der kombinierte primäre Endpunkt aus Klinik und Bildgebung trat in der primären Analyse (per-protocol) bei 21 von 91 (23 %) Patienten der ASA-Gruppe im Vergleich zu 12 von 82 (15 %) Patienten der VKA Gruppe auf (95 % CI -4; 21, non-inferiority
p-Wert: 0.55) (Engelter et al.
2021). Dies bedeutet, dass die avisierte Nicht-Unterlegenheit von Aspirin im Vergleich zur Antikoagulation nicht gezeigt werden konnte. Allerdings kann – insbesondere auch aus methodologischen Gründen – daraus nicht geschlossen werden, dass die VKA- der Aspirin-Gabe überlegen wäre (Engelter et al.
2021).
Was die klinischen Endpunkte anging, traten alle 7 ischämischen Schlaganfälle in der Aspirin-Gruppe auf, während die einzige schwere extrakranielle Blutung in der Antikoagulationsgruppe auftrat (Engelter et al.
2021). Intrakranielle Blutungen oder Todesfälle traten in TREAT-CAD nicht auf. Trotz dieser numerisch eindrücklichen Verteilung der Ereignisse auf die Therapiegruppen war der Unterschied zwischen den Gruppen auch für die klinischen Ereignisse nicht signifikant (Engelter et al.
2021).
In Kenntnis dieser Daten scheint eine, insbesondere nach Publikation der CADISS-Resultate diskutierte und propagierte Abkehr (Bae und Debette
2016; Kasner
2015) von der historisch präferierten Antikoagulation hin zur Aspirin Therapie nach TREAT-CAD nicht generell gerechtfertigt. Kombinierte Analysen von CADISS und TREAT-CAD werden möglichweise aufzeigen können, welche CeAD-Patienten mehr von einer Antikoagulation profitieren könnten und bei welchen Patienten Aspirin in der Tat ausreichen könnte.
Eine weitere klinisch wichtige Erkenntnis aus TREAT-CAD besteht darin, dass alle ischämischen Schlaganfälle innerhalb von 7 Tagen seit Beginn der Studienmedikation auftraten; in 5 Fällen gar an Tag 1 (Engelter et al.
2021). Der unmittelbare und verzögerungsfreie Beginn einer antithrombotischen Therapie erscheint daher sinnvoll und empfehlenswert.
Unabhängig der Haupt-Fragestellung hat TREAT-CAD auch aufzeigen können, dass eine randomisiert kontrollierte Studie unter Einbezug von bildgebenden Endpunkten in einem multizentrischen Setting realisierbar ist; ein Modell für zukünftige CeAD-Therapiestudien.
Zum Einsatz der direkt wirkenden oralen Antikoagulantien (Faktor-Xa- und Thrombin-Inhibitoren) bei CeAD Patienten liegen bisher nur sehr wenige Daten aus Fallserien vor (Cappellari und Bovi
2017; Mustanoja et al.
2015). Zudem sind diese Substanzen für den Einsatz bei CeAD-Patienten nicht zugelassen. Auch aus medico-legalen Gründen möchten wir daher vom Einsatz bei CeAD abraten, auch wenn diese Substanzen aufgrund ihres (im Einsatz bei Schlaganfall-Patienten mit nicht-valvulärem
Vorhofflimmern) günstigen Nutzen/Risikoprofils eine lohnende Therapieoption auch bei CeAD darstellen könnten.
Zukünftige CeAD Therapie-Studien sollten dies berücksichtigen.