Epidemiologie von Riesenzellarteriitis und Takayasu-Arteriitis
Unschärfen in epidemiologischen Studien zu den wichtigsten Vertretern der GV, der RZA und der TAK, ergeben sich u. a. aus Unterschieden der jeweils zugrunde gelegten Datenbasis, der Erkrankungsdefinition (z. B. bei der RZA nur Einschluss biopsiepositiver Fälle vs. klinisch/bildgebend diagnostizierter Fälle) und den regional und über die Zeit variablen Diagnostikstandards (Einzug moderner bildgebender Methoden) (Ozguler et al.
2024).
Für die RZA als generell häufigste Form der
Vaskulitis weltweit gibt es ein Nord-Süd-Gefälle (Pugh et al.
2022). Die höchsten Inzidenzraten finden sich in skandinavischen Ländern, aber auch in Regionen mit hohem Anteil an Menschen skandinavischer Abstammung, z. B. in Minnesota, USA (Inzidenz bis zu 44 pro 100.000 pro Jahr). Hingegen sind die Erkrankungsraten im mediterranen Raum und in asiatischen Ländern wesentlich niedriger. Über die letzten Jahrzehnte zeigte sich insgesamt eine Zunahme der Inzidenz. Genauso wie das Überwiegen des weiblichen Geschlechts (Verhältnis etwa 2:1 bzw. 3:1) ist die Assoziation der RZA zur
Polymyalgia rheumatica (PMR)
seit Langem belegt. So weisen bis zu 50 % der RZA-Patienten Symptome einer PMR auf. Umgekehrt findet man bei etwa 20 % der PMR-Patienten eine RZA. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die RZA nahezu ausnahmslos Patienten ab dem 50. Lebensjahr betrifft, mit einem Erkrankungsgipfel im 7. und 8. Lebensjahrzehnt. Je älter die Betroffenen sind, desto höher ist auch das Risiko für ischämische Frühkomplikationen (insbesondere ein- oder beidseitiger Visusverlust infolge einer anterioren ischämischen Optikusneuropathie). Auch heutzutage erleiden noch immer 10–20 % der Patienten eine permanente ein- oder seltener beidseitige Sehstörung, mit Manifestation in aller Regel vor der Diagnosestellung/Anbehandlung (Soriano et al. 2017). Je jünger die Betroffenen sind, desto höher ist hingegen eine teils auch isoliert vorkommende Beteiligung der extrakranialen Arterien (Czihal et al. 2012). In diesem Zusammenhang stellt die RZA eine der häufigsten Ursachen von Fieber unklarer Genese bei über 50-Jährigen dar. Patienten mit extrakranialer Manifestation sind dann auch diejenigen, die langfristig ein besonders erhöhtes Risiko für die Entwicklung aortaler Spätkomplikationen haben (de Boysson und Aouba 2022; s. Kap. „Riesenzellarteriitis“).
Die TAK
als Erkrankung typischerweise junger Menschen vor dem 40. Lebensjahr weist eine noch deutlichere Präferenz für Frauen auf (Verhältnis von betroffenen Frauen zu Männern gemäß einer Metaanalyse 7:1) (Rutter et al. 2021). Bei einer über alle verfügbaren Studien gemittelten Inzidenz von ca. 1,11 (95 % CI 0,70–1,76) Neuerkrankungen pro 1.000.000 Personen pro Jahr ist die Erkrankung insgesamt sehr selten, mit jedoch höheren Erkrankungszahlen in einigen asiatischen Ländern (z. B. Japan: bis zu 40 pro 1.000.000 pro Jahr). Für Mitteleuropa wurden jährliche Inzidenzraten von höchstens 0,85 pro 1.000.000 pro Jahr berechnet. Die Erkrankung kann eine erhöhte Morbidität und Mortalität der Betroffenen nach sich ziehen, insbesondere infolge ischämischer Organkomplikationen (z. B. zerebrale und myokardiale Ischämie, ischämische Nephropathie). Diese können bei Verzögerung der Diagnosestellung schon vor Therapiebeginn, aber auch unter medikamentöser Therapie im Rahmen von Krankheitsprogression bzw. -rezidiv auftreten. Daneben können aortale Komplikationen (Aneurysmaruptur, Dissektion) einen letalen Ausgang nehmen. In einer retrospektiven, longitudinalen Beobachtungsstudie resultierte für Patienten mit TAK eine gegenüber der Allgemeinbevölkerung erhöhte Sterberate (1,9 % und 2,9 % nach 5 bzw. 10 Jahren) (Comarmond et al. 2017; s. Kap. „Takayasu-Arteriitis“).
Pathophysiologie von Riesenzellarteriitis und Takayasu-Arteriitis
Da die RZA und TAK histopathologisch viele ähnliche Befunde aufweisen, etwa eine granulomatöse Entzündung und einen maladaptiven „response to injury“ mit resultierender myointimaler Hyperplasie und Neovaskularisation der Gefäßwand, wird von grundlegenden Gemeinsamkeiten in der Pathophysiologie
ausgegangen. Jedoch gibt es auch distinkte Unterschiede. Diese betreffen natürlich das Erkrankungsalter (s. o.), daneben auch die Histopathologie der Läsionen, das Befallsmuster und das Ansprechen auf spezifische medikamentöse Therapien (Tab. 1). Die geografischen bzw. ethnischen Unterschiede lassen genetische Einflüsse auf die Erkrankungsentstehung vermuten. Exemplarisch wurde für die RZA in genomweiten Assoziationsstudien eine Assoziation zu HLA-Klasse-II-Antigenen: (insb. HLA-DRB1*04) nachgewiesen (Carmona et al. 2017).Ethnischer/genetischer Hintergrund mit höchstem Risiko | Höchste Inzidenz in kaukasischen (nordeuropäischen) Populationen; Assoziation zu HLA-Klasse-II-Polymorphismen (z.B. HLA-DRB1*04) | Höchste Inzidenz in asiatischen Populationen; Assoziation sowohl zu Polymorphismen von HLA-Klasse I-Antigenen (z.B. HLA-DRB1*09 und HLA-DRB1*15) und Klasse II-Antigenen (z.B. HLA-B*51) |
Erkrankungsalter | Ab dem 50. Lebensjahr | Vor dem 40. (50.) Lebensjahr |
Geschlechtspräferenz | F:M = 2–3:1 | F:M bis zu 10:1 |
Befallsmuster | Am häufigsten kraniale Arterien (Äste A. carotis externa und A. ophthalmica); extrakraniale Beteiligung in bis zu 50 % der Fälle (thorakale Aorta, A. subclavia/axillaris, Vertebralarterien, femorocrurale Arterien) | Aortale Beteiligung in > 90 % der Fälle; supraaortale Arterien auch ostial/proximal betroffen, am häufigsten A. carotis communis und A. subclavia, häufiger linksseitig, aber auch häufig bilateral; weitere aortale Äste (Koronararterien, renoviszerale Arterien) mit Gefahr der Organischämie; selten auch die Pulmonalarterien |
Assoziierte Komorbiditäten | | |
Vaskuläre Läsion | Adventitielle Fibrose und Verdickung weniger stark ausgeprägt | Adventitielle Fibrose und Verdickung stark ausgeprägt |
Entzündliches Infiltrat | Von CD4+-T-Lymphozyten und Makrophagen dominiertes inflammatorisches Infiltrat, zum Teil Riesenzellen und Granulome | Höherer Anteil an CD8+-T-Lymphozyten, NK-Zellen und auch Mastzellen; zudem höherer Anteil an CD20+-B-Zellen |
Auslösenden Agenzien, die bei genetisch suszeptiblen Individuen den Zusammenbruch der immunologischen Selbsttoleranz der Gefäßwand bewirken, sind weder für RZA noch für die TAK identifiziert. Saisonale Häufungen der Inzidenzraten bei der RZA legen Umwelteinflüsse, z. B. bakterielle und virale Infektionen, nahe. Als möglicherweise zum Auftreten einer RZA assoziierten Erreger wurden z. B. Varizella zoster,
Parvovirus B19,
Chlamydia pneumoniae und Mykoplasmen postuliert (Pugh et al.
2022). Für keinen der Erreger wurde jedoch eine Kausalität nachgewiesen. Nichtsdestotrotz wurde in den letzten 2 Jahrzehnten ein grundlegendes Verständnis für die Mechanismen der GV gewonnen, wobei diese in erster Linie für die RZA untersucht wurden. Hier spielte u. a. ein chimäres Mausmodell mit Implantation humaner Temporalarterien eine wesentliche Rolle (Piggott et al.
2011). Für die TAK
werden der RZA ähnliche Pathomechanismen angenommen, sind aber letztlich für diese Erkrankung nicht spezifiziert worden.
Für die RZA wird davon ausgegangen, dass die Erkrankung ihren Ausgang in der Adventitia nimmt. Ein im Rahmen der Alterung des
Immunsystems (Immunoseneszenz) eintretender Verlust an regulatorischen T-Zellen führt zu einer fehlenden Suppression von Populationen proinflammatorischer T-Zellen. Über eine Defizienz des sog. „programmed cell death 1“/„programmed cell death 1
ligand 1“ (PD-1/PD-L1) büßen darüber hinaus auch zirkulierende und gefäßwandständige
dendritische Zellen ihren supprimierenden Effekt auf proinflammatorische T-Zellen ein (Weyand und Goronzy 2023). Diese dringen über die Vasa vasorum der Adventitia in die Arterie ein, nachdem über verschiedene Mechanismen (u. a. vermittelt über zirkulierende Monozyten und Neutrophile) die endotheliale Barriere dieser Gefäße beeinträchtigt wird. Nun wird eine Kaskade der Gefäßwandentzündung in Gang gesetzt, bei der zunächst wieder gefäßwandständige dendritische Zellen eine wichtige Rolle einnehmen. Sie migrieren innerhalb der Gefäßwand, rekrutieren über proinflammatorische Zytokine (z. B. Interleukin-6, Interleukin-23) Zellen des angeboren (insbesondere Makrophagen) und erworbenen Immunsystems (Lymphozyten) und üben die Funktion der Antigenpräsentation an die rekrutierten CD4-positiven T-Lymphozyten aus.
Die variablen Befallsmuster der RZA könnten durch unterschiedliche Profile von auf gefäßwandständigen
dendritischen Zellen, die jedem Gefäßwandsegment eine eigene immunologische Identität verleihen, erklärt sein (Pryshchep et al.
2008). Je nach dem die pathologische Immunantwort stimulierenden
Antigen würde nach dieser Hypothese der vaskulitische Prozess in unterschiedlichen Gefäßsegmenten in Erscheinung treten. Die Stimulation verschiedener TLR durch unterschiedliche Antigene könnte auch die Ausprägung der Entzündung beeinflussen. Während eine Stimulation des TLR4 mit bakteriellem LPS im chimären Temporalarterien-Maus-Modell eine transmurale Inflammation auslöste, führt eine Stimulation des TLR5 mit bakteriellem Flagellin zu einer adventitiellen Periarteriitis (Deng et al.
2009)
Eine RZA mit dem histologischen Bild einer adventitiellen Periarteriitis, aber ohne transmurale Inflammation, weist vergleichbare klinische Charakteristika (u. a. Symptome, Erblindungsrisiko) wie die RZA mit transmuraler Inflammation auf, jedoch ist die Sonografie aufgrund des Fehlens der myointimalen Hyperplasie
häufig unergiebig (Muratore et al. 2013)
CD4-positive T-Zellen (Helferzellen) differenzieren in 2 hauptsächliche Linien, einerseits Th1-Zellen (Sekretion insbesondere von Interferon-gamma) und Th17-Zellen (Sekretion insbesondere von
Interleukin-17/21). Über proinflammatorische
Zytokine setzen sie neben der Induktion einer systemischen Entzündungsreaktion (interleukin-6-vermittelte Stimulation der hepatischen Synthese von C-reaktivem Protein) eine gefäßwandständige Entzündungskaskade in der Gefäßwand in Gang, in deren Zentrum aktivierte
Makrophagen stehen (Weyand und Goronzy 2023). Diese werden insbesondere über Th1-Zellen und das von diesen freigesetzte Interferon-gamma stimuliert. Makrophagen fusionieren teilweise zu den bei der RZA namensgebenden mehrkernigen Riesenzellen, die auch an der Granulombildung beteiligt sind. Sie amplifizieren den entzündlichen Prozess (über Freisetzung z. B. von Interleukin-6) und setzen lokale Effektormechanismen in der Gefäßwand in Gang, die letztlich zum vaskulären Strukturschaden führen. Dazu zählen insbesondere:-
Freisetzung von Matrixmetalloproteinasen (MMP), z. B. MMP-7 und MMP-9, resultierend in der Destruktion elastischer Fasern,
-
Freisetzung von Wachstumsfaktoren, z. B. „vascular endothelial growth factor“ (VEGF), resultierend in der Proliferation und
Migration von glatten Muskelzellen sowie der Neovaskularisation der so entstehenden myointimalen Hyperplasie.
Die myointimale Hyperplasie ist die morphologische Grundlage der luminalen Obstruktionen bei RZA und TAK und damit die Ursache ischämischer Erkrankungskomplikationen. Daneben stellt sie das Korrelat jedes typischen Befundes der konzentrischen Wandverdickung in der morphologischen Bildgebung dar, etwa des Halo-Zeichens in der Duplexsonografie
Die Destruktion elastischer Fasern zeigt sich in der Temporalisbiopsie anhand der Aufsplitterung der Lamina elastica interna. Darüber hinaus könnte Sie die Grundlage für späte Strukturschäden der thorakalen Aorta als elastischer Arterie, mit einem bei
Riesenzellarteriitis mit extrakranieller Beteiligung und TAK langfristigem erhöhtem Risiko für Aneurysmen, Dissektionen und Rupturen der thorakalen Aorta, darstellen.
Das Ansprechen auf
Glukokortikoide ist bei RZA und TAK
unterschiedlich. Bei der TAK sprechen Th1-Zellen besser als Th17-Zellen auf die Glukokortikoidtherapie an. Bei der RZA hingegen sprechen Th17-Zellen deutlich besser auf Glukokortikoide an, während Th1-Zellen eine unter Glukokortikoiden persistierende vaskuläre Inflammation unterhalten. Dies könnte erklären, dass histologisch unter Therapie in einer Studie mit serieller kontralateraler Temporalisbiopsie eine persistierende Vaskulitis (mit veränderter Zusammensetzung des entzündlichen Zellinfiltrats und Dominanz von Th1-Zellen) bei 75 % nach 6 Monaten und knapp 50 % nach 12 Monaten gefunden wurde (Maleszewski et al. 2017).
Verschiedene weitere Pathomechanismen wurden identifiziert, welche eine Rolle in der Krankheitsentstehung und -progression spielen, aber auch als zukünftige Ansätze zielgerichteter Therapien darstellen könnten. Dazu zählen:
-
„Granulocyte macrophage colony stimulating factor“ (
GM-CSF): exprimiert von Endothelzellen und
Makrophagen regulierter Th1- und Th17-Zellen; die Blockade reduziert das Ausmaß der myointimalen Hyperplasie und der Neovaskularisation; ein GM-SF-Rezeptorantagonist (Mavrilumab) zusätzlich zu Prednison erwies sich in einer placebokontrollierten Phase-II-Studie wirksam in der Reduktion der Rezidivrate (Cid et al. 2022).
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„Janus-kinase-signal-transducer-and-activator-of-transcription (JAK-STAT)-Signalweg“: bedeutsam in der intrazellulären Signaltransduktion von Zytokinrezeptoren; die Blockade hat antiinflammatorische Effekte in der Gefäßwand und reduzierte die myointimale Hyperplasie; JAK-Inhibitoren erzielten bei Patienten mit refraktärer TAK ein Therapieansprechen mit Reduktion der Glukokortikoiddosierung (Watanabe und Hashimoto
2022).
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„Mammalian-target-of-rapamycin (mTOR)-Signalweg“: Der mTOR-Komplex 1 spielt eine Rolle bei der Polarisierung von
Lymphozyten hin zu inflammatorischen Phänotypen; die Inhibition mit Rapamycin reduzierte die Th1- und Th17-Zellen in vaskulitischen Läsionen sowie die
Migration von glatten Muskelzellen und
Transformation zu Myofibroblasten (Maciejewski-Duval et al.
2018).
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NOTCH: Die Blockade des NOTCH-Signalwegs inhibierte die T-Zellaktivierung (sowohl Th1 als Th17) (Weyand und Goronzy
2023).